Sam beauftragte John, Alyssa zu ihrer Wohnung zu fahren und alles zu tun, was sie verlangte.
Kaum waren sie angekommen, bat sie ihn wieder zu fahren. Sie wollte keine Umstände machen. Vor allem gab es ihr das Gefühl, bevormundet zu werden. Sie war eine erwachsene Frau, die definitiv keinen Aufpasser brauchte.
Nachdem sie die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, ließ sie sich erschöpft auf die Couch fallen. Ihre Augen fielen auf ihr Handy, das beinahe vor Nachrichten explodierte. Sie seufzte und griff danach, um die Nachrichten zu überprüfen.
Beinahe tausend Nachrichten in dem Gruppenchat, mit ihren Freunden und über hundert neue Nachrichten von Siena erwarteten sie. Alyssa überflog sie kurz und stellte fest, dass es größtenteils das typische Jammern zwischen Freunden war, belangloses Zeug, aber dennoch interessierten sie sich gegenseitig für jedes noch so kleine Detail. Es war wie ein Ritual zwischen ihnen, das sie seit Jahren pflegten, um sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten und sich gegenseitig Trost zu spenden.
Als Alyssa beinahe am Ende von Sienas Nachrichten ankam, hielt sie abrupt inne, als sie den Namen „Jason“ las. Ein eiskalter Schauer durchfuhr ihren Körper, und sie erstarrte für einen Moment, während sie die Nachricht erneut las. Die Erinnerungen an Jason, ihre vergangene Beziehung und die damit verbundenen Schmerzen kamen mit voller Wucht zurück.

Ich bin Jason über den Weg gelaufen. Er ist auf der Suche nach dir! Er weiß nicht, wohin du gezogen bist und hat es versucht aus mir rauszurkriegen. Natürlich habe ich ihm nichts erzählt! Pass auf dich auf!

Jason war bereits mehrere Jahre Vergangenheit. Warum genau sie sich damals in ihn verliebte, wusste sie nicht. Vielleicht war es sein charmantes Lächeln, das sie in den Bann zog. Sie trug die typische rosa-rote Brille, die alles in einem warmen Glanz erscheinen ließ, und sah nie, wie unglaublich schlecht er sie eigentlich behandelte. Seine Worte waren oft stumpf und verletzend, seine Taten geprägt von Egoismus und Gleichgültigkeit. Zusätzlich war er hin und wieder verdammt grob. Doch sie, verstrickt in einem Netz aus Illusionen und falschen Hoffnungen, verschloss die Augen vor der Realität und hielt verzweifelt an einer Liebe fest, die längst erloschen war.
Irgendwann kam sie endlich zu sinnen, durchdrungen von der schmerzhaften Klarheit der Wahrheit. Sie erkannte, dass sie sich selbst verloren hatte in dem Bemühen, Jason zu lieben, und dass es an der Zeit war, sich von den Fesseln dieser toxischen Bindung zu befreien. Mit gebrochenem Herzen verließ sie ihn und begann an einem neuen Ort, weit weg von den Erinnerungen und dem Schmerz, einen Neuanfang.
Dass Jasons Name jemals wieder fallen würde, hätte sie wirklich nicht erwartet. Sie versuchte sich von all den Gedanken an ihn loszuzerren, doch seine Spuren hatten sich tief in ihre Erinnerungen eingegraben wie Ranken, die sich um ihr Herz gewickelt hatten. Er war wie ein giftiger Dorn in ihrem Fleisch, der sie langsam vergiftete, während sie glaubte, es sei Liebe. Sie opferte zu viele Jahre für ihn, Jahre, die sie nie zurückbekommen würde. Sie hatte triftige Gründe, warum sie niemals wieder mit ihm zu tun haben wollte, Gründe, die in den Narben ihrer Seele eingebrannt waren.
Bei der letzten Begegnung konnte er sie zu einem „letzten Mal“ überreden, und oh, wie sehr bereute sie es bis heute. Sie war einfach nur dumm und wütend auf sich selbst, dass sie so etwas Jahre lang über sich ergehen lassen hatte, dass sie ihre Würde und Selbstachtung so leichtfertig aufs Spiel gesetzt hatte.
Natürlich rieten ihre Freunde stets von ihm ab, aber sie nahm Jason immer in Schutz. Tief in ihrem Inneren bewahrte sie immer die Hoffnung darauf, dass er vielleicht doch der Richtige war, dass er sich ändern würde, dass ihre Liebe am Ende siegen würde. Schließlich konnte er auch zuckersüß sein, wenn es ihm passte. Mit einem einzigen Lächeln oder einer liebevollen Geste konnte er sie schnell wieder um den Finger wickeln, und für einen Moment vergaß sie all den Schmerz und die Zweifel. Doch irgendwie wusste sie immer, dass es ein Fehler war, sich von diesen oberflächlichen Gesten blenden zu lassen, dass die Süße seiner Worte nur eine Illusion war, die den bitteren Beigeschmack seiner Taten nicht verdecken konnte.
Erneut fuhr ihr ein kalter Schauer über den Rücken, als sie an die Intimitäten mit ihm dachte. Mental verpasste sie sich selbst eine schmerzhafte Backpfeife, um sich aus dieser gedanklichen Spirale zu befreien. Er gehörte der Vergangenheit an.
Sie klammerte sich fest an die Gewissheit, dass irgendwo da draußen die Liebe ihres Lebens auf sie wartete, ihr Seelenverwandter, der Mann, der sie vollkommen verstehen und akzeptieren würde. Einer, mit dem sie all die schönen Erfahrungen machen würde, von denen sie in Filmen träumte und die sie in Büchern las. Eine Liebe, die nicht von Zweifeln und Schmerz überschattet sein würde, sondern von Vertrauen, Respekt und einem tiefen emotionalen Band, das die Zeit überdauern würde.
„Sam“, schoss ihr plötzlich in den Kopf, und das schmerzende Gefühl in ihrer Brust wurde sofort durch eine wohlige Wärme ersetzt, die sich um ihr Herz legte und es sanft umhüllte.
In der nächsten Sekunde wanderte die Wärme vom Herzen hinunter zu der Stelle, an der er mehrere Minuten verweilte. Die Intensität seiner Berührung ließ sie innerlich aufblühen und sie spürte, wie jede Faser ihres Seins noch mehr danach verlangte. Seine Perfektion war geradezu überwältigend, fast zu schön, um real zu sein.
Als ihr Handy plötzlich vibrierte, erschrak sie kurz, denn sie war gerade dabei, noch einmal den intensiven Moment zu durchleben, den Sam ihr vorhin beschert hatte.
Ihr Boss. Sie öffnete seine Nachricht, überflog sie und fluchte laut. Sie war schon eine ganze Weile nicht mehr arbeiten gewesen und hatte eigentlich vor, sich weiter krankschreiben zu lassen, was ihrem Boss offensichtlich nicht passte.

Ich erwarte Sie im Büro.

Die Worte auf dem Bildschirm waren wie ein Schlag ins Gesicht, was ihr Adrenalin in die Höhe schießen ließ. Sie sah auf die Uhr, zog sich so schnell sie konnte etwas Vernünftiges über, schnappte ihre Tasche und rannte aus ihrer Wohnung, da der nächste Bus in wenigen Minuten abfahren würde. Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander, als sie sich auf den Weg machte. Warum musste ihr Boss gerade jetzt Stress machen?

Im Bus dachte sie darüber nach, welche Geheimnisse wohl in Sams Club verborgen lagen. Da war etwas an ihm, das sie an einen Bad Boy erinnerte, und das fand sie äußerst anziehend. Diese geheimnisvolle Aura, die ihn umgab, übte auf sie eine seltsame Faszination aus.
Als ihre Gedanken weiter wanderten, biss sie sich auf die Lippe, um ein verträumtes Lächeln zu unterdrücken. Sie dachte an Sams Körper. Diesen unglaublich durchtrainierten Körper, der in ihrem Gedächtnis wie ein lebendiges Kunstwerk erschien, ließ ihr Herz schneller schlagen. Jeder Zentimeter davon machte sie unbeschreiblich heiß, und die Erinnerung an seine Berührungen ließ ihre Haut vor Vorfreude prickeln.
Als Sam sich schließlich von ihr verabschiedete, umspielte seine Lippen ihre in einem unvergesslichen Kuss. Es war, als würden Funken sprühen und Feuerwerke explodieren, während sich ihre Lippen trafen. Die Intensität dieses Moments ließ sie für einen Augenblick die Welt um sich herum vergessen, und als sie sich voneinander lösten, war ihre Seele erfüllt von einem berauschenden Gefühl.
Nachdem sie ihre Haltestelle erreichte, eilte sie zügig zu ihrem Boss. Mit einem mulmigen Gefühl betrat sie das Büro und machte sich auf eine ordentliche Standpauke gefasst. Sie war nicht besonders oft und vor allem sehr ungern krankgeschrieben. Normalerweise konnte sie sich durchbeißen und zur Arbeit gehen, aber dieses Mal war es eben keine einfache Erkältung. Es war ein verdammter Rippenbruch, begleitet von dem dazugehörigen Schock darüber, wie es überhaupt dazu gekommen war.
Sie schluckte schwer, als sie die Tür hinter sich schloss und sich ihrem Boss gegenüber sah. Es war ihr ziemlich unangenehm, an diesem Ort zu sein. Doch sie zwang sich, aufrecht zu stehen und ihrem Boss ins Gesicht zu sehen, bereit, die Konsequenzen zu tragen, auch wenn es ihr schwerfiel.
Ihr Boss lächelte.
„Schön, dass Sie es einrichten konnten“, sprach er ungewohnt höflich, was ihr nur noch mehr Unruhe verschaffte.
Alyssa nickte knapp und spürte die Anspannung in ihren Schultern, als sie sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch setzte.
„Jemand hat starkes Interesse an Ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten und möchte Sie abwerben“, fuhr ihr Boss fort, seine Stimme ruhig und bedächtig.
Alyssa öffnete ihren Mund, unfähig in diesem Moment klar zu denken oder zu verstehen, was er da sagte. Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander.
„Ähm… Ich verstehe nicht so ganz?“, stammelte sie schließlich, ihre Stimme brüchig vor Verwirrung und Unsicherheit.
Ihr Boss seufzte, sein Blick voller Bedauern.
„Ein sogenannter Mister Brown rief an und hat eine verdammt große Summe geboten, wenn ich Sie entlasse. Es tut mir Leid, aber da konnte ich nicht nein sagen“, erklärte er mit ernster Miene.
Alyssa fiel aus allen Wolken, ihr Herzschlag beschleunigte sich, als die Realität langsam zu ihr durchdrang.
„Abwerben? Mister Brown? Was?!“
Die Welt schien sich plötzlich schneller zu drehen, während sie versuchte, die Worte zu verarbeiten, die ihr Leben auf den Kopf zu stellen drohten.
Das restliche Gespräch hörte sie kaum noch zu. Die Worte ihres Bosses verloren sich in einem undefinierbaren Summen, während ihr Verstand noch immer mit der schockierenden Nachricht kämpfte. Sie erinnerte sich daran, wie er es sehr bedauerte, dass sie eine seiner besten Mitarbeiterinnen war, und ihr aufrichtig alles Gute für ihre Zukunft wünschte. Alyssa zwang sich zu einem höflichen Lächeln, obwohl ihr Inneres tobte vor Gefühlen von Verlust und Unsicherheit.
Schließlich gab sie resigniert ihre Schlüssel ab, ein symbolischer Akt, der das Ende einer Ära markierte. Mit einem letzten Blick auf das vertraute Büro, verließ sie den Raum. Damit war dieser Job Geschichte, und Alyssa stand vor einem ungewissen neuen Kapitel in ihrem Leben.
„Wie zahle ich jetzt meine Miete?!“
Ihr Kopf drohte beinahe zu explodieren, als sie ihn sich über den mysteriösen Mister Brown zerbrach. Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein.
Ohne weiter nachzudenken, griff sie nach ihrem Handy und schrieb Siena eine Nachricht. Sie brauchte dringend jemanden zum Reden, jemanden, der ihr helfen konnte, diese unerwartete Wendung zu verarbeiten.
Sienas Wohnung lag nur einen kurzen Spaziergang entfernt von dem Restaurant, in dem sie so viele Abende gemeinsam verbracht hatten.
Noch immer unter Schock lief Alyssa einfach so die Straße entlang, ohne wirklich darauf zu achten, wohin sie ging.
Plötzlich wurde sie von diesem unwiderstehlichen Duft erfasst – den, den Ray stets mit sich trug. Sofort schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass kurz darauf etwas Schreckliches passierte. Doch dann überkam sie die Erkenntnis, dass dieser Duft nun etwas zu spät kam. Schließlich war ihre Kündigung bereits fast eine Stunde her.

Als sie um die Ecke bog, wurde der Geruch noch stärker, beinahe unerträglich.
Nur noch wenige Türen entfernt von Sienas Wohnung, wurde Alyssa von einer Hand gepackt, die fest um ihren Arm griff. Ihr Herz schlug bis zum Hals, als sie sich blitzschnell umdrehte und den Mann sah, der sie festhielt.

„Jason“, flüsterte sie ängstlich, ihre Stimme erstickt von der Angst, die in ihr aufwallte.
Bevor sie auch nur einen Gedanken fassen konnte, zog er sie mit sich.
Alyssa versuchte verzweifelt, sich aus seinem schmerzhaften Griff zu befreien, doch sie hatte keine Chance. Bis sie in einer verlassenen Gasse ankamen, sprach er kein Wort. Alyssa spürte den Drang, um Hilfe zu rufen, doch vor lauter Angst versagte ihre Stimme, und kein einziger Ton vermochte ihre Lippen zu verlassen. Mit einem kräftigen Ruck presste Jason sie schmerzhaft gegen einen Müllcontainer und fixierte sie mit einem bedrohlichen Blick.
„Was für ein glücklicher Zufall, dass ich dich hier treffe“, sagte er mit einer Stimme voller Zorn.
Alyssa wurde kreidebleich, ihr Herz raste wie wild in ihrer Brust, und ihr ganzer Körper bebte vor Angst. Sie wagte es nicht, ein Wort zu erwidern, und angesichts von Jasons Blick war es vielleicht auch besser so. Ihre Augen suchten hektisch einen möglichen Fluchtweg.
„Ich sah dich neulich mit diesem hässlichen Rotschopf. Das, was ich sah, gefiel mir nicht“, fügte er hinzu und seine Worte durchzogen die Luft wie ein eisiger Stich.
Alyssas Hirn setzte komplett aus, als sie die Wucht seiner Faust in ihrem Gesicht spürte und zu Boden fiel. Die Welt um sie herum verschwamm. Kurz darauf trafen sie Tritte in den Bauch, und sie krümmte sich vor Schmerz, unfähig sich zu wehren. Mit jedem Tritt, den Jason von sich gab, entwich ihr der Atem, und es fühlte sich an, als würde jede Sekunde eine Ewigkeit dauern. Sie kämpfte verzweifelt gegen die Dunkelheit an, die sich um sie herum ausbreitete, aber Jasons brutalen Angriffen konnte sie nichts entgegensetzen.
Ihr Blick wurde verschwommen, ihre Sinne betäubt, und das letzte, was sie wahrnahm, war das dumpfe Geräusch ihrer Hose, die heruntergezogen wurde, und das Gefühl, wie sie auf den Bauch gedreht wurde.
„Halte durch!“, hörte sie eine Stimme aus der Ferne rufen.
Dann überwältigte sie die Bewusstlosigkeit und sie sank in die Dunkelheit.



„Du kommst spät“, sagte Ray.
„Ich war beschäftigt“, antwortete Sam lächelnd und wischte sich mit dem Daumen über die Unterlippe, eine Geste, die Ray innerlich kochen ließ.
Sie standen sich gegenüber, ihre Blicke durchdringend und bedrohlich wie dunkle Gewitterwolken, die sich am Horizont zusammenbrauten. Eine düstere Atmosphäre hing schwer in der Luft, und jeder Atemzug schien von Spannung durchtränkt zu sein.
„Worüber wolltest du mit mir reden?“ brach Sam schließlich das Schweigen, seine Stimme klang wie das Knurren eines Raubtiers, das kurz davor war, zuzuschlagen.
Sams Augen bohrten sich unerbittlich in Rays.
Ray wich nicht zurück, sein Blick ebenso finster und bedrohlich wie der seines Gegners. Er stand fest auf dem Boden, wie ein Krieger, der bereit war, für seine Überzeugungen zu kämpfen.
„Halt dich fern von ihr“, sprach er mit einer unmissverständlichen Warnung in der Stimme, die wie ein kalter Windstoß durch den Raum strich.
Eine Augenbraue hob sich auf Sams Stirn, ein stummer Ausdruck seiner Herausforderung.
„Warum sollte ich?“
In seiner Stimme lag eine gefährliche Ruhe, die nur den Bruchteil einer Sekunde davon entfernt war, in wütendes Grollen überzugehen.
Er wusste genau, wen Ray meinte, und er würde sich nicht so leicht einschüchtern lassen. Nicht von so einem Idioten wie ihm.
„Es gibt viele Dinge, die du nicht weißt und wahrscheinlich auch nicht verstehen wirst“
Rays Worte waren wie pechschwarze Schatten, die sich um sie herum legten.
„Glaub mir, ich wünsche mir für sie nur das Beste. Doch sie wird mit dir an ihrer Seite großes Leid spüren.“, sprach Ray mit einer Stimme, die von unterdrückter Wut und einem Hauch von Verzweiflung durchdrungen war.
Sein Blick verriet eine tiefe Verbitterung, als seine Gedanken kurz zu einem unangenehmen Bild wanderten – dem Anblick, wie Sam Alyssa beglückte. Es war ein Anblick, der ihn nicht nur ein wenig ekelte, sondern gleichzeitig wie ein messerscharfer Dolch sein Herz durchbohrte.
„Ich glaube, Alyssa ist selbst in der Lage zu entscheiden, mit wem sie zu tun hat, mein Lieber.“
Seine Stimme klang gelassen, doch sein Blick verriet eine Ahnung von Unbehagen.
Ein schwerer Seufzer entwich Ray, während seine Gedanken zu jenem schicksalhaften Moment wanderten, den er so klar vor Augen sah – Alyssa, in Gefahr und unwissend, kurz bevor sie sich in ihr Verderben stürzte.
„Ich kann es sehen, wenn ihr etwas Schlimmes bevorsteht“, fuhr Ray fort, seine Stimme von einer düsteren Intensität erfüllt.
„Besonders bei dir. Ich sehe es vor meinen Augen, kurz bevor sie sich in Gefahr begibt. Ich versuche, sie zu warnen, doch sie hört nicht auf mich. Ganz besonders bei dir… Du wirst ihr bald das Herz brechen, und das will ich verhindern.“
Sam runzelte die Stirn, sein Blick von Verwirrung und Unsicherheit gezeichnet, als er Rays mysteriöse Worte nicht vollständig zu begreifen schien. Langsam verschränkte er die Arme vor seiner Brust und trat bedächtig einige Schritte näher auf Ray zu.
„Was willst du damit sagen? Warum sollte ich ihr das Herz brechen?“, fragte er mit einer eindringlichen Stimme, die nach Antworten verlangte, während seine Augen Rays Gesicht suchend fixierten.
Ray wandte sich ab, fest entschlossen, endlich die Karten auf den Tisch zu legen. Er konnte nicht länger gegen die unausweichliche Wahrheit ankämpfen, die ihn zu erdrücken schien.
„Ich bin der, der zu ihr gehört und nicht du.“, sagte Ray mit einer festen Stimme.
Sam lachte laut auf, eine schrille Melodie, die wie Hohn in Rays Ohren klang.
„Du? Und das behauptet wer? Auch du?“

Rays Blick wurde wütend, ein Feuer, das in seinen Augen loderte und Sam durchdrang. Doch Sam hatte keine Ahnung von dem Band, das sie beide verband.
Ray holte tief Luft.
„Seit Geburt an sind wir miteinander verbunden“, erklärte er ruhig, seine Worte wie sanfte Wellen, die auf Sam prallten.
„Immer und immer wieder sah ich sie vor meinen Augen. Ich ging zunächst von einer Wunschvorstellung aus, doch als ihr beide dann vor mir standet, umschlungen in einem Kuss…“ Eine Pause, in der Ray seine Gedanken sammelte, die Erinnerungen an jenen schmerzhaften Moment zurückdrängte.
„Hätte ich euch nicht unterbrochen…“, murmelte er, seine Stimme leise, beinahe verloren in dem Lachen, das Sam erneut ausstieß.
Ein schrilles Echo, das von den Wänden widerhallte und in Rays Seele widerhallte.
Doch trotz des Spotts in Sams Augen und seiner Ungläubigkeit wusste Ray, dass seine Worte wahr waren. Denn das Band, das sie verband, war tiefer als alles, was Sam jemals verstehen könnte.

„Weißt du eigentlich, dass sie nach den Begegnungen mit ihr wie ein Geist umherwanderte? Wir trafen dich erst zweimal, und jedes Mal verhielt sie sich seltsam“, sagte Sam mit einem nachdenklichen Unterton.
Ray verengte seine Augen, ein Ausdruck der Sorge, der sich auf seinem Gesicht abzeichnete. Nein, das wusste er nicht. Diese Erkenntnis traf ihn unerwartet und ließ seine Gedanken rasen.
„Hast du ihr gesagt, was du so treibst?“, wollte Ray wissen, seine Stimme mit einer unterschwelligen Dringlichkeit, die Sam nicht ignorieren konnte.
Ray wusste ganz genau, sobald Sam ihr von seinem kriminellen Treiben erzählen würde, würde er ihr das Herz brechen. Ray hat lange genug zugesehen, wie Alyssa sich ins Verderben stürzte, und er war entschlossen, alle Hindernisse ihrer Verbundenheit endgültig zu beseitigen.
Sam baute sich vor Ray auf, um ihn einzuschüchtern, doch Ray zuckte nicht einmal mit der Wimper, unbeeindruckt von Sams Drohgebärden.
„Ich werde nicht ihr Herz brechen“, sprach er mit Nachdruck aus.
„Irgendwann werde ich es ihr erzählen, doch vorerst sollte sie aus allem rausgehalten werden.“
Ray schnaubte und trat um ihn herum.
„Wenn du sie mit reinziehst, mein Lieber, dann Gnade dir Gott“, antwortete Ray mit einem Ton, der keine Widerrede duldete.

„Was machen die beiden?“, fragte Gunner die zwei breit gebauten Männer, die neben ihn saßen.
Mayn lachte leise auf.
„Kleiner, du solltest mittlerweile wissen, wie hier etwas abläuft.“, antwortete er und nahm einen Schluck seines Whiskys ohne den Blick von der Tür abzuwenden, hinter der Sam und Ray sich unterhielten.
Gunner zuckte mit den Schultern, ein Ausdruck der Verwirrung lag auf seinem Gesicht. Er hatte schon vieles beobachtet, aber manche Handlungen entzogen sich nach wie vor seinem Verständnis.
Eine große Brünette mit knapper Bekleidung huschte durch sein Blickfeld, während sie gerade die nächsten Drinks servierte. Colt stand derweil am Billardtisch, umgeben von Mortis, Zander und Vex, und beobachtete aufmerksam Dantis nächsten Zug.
Die Stille im Club war erdrückend. Keiner wagte es, auch nur einen Ton von sich zu geben, aus Furcht vor dem Schlimmsten, das sich hinter den verschlossenen Türen zwischen Sam und Ray abspielte. Jeder im Raum war sich bewusst, dass es gefährlich war, sich mit Sam anzulegen, doch Ray schien wenig Interesse daran zu haben, was Sam ihm antun könnte.
In der angespannten Atmosphäre schlossen einige von ihnen kleine Wetten ab, wer von ihnen wohl mit einem blauen Auge aus dem Zimmer kommen würde. Die meisten setzten natürlich auf Sam – schließlich war er bekannt für seine Durchsetzungskraft. Doch für manche im Raum war der Respekt vor Ray spürbar. Er zeigte keinerlei Anzeichen von Furcht gegenüber Sam, was ihn zu einem unberechenbaren Gegner machte.

Als ein lauter Schrei die Stille durchdrang, richteten sich alle Blicke gespannt auf die Tür zu Sams Büro.
„Verdammt. Hier…“, sagte Gunner, und reichte Mayn einen großen Schein, den dieser grinsend entgegennahm.
Doch der nächste Schrei ließ sie alle zusammenzucken – es war Sam.
Kurz darauf öffnete sich seine Tür.
Mayn und Colt stürmten voran, ihre Schritte von der Sorge um Sam angetrieben, die deutlich auf ihren Gesichtern zu erkennen war. Als sie zu Sam gelangten, erstarrten sie bei dem Anblick seines bleichen, leichenähnlichen Gesichtsausdrucks. Seine Augen waren weit aufgerissen, sein Blick wirkte verstört und panisch zugleich, als er sie ansah, als würde er inmitten eines Albtraums gefangen sein.
Plötzlich drängte sich Ray energisch durch die Menge, ein Ausdruck der Entschlossenheit auf seinem Gesicht. Er rannte aus dem Club, gefolgt von den neugierigen Blicken aller Anwesenden, die sich wunderten, was geschehen war. Sam folgte Ray und hob plötzlich die Hand, um ein kurzes, aber bestimmtes Zeichen zu geben. Die Menge wurde unruhig, und die Spannung in der Luft war förmlich greifbar.
„Steig ein!“, rief Sam Ray zu, als er seine Autotür öffnete.
Ray stieg ohne Widerworte in das Auto, denn er erkannte sofort den praktischen Nutzen dieser Entscheidung. Jede Sekunde zählte, und er wusste, dass sie so definitiv schneller vorankommen würden, als wenn er zu Fuß rennen würde. Mit einem knappen Nicken signalisierte er seine Zustimmung.

Wenige Minuten später hielten sie in der Gasse an, in der Ray die Tat vor seinen Augen sehen konnte. Sie sprinteten zu Alyssa, die reglos und entblößt auf dem harten Pflaster lag. Ihr Gesicht war von Blut getränkt, ihre Kleidung zerrissen und ihre Haut von zahlreichen Wunden gezeichnet. Ein Schauer lief Sam und Ray über den Rücken, als sie diesen schockierenden Anblick sahen. Sam zögerte nicht einen Moment und zog sein Jackett aus, um es über Alyssas Körper zu legen. Ihre regungslose Gestalt lag vor ihnen, bewusstlos und verletzt, während Sam mit tränenden Augen versuchte, sie zu schützen.
Ray stand starr neben ihnen, sein Blick wild umherirrend, während er nach dem Mann suchte, der diese schreckliche Tat begangen hatte. Sein Herz hämmerte vor Wut und Verzweiflung, als er den Mann vor seinem inneren Auge sah – den Mann, der Alyssa so brutal misshandelt hatte und den er nun mit jeder Faser seines Seins zur Rechenschaft ziehen würde.
Während Sam einen verzweifelten Schrei von sich gab und Alyssa vorsichtig in seine Arme hob, um sie in sein Auto zu tragen, eilte Ray noch ein paar Schritte weiter die Gasse hinunter. Seine Schritte waren von Wut getrieben, während er sich auf das Gesicht des Mannes konzentrierte, den er schon einmal gesehen hatte. Es war schon einige Jahre her, aber das Gesicht war ihm nicht fremd. Er erkannte ihn sofort. Doch dass sie ihn jemals wieder treffen würde, und dass er sie in diesem desolaten Zustand vorfand, hätte er niemals für möglich gehalten.
Ein wütendes Schnauben entwich Ray, als er nach Alyssas Habseligkeiten griff, die neben ihrer Tasche verteilt lagen. Seine Hände zitterten vor Wut, während er die persönlichen Gegenstände zusammenraffte und sie in die Tasche stopfte. Dann rannte er Sam hinterher. Gemeinsam luden sie Alyssa behutsam in den Wagen, und mit quietschenden Reifen fuhren sie zur nächstgelegenen Klinik. Dort wurde Alyssa in Windeseile von einem Team von Ärzten und Pflegekräften aufgenommen und versorgt. Sam und Ray blieben voller Angst und Wut in der wartenden Halle zurück, ihre Gedanken von Sorge um Alyssa und dem Verlangen nach Rache gegenüber ihrem Peiniger erfüllt.
Es kam ihnen wie Stunden vor, während sie in der ungewissen Stille der Krankenhausflure auf Nachrichten über Alyssas Zustand warteten.
„Wer ist er?“, flüsterte Sam zu Ray, seine Stimme bedrückt und zugleich erfüllt von einer düsteren Entschlossenheit.
„Jason Leef. Ihr Ex. Er wohnt in der Stadt. Etwa 1,80 Meter groß mit kurz geschorenen braunen Haaren“, antwortete Ray in einem ebenso leisen Tonfall, wissend, dass für Sam nur diese Details von Bedeutung waren.
„Gut“, sprach Sam mit einer bedrückten Stimme, griff nach seinem Telefon und verließ den Raum, während Ray ihm nachsah.
„Lass mir etwas übrig, bevor du es beendest“, rief er noch.
Ray ließ seine Ellenbogen auf seine Knie sinken und rieb sich das Gesicht mit den Händen.
Ohne dass es ausgesprochen wurde, wusste er, was Sam als nächstes tun würde. Jason würde dafür büßen, dessen war er sich sicher. Besser gesagt, er würde sterben. Die Entschlossenheit in Sams Augen ließ keinen Raum für Zweifel oder Gnade.
Ray spürte plötzlich eine Vielzahl fremder Blicke auf sich ruhen, die er bis eben noch erfolgreich ignorieren konnte. Die unangenehme Präsenz der neugierigen Beobachter drückte schwer auf seine Schultern, als er den aufdringlichen Ton einer Kamera vernahm. Ohne ein Wort zu sagen, erhob er sich und verließ schweigend den Raum. Fans waren in diesem Moment wirklich nicht willkommen. Doch während er durch den Flur schritt, konnte er nicht umhin, sich zu fragen, wie weit sie gehen würden, um ein Bild von der Tragödie zu erhaschen. Wenn er sich jetzt wie ein wütendes Arschloch verhielt, wenn er die Fans zurechtstutzte, weil man in einer Klinik keine Fotos machte, hätte er einige Probleme am Hals. Allerdings würde ihn bald ein Anruf seines Managers erwarten, und er konnte sich bereits vorstellen, die angespannte Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören. Einige der Fotos waren mit Sicherheit bereits im Netz gelandet, begleitet von einer Flut von Spekulationen und Kommentaren, die sich unaufhaltsam verbreiteten.

Sam gab Colt die nötigsten Infos weiter und lief dann zurück zu Ray, der mittlerweile im Flur stand. Dort standen sie nun zu zweit und warteten, ihre Nervosität kaum zu verbergen. Die Minuten schienen endlos zu vergehen, als sie auf Nachrichten über Alyssa warteten, das Opfer einer grausamen Tat.
Endlich kam ein Doktor zu ihnen, sein Gesichtsausdruck ernst und seine Augen von einem Ausdruck der Besorgnis gezeichnet.
„Mister Everton, Mister Dupont, ich bin Doktor Patel. Ich habe Alyssa untersucht“, begann der Arzt mit ruhiger Stimme.
„Bitte sagen Sie uns, wie es ihr geht“, bat Ray, seine Stimme voller Angst und Hoffnung zugleich.
Doktor Patel nahm sich einen Moment Zeit, bevor er antwortete.
„Sie hat schwere Verletzungen erlitten.“
Die Worte des Arztes durchdrangen die Stille des Flures, während Ray und Sam die Tragweite dessen, was Alyssa widerfahren war, zu erfassen versuchten. Die Angst um ihre Freundin schien sie zu erdrücken, als sie hörten, wie der Arzt fortfuhr.
„Sie hat multiple Verletzungen davongetragen, darunter Knochenbrüche, Hämatome und innere Verletzungen. Zusätzlich hat sie ein schweres Schädelhirntrauma erlitten. Der physische und emotionale Schaden ist tiefgreifend und wird Zeit brauchen, um zu heilen.“
Ray schloss für einen Moment die Augen, um seine Gefühle zu kontrollieren, während Sam die Hände zu Fäusten ballte, ein Zeichen seiner Hilflosigkeit und Wut.
„Wird sie… wird sie wieder gesund werden?“, fragte Sam schließlich mit brüchiger Stimme.
Doktor Patel nickte bedächtig.
„Es wird eine lange Genesungszeit erfordern, aber mit der richtigen medizinischen Versorgung und Unterstützung kann Alyssa sich erholen. Sie ist jetzt in guten Händen.“
Ray und Sam atmeten erleichtert auf, obwohl sie wussten, dass Alyssa einen langen und schwierigen Weg vor sich hatte. Die Hoffnung auf ihre Genesung war das Einzige, was ihnen in dieser dunklen Stunde Trost spendete.
„Sie können jetzt zu ihr“, sprach der Arzt die letzten Worte, seine Stimme sanft, als er Ray und Sam bedeutungsvoll ansah.
Mit einem letzten aufmunternden Nicken verließ er sie, seine Schritte im Flur verhallend, während Ray und Sam sich gegenseitig einen kurzen, entschlossenen Blick zuwarfen.
„Das ist alles deine Schuld!“, zischte Ray Sam an, seine Stimme ein geflüstertes Gewitter, das neugierige Blicke auf sich zog und die Luft um sie herum elektrisierte.
Sam ignorierte ihn.

Beinahe schleichend betraten sie Alyssas Zimmer. Sam lief voran, Ray dicht hinter ihm. Beide waren schockiert über ihren Anblick. Alyssa lag reglos im Krankenhausbett, von zahllosen Schläuchen und Monitoren umgeben, die leise summten und piepten. Die Spuren der Gewalt, die sie erlitten hatte, waren unübersehbar, und das Bild ihres leidenden Körpers schnürte Sam die Kehle zu. In seinem Kopf spielten sich haufenweise Vorwürfe ab. Hätte er Ray nicht zum Gespräch ins Nexus bestellt, hätte er sie nicht alleine gelassen, wäre ihr nichts passiert. Die Gedanken peinigten ihn und ließen ihn an seinem eigenen Versagen zweifeln, während er schweren Herzens zu Alyssas Bett trat, um ihre kalte Hand zu halten.
Ray folgte ihm und zog sich einen Stuhl zu ihrem Bett, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Auch ihn plagte ein schlechtes Gewissen. Er hätte viel eher Kontakt zu ihr suchen sollen, dann wäre all das nie geschehen. Sie hätte Sam nicht kennengelernt, sie wäre nie bei ihm gewesen, sie beide hätten sich nie unterhalten und sie alleine gelassen. Die Last der Verantwortung drückte schwer auf ihn, während er neben Alyssas Bett Platz nahm und ihre Hand sanft umfasste.
„Danke…“, sprach Sam mit heiserer Stimme, gegen die Tränen in seinen Augen ankämpfend.
Seine Worte waren von tiefer Reue und Schuldgefühlen durchdrungen, als er zu Ray blickte.
Rays Blick war jedoch nicht traurig und verständnisvoll, sondern ein wenig wütend auf sich selbst und auch auf Sam.
Er war überrascht über das „Danke“, doch die Komplexität der Situation machte es schwer, seine Emotionen zu entwirren.
„Ohne dich wäre sie…“, fügte Sam noch hinzu, doch brach mitten im Satz ab und rieb sich das Kinn.
Die Gedanken daran, was geschehen wäre, wenn Ray nicht gewusst hätte, wo sie war, waren zu schrecklich, um sie auszusprechen.
„Und ohne dich wäre es niemals dazu gekommen!“, zischte Ray zurück, seine Stimme von einem Hauch Bitterkeit durchzogen.
„Verdammt noch mal, ich hätte viel eher da sein müssen…“, fluchte er vor sich hin, während die Wut in ihm aufwallte und sich mit einem Gefühl der Selbstvorwürfe vermischte.
Ein leichtes pochen in Rays Kopf verriet ihm, dass er Alyssa sofort helfen musste. Ray senkte den Kopf und konzentrierte sich. Er musste für sie da sein, während sie schlief.

In einem endlosen Albtraum aus Gewalt und Schmerz fühlte Alyssa immer wieder die gnadenlosen Tritte auf ihrem geschundenen Körper. Jeder Aufprall schien ihr die Luft zu rauben, während sie verzweifelt nach einem Hauch Erleichterung suchte, der jedoch stets außer Reichweite blieb. In einem unerbittlichen Rhythmus drang er mit roher Gewalt in sie ein, ohne jede Spur von Mitleid oder Hemmung. Seine Präsenz war wie ein düsterer Schatten, der sie umhüllte und jede Hoffnung auf Rettung erstickte.
Mit jedem schmerzhaften Schlag, den sie ins Gesicht bekam, verblassten ihre Gedanken und Gefühle zu einem verschwommenen Nebel aus Angst und Qual. Seine verletzenden Worte durchdrangen sie wie ein eisiger Windstoß, der ihre Seele zu zerreißen drohte. Trotz des tobenden Sturms in ihrem Inneren fühlte sie sich wie eine Gefangene in ihrem eigenen Körper, gefangen in einem unendlichen Albtraum, aus dem es kein Entkommen gab.
Doch als sie ihre Augen einen Spalt weit öffnete, erblickte sie ein vertrautes Gesicht vor sich. Sam. Seine Wangen waren von Tränen benetzt, während seine Lippen leicht bebten. Sie ließ ihren Kopf nach rechts kippen und erblickte Ray, der gerade ihre Sachen vom Boden in ihre Tasche stopfte. Ein Gefühl der Dankbarkeit durchströmte sie, obwohl sie kaum die Kraft hatte, es auszudrücken. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, verlor sie erneut die Besinnung.

Wieder und wieder spielte sich diese Szene in ihrem Traum ab, wie eine unerbittliche Wiederholung in einer Schleife aus Angst und Verzweiflung. Die Bilder verschmolzen zu einem undurchdringlichen Nebel aus Trauer und Hoffnungslosigkeit, während sie gefangen war in den dunklen Wirren ihres eigenen Bewusstseins.
Noch einmal durchlebte sie diesen Alptraum, ihre Kraft schwindend, die Dunkelheit um sie herum erdrückend. Doch bevor sie zu Boden fiel, fing ein warmer Körper ihren Sturz ab. Ein unerwartetes Gefühl der Geborgenheit umhüllte sie, als sie sich in Rays Armen wiederfand. Es war, als ob er die Finsternis um sie herum in Licht verwandelte, seine Anwesenheit ein Zeichen der Hoffnung inmitten des Chaos.
Als sich ihre Blicke trafen, durchdrang sie eine unglaubliche Bindung, die wie ein unsichtbares Band zwischen ihnen lag. Es war eine Verbindung, die stark genug war, um selbst die tiefsten Abgründe zu überwinden, eine Verbindung, die in ihren Herzen loderte wie eine unsterbliche Flamme der Liebe und des Vertrauens. Alyssa schmiegte sich an Rays Brust, die Wärme seines Körpers umhüllte sie wie eine sanfte Umarmung der Erlösung.
Ihre Tränen flossen ungehindert, doch diesmal waren es nicht nur Tränen der Angst und Furcht, sondern auch Tränen des Glücks und der Dankbarkeit. Sie weinte vor Glück, weil er bei ihr war, weil seine Präsenz wie ein strahlendes Licht in ihrer Dunkelheit leuchtete. In seinen starken Armen fand sie nicht nur Trost und Sicherheit, sondern auch Liebe und Hoffnung. Es war, als ob die Welt um sie herum für einen Moment stillstand, während sie sich in seinem warmen, beschützenden Umarmung geborgen fühlte.
In diesem Moment der Intimität und Verbundenheit wusste Alyssa, dass sie nicht allein war, dass sie jemanden an ihrer Seite hatte, der bereit war, sie durch die Dunkelheit zu führen und ihr Licht in ihre tiefsten Schatten zu bringen. Und während sie in seinen Armen verweilte, fühlte sie sich endlich zu Hause, an einem Ort, wo die Liebe unendlich und die Hoffnung unsterblich war.

Sam beobachtete Ray mit besorgtem Blick. Rays Augen waren geschlossen, und er schien in seinen Gedanken versunken, als ob er in eine andere Welt entrückt wäre, fern von der Realität.
Ein leises Schluchzen von Alyssa durchdrang die Stille, und Sams Aufmerksamkeit wurde sofort auf sie gelenkt. Über ihre Wangen rollte eine einzelne Träne. Ihr Atem beschleunigte sich leicht, und ihr zartes Schluchzen klang wie eine leise Melodie der Verletzlichkeit und des Schmerzes, die das Herz von Sam zutiefst berührte.
Sam wurde zunehmend unruhig, als er das Gefühl hatte, dass Alyssa gerade etwas Schreckliches durchlebte, obwohl sie bewusstlos in diesem Krankenhausbett lag. Es war, als ob ihre Seele in einem Kampf gefangen war, den ihr Körper nicht auszufechten vermochte. Es zerriss ihm das Herz, sie so hilflos und verletzlich zu sehen, und ein Gefühl der Machtlosigkeit überkam ihn.
Sein Blick wanderte auf ihre Hand, die regungslos auf der Bettdecke lag. Er bemerkte, wie Ray bereits ihre Hand mit einer seiner Hände umfasste und dann seine zweite Hand dazuholte, um sie festzuhalten, seine Finger sanft um ihre zarte Haut schlossen. Eine unerklärliche Ruhe legte sich über Alyssas Gesicht, als ob sie die Anwesenheit von Ray auf einer tieferen Ebene spürte. Wenige Sekunden später beruhigte sich ihr Atem wieder, und ein Hauch von Erleichterung strich über Sams Herz.
Während Sam weiterhin Alyssas Hand hielt, spürte er, wie sie langsam wärmer wurde, als ob ihre Seele sich an Rays Nähe klammerte und die Kälte der Angst und Verzweiflung vertrieb. Es war ein seltsames, aber tröstliches Gefühl, das sich in seinem Inneren ausbreitete.
Sams Handy vibrierte plötzlich in seiner Tasche.
„Sie haben ihn. Ich muss los“, sprach er entschlossen, während er einen letzten Blick auf Alyssa warf und das Krankenzimmer verließ.
Hastig lief er zu seinem Auto, sein Herz pochte wild vor Aufregung und Anspannung. Er startete den Motor und raste mit höchster Geschwindigkeit zurück zum Nexus, wo Colt und Mayn bereits mit Jason auf ihn warteten.
Obwohl es ihm schwerfiel, Alyssa mit Ray allein zu lassen, wusste er, dass sie in guten Händen war – eine Tatsache, die ihn tierisch nervte. Ray war eine ständige Quelle der Verärgerung für Sam, eine dunkle Wolke über seinem Leben. Er konnte ihn nicht ausstehen, doch er zwang sich, seinen Zorn gegen Ray zu unterdrücken. Denn obwohl es ihm widerstrebte, musste er zugeben, dass Alyssa sich in seiner Nähe sichtbar wohlfühlte. Es war frustrierend, ja, aber es schien, als ob sie ihn brauchte, und das war das Wichtigste – auch wenn es ihm nicht gefiel.

Sam lief mit aufgestauter Wut durch den Nexus, seine Schritte hallten bedrohlich durch die Gänge, während er unbeirrbar auf einen Raum zusteuerte, der nur für spezielle Gäste gedacht war.
Jeder, der sich im Nexus befand, sah ihm nach, und ein eisiges Schweigen senkte sich über den Raum. Die Anwesenden wagten kaum zu atmen, so gefährlich wirkte Sam auf seinem Weg. Alle Augen verfolgten ihn, voller Furcht und Erwartung.
Sam stemmte die Tür auf, und mit einer ungezügelten Entschlossenheit stürmte er unaufhaltsam auf Jason zu, der auf einem Stuhl mitten im Raum saß, umgeben von vertrockneten Blutflecken, die stumme Zeugen seiner Taten waren. Mit einem gewaltigen Aufprall flog Jason von seinem Stuhl, doch das hinderte Sam nicht im Geringsten an seiner Wut, die aus seinen Augen förmlich strahlte.
Er schlug mehrfach auf ihn ein, bevor er auch nur ein Wort zu ihm sagte. Jason stöhnte schmerzhaft auf, flehte um Gnade, doch diese Gnade würde er niemals bekommen – nicht von Sam.
Colt und Mayn verließen den Raum, entschieden sich weise dazu, Sam machen zu lassen. So wütend, wie er war, sollte man ihn auf keinen Fall stören, das wussten sie nur zu gut. Andernfalls würden auch sie die volle Wucht seiner Wut zu spüren bekommen.
Gunner stand erschrocken neben der Tür, als er einen kurzen Blick auf Sam erhaschte, wie er sich über Jason hermachte. Sein Atem stockte, als er die rohe Gewalt spürte, die von Sam ausging.
„Heilige…“, fing er an, doch bevor er fortfahren konnte, unterbrach ihn Mayn mit einer ernsten Miene.
„Der Grund, warum keiner ein Ton gegen ihn erhebt, kleiner. Merk dir das. Wenn du uns schon schlimm findest, solltest du Sam nicht weiter zusehen“, sprach Mayn mit einer ruhigen, aber bestimmten Stimme zu ihm. Er drückte Gunner sanft zur Seite und schloss die Tür, damit Sam ungestört blieb.

Alyssa zuckte leicht, bevor sie ihre Augen öffnete. Ein Schauer durchfuhr sie, als sie langsam ihre Umgebung wahrnahm. Zu ihrer Linken befand sich ein großes Fenster, durch das düstere Wolken am Himmel vorbeizogen, deren Schatten das Zimmer in ein gedämpftes Licht tauchten. Daneben standen mehrere Monitore, die rhythmisch piepten und eine beklemmende Atmosphäre erzeugten.
Als sie ihren Kopf weiter nach rechts drehte, erblickte sie einen Mann, dessen Augen unter Tränen standen. Sein Blick war von tiefer Besorgnis erfüllt, und seine Miene verriet eine Mischung aus Angst und Erleichterung, als er sie ansah. Alyssa spürte, wie ihre eigene Unsicherheit wuchs, während sie versuchte, die Situation zu begreifen.
Sie atmete tief ein, um seinen Duft aufzunehmen, der das Unbeschreiblichste auf dieser Welt war, eine Mischung aus vertrauter Nähe und erregender Fremdheit, die sie gleichermaßen berauschte und verführte.
„Wo bin ich?“, hauchte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
„Im Krankenhaus. Beweg dich nicht“, flüsterte Ray erleichtert darüber, dass sie wach war.
Alyssa gehorchte, sich der Schwere ihres Körpers bewusst, während sie sich langsam in der Realität verankerte.
Als Rays Finger sanft über Alyssas Wange glitten, fühlte sie eine warme Welle der Zärtlichkeit, die durch ihren Körper strömte. Ein Hauch von Erlösung umfing sie. Für einen Augenblick vergaß sie die Schmerzen und die Dunkelheit um sie herum. Ein Seufzen entrang sich ihren Lippen, ein leiser Ausdruck ihrer Sehnsucht nach Trost und Nähe.
In diesem Moment spürte Alyssa, wie sich etwas in ihr bewegte, eine tiefe Sehnsucht, die sie bisher nicht gekannt hatte. Es war ein Gefühl der Verbundenheit, das über die Grenzen ihres Verstandes hinausging und sich in ihrer Seele festsetzte. Ihre Augenlider flatterten, als sie sich dem Kuss von Rays Lippen hingab, einem Kuss, der wie ein Versprechen der Liebe und Fürsorge war.
Während Rays Lippen sanft auf ihrer Stirn landeten, spürte Alyssa plötzlich, wie ihr Herz einen schnelleren Rhythmus annahm. Der Monitor, der ihr Herz beobachtete, schlug schneller bei seiner Berührung, als ob er den Pulsschlag ihrer Liebe verfolgte.
Es gab nur sie beide, verbunden durch unsichtbare Fäden der Anziehungskraft und des Schicksals. In diesem Moment gab es keine Schmerzen, keine Zweifel, nur die süße Melodie ihrer Herzen, die im Einklang schlugen. Es war ein Moment der Reinheit und Magie, der sie für einen Augenblick den Glauben an das Unmögliche wiederfinden ließ. In seinen Armen fühlte sie sich sicher und geborgen, als ob sie endlich den Ort gefunden hatte, an dem sie hingehörte. Und während sie sich in seinem warmen Halt verlor, wusste Alyssa, dass sie bereit war, sich in die Tiefe dieser Liebe zu stürzen und den Fluss ihres Schicksals zu folgen, wohin auch immer er sie führen mochte.
Kurz darauf fiel sie wieder in den Schlaf.

Ray war fest entschlossen, keine Sekunde mehr von ihrer Seite zu weichen, egal wohin sie ging. Viel zu lange hat er gewartet, doch er wusste es nicht besser.
Immer und immer wieder sah er sie, seit seiner Kindheit, vor seinen Augen, wenn sie in Gefahr war, wie ein unvergessliches Bild, das sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingraviert hatte. Die Erinnerungen, wie sie in Momenten der Bedrohung verharrte, drängten sich wie unerwünschte Besucher in seinen Gedanken auf. Anfangs waren es nur kleine, scheinbar harmlose Situationen, die dennoch einen Schauer über seine Haut jagten. Doch mit jedem Jahr, das verging, schien ihr Schicksal immer enger mit seinem eigenen verknüpft zu sein.
Diese Bilder, wie sie in seiner Vorstellung auftauchte, verfolgten ihn unaufhörlich bis in die Jugend. Er hatte versucht, sie zu ignorieren, abzuschütteln wie einen unliebsamen Traum, doch sie ließ ihn nicht los. Manchmal hatte er gedacht, er wäre verrückt geworden, von den ständigen Visionen geplagt, die ihn quälten. Doch an dem Tag, an dem sie ihm tatsächlich gegenüberstand, wusste er, sie war definitiv mehr als eine Fantasie. Sie war real, greifbar und mitten in seiner Welt.
Es gab etwas Ähnliches in seiner Familie, eine uralte Legende, die seit vielen Generationen weitergegeben wurde. Es wurde zu einer dummen Geschichte, zu einem vergessenen Märchen, das in den Schatten der Vergangenheit verschwand.
Als er davon erfuhr, spürte er etwas Merkwürdiges, etwas, das er noch nie zuvor gefühlt hatte. Es war, als ob eine tief vergrabene Erinnerung in ihm erwachte, als ob ein uraltes Versprechen in seinem Inneren erwachte und sich zu dieser realen Begegnung fügte. Von dem Tag an, an dem er sie sah, wusste er es mit absoluter Gewissheit, sie war es, mit der er ein Leben lang verbunden sein würde.

Ray betrachtete sie, wie sie selig schlief und ließ ihre Hand nicht los. Die leichten Regungen ihres Atems, das sanfte Heben und Senken ihrer Brust, faszinierten ihn und ließen sein Herz vor Liebe und Sorge überquellen. Jede Berührung seiner Finger auf ihrer Haut schien ein unsichtbares Band zwischen ihnen zu knüpfen, das ihn fest an sie band.
Ein Seufzen entrang sich seiner Brust. Die Gedanken an all die Gefahren, denen sie gegenüberstand, ließen seine Seele erbeben. Doch in diesem Moment, in dem sie so friedlich dalag, schien die Welt um sie herum stillzustehen, und er konnte sich nur auf sie konzentrieren.
„Gott…“, flüsterte er.
Er blickte zu ihren geschlossenen Augen, als ob er eine Antwort von ihnen erhoffte.
„Hätte ich dich doch nur früher gesehen.“
Seine Worte klangen wie ein leiser Stoßseufzer der Reue, als er die Tränen in seinen Augen wegblinzelte, um sie vor ihrem Anblick zu verbergen.
„Es hätte so viel Leid erspart…“, fügte er mit einem schweren Herz hinzu.
Die Worte klangen wie ein stummer Appell an die Zeit, als ob er die Vergangenheit zurückdrehen und die Schatten von Alyssas Vergangenheit aufhalten könnte.
Er dachte an die Träume, die er mit ihr gemeinsam durchlebte, die sein Herz schneller schlagen ließen und sein Inneres in Aufruhr versetzten. Die Erinnerung an ihre gemeinsamen Abenteuer und die zarten Augenblicke der Verbundenheit ließ ein warmes Gefühl der Hoffnung in ihm aufkeimen.
„Erinnerst du dich?“, begann er leise, obwohl er wusste, dass sie seine Gedanken nicht hören konnte.
„Es war, als ob das Universum uns zusammengeführt hatte, um unsere Herzen zu vereinen und unsere Seelen zu vervollständigen.“
Seine Worte waren eine stille Liebeserklärung an die Frau, die sein Leben so unerwartet und unendlich verändert hatte.

Ein trauriges Lächeln umspielte seine Lippen, als er betrübt den Blick senkte. Die Gedanken an die verlorenen Momente und die Zeit, die sie hätten teilen können, erfüllten ihn mit Reue.
Er bereute es zutiefst, sich nicht früher mit der Legende seiner Vorfahren auseinandergesetzt zu haben. Es dauerte eine Weile, bis er der Legende Glauben schenkte, aber als er die wahren Ausmaße ihrer Verbindung erkannte, konnte er nicht anders, als sie zu akzeptieren und zu umarmen.

Er betrachtete sie erneut von oben bis unten und sah dabei all ihre Verletzungen. Jeder blaue Fleck, jeder Kratzer, jede Spur von Schmerz und Leid, die sich auf ihrem zerbrechlichen Körper abzeichneten, entfachte eine wilde Wut in ihm. Er hoffte verzweifelt darauf, dass er sich auch Jason vorknöpfen könnte. Jason würde für all das büßen, was er ihr angetan hatte. Nicht nur wegen dem, was vor einigen Stunden geschehen war, als er sie in ihrer schutzlosesten Stunde attackiert hatte, sondern auch wegen dem, was er vor seinen Augen sah, vor einigen Jahren.
Die Erinnerung an den verheerenden Anblick, wie Jason Alyssa bedrohte und verletzte, ließ sein Blut kochen. Es war, als ob die Zeit stillstand und er sich wieder in diesem Moment befand, als er hilflos zusehen musste, wie das Unheil seinen Lauf nahm. Doch diesmal würde er nicht tatenlos zusehen. Diesmal würde er kämpfen, mit all seiner Kraft, um Alyssa zu beschützen und Gerechtigkeit für sie zu erreichen.
Er wusste, dass Sam bereits dabei war, Jason die Seele aus dem Leib zu prügeln, was ihm ein wenig Erleichterung verschaffte. Jason lief nicht mehr frei herum, sondern war zwischen Sams Fäusten gefangen. Doch auch wenn dieser Gedanke ihm kurzzeitig Trost spendete, konnte er die brodelnde Wut in ihm nicht lindern.
Er kannte Sam gut genug, um zu ahnen, welche Methoden er anwendete. Es war einer der Gründe, warum er sich niemals vorstellen konnte, dass Alyssa mit Sam zusammen sein sollte. Sie würde dauerhaft von finsteren, gewalttätigen Gestalten umgeben sein, in einem Sumpf aus Kriminalität und Gewalt, der ihr unschuldiges Wesen verderben könnte.



Sam befand sich in einem Rausch der Wut, der wie ein tobendes Feuer in ihm loderte und kaum zu bändigen war. Tränen vermischten sich mit den Tropfen des Blutes, das seine Faust beim Schlagen auf Jasons Körper hinterließ, während immer wieder Alyssas zarter, verletzlicher Anblick vor seinen inneren Augen auftauchte.
Doch noch ehe er erneut zuschlagen konnte, hallten Rays Worte wie ein warnender Echo in seinem Kopf wider.
Lass mir etwas übrig, bevor du es beendest.
Die Worte durchdrangen den wütenden Nebel in seinem Verstand.
Mit einem letzten, beinahe zögerlichen Tritt in Jasons Bauch richtete Sam sich auf und wandte sich abrupt ab. Seine Hände, die vor kurzem noch mit geballter Kraft zugeschlagen hatten, zitterten nun, als er das Badezimmer betrat und das warme Wasser über seine aufgeplatzten Handballen rinnen ließ. Ein schmerzhaftes Zischen entfuhr seinen Lippen, als das Wasser seine Wunden berührte, eine stumme Erinnerung an die Gewalt, die er gerade erst entfesselt hatte.
Er lief zu seinen treuen Gefährten, müde vom Gewicht seiner Gedanken und den Strapazen des Tages. Mit einer erschöpften Geste ließ er sich auf einen Stuhl sinken und bestellte sich einen Drink, während sein Blick müde über die Gestalten in der Bar schweifte.
„Flickt ihn“, befahl er schließlich mit einer Autorität, die keine Widerrede duldete.
Es war mehr als eine Anweisung. Es war eine Erinnerung an ihre Hierarchie, an die unumstößliche Macht, die er über sie ausübte, und an die unerschütterliche Loyalität, die sie ihm entgegenbrachten.
Vex und Dantis, seine loyalen Gefolgsleute, tauschten einen kurzen, bedeutungsvollen Blick aus, bevor sie sich dem Befehl ihres Anführers widmeten. Obwohl sie überrascht waren, weil er nicht beendete, was er anfing, zögerten sie keinen Moment und begannen sofort, ohne Fragen zu stellen.
Colt trat auf Sam zu, seine Augen voller Sorge und Nachdenklichkeit.
„Es ist lange her, dass ich dich so gesehen habe“, sagte er leise, während sein Blick auf die blutbefleckte Kleidung fiel.
„Was ist passiert?“, fragte Colt.
Doch Sam schwieg beharrlich. Seine Gedanken kreisten um Alyssa und die Geheimnisse ihrer Vergangenheit, die sie nur bruchstückhaft preisgab.
„Doktor Julius“, murmelte Sam beinahe unverständlich vor sich hin.
Colt runzelte die Stirn, nahm einen letzten Schluck von seinem Drink und stellte das Glas auf dem Tresen ab.
„Was ist mit dem?“, fragte er, bereit, jedem Befehl seines Freundes Folge zu leisten.
Ein intensiver Blick zwischen den beiden Männern genügte, um die Ernsthaftigkeit der Situation zu verdeutlichen.
„Sucht ihn und bringt ihn her. Vermutlich ist er in Clarksville“, knurrte Sam.
Colt nickte und gab Mayn und Gunner ein Handzeichen, sie folgten ihm auf dem Fuße. Kurz darauf verschwanden sie, bereit, jeden Befehl ihres Anführers umzusetzen.
„Vandal, fahr zu ihrer Wohnung und versuche etwas über ihre Vergangenheit herauszufinden. Achte darauf, dass dich niemand sieht, und hinterlasse keine Spuren“, sprach Sam mit ernster Miene, seine Worte wie eisige Befehle in der Luft hängend.
Vandal nickte kurz, sein Blick fest und entschlossen. Er wusste sofort, was zu tun war.
„Chase, du fährst mit ihm“, fügte Sam hinzu, seine Stimme unerbittlich, während er seinen Blick zwischen den beiden Männern hin- und herwandern ließ.
Chase hob eine Augenbraue.
„So ein Aufwand für eine Frau?“, fragte Chase provokant, sein Ton spöttisch und leicht verächtlich.
Innerhalb Sekunden stürmte Sam auf ihn zu, seine Augen flammten vor Wut, und er verpasste Chase die heftigste Faust seines Lebens, sodass dieser zu Boden fiel. Ein dumpfer Aufprall erfüllte den Raum, gefolgt von einer bedrohlichen Stille.
„Sag das noch mal!“, brüllte Sam voller Wut und Verzweiflung, seine Stimme ein Echo des Zorns, der in seinem Inneren tobte.



Alyssa grinste breit, als sie die Zeilen von Rays Brief las. Ihr wurde heiß, und sie keuchte leicht, bei den Worten, die er verwendete. In ihrem Kopf spielten die schmutzigsten Szenarien, die er mit ihr anstellen würde, sobald sie sich wieder trafen. Jedes Wort von ihm entfachte ein Feuer tief in ihrem Inneren, das sie sehnsüchtig nach ihm verlangen ließ.
Bald war es so weit. Die große Feier stand an, und er lud sie als Ehrengast ein. Doch irgendwie war ihr bei dem Gedanken an diese Feier unwohl. Kathie war auch da. Seine feste Freundin. Zumindest für die Presse. Insgeheim traf er sich jedoch so oft es ging, bei jeder noch so kleinen Gelegenheit, mit Alyssa. Ihre verbotene Liebe flammte in den geheimen Treffen auf, immer und immer wieder, während sie sich in den Schatten der Öffentlichkeit versteckten. Nur die Wenigsten waren eingeweiht, so auch Kathie. Alyssa spürte Kathies boshafte, eifersüchtige Blicke immer wieder in ihrem Nacken, sobald sie Ray sah. Es tat Alyssa sehr leid, dass ihre Beziehung bloß ein Schein für die Öffentlichkeit war. Und auch hasste sie es, dass ihr Verhältnis mit Ray im Geheimen bleiben musste, verbannt in die Schatten, wo ihre Liebe nicht frei erblühen konnte.
Endlich war der Tag gekommen. Ray ließ sie zu seinem mächtigen Anwesen fahren, wo der Himmel auf sie wartete, denn es war das erste Mal, dass sie offiziell bei einem seiner exklusiven Events dabei sein durfte. Bis zum Abend hatte sie Zeit, sich einzuleben und die anderen Anwesenden kennenzulernen. Schnell fand sie Freunde, mit denen sie sich am Pool unterhielt, während die Sonne auf sie schien und der Duft von Sommerblumen in der Luft lag.
Als sie sah, wie ihre kleine blaue Box am Rande des Pools lag, schlug ihr Herz schneller, und sie bekam Panik. Sie wusste nicht, wie sie dahin gelangt war. Darin befanden sich alle Briefe, die sie mit Ray hin und her schrieb, selbst wenn sie gerade am selben Ort verweilten. Sie beinhalteten die unausgesprochenen Gedanken, die sie gerne mit dem anderen ausleben wollten, doch vor den ganzen Kameras einfach keine Chance dazu hatten.
Sie schwamm so schnell sie konnte zum Rand des Pools, stieg aus und rannte zu der Box. Sie öffnete sie, und plötzlich schossen ihr Tränen in die Augen, die sie nicht aufhalten konnte. Alle seine Briefe waren durchnässt und unlesbar. Es war, als ob ihr Herz einfach aufgelöst wurde, so viel bedeuteten ihr diese Briefe.
Im nächsten Moment war das Event im vollen Gange. Sie beobachtete das Spektakel vom Rande des Geschehens, an der Bar angelehnt, und das sorgte für leichten Herzschmerz. Er stand etwa fünfzehn Meter entfernt von ihr, Kathie strahlend in seinen Armen, alle Augen und Kameras auf sie gerichtet. Es versetzte ihr einen Stich ins Herz. Sie wünschte sich sehr, an Kathies Stelle zu sein.
Und als hätte Ray ihre Wünsche gehört, trat er auf sie zu.
Alle Blicke verfolgten ihn, als er Kathie eiskalt stehen ließ. Wenige Zentimeter vor Alyssa hielt er an und sah ihr tief in die Augen.

„Nur du bist es, mit der ich zusammen sein will. Es ist mir egal, was die Konsequenzen sind. Ich halte es nicht mehr aus und muss es der ganzen Welt zeigen, wie sehr ich dich begehre. Du gehörst an meine Seite“, sprach er mit leuchtenden Augen.
Bevor sie etwas erwidern konnte, landeten seine Lippen bereits auf ihren, was der Menschenmasse ein lautes Entsetzen entlockte. Doch in diesem Moment war ihr alles egal. Endlich war es raus.
Wild umschlungen küssten sie sich, und allein von seinen zurückhaltenden Berührungen an ihrem Körper nahte sie sich dem Höhepunkt, während das Gefühl der Verbotenheit sie berauschte und ihre Liebe inmitten des Blitzlichtgewitters erblühte.

Mit einem klopfenden Herzen und einer berauschenden Hitze in ihrem Inneren erwachte sie aus ihrem Schlaf.
Sie richtete sich leicht auf, ein leises Stöhnen entrang sich ihren Lippen, als der Schmerz ihrer Verletzungen sie durchzuckte. Trotzdem ließ sie ihren Blick über Ray gleiten, der friedlich im Stuhl neben ihr schlief, eine Strähne seines Haares fiel ihm leicht über die Stirn. Ein Lächeln breitete sich automatisch auf ihrem Gesicht aus, als sie seine vertraute Gestalt betrachtete, und ein unbeschreibliches Gefühl der Liebe durchströmte sie.

Seine Hand umschloss fest ihre. Der sanfte Druck seiner Finger auf ihrer Haut vermittelte ihr ein Gefühl von Verbundenheit und Zuneigung, das sie tief in ihrem Inneren berührte. Sie ließ sich von seiner Nähe beruhigen, während sie ihm still dabei zusah, wie er schlief.
Ein Hauch von Dankbarkeit erfüllte sie, dass er hier bei ihr war, in guten und in schlechten Zeiten.
Mit einem zufriedenen Seufzen schloss sie schließlich wieder ihre Augen.