Sam verfolgte mit einem düsteren Blick seinen Gefährten, während sie ihren Aufträgen nachgingen, und setzte sich resigniert erneut an die Bar.
Die Brünette, ihre Augen voller Mitgefühl, schenkte ihm einen großzügigen Schuss Whisky ein und schob das Glas über die glänzende Theke zu ihm.
„Hier, nimm noch einen Schluck. Du siehst aus, als könntest du etwas Stärkung gebrauchen“, sagte sie mit einem schiefen Lächeln, das jedoch ihre warmherzige Absicht nicht verdeckte.
Sam traf ihr Blick, spürte den Trost in ihren Worten, und versuchte, ein dankbares Lächeln zu erwidern. Doch die Wut in ihm war zu schwer, um sie einfach abzuschütteln.
Schweigend nahm er das Glas, leerte es mit einem Zug, und ließ seinen Blick ein letztes Mal zu Jason wandern, der gerade von Vex und Dantis versorgt wurde. Dann stand er auf, verließ das gedämpfte Licht des Nexus und tauchte ein in die Dunkelheit der Nacht.

Zurück in der kühlen, sterilen Atmosphäre der Klinik angekommen, brach Sam erneut innerlich zusammen, als er Alyssa sah. Ihr Anblick löste ein fürchterliches Gefühl in ihm aus. Doch als sein Blick weiter über ihren Körper wanderten, überkam ihn plötzlich die pure Eifersucht. Ray hielt noch immer ihre Hand fest, während sie beide schliefen, als wären sie in ihrer eigenen Welt gefangen.
Ein leises Summen durchbrach die Stille, welches von Alyssas Handtasche auf einen der Stühle kam. Er nahm Alyssas Handy aus ihrer Tasche und las den Namen auf dem Display.
Siena
Ein schwerer Kloß bildete sich in Sams Magen, während er sich leise aus dem Zimmer schlich, um den Anruf entgegenzunehmen. Die Stille des Krankenhausflurs umgab ihn wie eine erstickende Decke, während er mit einem gemischten Gefühl aus Angst und Hoffnung den Hörer abhob.
Siena müsste mittlerweile das schlimmste von ihm denken.
Seitdem Alyssa und er sich kannten, geschahen viele schreckliche Dinge, und Jason war der Höhepunkt von allem. Obwohl er dafür bezahlte, fühlte Sam sich dennoch schuldig, was ihm das Herz zerriss.
Bis vor kurzem hätte ihn die Meinung anderer absolut nicht interessiert. In solchen Dingen war er gnadenlos und eiskalt, ein Mann, der seine Entscheidungen ohne Rücksicht auf Verluste traf. Die Gefühle anderer Menschen spielten für ihn keine Rolle, denn er war von einer undurchdringlichen Mauer umgeben, die ihn vor den Empfindungen der Welt abschottete. Doch seitdem er Alyssa über den Weg gelaufen war, war diese Mauer ins Wanken geraten. Plötzlich fand er sich in einem Strudel der Verwirrung, unfähig, seine eigenen Gefühle zu verstehen. Sie hatte etwas in ihm berührt, das er lange Zeit für verloren geglaubt hatte – eine Empfindsamkeit, die tief in seinem Inneren schlummerte und nun gegen seinen Willen ans Licht drängte. Er war sich selbst fremd geworden, gefangen zwischen der Kälte seiner Vergangenheit und der Wärme, die Alyssa in ihm entfachte.
„Alyssa? Was ist los mit dir? Ich hab dich bestimmt schon eine Million mal angerufen“, fragte eine liebevoll besorgte Stimme durch den Hörer.
Sam seufzte.
„Nein, hier ist Sam“, murmelte er.
„Wieso gehst du an ihr Handy? Wo ist sie?“, fragte sie, von lähmender Angst erfüllt, weil sie das Schlimmste befürchtete.
Sam zögerte einen Moment, und erneut stiegen ihm Tränen in die Augen, weil er kaum aussprechen konnte, was Alyssa durchlebte.
Er fluchte kurz mit sich selbst und sprach es dann geradewegs aus. Siena würde ihm vermutlich den Kopf abreißen wollen, aber das war okay. Das hätte er definitiv verdient.

„Sie liegt im Krankenhaus. Ein gewisser Jason griff sie an und…“, er schluckte schwer, während er den Kloß in seinem Hals davon abhalten wollte, noch höher zu steigen.
Siena schnappte laut nach Luft und schwieg.
„Ich kann dich holen und zu ihr bringen. Sie schläft gerade“, schlug er vor.
Sie willigte ein, gab ihre Adresse durch und legte auf. Innerhalb weniger Minuten war er bei ihr, lud sie ein und fuhr erneut in die Klinik. Während der Fahrt sprachen sie kein Wort. Er sah es ihr deutlich an, dass sie wenig Lust hatte, auch nur ein Wort mit ihm zu wechseln.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie sie wild auf ihrem Handy tippte. Vermutlich informierte sie ihre restlichen Freunde, die er im Restaurant kennenlernte, wo er sie das erste Mal traf.

Alyssa öffnete ihre Augen, noch leicht benommen von dem schönen Traum, der sie kurz zuvor umhüllt hatte.
Die Welt um sie herum schien verschwommen und surreal, bis ihr Blick auf Ray fiel, der sie liebevoll betrachtete. In diesem Moment durchdrang eine Welle der Gewissheit sie, dass dies keine bloße Illusion war. Vor einem Augenblick standen sie noch wild umschlungen vor einem großen Publikum, gestanden sich ihre Liebe in einem magischen Moment, und im nächsten Moment saß er neben ihr, seine warmen Hände fest um ihre, als ob er die Realität selbst wäre, die ihre Träume übertraf. Es war, als ob die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwommen wären, und sie wusste nicht, ob sie träumte oder wach war, doch in Rays Augen fand sie die Antwort, die sie suchte.
Ray entfaltete auf seinen Lippen ein zartes Lächeln, das Alyssas Herz einen unerwarteten Tanz lehrte, als würde es plötzlich in einem beschleunigten Rhythmus schlagen. Sie lächelte ebenfalls, wenn auch von Schmerz gemildert, ihre Augen funkelten trotz der Müdigkeit.
„Erklär mir eins…“, flüsterte Alyssa.
Ray neigte sich ihr näher, als würde er ihre Worte wie kostbare Juwelen auffangen wollen.
„Alles was du willst“, hauchte er zurück, seine Stimme sanft wie eine leise Melodie.
„Wie machst du das?“, fragte Alyssa, während ihr Verstand sich mit der Verwirrung ihrer Erinnerungen auseinandersetzte.
Ray spürte den Schatten der Unsicherheit in ihrem Blick, und doch wusste er, dass ihre Verbindung tiefer reichte als das, was Worte allein ausdrücken konnten.
„Wir… Du und ich…“, murmelte er.
Alyssa ließ ihren Blick nicht von ihm los, fasziniert von seiner Präsenz und den Worten, die er sprach.
„Wir sind füreinander bestimmt“, sagte er mit einer Überzeugung, die das Pochen ihres Herzens verstärkte, obwohl ihr Körper vor Schmerzen bebte. Seine Worte drangen tief in sie ein, wie ein Trost inmitten des Sturms, der ihr Leben zu umtosen schien.
„Ich war immer da, um dich zu beschützen, falls du dich erinnerst“, fügte er hinzu, sein Blick voller Hoffnung, als er die Erinnerungen an vergangene Ereignisse wachrief.
Die Vergangenheit entfaltete sich langsam vor ihren Augen, und sie begann zu verstehen, was er meinte.
Nach einem Moment des Schweigens wollte er ihr helfen, die Verbindung zu knüpfen.
„Als ich klein war, sah ich vor meinen Augen ein kleines Mädchen, welches von ihrer Familie weglief und sich im Wald verirrte… Ich schrie nach ihr, ich wollte sie warnen, doch sie hörte nicht.“ Alyssa verengte ihre Augen, als die Erkenntnis langsam in ihr aufkeimte.
„Du hast mich gewarnt?“, murmelte sie, während die Puzzleteile ihrer Erinnerungen langsam zusammenfielen.
„Ich kann mich daran erinnern, einen wundervollen Duft in der Nase gehabt zu haben… Einen Duft, wie deinen…“, fuhr sie fort, und plötzlich wurde ihr klar, was er damit meinte.
Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung, als die Erinnerung an dieses Ereignis wie ein Blitz in ihr Bewusstsein schoss.

„Und als ich mich geprügelt habe!“, brach es aus ihr heraus, und Ray nickte, als er sich an jenen Tag erinnerte, an dem sie sich tapfer gegen ihre Angreifer verteidigt hatte.
„Oh, ja, ich sah es. Auch wenn du die ein oder andere Verletzung davon getragen hast, hast du dich wacker geschlagen. Dennoch hatte ich große Angst um dich“, ergänzte er, und ein sanftes Lächeln huschte über Alyssas Lippen, als sie seine Besorgnis spürte.
„Und bei meinem ersten Kuss, mit, ähm, wie hieß er noch?“, fragte sie, und Ray seufzte schwer, als die Erinnerung an Thomas wieder hochkam.
„Es brach mir das Herz. Ich konnte eine Woche lang nicht schlafen, als ich das gesehen habe. Ich bin froh, dass du dich von ihm abgewandt hast. Er war nicht gut für dich. Das gleiche gilt für die Typen, die du am Strand kennengelernt hast. Okay, eigentlich gilt das für jeden Mann. Hat dir überhaupt gefallen, was sie mit dir gemacht haben?“, fragte er, seine Sorge in jedem Wort mitschwingend.
„Nein…“, antwortete sie niedergeschlagen und wandte ihren Blick auf die Decke, während ein Gefühl der Leere sie durchdrang.
„Ich weiß noch nicht lange, dass wir füreinander bestimmt sind“, sprach er mit Bedauern.
„Hätte ich eher der Legende meiner Familie geglaubt, wärst du jetzt nicht hier, sondern wohlauf an meiner Seite“, seufzte er schwer.
Sie sah mit fragenden Augenbrauen wieder zurück zu ihm.
„Legende?“
Ray lehnte sich noch ein Stück näher an Alyssa heran, seine Augen fesselten ihre in einem intensiven Blick. Seine Hand, die nun sanft ihre Wange berührte, strahlte eine Wärme aus, die sie tief in ihrem Inneren berührte.
Als ein Film sich vor ihren Augen abspielte, fühlte sie, wie sich eine Verbindung zwischen ihren Herzen zu knüpfen schien.

Die Bilder, die sie sah, waren wie ein Fenster in eine mögliche Zukunft, eine Zeit, in der ihre Seelen sich vielleicht schon einmal begegnet waren. Das Lächeln auf Rays Gesicht, die unschuldige Freude der spielenden Kinder und die bedingungslose Liebe, die aus jeder Szene sprach, flossen in Alyssas Herz und ließen es vor Glück erstrahlen. Als Ray dann ihre Hand ergriff und sie näher zu sich zog, spürte Alyssa eine Welle der Vertrautheit und Geborgenheit über sich hinwegrollen. Die Nähe ihrer Lippen ließ ihr Herz schneller schlagen, während sie sich langsam dem Kuss hingab. In diesem Moment, eingehüllt in die Umarmung der möglichen Zukunft und der Gegenwart, verschmolzen ihre Seelen zu einem einzigen pulsierenden Strom aus Liebe und Hoffnung, der sie für immer miteinander verband.
Langsam nahm er seine Hand von ihrer Wange, woraufhin sie kräftig blinzelte. Sie sah ihn verwundert an.
„Was… Was war das?“, flüsterte sie mit schnellem Herzschlag.
„Das ist es, was dich möglicherweise erwartet, wenn du mich wählst“, antwortete er leise.
Alyssa richtete ihre Augen wieder auf die Decke, und für einen Moment schwiegen sie. Sie versuchte klare Gedanken zu sammeln, doch schaffte es nicht. Das, was Ray ihr gezeigt hatte, war eine mögliche Zukunft. Aber nur, wenn sie ihn wählte.
Ihn wählen?“, dachte sie sich verwirrt.
Sie zog die Augenbrauen zusammen und drehte ihren Kopf langsam zum Fenster.
„Sam…“, murmelte sie, was Ray anspannen ließ.
„Sam habe ich bereits alles erzählt. Ich weiß, er ist dir wichtig. Deshalb versuchte ich mit ihm zu reden“, fing er an.
„Ich weiß noch nicht viel über die Legende meiner Familie. Jedoch weiß ich, dass in unterschiedlichen Zeitabschnitten ein Lehphy geboren wird, der von Geburt an mit einer Person verbunden ist. Das Schicksal führt sie früher oder später zusammen. Wenn diese Verbindung nicht erfüllt wurde, waren die Konsequenzen schwerwiegend. Man sah es damals oft als Zeichen des Zorns der Götter.“
Alyssas Augen wurden mit jedem Wort von ihm größer, und eine ungewisse Angst machte sich in ihrem Körper breit.
„Ich werde dir nicht die Einzelheiten nennen… Noch nicht. Sie sind grauenhaft“, fuhr er fort, und seine Stimme klang ernst, während er sich das Gesicht rieb und sich in den Stuhl fallen ließ.
Eine kurze Stille legte sich zwischen ihnen, während Alyssa versuchte zu verarbeiten, was er von sich gab.
Mit feuchten Augen drehte sie ihren Kopf wieder zu ihm.
„Ich werde dich zu nichts zwingen. Ich werde dir nur zeigen, was bereits von Geburt an vorhanden ist“, schloss er schließlich ab, und sein Blick ruhte auf ihr, voller Hoffnung und Warten auf ihre Entscheidung.
Ihr Herz schlug schneller, und ihr Atem beschleunigte sich. Alyssa fühlte sich überwältigt von der Situation und wusste nicht, was sie denken oder sagen sollte. Gerade erst hatte sie ihren Traummann kennengelernt, und nun saß der Mann aus ihren Träumen an ihrem Bett und behauptete, dass sie füreinander bestimmt waren, mit düsteren Konsequenzen, sollte sie sich dieser Bestimmung widersetzen.
Ja, sie empfand etwas für ihn. Aber angesichts seiner Fähigkeit, in ihr Innerstes einzudringen, wusste sie nicht, ob ihre Gefühle echt waren oder ob er sie ihr nur einpflanzte, um seinen eigenen Willen zu bekommen.
„Ich… Ich weiß nicht… Ich verstehe es nicht. Das ist mir zu viel“, stammelte sie schließlich, ihre Worte von Verwirrung und Unsicherheit geprägt. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, und sie fühlte sich wie in einem Strudel aus Widersprüchen gefangen, unfähig, eine klare Entscheidung zu treffen.
Ray erwartete nicht, dass sie es verstand. Er verstand es ja selbst kaum, bis er sie vor sich stehen sah.
„Das ist okay. Aber lass mich versuchen, dir zu zeigen, wie viel du mir wert bist. Lass mich dir zeigen, wie sehr ich dich schätze und was ich alles für dich tun würde. Lass mich dir zeigen, welche wundervollen Dinge dich mit mir an deiner Seite erwarten könnten…“, sprach er mit sanfter Stimme, seine Worte von einer tiefen Hingabe getragen.
„Und ich möchte dir auch gerne zeigen, wie sehr ich dich liebe.“
Dabei ruhte sein Blick voller Zuneigung auf ihr, und ein Lächeln umspielte seine Lippen.
Alyssas Herz setzte einen Schlag aus, als er das aussprach. Als er von Liebe sprach.
„Liebe?“, fragte sie stotternd, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Er lehnte sich erneut vor und kam ihrem Gesicht gefährlich nahe, was ihr Herz rasen und den Monitor neben dem Bett anschlagen ließ.
„Zuerst träumte ich nur von dir und dachte, ich bilde mir irgendetwas ein. Doch als ich dich dann vor mir sah, während du gerade Sam geküsst hast, da wusste ich es ganz sicher.“
Seine Worte waren leise, aber erfüllt von einer tiefen Überzeugung.
Er kam noch näher, und kurz vor ihrem Mund hielt er an.
„Ich wusste sofort, dass du die Liebe meines Lebens bist, und konnte nicht anders, als euch zu unterbrechen.“
Alyssa konnte die Hitze seines Atems auf ihrer Haut spüren. Sie wusste sofort, von wechem Moment er sprach.
„Du warst das, auf dem Motor…“, flüsterte sie, doch er unterbrach sie, indem er sie küsste.
Plötzlich war jeder Schmerz von ihr verflogen. Sie spürte nichts mehr und nahm nichts mehr wahr, außer diesen zärtlichen, warmen Kuss. Sie hielt ihre Augen geschlossen, denn in diesem Moment fühlte sich alles so surreal an, als würde sie schweben in einem Meer aus unendlicher Zärtlichkeit und Liebe. Sie fürchtete, dass auch dieser Moment bloß ein Traum war, und wenn sie die Augen öffnete, Ray wieder nur auf dem Stuhl neben ihrem Bett säße. Doch für den Augenblick wollte sie sich in diesem warmen Gefühl verlieren und jeden Moment in sich aufsaugen, als wäre es der kostbarste Schatz, den das Leben ihr geschenkt hatte.
„Was zur Hölle?!“, brüllte eine bekannte Stimme, die die Luft mit einer Mischung aus Schock und Zorn erfüllte, während der Klang ihrer Worte wie ein Donnerschlag durch den Raum hallte.
Mit einem gewaltigen Ruck ließ Ray von ihr ab, als er zurückgezogen wurde, und Alyssa öffnete wieder ihre Augen, noch völlig benebelt von diesem Kuss, und sah auf den Mann, der Ray gerade von ihr losriss.
„Sam…“, flüsterte sie lächelnd, noch bevor sie verstand, was gerade geschah.
Sam stemmte Ray gegen die Wand und holte aus. Doch Ray fing gekonnt seine Faust ab, noch bevor er sie höher als die Brust heben konnte, und ein Gefühl der Macht lag in der Luft, als sich ihre Blicke trafen, Funken der Entschlossenheit zwischen ihnen sprühend.
Sam knurrte mit bitterer Wut.
„Wie kannst du es wagen!“
Während er Ray mit geballter Faust gegenüberstand, entfachten seine Augen ein Feuer.
Ray grinste frech, seine Augen voller Herausforderung und Selbstsicherheit, und wusste, dass Sam ihm nichts anhaben konnte, während zwischen ihnen die Spannung förmlich zu knistern schien, als würden die Elemente des Universums selbst in Erwartung des bevorstehenden Konflikts innehalten.
„Stopp!“, rief Alyssa laut, schnappte nach Luft und setzte sich mit einem heftigen, schmerzhaften Stöhnen auf, ihre Stimme ein verzweifelter Appell.
Beide Männer sahen sie an, ihre Blicke voller Überraschung und Besorgnis, als sie den Ausdruck des Schmerzes auf ihrem gefleckten Gesicht sahen, der wie ein dunkler Schleier über sie legte.
Siena stand völlig überfordert und schockiert mitten im Raum, ihre Augen weit aufgerissen und ihr Herz pochend in ihrer Brust, als sie die sich schnell entfaltende Szene vor sich sah, unfähig zu handeln angesichts des plötzlichen Chaos, das sich um sie herum entfaltete.
Sam ließ abrupt von Ray ab, um Alyssa zu stützen, die gerade versuchte aufzustehen, und warf Ray noch einen tödlichen Blick zu, der die Luft zwischen ihnen elektrisierte. Auch Ray lief zu ihr, um zu helfen, seine Augen voller Sorge.
„Leg dich wieder hin“
Rays Stimme war ein sanfter Befehl, der den Raum erfüllte und Alyssa dazu drängte, seinen Worten zu folgen, was Sam ein erneutes Knurren entlockte, seine Stirn von Anspannung durchzogen.
Sam unterstützte Alyssa, während sie sich langsam wieder hinlegte.
Ray beobachtete die Szene mit einem Ausdruck der Besorgnis, der tief in seinen Augen lag, während er sich fragte, wie sie es geschafft hatten, in dieser unvorhergesehenen Wendung der Ereignisse gelandet zu sein.
Alyssas Augen wanderten zwischen Sam und Ray hin und her, ihr Blick voller Unsicherheit und innerer Zerrissenheit, während ihr Herz wild pochte und ihr Atem unregelmäßig wurde. Die Monitore, die an ihr angeschlossen waren, schlugen an, und das schnelle, laute Piepen hallte durch den Raum, ein verstörendes Geräusch, das die Anspannung im Raum noch verstärkte.
Siena trat ans Bett und setzte sich auf die Kante, ihre Augen von Tränen benetzt und ihr Herz schwer vor Angst und Sorge.
Alyssa konnte keinen klaren Gedanken fassen, weil sie nicht wusste, was genau hier gerade geschah. Der Mann aus ihren Träumen und der vermeintliche Traummann gingen sich an die Gurgel, und sie hatte keinen blassen Schimmer, warum. Ein Wirrwarr aus Emotionen und Gedanken umwogte sie wie ein stürmischer Ozean, während sie versuchte, die Situation zu begreifen.
„Geht“, hauchte sie mit mühsamem Atem.
Sie ertrug diese Situation nicht länger, zu verwirrt und überfordert von den Ereignissen, die sich vor ihren Augen abspielten.
„Ihr beide“, fügte sie noch hinzu, und wandte ihren Kopf zu Siena, deren Tränen bereits über die Wangen flossen, ihre Augen voller Kummer und Hilflosigkeit.
Ray seufzte.
Ein letztes Mal griff er nach Alyssas Hand, was ihre Augen wieder auf ihn wanden ließ. Er senkte den Kopf, schloss die Augen und konzentrierte sich, als ob er eine unsichtbare Verbindung zwischen ihnen herstellen würde. Sam beobachtete ihn dabei, die Muskeln angespannt und bereit, auf Ray loszugehen, vor lauter Eifersucht. Doch irgendetwas hielt ihn davon ab, eine unsichtbare Macht, die ihn zurückhielt.

Wenige Sekunden später hob Alyssa ihre Mundwinkel ein wenig höher, ein sanftes Lächeln, das sich auf ihrem Gesicht ausbreitete. Es war, als ob Ray mit ihr sprach, als ob sie eine gemeinsame Sprache teilten, und ihr Lächeln war eine Antwort auf seine stummen Worte, eine Verbindung, die tiefer ging als bloße Worte es je könnten. Es war, als ob sie sich ganz in diese unsichtbare Kommunikation vertieften, und sie fühlten sich eins, verbunden durch eine unsichtbare, aber dennoch mächtige Kraft, die sie beide tief im Inneren spürten.
Er löste sich von ihr, gab Siena eine kleine, höfliche Verbeugung, als ob er sich für ihre Anwesenheit bedankte, und verließ anschließend das Krankenzimmer.
Sam sah ihm nach, sein Körper brodelte vor Wut. Kaum war Ray außer Sicht, ging er zu Alyssa und legte behutsam seine Hand an ihren Kopf, während seine Berührung eine Mischung aus Zärtlichkeit und Verunsicherung ausdrückte. Er küsste sie sanft auf die Stirn.
„Ich komme später wieder“, sprach er leise und kurz darauf verließ auch er das Zimmer, sein Schritt schnell und entschlossen, um Ray zu folgen und diese Situation zu klären.
Alyssa sah ihm nach, während er sich entfernte und die Distanz zwischen ihnen wuchs. Ein Hauch von Bedauern streifte ihre Gedanken, als sie sich fragte, ob sie richtig gehandelt hatte, Sam wegzuschicken. Und das Gleiche galt auch für Ray. Sie war so überfordert mit allem, dass sie beide von sich wegstieß. Sie konnte ihr beider Verhalten einfach nicht nachvollziehen, während ihr Herz schwer war von der Last der verwirrenden Gefühle und Gedanken, die sie umgaben.
„Was ist passiert?“, fragte Siena mit bibbernder Stimme, ihre Augen voller Besorgnis und Angst um ihre Freundin.
„Sam sagte, Jason hat…“, begann sie weiter, aber brachte weiteres nicht über die Lippen, ihre Stimme erstickt von den Tränen, die in ihrer Kehle brannten.
Alyssa nickte und fing an zu weinen, ihre Tränen ein stummer Ausdruck des Schmerzes und der Verzweiflung, die in ihr brodelten.
„Ich war fast an deiner Tür… Auf einmal packte er mich und zog mich in eine Gasse…“, sagte Alyssa mit zitternder Stimme, ihre Worte ein erschütterndes Geständnis, das ihrer Freundin das Herz zerbrach.
„Er schlug und trat auf mich ein und…“, sie holte tief Luft, ihre Stimme von der Erinnerung an den grausamen Übergriff erstickt.
„Als er mir die Hose runterzog, wurde mir schwarz vor Augen…“, flüsterte sie schließlich, die Worte schwer wie Blei in der Luft hängend, während sie sich an die schrecklichen Minuten erinnerte.
Siena schlug die Hand vor den Mund und ließ den Tränen freien Lauf, ihre Emotionen überwältigten sie und ihr Innerstes erschütterte. Beide schluchzten, während sie sich gegenseitig in ihrer tiefsitzenden Trauer und Verzweiflung stützten.

Sam packte Ray an der Schulter und stemmte ihn erneut mit einem heftigen Ruck gegen die Wand, was viele Blicke auf sie zog. Um sie herum wurde es still, als wäre die Luft selbst gefroren, während sie sich gegenseitig in die Augen sahen, ihre Blicke voller Entschlossenheit und Kampfbereitschaft, bereit den anderen umzubringen, um Alyssas Herz zu gewinnen.
Ray befreite sich mit einem schnellen Handgriff aus Sams Händen und stieß ihn von sich weg, seine Bewegungen fließend und kraftvoll.
„Was fällt dir ein, sie zu küssen?! In diesem hilflosen Zustand!“, zischte Sam voller Wut, seine Augen funkelten vor Zorn, während er Ray anstarrte, der unbeeindruckt blieb.
„Ich habe ihr gezeigt, was ich für sie empfinde, und nichts weiter“, antwortete Ray gelassen, während er kurz seine Ärmel zurechtrückte, als wäre die Situation für ihn völlig normal.
Um sie herum wurde getuschelt, und die Spannung in der Luft war förmlich greifbar.
„Verfluchte Scheiße!“, brüllte Sam, seine Stimme erfüllt von Zorn und Verzweiflung, und er war drauf und dran, Rays Kopf abzureißen, als der Raum von einem lauten Klirren unterbrochen wurde.
Sie drehten sich zu dem Verursacher des Klirrens und schwiegen. Vereinzelnd zogen manche der Anwesenden vorsichtig ihre Handys und richteten sie auf sie beide.
„Nicht hier!“, sagte Ray mit heiserer und leiser Stimme, aber als ein bestimmter Warnruf, während er ein Zeichen machte, dass bereits viele Handykameras auf sie gerichtet waren.
Die Spannung in der Luft war förmlich greifbar, und die Blicke der Anwesenden ruhten gespannt auf den drei Personen, die das Zentrum der Aufmerksamkeit bildeten.
Einen kurzen Moment verharrten sie regungslos, ihre Blicke trafen sich und ein unsichtbares Knistern lag in der Luft. Als ob sie beide überlegten, wie sie nun vorgehen sollten, ohne noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen oder gar des Ortes verwiesen zu werden. Sam entfernte sich einige Schritte von Ray, doch bevor er sich endgültig abwandte, durchbohrte er ihn mit einem furchteinflößenden Blick.
„Halt dich fern von ihr!“, drohte er mit einer unmissverständlichen Intensität.
Ein finsteres Grinsen umspielte Rays Lippen.
„Dafür ist es längst zu spät, mein Lieber. Ich habe bereits hervorgehoben, was längst vorhanden war“, entgegnete er mit einer Gelassenheit, die Sam bis ins Mark erschütterte und seine Muskeln bis aufs Äußerste anspannen ließ.
Sam erinnerte sich an die Worte, die sie vor einigen Stunden noch im Nexus ausgetauscht hatten. Er hatte die Familienlegende als absurden Schwachsinn abgetan und ihr keinen Glauben geschenkt. Doch nun, begann er sich zu fragen, ob vielleicht doch mehr Wahrheit hinter den alten Geschichten steckte, als er bisher angenommen hatte, von denen Ray sprach.
Rays Handy vibrierte, und er zückte es aus der Tasche. Ein Gefühl des Unwohlseins überkam ihn, als er die Nachricht von Kathie überflog, die zusätzlich ein Foto anhing. Es zeigte ihn in Eile, Alyssa auf den Armen, wie er in die Klinik rannte, dicht gefolgt von Sam.
„Scheiße…“, fluchte er leise, sein Herzschlag beschleunigte sich.
Ohne ein weiteres Wort lief er an Sam vorbei und verließ das Gebäude. Die Blicke der Fremden schienen förmlich auf ihm zu lasten, während er nach einem freien Taxi Ausschau hielt. Sein Handy hielt er ans Ohr gepresst, wartend darauf, dass Kathie Stimme den Anruf entgegennahm. Es dauerte nicht lange, bis sie abhob, doch das leise Schluchzen, das seine Ohren erreichte, ließ sein Herz schwer werden. Ein Gefühl der Schuld durchzuckte ihn.
„Wie… Wie kannst du nur, Ray… Ich dachte, wir…“, flüsterte Kathie mit zitternder Stimme, ihre Worte von gebrochenem Vertrauen getragen.
„Wo bist du? Ich komme zu dir“, antwortete Ray mit einem Hauch von Härte in seiner Stimme.

Bevor Sam ebenfalls die Klinik verließ, schrieb er noch Vandal eine Nachricht.
„Seid ihr durch? Ich brauche dich hier.“
Eine Antwort kam innerhalb weniger Sekunden.
„Ja, gerade fertig. Wir haben ein paar Tagebücher gefunden, in denen auch viele Fotos sind. Ich denke, das sollte dir reichen.“
„Hat euch jemand gesehen?“, fragte Sam, obwohl er wusste, dass alle seine Jungs Perfektionisten waren und niemals Spuren hinterließen.
„Nein. Soll Chase mitkommen?“, kam die prompte Rückfrage.
Sam brummte leise.
„Nein.“
„Ich lasse ihn die Bücher auf deinen Tisch legen. Bin gleich da“, schrieb Vandal noch, woraufhin Sam nicht mehr antwortete.
Er ließ sich schwer in den Stuhl im Wartezimmer sinken und ließ seinen Blick durch das Fenster schweifen, das die hektischen Bewegungen der umherlaufenden Ärzte widerspiegelte. Als er den Tag noch einmal in Gedanken durchging, spürte er einen Kloß in seinem Hals, gefolgt von einer Welle bitterer Wut, die in ihm hochstieg. Er presste seine Augen fest zusammen, stützte sein Gesicht mit den Ellenbogen auf den Knien ab und versuchte verzweifelt zu begreifen, weshalb Ray plötzlich einen Teil seines Lebens ausmachte.
„Das kann einfach nicht sein“, flüsterte er genervt und erhob sich langsam, das Bedürfnis nach frischer Luft trieb ihn nach draußen.
Die Dunkelheit hüllte ihn ein, als er durch den leeren Korridor schritt. Die Stille war fast greifbar, nur das dumpfe Brummen der Klimaanlage durchbrach sie gelegentlich. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander, während er sich auf den Weg nach draußen machte.
Mittlerweile war es sehr spät geworden.
Colt sollte Doktor Julius bald gefunden haben. Er hatte Alyssas Tagebücher, und Jason lag dem Tode nahe, im Nexus. Soweit lief also alles.
Dass er die Tagebücher von Alyssa durchlesen würde, war ihm ein wenig unangenehm, aber es musste sein. Sie hatte bereits angedeutet, dass sie in der Vergangenheit schreckliche Erfahrungen gemacht hatte, und da er sie in diesem Moment schlecht mit Fragen löchern konnte, musste er selbst nach Informationen suchen. Das war nun mal sein verfluchter Job. Komplikationen klären und beseitigen.

Alyssa bedeutete ihm so viel, dass er selbst darüber erschrak. Ein warmes Gefühl der Zuneigung und Verantwortung durchströmte ihn, und er schwor sich, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um sicherzustellen, dass sie künftig ein unbeschwertes, wunderschönes Leben hatte. Mit ihm an ihrer Seite.
Und dann blieb da noch das Problem mit Ray. Sollte er ihn einfach beseitigen? Es war nicht wie bei einem einfachen Auftrag, für den er bezahlt wurde. Dieses Mal ging es um mehr. Es ging um Alyssa. Die Vorstellung, dass sein Handeln Konsequenzen für sie haben könnte, ließ ihn zögern.
Er konnte es nicht ertragen, ihr Leid zuzufügen. Aber einfach mit Ray leben, wollte er auch nicht. Es war ein Dilemma, das ihn zermürbte. Er war sich bewusst, dass er Ray in nächster Zeit öfter sehen würde, als ihm lieb war. Doch er musste es irgendwie schaffen, Alyssa weitgehend vor ihm zu schützen.
Ray hatte sich urplötzlich in ihr Leben gedrängt, und das gefiel ihm überhaupt nicht. Er war zuerst da. Er durfte sich nicht einfach zwischen sie drängen, mit der Ausrede, dass irgendeine schwachsinnige Legende sie miteinander verband. Aber wie sollte er das verhindern, ohne Alyssa in Gefahr zu bringen? Die Gedanken kreisten in seinem Kopf, während er versuchte, einen Ausweg zu finden.
„Gott… Wie ein kleines Kind!“, schimpfte er mit sich selbst und schüttelte den Kopf.
Es war lächerlich, sich in diesen Gedankenspiralen zu verlieren, aber er konnte nicht anders.
Er musste sich auf das Wesentliche fokussieren. Eins nach dem anderen.
Solange Alyssa so verletzt war, würde sie ohnehin in der Klinik bleiben und keinen Fuß vor die Tür setzen. Somit hatte er also noch ein wenig Zeit darüber nachzudenken, was er mit Ray anstellte, ohne Alyssa dabei zu verletzen.

Außerdem müsste Vandal jeden Moment hier sein. Er würde ihn beauftragen, Alyssa im Auge zu behalten und unauffällig dafür zu sorgen, dass Ray nicht dieses Zimmer betrat. Wenn Alyssa ihn aus den Augen verlor, dann vielleicht auch irgendwann aus dem Sinn.
Als er mit den Augen den Parklatz durchsah, kam ihm Vandal unters Auge.
„Na endlich“
Vandal ist ein Mann von beeindruckender Statur und imposanter Erscheinung. Mit einer Körpergröße von exakt zwei Metern überragt er die meisten Menschen und strahlt eine Aura der Dominanz aus. Sein Körper ist von massiven Muskeln geformt, die unter seiner Haut hervortreten und seine Stärke betonen. Seine Arme sind von tätowierten Motiven bedeckt, die düstere Symbole und Bilder von Gewalt und Zerstörung zeigen.
Sein Gesicht ist von einem dichten Bart umrahmt, der sein markantes Kinn betont. Die blonden Haare sind kurz rasiert, was seinem Erscheinungsbild eine gewisse Härte verleiht. Doch das Auffälligste an seinem Gesicht sind die zahlreichen Tattoos, die es bedecken. Von der Stirn bis zum Kinn ziehen sich dunkle Muster und Symbole, die seine finstere Persönlichkeit unterstreichen. Seine Augen sind von einer eisigen Kälte, die seine gefährliche Natur widerspiegelt.
Vandal trug meistens dunkle, abgenutzte Kleidung, die seinen rauen Lebensstil widerspiegelt. Eine schwarze Lederjacke, die mit Nieten und Ketten verziert ist, betont seine wilde Seite. Dazu trägt er schwere Stiefel, die einen bedrohlichen Klang erzeugen, wenn er über den Boden schreitet.
Sein Auftreten ist von einer Aura der Gefahr umgeben, die die Menschen in seiner Umgebung instinktiv erschreckt.
Er war perfekt für diesen Einsatz, so wie beinahe jeder seiner Jungs. Sie alle waren sehr unterschiedlich, jeder Einzelne mit seinen eigenen Stärken, und einer stärker als der andere.
Aber in einer Sache waren sie alle gleich: die unerschütterliche Bindung zu ihren Familien.

Die Familienangehörigen wurden stets aus jeder Gefahr herausgehalten und vom Trupp unterstützt. Das war die einzige Sache, die Sam durchgehen ließ, auch wenn er selbst der Gefährlichste von allen war. Für ihn war es von entscheidender Bedeutung, dass die Familien seiner Jungs niemals in Gefahr gerieten, und er war bereit, alles zu tun, um dies zu gewährleisten. Es war eine ungeschriebene Regel, die sie alle eisern befolgten und die ihren Zusammenhalt noch verstärkte.
„Hat Chase noch irgendetwas gesagt?“, wollte Sam wissen und ein bedrohliches Funkeln trat in seine Augen, da er wusste, dass er ihm erst eine verpassen musste, ehe er seinem Befehl folgte.
Vandal lachte herzhaft und laut, was viele Blicke auf sich zog.
„Nein“, antwortete er schließlich, während sie die Klinik betraten.
Sam nickte kurz.
„Ich denke, du solltest vielleicht wieder mehr in den Ring gehen, um noch einmal zu verdeutlichen, wer das Sagen hat“, schlug Vandal vor und grinste dabei breit.
Sam schnaubte.
„Und ich denke, dass es jeder von euch eigentlich ganz genau wissen sollte“
Vandal kicherte belustigt, und plötzlich wirkte seine bedrohliche Erscheinung viel weicher.

Sam klopfte sanft an Alyssas Tür und wartete geduldig auf eine Reaktion, ehe er die Tür öffnete.
„Ja?“, rief eine liebevolle Stimme von drinnen, woraufhin er mit Vandal eintrat.
Siena wich zurück, als sie Vandal sah und von oben bis unten musterte. Leichte Furcht überkam sie, aber irgendwie war sie von ihm fasziniert und konnte kaum die Augen von ihm abwenden.
Alyssas Augen vergrößerten sich, als sie die furchteinflößende Gestalt neben Sam sah.
Vandal stellte sich neben Sam auf und beugte sich leicht. Sienas Herz klopfte schneller, als er in einer unwiderstehlich tiefen Stimme grüßte.
„Das ist Vandal. Er wird vor deiner Tür aufpassen, dass niemand Unbefugtes dieses Zimmer betritt“, erklärte Sam und legte dabei seine Hand auf Vandals Schulter.
„Ich nehme an, die restlichen Freunde werden bald vorbeikommen?“, fragte er die beiden Mädchen.
Beide reagierten nicht und ließen ihre Augen nicht von Vandal.
Sam stellte sich in Sienas Blickfeld und lächelte, während er spielerisch mit seiner Hand vor ihrem Gesicht herumfuchtelte. Dies brachte sie dazu, leicht den Kopf zu schütteln, und sie konzentrierte sich auf seine Frage.
„Äh… Ja. Aber erst morgen und abwechselnd. Ich werde auch bald gehen müssen“, antwortete sie zögernd und sah an Sam vorbei, um noch Vandal noch einmal zu betrachten.
„Holt dich dein Freund ab?“, fragte Vandal mit einer rauen, aber verführerischen Stimme, die Sienas Körper leicht erbeben ließ.
Sie stotterte.
„I-Ich… Ich habe keinen Freund.“
„Oh, so eine junge Dame wie du, ist nicht in festen Händen?“, lächelte Vandal ihr zu, was sie leicht erröten ließ.
Sie räusperte sich, wandte ihren Blick zu Alyssa, um seinem zu entkommen, und versuchte mit klopfendem Herzen cool zu wirken.
„Es war einfach nicht der Richtige dabei“, sagte sie mit einem zögerlichen Lächeln.
„Dann ist das ja meine Chance“, hauchte er, seine Stimme tief und verführerisch.
Sam unterbrach sie.
„Vandal, raus mit dir“, befahl er lächelnd, doch mit einem deutlichen Unterton.
„Siena, kannst du uns kurz alleine lassen?“, fragte er und richtete den Blick auf Alyssa.
Vandal verbeugte sich noch einmal leicht vor Alyssa, warf Siena einen kurzen Blick zu und verließ den Raum.
Siena streichelte kurz Alyssas Arm und folgte Vandal. Als sie die Tür öffnete, stand er ihr gegenüber, an der Wand angelehnt. Seine Augen durchdrangen sie, was ihr Herz erneut zum Rasen brachte und leichte Hitze in ihre Wangen steigen ließ.
Sie räusperte sich noch einmal, bevor sie sprach.
„Bist du ein Angestellter oder so von Sam?“, fragte sie, unsicher, wie sie das Gespräch beginnen sollte.
Vandal lachte, und wohlige Wärme durchströmte ihren Körper.
„Ja, kann man so sagen“, antwortete er mit einem verschmitzten Grinsen.
Siena lächelte und ließ sich auf den Stuhl neben der Tür fallen.
„Und was ist das für ein Beruf? Killer? Entführer?“, neckte sie ihn mit einem Augenzwinkern.
„So etwas in der Art“, erwiderte er und sah an ihr herab, auf die pinken Plüschpantoffeln, die sie trug, und lächelte.
Siena folgte seinem Blick und versuchte, ihre Schuhe mit Hilfe des Stuhls zu verbergen, während eine rosige Verlegenheit ihre Wangen überflutete. Ihr Lächeln war schüchtern, als sie sich leicht vorbeugte, um ihre pinken Plüschpantoffeln zu verstecken.
„Nein, nicht verstecken! Die sind wirklich süß!“, kicherte er ihr zu, und sein herzhaftes Lachen erfüllte den Flur mit einer warmen Atmosphäre.
Sienas Herz begann schneller zu schlagen, als sie seine liebevolle Zuwendung spürte, und ein schüchternes Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Ich vertraue Vandal, dass dir hier nichts weiter passiert. Er und Colt werden abwechselnd Wache halten, damit rund um die Uhr jemand bei dir ist. Colt kennst du ja bereits“, sagte Sam zu Alyssa und strich ihr beruhigend über die Hand.
Alyssa wurde stutzig. Erst begegnete sie Colt, der schon verdammt gefährlich aussah, und dann trat Vandal in dieses Zimmer. Ihre Gedanken huschten zwischen den beiden Männern hin und her, während ihr Herz schneller schlug und sie sich unwillkürlich an die Kante des Bettes klammerte.
„Mit was für Leuten hängst du ab?“, fragte sie leicht ängstlich, ihre Stimme zitterte ein wenig.
Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass Sam nicht gerade der vorbildliche Mann war, für den er zu sein schien. Zweifel nagten an ihrem Vertrauen, während sie sich fragte, was er ihr verheimlichte.
Sam seufzte kurz und setzte sich auf den Stuhl neben ihrem Bett, sein Blick ruhend auf ihr. Seine Augen strahlten eine tiefe Ernsthaftigkeit aus, als er ihre Hand festhielt und sie sanft drückte.
„Ich werde dir irgendwann alles erzählen. Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben. Und auch nicht vor Colt“, betonte er sanft, während er ihr in die Augen sah, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Die Intensität seines Blickes versprach Schutz und Sicherheit, als würde er versuchen, ihre Zweifel zu zerstreuen und sie in seine Welt des Vertrauens zu ziehen.
„Nein, ich möchte, dass du es mir jetzt sagst“, sprach sie mit Entschlossenheit in ihrer Stimme, während ihr Blick unverwandt auf Sam ruhte.
„Ich sagte es dir schon einmal, ich habe keine Lust auf Lügen und erwarte absolute Ehrlichkeit“, fügte sie noch hinzu, ihre Augen funkelten ernst.
Sam wandte kurz seinen Kopf zur Tür und sah dann wieder zu ihr zurück, seine Miene ruhig, aber mit einer Spur von Unbehagen.
„Ich möchte nicht, dass du dich fürchtest“, antwortete er leise, als ob er versuchte, sie zu beruhigen und ihre Zweifel zu zerstreuen.
Alyssas Blick wurde eindringlicher, ihre Stirn leicht gerunzelt, während sie Sams Reaktion analysierte.
„In deinem Haus empfängst du brutal aussehende Typen und nun stellst du einen vor meine Tür, und da soll ich mich nicht fürchten? Die Kerle sehen aus, als ob sie regelmäßig irgendjemanden abschlachten. Wer bekommt da keine Angst?“, pöbelte sie, ihre Stimme voll von Verärgerung, doch unterdrückter Angst.
Sie hätte am liebsten wild gestikuliert, doch ihre Schmerzen hinderten sie daran, und so blieb sie mit zusammengebissenen Zähnen liegen, während sie gegen den stechenden Schmerz ankämpfte, der durch ihre Verletzungen pulsierte.
Sam schürzte kurz die Lippen, als er sich ein wenig näher an sie heranrückte.
„Ich bin der, den man fürchtet“, begann er schweren Herzens, als ob er eine geheime Last mit sich trug, die er nun offenbaren musste, auch wenn es ihm schwerfiel.
Alyssa war überrascht von seiner unerwarteten Offenheit, doch ihr Blick verriet auch, dass sie bereit war, seiner Erklärung zu lauschen.
„Colt ist meine rechte Hand, gefolgt von Vandal. Sie begleiten mich bereits viele Jahre“, sprach er weiter, sein Ton ernsthaft, doch mit einem Hauch von Respekt in seiner Stimme, als er über seine loyalen Begleiter sprach.
Alyssa hob eine Augenbraue. Sie versuchte sich ein wenig anders hinzulegen, um ihn besser ansehen zu können, doch ihr Körper ließ es vor lauter Schmerz nicht zu, und so blieb sie regungslos liegen, während sie ihm aufmerksam zuhörte.
Sam legte behutsam eine Hand auf ihren Bauch, seine Berührung warm und tröstlich, während er sie vor weiteren Schmerzen bewahren wollte.
„Beweg dich nicht zu viel. Du hast wirklich üble Verletzungen“, sagte er sanft, sein Ton voller Sorge um ihr Wohlergehen.
„Lenk nicht vom Thema ab! Ich weiß, was ich tue!“, zischte sie, ihr Ton schärfer, aber unter Schmerz.
Sam schwieg für einen Moment, während er überlegte, wie er am besten fortfahren sollte.
„Mein Business besteht darin, anderen Lektionen zu erteilen, oder gegebenenfalls sogar zu töten“, sagte er schließlich, seine Worte schwer, aber mit einer unverkennbaren Entschlossenheit in seiner Stimme, als er die Wahrheit offenbarte, die er bisher verborgen hatte.
Alyssa wurde kreidebleich und ihr Atem stockte. Vorsichtig versuchte sie ihre Hand unter Sams herauszuziehen, doch ihre Bewegungen waren schwach und von Schmerzen durchzogen, die sie kaum ertragen konnte. Ihr Herzschlag und Atem beschleunigten sich, was Sam Unruhe verschaffte, als er die Panik in ihren Augen erkannte.
Plötzlich roch sie wieder diesen Duft, diesen unbeschreiblich betörenden Duft, der ihr in diesem Moment die Sinne raubte. Sie schrie auf, als ein furchtbarer Krampf durch ihre Brust zog, ihre Schreie durchdrangen den Raum und ließen Sam erschauern. Die Monitore schlugen auf Hochtouren an, und in der nächsten Sekunde änderte sich das schnelle Piepen zu einem schrillen Klang, der den Raumes erfüllte. Sam sprang auf und rief verzweifelt ihren Namen und um Hilfe, sein Gesicht von Panik und Sorge verzerrt.

„Mein Business besteht darin, ande…“, sprach Sam zu ihr, doch die letzten Worte verhallten ungesagt.
Vor ihren Augen begann Sams Gestalt zu verblassen, als wäre er eine flüchtige Erscheinung.
In rasender Geschwindigkeit verschwamm seine Silhouette, und an seiner Stelle tauchte Ray auf, der vor ihr herlief, eine blonde Frau an seiner Seite. In einem schmerzhaften Augenblick der Klarheit sah sie, wie sich die Frau um Rays Arm warf und ihn mit einer Intensität küsste, die Alyssa das Herz brach.

Ein brennender Schmerz durchzuckte ihre Brust, als ob jemand sie mit einem scharfen Messer immer wieder durchbohren würde. Jeder Stich ließ sie aufschreien, während sie hilflos zu Boden sank. Ihre Tränen vermischten sich mit dem Schmerz, als sie sah, wie Ray seine Arme um die Taille der unbekannten Frau legte.
Die Welt um sie herum verschwamm, und sie verlor das Bewusstsein, während sie glaubte, dass die blonde Frau ihr einen finsteren Blick zuwarf, der von triumphierender Boshaftigkeit gezeichnet war.

Kurz nach Sams verzweifelten Ruf flog die Tür ihres Zimmers mit einem lauten Knall auf, und zwei Schwestern sprinteten hinein, ihre Gesichter von Eile und Besorgnis gezeichnet. Siena stand schockiert in der Tür, ihr Blick voller Furcht und Verwirrung, während sie von der plötzlichen Aufregung überwältigt wurde. Hinter ihr trat Vandal ein, seine imposante Gestalt wirkte in dem engen Raum noch bedrohlicher, doch sein Gesicht strahlte unerwartete Ruhe aus. Er legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter, seine Berührung so leicht wie ein Hauch, und versuchte damit, ihre aufkommende Angst zu mildern, während er sie stumm ermutigte, stark zu bleiben.
Die zwei Schwestern verfielen sofort in den Aktionsmodus. Die eine Schwester am Monitor überprüfte die Anschlüsse und begann sofort mit der manuellen Überprüfung von Alyssas Vitalparametern. Die andere bat Sam dringlichst den Raum zu verlassen, damit sie ungestört Arbeiten konnten.
Widerwillig verließ Sam das Zimmer und kurz darauf kam noch einer der Ärzte dazu, was den drei vor der Tür nur noch mehr Unruhe verschaffte.
Eine der Schwestern eilte aus dem Zimmer und kehrte schnell zurück mit einem weiteren Gerät.
Siena brach in Tränen aus und stürmte auf Sam zu, der wie erstarrt mitten im Flur stand. Vandal versuchte vergeblich, sie abzuhalten, doch sie riss sich voller Wut aus seinem Griff los. Mit aller Macht schlug sie auf Sam ein, der gute zwei Köpfe größer war als sie. Doch ihre Schläge waren eher wie sanfte Berührungen im Vergleich zu der Wucht seiner Gedanken, die sich unaufhörlich um das Zimmer drehten, in dem Alyssa gerade behandelt wurde. Er konnte kaum die Schläge wahrnehmen, nicht nur weil sie im Vergleich zu seinen eigenen Kämpfen verdammt zart waren, sondern auch weil seine Gedanken viel zu sehr bei Alyssa waren. Er machte sich Vorwürfe, dass er an dieser Situation schuld war. Mal wieder. Anscheinend schockierte sie diese Nachricht so sehr, dass ihr Herz aufhörte zu schlagen.
„Du!“, brüllte sie.
„Du bist an all dem Schuld!“
Sam griff nach ihren Handgelenken und begleitete sie sanft nach unten, während er gegen die Tränen ankämpfte, die in seine Augen stiegen. Vandal griff nun energischer ein und zog Siena zu sich, die sich nicht wehrte. Sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte laut, während Vandal sie in seinen starken Armen hielt.
Sams Handy vibrierte, und als er draufsah, warf er Vandal einen flüchtigen Blick zu.
„Geh“, sagte Vandal, als er die Notwendigkeit erkannte, dass Sam gehen musste.
Doch Sam schüttelte genervt den Kopf.
„Der kann warten“, antwortete er bestimmt und stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, die Augen auf den Boden gerichtet.
Er konnte Alyssa jetzt nicht alleine lassen. Er blieb so lange, bis der Arzt und die Schwestern ihr Zimmer verließen und Entwarnung gaben, dass es ihr besser ging. Die Gedanken daran, dass sie möglicherweise sterben würde, allein wegen ihm, brachten ihn fast um vor Schuldgefühlen. Eine zermürbende Angst durchdrang seine Gedanken, als er sich eingestand, dass er die Quelle dieser potenziellen Gefahr für sie war. Es war, als ob er sie in einen Abgrund führen würde, ohne die Möglichkeit, sie zu retten. Die bloße Vorstellung, dass sein Handeln ihr Leben bedrohte, ließ sein Herz schwer werden und füllte ihn mit einer unerträglichen Last.

Wenige Momente später öffnete sich die Tür, und die Schwestern beförderten Alyssa den Flur hinab. Der Arzt trat auf Sam zu, sein Gesichtsausdruck ruhig, aber sehr ernst.
„Es geht ihr soweit wieder gut. Sie hatte einen Herzstillstand“, sagte er, während er Sam einen bedeutungsvollen Blick zuwarf.
„Sie wird jetzt auf die Intensivstation verlegt. Es ist wichtig, weitere Aufregung zu vermeiden.“
Sam rieb sich nachdenklich das Kinn, während sein Kopf von Vorwürfen überflutet wurde. Er musste Siena recht geben.
„Ich nehme ihre Sachen und gehe hinterher“, sagte Vandal ruhig und entschlossen, während er sich bereit machte, den nächsten Schritt zu tun.
Sam nickte kurz und sah den Schwestern nach, die links abbogen, Alyssa auf ihrem Bett liegend.
„Bitte geben Sie ihr Zeit“, fügte der Arzt noch hinzu, als er die Ernsthaftigkeit der Situation betonte.
Sam dankte ihm mit einem knappen Nicken, bevor er langsam den Flur entlangging. Siena warf ihm einen bitteren Blick zu, mit Tränen in ihren Augen, bevor sie dem Arzt folgte, um bei ihrer besten Freundin zu sein.

In langsamen Schritten verließ Sam die Klinik, unsicher, was er jetzt tun sollte. Am liebsten würde er bei ihr bleiben, jede Sekunde an ihrer Seite verbringen. Aber dann erinnerte er sich an Rays Worte, die wie eine düstere Vorahnung in seinem Kopf hallten – dass er Alyssa das Herz brechen würde und dass es schreckliche Konsequenzen haben würde, wenn sie ihn statt Ray wählte.
Er seufzte schwer, rieb sich das Gesicht und stieg schließlich ins Auto. Die Gedanken wirbelten in seinem Kopf, während er die Straßen entlangfuhr, unsicher über die nächsten Schritte und die schwerwiegenden Entscheidungen, die ihm bevorstanden.

Ray kam in seinem abgelegenen Haus an, das verborgen in der Abgeschiedenheit lag. Hier fand er die ungestörte Ruhe, die er benötigte, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ursprünglich war dieses Anwesen sein persönlicher Rückzugsort, doch mit der Zeit, als seine Beziehung zu Kathie intensiver wurde, gewährte er ihr ebenfalls Zugang zu diesem geheimen Refugium.
Seit drei Jahren waren Ray und Kathie ein Paar, aber von Anfang an nagte eine leise Unzufriedenheit an Ray. Trotz seiner Bemühungen, mehr als nur körperliche Begierde zu zeigen, spürte er, dass Kathie nicht die Richtige für ihn war. Die Visionen von Alyssa, die immer häufiger in seinem Geist auftauchten, ließen ihn nicht los und trieben ihn dazu, eine Entscheidung zu treffen. Er wusste, dass er Kathie verlassen musste, aber die Vorstellung, sie zu verletzen, hielt ihn zurück. Sie war so tief in ihn verliebt, während seine Gefühle für sie nicht dieselbe Intensität erreichten. Trotzdem führten sie ihre Beziehung weiter, da sie für beide Seiten viele Vorteile bot und sie davon profitierten.
Ray ließ Kathie gelegentlich spüren, dass er nicht bereit war, weiter zu gehen, als sie es sich erhoffte. Sie träumte von einer gemeinsamen Zukunft, von Heirat und einer Familie, aber Ray zögerte und lehnte diese Vorstellungen trocken ab. Schließlich griff er zu dem Mittel, mehr Aufträge anzunehmen, nur um Kathie aus dem Weg zu gehen und sich vor einer endgültigen Entscheidung zu drücken.
Noch bevor Ray die Tür hinter sich schloss und seine Hütte betrat, stürmte Kathie ihm entgegen. Ihre Augen waren geschwollen, und ihr Gesicht zeugte von den Tränen, die sie vergossen hatte. Sie kam ihm näher und stellte sich vor ihn, ihre Haltung voller Eifersucht und Anspannung.
„Wer ist sie?“, brach es voller Emotion aus ihr heraus.
Ray trat an ihr vorbei, ließ sein Sakko fallen und enthüllte die muskulösen Arme und die definierte Brust. Seine Hemdsärmel wurden aufgeknöpft und hochgekrempelt, während er ins Wohnzimmer ging, um sich ein Glas Whisky einzuschenken. Er wusste, dass das bevorstehende Gespräch unangenehm werden würde. Kathie folgte ihm mit energischen Schritten und hielt ihn fest im Blick.
„Also, wer ist sie?“, wiederholte sie ihre Frage, dieses Mal mit noch deutlicherer Genervtheit.
„Es geht dich nichts an, wer sie ist“, antwortete Ray mit einem scharfen Unterton, der sie zusammenzucken ließ.
Er drehte sich zu ihr um, nahm einen Schluck aus seinem Glas, seufzte tief und senkte den Blick.
„Entschuldige, das klang wohl härter, als ich es beabsichtigt hatte“, fügte er hinzu.

Kathie trat näher, ihre Tränen kurz davor erneut zu fließen.
„Sag mir einfach nur, dass sie hilflos in der Ecke lag und du nicht anders konntest, als ihr zu helfen…“, flüsterte sie mit zitternder Stimme.
Ray nickte knapp.
„Ja, so in etwa war es“, antwortete er, während er ihr tief in die Augen blickte.
Eine kurze Stille erfüllte den Raum.
„Hör zu. Du weißt genau, dass das mit uns beiden nicht funktioniert“, begann er, seine Worte sorgfältig abwägend.
Kathie öffnete den Mund, um zu sprechen, brachte jedoch keinen Laut heraus.
„Ich weiß, dass wir beide viele Vorteile aus dieser Beziehung ziehen, aber so kann es nicht weitergehen“
Kathie reagierte nicht, ihr Blick verloren in der Ferne.
„Ich habe es versucht, Kathie… Ich habe es wirklich versucht. Aber sie…“, erklärte er.
Kathie richtete sich langsam auf, pure Eifersucht in ihrem Blick.
„Sie ist es“, beendete er schließlich seinen Satz, und Kathie fühlte, wie ihr die Welt unter den Füßen wegzurutschen schien.
Tränen strömten unaufhaltsam über ihre Wangen, und sie konnte den Schmerz kaum ertragen, der sich in ihrem Inneren ausbreitete. Mit diesen wenigen Worten zerbrach Ray ihr Herz in tausend Stücke, und sie fühlte sich verloren in einem Meer aus Schmerz und Enttäuschung.
„Warum?“, brachte Kathie völlig zerstört über die Lippen, während sie Ray mit tränenverschleiertem Blick ansah.
„Warum genau würdest du nicht verstehen. Ich werde es dir auch nicht beantworten“, antwortete er ruhig, trat näher und legte seine Hand auf ihre Schulter, als wollte er ihr Trost spenden.
Doch seine Worte waren wie ein kalter Schlag ins Gesicht für sie.
„Ist das wirklich wahre Liebe, was du fühlst? Oder liebst du eher das, was durch diese Beziehung bei rausspringt?“
Seine Frage traf Kathie wie ein Blitz. Sie fühlte sich angegriffen und empört über seine Behauptungen. In einem Anflug von Verzweiflung und Wut schlug sie seine Hand weg und richtete sich aufrecht hin.
„Wie kannst du nur so etwas denken!“, schrie sie ihm mitten ins Gesicht, ihre Stimme bebend, während ihre Augen vor Zorn funkelten.
Doch im selben Moment bereute sie ihre Worte.
„Ich will dich nicht verletzten…“, flüsterte er leise und hob sanft ihr Kinn an, als ob er versuchte, ihre Wut zu besänftigen.
„Wirklich nicht. Aber willst du eine Beziehung, wo die Liebe nur einseitig wäre?“
Kathie schwieg einen Moment lang, ihre Gedanken wirbelten durcheinander, als plötzlich ein Sturm der Emotionen in ihr aufbrandete. Ohne nachzudenken, presste sie ihre Lippen auf seine. Ray war so überrascht, dass er einen Moment lang erstarrte, bevor er sie von sich stieß, seine Hände fest an ihren Hüften packend, als hätte er etwas Giftiges gekostet.
Er rieb sich den Mund, während Kathies Reaktion aus Wut und Eifersucht heraus geprägt war. Sie konnte nicht fassen, was gerade passierte, dass Ray ihre Beziehung so plötzlich und aus heiterem Himmel beenden wollte.
Ray schnappte nach Luft und krümmte sich vor Schmerz, als dieser Kuss auf seinen Lippen wie Feuer brannte und in seiner Brust ein heftiges Stechen auslöste. Die Intensität des Augenblicks schien die Luft um ihn herum zu verdunkeln, während sein Herz wild gegen seine Rippen hämmerte.
Nach dem nächsten Wimpernschlag sah er Alyssa vor seinen Augen, wie ihr Gesicht blass wurde und ihr Körper an Farbe verlor, als würde das Leben aus ihr weichen. Hektische Bewegungen dreier Menschen um sie herum gaben ihren verzweifelten Einsatz wieder, ihr irgendwie zu helfen, doch die Zeit schien sich zu verlangsamen.
Als er schließlich aufschrie und auf die Knie fiel, versuchte Kathie ihn zu stützen, doch seine Kraft schwand mit jedem Atemzug. Sie fühlte sich hilflos angesichts der verzweifelten Situation und des Schmerzes, den sie in Rays Augen sah. Einige Male rief sie seinen Namen, doch seine Antwort war nur ein dumpfer Schrei, der in der Luft verhallte.
Ray stieß sich mit aller Kraft vom Boden ab und stolperte zur Tür.
„Ich muss gehen. Es tut mir leid“, keuchte er ihr zu, bevor er das Haus verließ.
Kathie stand regungslos da, unfähig zu begreifen, was gerade geschehen war. Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander, und das Einzige, was sie klar erfassen konnte, war die Frau in Rays Armen, von der er eben noch gesprochen hatte.
Sie atmete tief durch.

„Gut. Wenn das so ist.“
Sie griff nach ihrem Handy und tippte hastig Nachrichten, die weder Ray noch der unbekannten Frau in seinen Armen zugutekamen.
„Dann hole ich mir, was ich will“, grinste sie mit einem ekelhaften Lächeln, bereit, die bösen Spiele zu beginnen und wischte sich die Tränen weg.