Sam spürte, wie eine angenehme Wärme sich in seinem Inneren ausbreitete, während er Alyssas Kopf auf seiner Brust ruhen sah. Das sanfte Gewicht ihres Hauptes schuf eine intime Verbindung, die weit über die physische Nähe hinausging. Sein Herz schien im Einklang mit ihrem Atem zu schlagen, und in diesem Moment empfand er eine tiefe Zufriedenheit.
Sein Blick wanderte langsam zu ihrem Hintern, der unter der Decke hervorschien und sein Verlangen leicht entfachte.
Er atmete schwer aus, schloss die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. Es wäre ihm äußerst unangenehm gewesen, wenn sie aufwachte und sein erster Anblick für sie ein steifer Penis gewesen wäre. Die Tatsache, dass er seitdem er sie kannte, so häufig erregt war, machte ihn verrückt. Zwar hatte er zuvor auch Bedürfnisse gehabt, die er nach Belieben befriedigte, aber die Häufigkeit seiner Erregung bei Alyssa war ihm ungewohnt.
Es war auch befremdlich, dass er noch keine Fortschritte gemacht hatte. Bei jeder anderen Frau hätte er sofort Näheres gesucht, doch bei ihr war es anders.

Er verweilte noch einige Minuten, bevor er sich entschloss, ihren Kopf vorsichtig anzuheben und sich aus ihrer Umarmung zu lösen. Da es noch dunkel war, wollte er sie nicht wecken. Außerdem wollte er nicht, dass sie erfuhr, was er als Nächstes vorhatte. Dieses ungewöhnliche Verhalten zwischen Alyssa und Ray beschäftigte ihn immer noch, auch wenn er die gemütliche Zweisamkeit in dieser Nacht genossen hatte.
Er zog sich an und nahm frecherweise ihren Schlüssel mit, bevor er die Wohnung verließ. Bevor sie erwachte, wollte er einige Dinge erledigen.
Im Hotel frischte er sich auf und führte einige Telefonate. Eines, um den Arzt seiner Familie zu kontaktieren, wie er es Alyssa versprochen hatte, und eines, um einen Bekannten zu beauftragen, eine kleine Unterhaltung mit Ray zu führen.
Natürlich sollte dies diskret geschehen.
Vielleicht war die Begegnung mit ihm und Alyssas Verhalten nur ein merkwürdiger Zufall, besonders da sie eine beträchtliche Menge Champagner getrunken hatten.
Zumindest versuchte er sich das einzureden.

Sam war zwar nicht in das Geschäft seiner Eltern involviert, aber er hatte seit vielen Jahren sein eigenes Netzwerk aufgebaut, das ihn zu einer unüberwindlichen Größe in der Unterwelt machte. Schon als Kind war er unter den größten, und durch jahrelanges hartes Training hatte er sich zu einem wahren Kraftpaket entwickelt, das jeden, der es wagte, ihn herauszufordern, in die Schranken wies.
Sein Leben war geprägt von Momenten der Qual und des Schmerzes, in denen er gemobbt und brutal verprügelt wurde. Doch Sam entschied sich eines Tages, dass er genug davon hatte, sich wie ein Opfer behandeln zu lassen. Mit eisernem Willen begann er ein gnadenloses Training, um sich selbst zu verteidigen und niemals wieder in die Rolle des Unterlegenen gedrängt zu werden. Es war ein steiniger und schmerzhafter Weg, aber er schaffte es, sich als unantastbar zu etablieren und verteilte fortan gnadenlos Strafen an jene, die es wagten, ihm entgegenzutreten.
Von diesem Tag an erlangte er einen neuen Ruf in der Stadt – vom einstigen Verlierer wurde er zum gefürchtetsten Jungen, den man respektierte und fürchtete. Sein Name allein genügte, um Angst und Schrecken zu verbreiten, und über die Jahre hinweg nutzte er geschickt diese Furcht, um ein profitables Netzwerk von Gewalt und Schrecken aufzubauen, das ihn an die Spitze der Unterwelt katapultierte.
Irgendwann beschloss er jedoch, seine Taktik zu ändern, um seine Eltern nicht weiter zu beunruhigen. Er wurde zum unsichtbaren Drahtzieher im Hintergrund, knüpfte Beziehungen zu gefährlichen Gruppen und skrupellosen Männern und schloss mit ihnen tödliche Abmachungen ab. Sein Geschäft florierte, ohne dass er selbst die Hände schmutzig machen musste. Wenn jemand Sam aufsuchte, um seine Dienste in Anspruch zu nehmen, gab er die nötigen Informationen weiter, und seine Schergen erledigten den Auftrag, ohne Fragen zu stellen. Die Bezahlung erfolgte im Voraus, und seine Dienste waren vielfältig – von simpler Einschüchterung bis hin zu kaltblütigem Mord.
Für Sam war sein Geschäft ein gefährliches Spiel, bei dem er nie sein Hemd befleckte, aber dennoch profitierte. Seine Mutter war oft genug wütend auf ihn gewesen, weil er teure Kleidung durch seine gewalttätigen Auseinandersetzungen ruinierte. Doch trotz ihres Reichtums hatten seine Eltern ihren Söhnen eingeschärft, dass sie mit Geld nicht verschwenderisch umgehen sollten.
Nebenbei führte er noch den ein oder anderen blutigen Käfigkampf im Untergrund durch, wo sich niemand gerne mit ihm anlegte. Doch als er Alyssa zum ersten Mal sah, schienen diese dunklen Zeiten vorerst vergessen zu sein, und er fragte sich, ob sie vielleicht ein Licht am Ende des Tunnels seiner düsteren Vergangenheit sein könnte.

Zum ersten Mal in seinem Leben nutzte Sam seine umfangreichen Kontakte für sich selbst. Nicht für das Geschäft, nicht für die Gewalt – sondern für sie, für Alyssa. Ein ungewohntes Gefühl der Besorgnis und der Drang, sie zu beschützen, trieben ihn an. Er wollte einfach nur herausfinden, warum er sie so intensiv anstarrte, was ihre Verbindung war und warum Alyssa sich ihm gegenüber so verhielt, wie sie es tat.
Er fand das alles ziemlich merkwürdig – die unerwarteten Emotionen, die durch Ray ausgelöst wurden, und die geheimnisvolle Aura, die sie umgab. Doch gleichzeitig spürte er einen starken inneren Drang, sie zu beschützen, koste es, was es wolle.

Bevor er aus dem Auto stieg und zurück zu ihrer Wohnung ging, ließ er seine Gedanken ungewollt schweifen. Er stellte sich vor, wie sie immer noch halbnackt in ihrem Bett lag und ihn mit einem einladenden, verführerischen Lächeln begrüßte. Wie sie sich zärtlich auf ihre Unterlippe biss und ihn gierig ansah. Wie sie aufstand, auf ihn zulief, ihn dominant gegen die Wand drückte und mit der Hand an seinem pochenden Schwanz rieb, ihm schmutzige Dinge ins Ohr flüsterte…
Oh mein Gott! Toilette! Wäschekorb! Die Parkbank! Die Kotze auf einer Clubtoilette!“, versuchte er sich selbst aus seinen Vorstellungen herauszureißen und richtete seine Hose zurecht.
Es dauerte einen Moment, aber sein Schwanz beruhigte sich, als er diese Dinge noch etwa hundert Mal in Gedanken aufsagte und sich die passenden Bilder vorstellte.

Normalerweise hätte er sich nicht beherrscht und einfach nachgegeben, aber er kämpfte dagegen an mit aller Kraft. Einfach weil er nicht wie ein Psycho wirken wollte, der vor einem Haus lauerte und sich auf die schönste Frau, die dort wohnte, einen runterholte.
Er stieg aus dem Auto und lief mit pochendem Herzen und einem breiten Grinsen auf die Haustür zu. Noch bevor er den Schlüssel ins Schloss steckte, vibrierte sein Handy.
„Colt… Was will der denn jetzt?“, stöhnte er genervt, während er den Anruf entgegennahm.
„Was?!“, brüllte er förmlich in den Hörer, mit einem unmissverständlichen Unterton der Wut.
„Boss… Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wollte ich noch einmal nachfragen. Unterhalten oder unterhalten?“, fragte Colt leicht eingeschüchtert, in der Hoffnung, Sam würde ihn nicht durchs Telefon umbringen.
„Fürs erste unterhalten, habe ich doch klar und deutlich ausgedrückt. Ihr müsst Gunner langsam erklären, wie alles abläuft!“, antwortete er gereizt, seine Geduld bereits am Ende.
„Ja… Ich will ihn nicht in Schutz nehmen, aber er ist doch erst so kurz dabei…“, sprach Colt kleinlaut, während er versuchte, die Situation zu entschärfen.
„Nehmt ihn härter ran, sonst mach ich es! Und meldet euch erst wieder, wenn ihr fertig seid!“, befahl er streng und legte ohne weitere Worte auf, sein Gesicht vor Zorn verzerrt.
Vollidioten…“, dachte er sich verärgert und öffnete endlich die Tür.

Sam verspürte in seinem ganzen Leben noch nie so große Angst wie in dem Moment, als er Alyssa auffing, bevor ihr Kopf den Boden berührte. Nachdem sie keinerlei Reaktionen mehr zeigte, hob er sie hoch und fuhr so schnell wie möglich zum Anwesen seiner Eltern, wo Doktor Hank bereits wartete. Dieser handelte sofort nach ihrer Ankunft, doch er konnte keine Ursache finden. Er untersuchte sie mehrfach auf Sams wiederholtes Drängen, führte unzählige Tests durch, doch es konnte einfach nichts festgestellt werden, was ihren Zustand verursachte.
Sam erkannte sich selbst nicht wieder. Wenn er sie ansah, wie sie reglos im Bett lag, war er den Tränen so nah wie seit vielen Jahren nicht mehr. Zuletzt hatte er geweint, als er die letzte Prügelei einstecken musste, bevor er sich gewehrt hatte. Es dauerte auch nicht lange, bis sein Bruder Antoine ihn damit aufzog, woraufhin er ihn am liebsten verprügelt hätte. Sams Mutter hingegen zeigte erstaunlich großes Verständnis und zügelte das Verhalten ihres erstgeborenen ein wenig. Denn das, was Sam empfand und auf die heftigste Art durchlebte, war ihr selbst nicht unbekannt.

Volle zwei Tage war Alyssa in Ohnmacht versunken, bevor sie in einem fremden Bett aufwachte. Diesen Ort hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie zischte, als sie versuchte, sich aufzusetzen. Sam eilte zu ihr und befahl ihr sofort, sich wieder hinzulegen. Sie sah sich um. Mehrere Kabel hingen an ihr, die zu verschiedenen Maschinen führten.
„Was ist das alles?!“, fragte sie Sam.
Er setzte sich auf die Bettkante und sah sie besorgt an.
„Das sind nur ein paar Geräte, die deinen Zustand überwachen. Weißt du noch, was passiert ist?“
Alyssa dachte nach und bekam dabei ein fürchterlich schmerzendes Ziehen im Schädel. Sie griff sich an den Kopf. Irgendwie konnte sie keine dieser Bilder erkennen, die sich blitzschnell durch ihr Hirn blendeten.

„Ich weiß nicht. Ich hatte einen Alptraum und dann plötzlich unglaubliche Schmerzen in der Brust. Danach kann ich mich nicht richtig erinnern… Alles wurde schwarz.“
Sams Herz fühlte sich an, als hätte jemand ein Messer in seine Brust gestochen, als er die Szene erneut durchspielte, wie sie zu Boden fiel.
„Ja, du bist ohnmächtig geworden. Laut Doktor Hank ist alles in Ordnung, es fehlt dir nichts. Aber das erklärt nicht die Schmerzen in der Brust oder warum du ohnmächtig wurdest. Deshalb hängst du an all diesen Geräten“, erklärte er und wies auf die Monitore neben ihrem Bett.
Er strich ihr noch kurz zärtlich über die Wange und stand dann auf. Die liebevolle Berührung von ihm ließ ihre Brust warm werden. Sie seufzte leise.
„Ich werde jetzt Siena anrufen und ihr sagen, dass es dir gut geht. Und natürlich noch den Doc, damit er dich von den Geräten befreit und ein letztes Mal checkt.“
„Woher hast du ihre Nummer?“, wollte Alyssa wissen.
Sam hob eine Augenbraue.
„Du hast keinen Code auf deinem Telefon. Es war nicht besonders schwer, ihre Nummer herauszufinden. Du solltest unbedingt dein Handy sperren. Da stehen auch ziemlich private Dinge drin, die nicht unbedingt jeder wissen sollte.“
Alyssa errötete und gleichzeitig fühlte sie sich schlecht. Irgendwie hatte sie das Gefühl, Sam unnötig viele Umstände bereitet zu haben, nur weil sie ohne ersichtlichen Grund Herzschmerzen hatte und dann auch noch ohnmächtig wurde. Es war gut, dass er da war, aber sie fühlte sich schlecht, dass er sich um sie kümmern musste. Sie hasste es, wenn man ihr helfen musste, oder wenn sie um Hilfe bitten musste. Als hätte Sam ihre Gedanken gelesen, unterbrach er sie.
„Du musst dich nicht schlecht fühlen, nur weil ich dir geholfen habe. Das ist eigentlich selbstverständlich. Außerdem weißt du ja, dass ich dich mag. Deshalb hätte ich so oder so geholfen, egal was dir passiert wäre.“
„D-Danke…“, flüsterte sie.
Was Sam für sie tat, empfand sie nicht gerade als selbstverständlich, zumindest nicht von ihm. Immerhin kannten sie sich erst seit wenigen Tagen und wussten eigentlich nicht viel voneinander.

Nachdem Sam ihre Freundin und Doktor Hank kontaktiert hatte, kam er wieder zu ihr ans Bett und setzte sich auf den Stuhl nebenan. Alyssa saß nun aufrecht da, sah betrübt aus dem großen Fenster hinaus und versuchte erneut, sich zu erinnern, was geschehen war. Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, die sich immer noch nicht klar zusammenfügten, als ihr Magen laut knurrte. Sam lachte amüsiert, woraufhin sie sich schämte. Er stand auf und ging zu einem begehbaren Kleiderschrank, der mit Kleidung nur für Alyssa bestückt war. Dort holte er ein langärmeliges Kleid in einem Tannengrün sowie weiße Sneaker heraus, in der Hoffnung, dass es ihr gefallen würde.
„Das sollte dir passen“, sagte er und legte es auf das Bett.
„Wenn du soweit bist, komm runter. Ich lasse dir etwas zu essen vorbereiten. Dein Bad ist hinter der linken Tür. Du findest dort alles, was du brauchst“, fügte er hinzu, gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Stirn und verließ das Zimmer.
Nicht lange später kam auch schon Doktor Hank und befreite sie von den Kabeln, die an ihr hingen. Auf Sams Wunsch sah er sie sich noch einmal genauer an, fand aber nach wie vor keine Auffälligkeiten, die zu ihren Schmerzen oder der Ohnmacht führten.
Als Doktor Hank ging, sah sie sich noch einmal genauer um. Das Zimmer, in dem sie lag, war wirklich schön. Hohe Decken und große Fenster ließen viel natürliches Licht herein. Die Wände waren weiß gestrichen und betonten die Zimmerhöhe und schufen eine ruhige Atmosphäre, während Akzente in einem satten Weinrot dem Raum Wärme und Tiefe verliehen. Kunstvolle Gemälde oder Wanddekorationen schmückten die Wände und fügten eine elegante Note hinzu. Das Zentrum des Raumes wurde von einem eleganten Kingsize-Bett dominiert, das mit luxuriöser weißer Bettwäsche und kuscheligen Kissen dekoriert war, während eine Decke ebenfalls in Weinrot das Bett schmückte. Eigentlich wäre sie am liebsten in diesem Bett liegen geblieben, denn so ein gemütliches Bett hätte sie sich nicht einmal in ihren Träumen vorstellen können. Sie stand auf und betrachtete die Terrasse, die einen malerischen Blick auf die umliegende Landschaft bot. Es war wohl schon Nachmittag, so tief stand die Sonne am Himmel. Der Boden der Terrasse war mit eleganten, weißen Fliesen ausgelegt, die einen sauberen und zeitlosen Look schufen. Ein paar bequeme Lounge-Möbel luden zum Entspannen und Genießen der Aussicht ein.
Sie lief zum Badezimmer und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Ihr Mund formte sich zu einem breiten Lächeln, und sie konnte ein herzhaftes Lachen nicht unterdrücken.
„Das nenne ich mal Luxus… Wow, das Duschgel, das ich immer benutze, steht hier… Woher weiß Sam das?“, dachte sie laut.
Als sie fertig mit dem Duschen war, betrachtete sie im Spiegel ihr Hämatom von dem Rippenbruch. Es sah wirklich sehr unschön aus. Sie verließ das Badezimmer und sah mit gerunzelter Stirn auf das grüne Kleid, das Sam auf das Bett gelegt hatte.
„Das ziehe ich bestimmt nicht an…“, kicherte sie.
Sie lief in den begehbaren Kleiderschrank, wo Sam dieses Kleid herausholte.
„Oh mein Gott!“, staunte sie erneut mit weit aufgerissenem Mund.
Kurz überflog sie einmal alle Kleidungsstücke, die ihr ins Auge fielen.
„Hier hängen bestimmt Millionen!“
Sie entschied sich für einen Cashmere-Pullover in einem sanften Gelbton und eine hellblaue Jeans. „Das passt ja wie angegossen…“, war sie schon wieder erstaunt.
Sie schlüpfte noch in die Sneaker, die Sam ihr herausstellte, und ging mit ihren noch feuchten, gewellten Haaren in die untere Etage des Hauses, wie Sam es ihr gesagt hatte.
„Ich glaube, diese Kleidung ist teurer als meine Miete…“, kicherte sie.
Vorsichtig lief sie die Treppe hinunter. In ihren Rippen zog es ordentlich und auch ihrem Kopf ging es noch nicht unbedingt besser. Aber der Hunger war größer als die Schmerzen. Außerdem war sie furchtbar neugierig, wie der Rest des Hauses aussah. Kaum war sie unten angekommen, lief Sam ihr entgegen und führte sie in den Esssalon, wo bereits ein großes Mahl auf sie wartete. Bevor sie am Tisch ankamen, wurden sie von Sams Mutter Anna abgefangen.
„Samuel, du hast nicht gesagt, dass sie so schön ist!“, lächelte sie höflich, nahm Alyssas Hand und stellte sich kurz vor.
Alyssa spürte, wie ihre Wangen rot wurden und lächelte geschmeichelt. Sie selbst war nicht wirklich überzeugt davon, dass sie besonders schön war, doch sie fand Anna hingegen bildschön. Von ihr musste Sam dieses verboten gute Aussehen wohl geerbt haben.
„Mutter… Bitte. Alyssa muss etwas in den Magen kriegen, sonst kippt sie noch mal um. Wir können später weiterquatschen“, winkte Sam ab und zog Alyssa zum Tisch.
„Entschuldigung…“, flüsterte Alyssa ihr noch zu.
Anna lachte herzlich und verließ den Salon ohne ein weiteres Wort. Sie hatte ohnehin nicht vor zu bleiben, da sie noch einige Meetings vor sich hatte, bevor der Tag endete.
Sam rückte einen Stuhl zurück, der wie ein Thron aussah, und bat Alyssa, sich zu setzen. Ein richtiger Gentleman eben. Alyssa hatte noch gar keine Zeit, diesen riesigen Salon zu betrachten, weil sie von diesem großen Festmahl auf dem noch größeren Tisch so begeistert war.
„Wow… Ihr lebt ja wie Könige!“, war sie völlig fasziniert.
Er lachte verlegen.
„Na ja… Kann sein. Eigentlich hatte ich gesagt, dass es nicht so viel sein soll. Aber gut, nun hast du immerhin eine große Auswahl. Du musst auch am Verhungern sein. Immerhin hast du zwei Tage verschlafen…“, antwortete er und setzte sich neben sie.
„Zwei Tage?!“, rief sie erschrocken aus, und die Worte hallten noch einige Male durch den großen Saal.
Alyssa schlug sich die Hand vor den Mund.
„Zwei Tage?!“, fragte sie noch einmal leiser, beinahe flüsternd.
Sams Mundwinkel gingen nur sehr vorsichtig nach oben.
„Ja… Zwei Tage. Du hast mir ganz schön Angst gemacht… Ich habe wirklich geglaubt, du stirbst…“
Alyssa fühlte sich schrecklich und ließ sich in den sündhaft teuren Stuhl zurückfallen.
„Hattest du so etwas schon mal? Gibt es irgendwelche schweren Krankheiten in deiner Familie oder ähnliche Vorfälle?“, fragte Sam einfühlsam, als er sah, dass sie einen kleinen Schock erlitten hatte.
„Ä-Ähh… Nein, ich glaube nicht. Zumindest weiß ich von nichts. Keine Ahnung…“, versuchte Alyssa noch einmal nachzudenken, was genau passiert war.
Dieses Mal klappte es besser, aber sie spürte immer noch ein Ziehen im Schädel, als sie versuchte, die letzten Minuten vor ihrer Bewusstlosigkeit zusammenzusetzen.
„Als du… Als wir… Ich hatte plötzlich ein Ziehen in der Brust. Es war, als hätte jemand mein Herz gepackt und auseinandergerissen. Keine Ahnung, wie ich es besser beschreiben soll…“, sagte sie und versuchte eine Erklärung dafür zu finden, warum es passiert war.
Eine hauchzarte Note des unbeschreiblich schönen Dufts stieg ihr in die Nase, was sie von dem Moment ein wenig ablenkte. Sie atmete tief ein und überlegte kurz, ob es Sams Parfüm war, den sie roch. Als sie sich ein wenig vorlehnte, stellte sie zu ihrem Bedauern fest, dass es nicht Sam war.
„Alles okay? Worüber denkst du nach?“, wollte Sam wissen.

Sie guckt schon wieder so merkwürdig…“, dachte er ratlos.
Alyssa versuchte den Duft zu ignorieren.
„Äh… Nichts. Ich versuche nur gerade noch mal darüber nachzudenken, was passiert ist. Ich meine… Du und ich… Was war da los mit dir? Zuerst küsst du mich, wie mich noch nie zuvor einer geküsst hat, und dann lässt du mich eiskalt stehen, weil dein Handy wichtiger war“, haute sie heraus, ohne vorher überlegt zu haben.
Als ihr das bewusst wurde, riss sie die Augen weit auf, und ihre Wangen gewannen an Hitze.
„Entschuldige… Das klang jetzt anders, als es sollte!“, korrigierte sie.

Sam lehnte sich in seinem Stuhl zurück, wirkte wie ein göttlicher Prinz in seinem weißen Hemd, wo die ersten drei Knöpfe weit offen standen, und seiner beigen, schicken, sehr teuren Hose. Er setzte einen ernsten Blick auf. Denn die folgende Unterhaltung würde vermutlich ein wenig unangenehm werden.
„Das war Doktor Hank. Er wollte sich melden, sobald er eingetroffen ist“, versuchte er sich zu erklären, in der Hoffnung, sie nehme ihm diese Aussage ab.
Denn eigentlich rief Colt noch einmal an, was ihm ziemlich auf die Nerven ging. Alyssa sah ihn ebenfalls ernst an.
„Warum habe ich das Gefühl, dass du lügst?“
„Es gibt Dinge von mir, die ich dir noch nicht sagen möchte und auch nicht sagen kann. Es ist nichts für schwache Herzen, und sehr gefährlich. Ich möchte dich nicht mit in irgendetwas reinziehen, wo du nichts verloren hast“, antwortete er ehrlicherund ernst.
Es war besser, ihr so viel zu erzählen, wie sie hören durfte, und sie aus dem Rest herauszuhalten. Immerhin war sein Business nicht ohne, und da hatte Alyssa definitiv nichts verloren. Und wenn sie davon wüsste, würde sie sich fürchten und ihn garantiert nie wieder sehen wollen. Alyssa wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

„Und zu der Sache, die vor dem Anruf geschah…“, fing er an.
Alyssa sah ihm tief in die Augen und wartete gespannt auf absolute Ehrlichkeit. Wenn sie das Gefühl bekäme, dass er sie jetzt anlügt, wollte sie gehen. Sie hatte wirklich Besseres zu tun, als sich erneut mit einem Mann abzugeben, der sie permanent anlog. Und besonders nicht, wenn Sam es tat. Er hatte ihr Herz in kurzer Zeit mehr gewonnen, als ihr lieb war, und sie würde es nur sehr, sehr schwer verkraften, wenn das alles mit ihm auch in die Hose ging, so wie mit allen vorherigen Männern, an die sie interessiert war.
„Ich wollte, ich wollte dich wirklich. Gott…“, seufzte er laut und drehte seinen Kopf von ihr weg, um ihrem durchdrinenden Blick zu entfliehen und noch einmal kurz die nächsten Worte zu sammeln und seinen Schwanz zu beruhigen, der schon wieder durchdrehte, bei den Gedanken an diesen Moment, und sah sie danach wieder an.
„Ich hätte nichts lieber getan, als dich von der Küche ins Bett zu transportieren und dich von Kopf bis Fuß zu verwöhnen, bis du nur so vor Lust bebst und bettelst, dass ich endlich in dich eindringe und dir das Hirn rausvögle, bis du den heftigsten Orgasmus deines Lebens bekommst.“
Bevor er weitersprach, wartete er auf eine Reaktion von ihr. So wie sie ihn mit leicht geöffnetem Mund anstarrte, hatte sie nichts dergleichen erwartet.
„Folgendes meine ich wirklich ernst…“, sprach er weiter, aber zögerte kurz.
„Ich kann es bei dir einfach nicht. Ich weiß nicht wieso, aber irgendetwas läuft da ganz anders, als ich es bisher erlebt habe. Ich will, aber kann nicht. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich einen Fehler machen würde, wenn ich dich einfach nähme. Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll…“
Alyssa fühlte sich unwohl und war verwirrt, als hätte sie irgendetwas Falsches getan. Beim letzten Kuss zeigte sie durch ihr Verhalten deutlich, dass sie es erwartete und hoffte, dass er ihre Signale verstehen würde und darauf reagieren könnte.
„Stimmt was mit mir nicht? Hast du vielleicht Angst, dass du irgendetwas kaputt machst, wenn du dir einfach nimmst, was du gerade begehrst?“, unterbrach sie ihn.
Sam schüttelte den Kopf.
„Nein… Du… Du bist perfekt. Ich möchte aber nicht, dass du denkst, ich würde dich nur ins Bett kriegen wollen. Es fühlt sich irgendwie falsch…“
Hinter ihnen räusperte sich jemand.
„Monsieur, Madame Ravens Freunde sind eingetroffen“, sprach John.
Sam und Alyssa drehten sich zu ihm, und kurz darauf spazierten all ihre Freunde in den Esssaal, die aus dem Staunen gar nicht mehr herauskamen. Alyssa sprang von ihrem Stuhl auf und fiel freudig nach und nach in ihre Arme.
„Ich freue mich, dass ihr hier seid!“
„Aber natürlich sind wir gekommen! Du weißt doch, dass wir immer füreinander da sind“, sagte Ben und sah Sam mit einem leicht finsteren Blick an, als wäre er Schuld an der Situation gewesen.
Sam nahm den bösen Blick wahr, reagierte jedoch nicht darauf. Er verließ kurz den Saal und entschuldigte sich, als sein Handy vibrierte.
Bevor er den Anruf annahm, wies er noch an, den Tisch für fünf weitere Gäste einzudecken. Eigentlich hatte er nur Siena eingeladen, doch sie lud anscheinend den Rest der Bande noch dazu.
„Seid ihr endlich durch damit?“, donnerte eine Stimme in die andere Leitung.
„Ja. Theoretisch.“, antwortete eine tiefe Stimme.
„Was heißt theoretisch?!“, grollte Sam angsteinflößend und warf einen kurzen Blick um die Ecke, um sicherzugehen, dass ihn niemand gehört hatte, denn er wurde lauter.
Die Gegenseite räusperte sich kurz, bevor eine Antwort kam.
„Er will dich persönlich sprechen. Er sagte, es sei von höchster Dringlichkeit, dich zu sehen. Und da wir nichts weiter unternehmen sollten als zu reden, blieb es dabei.“
„Okay, richte ihm aus, dass ich ihn aufsuchen werde. Vorerst bin ich beschäftigt.“, sagte Sam und beendete damit das Telefonat.
Obwohl er es irgendwie ahnte, dass er sich letztendlich doch selbst um diese Angelegenheit kümmern musste, wunderte er sich ein wenig über den Mut von Ray. Bisher traute sich niemand ein Wort zu erheben, wenn er seine Jungs vorbeischickte. Der Typ bedeutete Ärger, das war eine Tatsache. Es war ungewohnt, dass jemand so offen gegen ihn auftrat. Er hatte gelernt, dass seine Autorität unbestreitbar war und dass niemand es wagte, sich ihm entgegenzustellen. Doch Ray anscheinend schon.
Ein Gedanke, der ihm nicht besonders gefiel und eigentlich dumm war, schlich sich in seinen Verstand. Nicht lange nachdem er seine Jungs losgeschickt hatte, begann Alyssa fürchterlich zu leiden. Doch dass diese beiden Dinge irgendwie miteinander zusammenhingen, wollte er nicht glauben. Es war unmöglich, dass sein Befehl an die Jungs und Alyssas Leiden irgendwie verbunden sein könnten. Oder doch?
Er ging zurück in den Saal, wo alle bereits am Tisch saßen und das schnell gezauberte Mahl genossen und sich mit viel Gelächter unterhielten. Er beobachtete Alyssa, wie ihre Augen strahlten, wenn sie mit ihren Freunden sprach. Sie mussten ihr wirklich viel bedeuten.
Sam hielt sich überwiegend zurück, während alle sich unterhielten. Er sprach nur, wenn man ihn direkt Fragen stellte. Die meisten Fragen bezogen sich auf dieses Anwesen. Keiner von ihnen schien je so etwas betreten zu haben, so verzaubert wie sie waren.
Sam beobachtete Alyssa, wie sie vor Freude strahlte und ihr herzhaftes Lachen den Raum erfüllte. Es war, als würde ihr Lachen die düstersten Ecken seiner Seele erhellen und die schwersten Lasten von seinen Schultern nehmen. Jeder Klang ihres Lachens fühlte sich an wie ein warmes Licht, das sein Herz erwärmte und ihm ein Gefühl der Zugehörigkeit gab, das er nicht in Worte fassen konnte. Sam freute sich von Herzen für sie, denn ihr Glück war sein Glück. Ihr Lachen war seine Melodie und ihr Strahlen sein Licht in der Dunkelheit des Lebens. Er war einfach glücklich, wenn sie glücklich war, und nichts in der Welt konnte ihm dieses kostbare Gefühl nehmen.
Gott… Was ist nur los mit mir? Sie macht mich wahnsinnig…“, dachte er sich.

Nach einer Weile gähnte Alyssa erschöpft.
„Okay, Leute, nehmt es mir nicht übel, ich liebe euch, aber ich würde mich gerne hinlegen. Auch wenn ich zwei Tage verpennt habe, bin ich noch ziemlich müde.“
Keiner ihrer Freunde hatte einen Einwand. Sie waren einfach nur froh, dass sie wohlauf war und sie kurz sehen konnten. Natürlich machten sie sich große Sorgen. Schließlich befand sie sich in der Gesellschaft eines reichen, furchteinflößenden und äußerst gut aussehenden Mannes, den sie erst seit kurzem kannte. Alyssa begleitete sie zur Tür und sprach noch ein paar leise Worte mit Siena, während die anderen sich Sam ein letztes mal vornahmen.
„Du bist sicher, dass du hier bleiben willst?“, fragte Siena besorgt.
„Du weißt, du kannst auch bei mir schlafen. Mein Zuhause ist dein Zuhause. Und ich habe Netflix. Er kennt das vermutlich nicht einmal“, fügte sie hinzu und versuchte, ihre Freundin aufzumuntern.
Alyssa lächelte warm und ließ ihren Blick über Sienas Schulter hinweg zu Sam gleiten, der in der Ecke stand und gestresst wirkte.
„Danke, aber es ist alles gut. Ich bleibe hier. Ich glaube nicht, dass er mir irgendetwas antun wird“, zwinkerte sie ihrer besten Freundin zu.
Siena grinste breit.
„Und vergiss nicht noch die Details zu erzählen, die du vorhin ausgelassen hast.“
Die Details… In Gegenwart von Sam konnte sie nicht am Tisch über den unglaublichen Kuss sprechen, der ihr Becken zum Beben gebracht hatte. Die Erinnerung an die Intensität des Augenblicks durchzuckte sie wie ein elektrischer Schlag, und sie spürte, wie Hitze ihre Wangen erfasste. Es war unmöglich, diese Gefühle vor Sam zu verbergen, der sie mit seinem durchdringenden Blick beobachtete. Sie zwang sich, tief durchzuatmen und versuchte, sich auf das Gespräch mit Siena zu konzentrieren, aber ihr Geist war immer noch von dem Feuer des Kusses erfüllt.
„Ja, sobald ich kann, erzähle ich dir davon. Aber vorerst bleibe ich bei ihm. Vermutlich würde er mich auch nicht gehen lassen und mir mit einem herrischem Ton befehlen im Bett liegen zu bleiben, was mich irgendwie anmacht…“, sagte Alyssa und biss sich leicht auf die Lippe, während sie wieder zu Sam sah.
Siena lachte laut los.
„Oooh! Süße! Das hätte ich jetzt aber nicht von dir erwartet!“, brüllte Siena und hielt sich dann die Hand vor den Mund, weil es lauter war, als geplant.
„Habe ich irgendetwas wichtiges verpasst? Diesen Blick habe ich ja noch nie gesehen!“, versuchte sie zu flüstern, damit sie nicht noch mehr Aufsehen erregte.
Alyssa bekam hochrote Wangen, die Gott sei Dank dank des gemütlichen Lichts kaum zu erkennen waren und schämte sich.
„Oh mein Gott… Lass das! Es ist so schon komisch genug. Gerade du solltest wissen, dass das für mich Neuland ist.“, flüsterte sie.
„Und jetzt müsst ihr gehen!“, schrie sie beinahe, um sich aus dieser unangenehmen Situation zu befreien.
Kurz darauf verließen ihre Liebsten das Anwesen, und obwohl sie sie alle zutiefst liebte, fühlte sie in diesem Moment eine unerklärliche Erleichterung darüber, dass sie gegangen waren. Die Stille, die nach ihrem Abschied einkehrte, war wie eine wohltuende Oase inmitten des Chaos, das sie gerade durchlebte.
Alyssa spürte den intensiven Blick von Sam auf sich ruhen, und trotz ihrer inneren Unruhe konnte sie nicht anders, als von seinen hungrigen Augen gefesselt zu sein. Ein nervöses Kribbeln durchfuhr sie, als sie seine verlangenden Blicke erwiderte und sich plötzlich bewusst wurde, dass sie allein mit ihm war.
„Ich denke, ich sollte jetzt schlafen gehen“, murmelte sie schließlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern in der Stille des Raumes.
Da Sam keine Reaktion zeigte, lief sie an ihm vorbei Richtung Treppe, die zu ihrem Zimmer führte. Ihr Herz pochte laut in ihrer Brust, als sie sich bemühte, ruhig zu bleiben und nicht zurückzublicken.
Sam sah ihr nach, während er innerlich gegen den Drang kämpfte, sie davon zu überreden, noch mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Die Versuchung war stark, aber er wusste, dass er seine Gefühle unter Kontrolle halten musste. Die Gedanken, die um sie kreisten – nackt unter ihm, ihre Haut auf seiner, ihre Lippen auf seinen -, drohten ihn zu überwältigen, und er fürchtete, dass er die Beherrschung verlieren könnte. Er zwang sich, tief durchzuatmen, und entschied schließlich, dass es besser war, wenn sie in ihr Zimmer verschwand. Es war sicherer für beide, wenn er seine wilden Gedanken zügelte und sie in Ruhe ließ.
„Gute Nacht“, sprach er zu ihr, seine Worte voller Hoffnung, dass sie sich noch einmal umdrehen würde, doch sie tat es nicht.
Ihr Schweigen drückte schwer auf sein Herz, während er ihren Rücken betrachtete, der sich langsam entfernte.

„Gute Nacht“, rief sie zurück, und ihre Stimme klang enttäuscht, als sie die letzten Stufen der Treppe hinaufstieg.
Mit einem letzten Blick auf sie, kehrte er in den Esssaal zurück. Sein Herz war schwer vor Sehnsucht und Verlangen, das er mühsam unterdrückte. Es war besser so.
„Reiß dich zusammen, verflucht noch mal!“, ermahnte er sich selbst.

Im Zimmer angekommen, fühlte sie sich merkwürdig. Ein Gefühl der Leere erfüllte sie, als ob ihr Herz gebrochen wäre, weil er ihr nicht hinterherging. Aber was hatte sie auch erwartet? Sie war seinem Blick ausgewichen und in ihr Zimmer geflohen. Es war ein Moment der Erkenntnis, dass die Grenzen zwischen Verlangen und Zurückweisung dünn waren, und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.

Im selben Moment, als er das Geräusch ihrer Tür hörte, wie sie sich schloss, überfiel ihn plötzlich eine Welle der Reue, dass er ihr nicht nachgegangen war. Ein kurzer Moment der Unentschlossenheit überkam ihn, während er darüber nachdachte, ob es gut war, dass sie allein im Zimmer war. Aus irgendeinem Grund hatte er das merkwürdige Bedürfnis, sie nicht aus den Augen zu lassen. Er fürchtete, dass sie wieder diese unerklärlichen Schmerzen in der Brust bekäme. Bevor er jedoch zu ihr hochging, musste er noch das Personal bitten, den Tisch zu räumen. Seine Mutter würde ausflippen, wenn sie dieses Chaos sähe, das sie hinterlassen hatten.

Alyssa lief nachdenklich im Zimmer auf und ab und biss sich im Mund auf die Wange. Sie verspürte einen starken Drang, zu Sam zurückzugehen, und dachte, dass ihre vorherige Aktion total dämlich gewesen war. Sie war von ihm weggegangen, obwohl alles in ihr danach schrie, bei ihm zu bleiben. Aber jetzt einfach zu ihm zurückzugehen, erschien ihr peinlich, und das wollte sie vermeiden. Dann kam ihr eine Idee. Sie warf noch einmal einen Blick in den begehbaren Kleiderschrank und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass keine vernünftige Kleidung zum Schlafen vorhanden war. Das war die perfekte Ausrede, um noch einmal zu ihm zu gehen. Er hatte bestimmt das ein oder andere Shirt für sie übrig. Schließlich konnte sie schlecht in einem Kleid oder in dieser engen Jeans in dieses luxuriöse Bett steigen und darin schlafen. Das wäre viel zu unbequem und unpraktisch. Also nahm sie all ihren Mut zusammen und öffnete die Zimmertür. Kurz sah sie sich um und horchte, ob jemand in der Nähe war, bevor sie leise die Treppe hinunterschlich. Enttäuschung breitete sich in ihr aus, als sie Sam nicht im Essaal antraf. Ein leises Fluchen entwich ihren Lippen, als sie sich darauf vorbereitete, umzukehren, da ihr Plan nicht aufging. Als sie gerade den Essaal verlassen wollte, lief plötzlich John auf sie zu, was sie ein wenig erschreckte.
„Madame Raven, kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte er respektvoll.
„Ähm, ja. Ich suche Sam“, antwortete sie, hoffend, dass er keine Antwort hatte, da ihr Mut sie bereits verlassen hatte und sie beschloss, einfach in ihrem aktuellen Outfit zu schlafen.
„Monsieur befindet sich gerade in der Küche, Madame. Soll ich Sie zu ihm führen?“, sagte er lächelnd und deutete auf den kleinen Gang am anderen Ende des Saals.
„Okay…“, antwortete sie, mit einem nervösen Magen.
Jetzt gab es kein Zurück mehr, nachdem sie zugestimmt hatte.
Noch bevor sie den Gang zur Küche erreichten, kam Sam ihnen bereits entgegen, was Alyssas Herz aussetzen ließ. Sam war überrascht, als er sie sah.
„Ist etwas passiert?“, wollte er sofort wissen, seine Schultern angespannt vor Sorge, da Alyssa so nervös wirkte.
Er griff nach ihren Armen, falls sie gleich erneut in Ohnmacht fiel.
Alyssa holte kurz Luft, um neuen Mut zu finden, und versuchte, ihre Ausrede glaubhaft rüberzubringen, um ihn noch einmal zu sehen. Okay, was heißt Ausrede. Sie hatte wirklich nichts passendes zum Schlafen.
„Nein… alles gut. Ich… Ich wollte dich nur fragen, ob du mir eines deiner Shirts borgen könntest. Ich wollte ungern in diesem Outfit schlafen“, sagte sie, und versuchte, ruhig zu bleiben.
Sams Schultern entspannten sich und er ließ von ihr ab.
„Oh, okay. Entschuldige, ich hatte gerade das Schlimmste befürchtet. Natürlich. Komm mit.“
Sie folgte ihm und konnte nicht anders, als auf seinen hervorragenden Hintern zu starren, der vor ihr herlief.
Erneut stiegen sie die Treppe hinauf. Sie bogen rechts ab und liefen noch ein paar Meter weiter.

„Das Haus ist wirklich groß“, sagte sie fasziniert darüber, wie viele weitere Türen sich auf dem Weg befanden.
Sam lachte, was ihr Herz erwärmte und ein wenig die Nervosität nahm.
„Ja, aber das ist längst nicht alles, was du hier gerade siehst. Morgen kann ich dir gerne den Rest zeigen, wenn du willst.“
Alyssa stimmte natürlich zu, weil sie sehr neugierig war. Sam öffnete eine Tür, und dann betrat sie ein Zimmer, das ähnlich aufgestellt war wie ihres, nur in einem wunderschönen Goldton gehalten. Vielleicht war das ja Sams Lieblingsfarbe. Sie würde zumindest zu seinem feuerroten Haar passen. Sie blieb in der Tür stehen, während Sam in seinem Schrank herumwühlte, auf der Suche nach etwas, das er unwiderstehlich sexy finden und ihr gleichzeitig gefallen würde. Er ärgerte sich ein wenig darüber, dass er nicht an diese Art von Kleidung gedacht hatte, als er einige Dinge für sie besorgen ließ. Aber irgendwie war es auch gut, sonst wäre sie jetzt nicht hier und würde um ein solches Shirt bitten. Als er endlich etwas Passendes fand, sah er zart lächelnd zu Alyssa, die mit funkelnden Augen sein Zimmer betrachtete und sichtbar begeistert schien.
„Gefällt dir dieses Zimmer mehr als deins?“, fragte er.
Alyssa schüttelte leicht den Kopf.
„Nein. Ich mag dieses Gold sehr, finde aber mein Rot definitiv schöner. Es sind beides wunderschöne Zimmer, keine Frage, aber mein Bett sieht gemütlicher aus“, kicherte sie, als sie bemerkte, wie wenige Kissen auf seinem Bett lagen im Vergleich zu ihrem.
„Das habe ich auch gehofft.“
Sie nahm sein Shirt, aber hatte nicht wirklich vor, zurück in ihr Zimmer zu gehen.
„Möchtest du bei mir schlafen?“, fragte er direkt heraus, seine Stimme ruhig und einladend, was sie überraschte.
Ein sanftes Erröten stieg in ihre Wangen, als sie ihm zustimmte und weiter in sein Zimmer trat. Sam schloss die Tür hinter ihr und entledigte sich langsam seiner Kleidung, bis auf die Shorts. Alyssas Kinnlade fiel beinahe meterweit hinunter, als sie seinen durchtrainierten Körper in seiner vollen Pracht sah. Seine Haut war leicht gebräunt, eine Mischung aus der warmen Sonne und seiner natürlichen Ausstrahlung, die sie sofort anzog. Jeder Muskel war definiert und hob sich deutlich ab, von seinen breiten Schultern bis hin zu den straffen Muskeln seiner Arme und Brust. Die Adern an seinen Armmuskeln zogen sich unter der Haut entlang, eine markante Eigenschaft, die sie bisher nie bemerkt hatte, da sie ihn immer nur in langärmligen Hemden gesehen hatte. Sein Oberkörper war wie aus Stein gemeißelt, und sie konnte nicht anders, als fasziniert von seinem männlichen Anblick zu sein.
Als er bei ihr schlief, war er zwar auch bis auf die Shorts ausgezogen, aber sie war zu benommen von der merkwürdigen Begegnung mit diesem Ray und achtete nicht wirklich darauf, als sie auf seiner nackten, vollkommen durchtrainierten Brust einschlief. Sein warmes Aroma und die sanfte Berührung seiner Haut hatten sie schnell in einen tiefen, erholsamen Schlaf versetzt.
Ray… Sie hatte noch immer nicht wirklich Ahnung, was mit ihr vorging, als sie ihn sah. Aber das war ihr jetzt nicht wichtig. Immerhin stand sie gerade vor einem fast nackten, göttlich aussehenden Mann, der geradewegs auf sie zukam.
Oh Scheiße„, dachte sie, und wich in kleinen Schritten zurück, obwohl sie sich nicht vor ihm fürchtete. Er stand nun direkt vor ihr, griff zärtlich nach ihrem Kinn und hob damit ihren Kopf an, sodass er ihr tief in die Augen sehen konnte.
„Ich gehe jetzt duschen“, hauchte er verführerisch, in der Hoffnung sie würde mit ihm duschen.
Er wusste ganz genau, welche Wirkung diese Aktion auf sie hatte, so rot wie ihre Wangen wurden, was ihn amüsierte. Allerdings ging es ihm nicht anders, nur ohne die roten Wangen. Die Herzen von beiden hämmerten gegen ihre Brust. Alyssas Beine wurden weich wie Pudding, aber sie verlor nicht den Halt, da sie viel zu gebannt war von seinen leuchtenden, hungrigen Augen. Er wandte sich von ihr ab und schritt entschlossen in Richtung des Badezimmers. Kurz vor der Tür verlangsamte er seinen Schritt. In diesem Moment der Stille, da sie wie eine Statue in der Mitte des Raumes stand, eingefangen in einem Meer aus Gedanken, versammelte er all seinen Mut.
„Kommst du mit?“, erklang seine Stimme sanft durch den Raum, getragen von einem Hauch von Verletzlichkeit.
Alyssa blinzelte mehrmals, um aus ihrer Trance zu erwachen. Ihr Verhalten war ungewohnt. Dieses eigenartige Verlangen nach ihm war ihr vollkommen fremd. Obwohl sie schon einige Partner gehabt hatte, konnte keiner von ihnen diese seltsamen Empfindungen in ihr auslösen wie Sam. Es war seltsam, aber gleichzeitig das Erstaunlichste, was sie je erlebt hatte. Es war, als ob ihre Seele endlich denjenigen gefunden hatte, der sie vollständig machte. Das ungestüme Verlangen ihres Beckens nach ihm war ihr vollkommen fremd. Zwar hatte sie schon einige Male Sex, doch konnte sie darin nie wirkliche Erfüllung finden. Es fühlte sich eher wie eine Verpflichtung an, die sie sich selbst auferlegt hatte, überzeugt davon, dass es ihre Pflicht sei, intime Momente zu teilen. Sie bemühte sich oft genug, sich so zu verhalten, wie es in intimen Szenen in Filmen oder Büchern dargestellt wurde. Dennoch konnte sie nie ganz nachempfinden, wie sich echte Lust auf einen Mann anfühlen sollte. Sie konnte nicht verstehen, warum Sex als angenehm empfunden werden sollte, denn für sie war er eher schmerzhaft als befriedigend.
Während Alyssa immer noch regungslos verharrte, verriet ihr Gesichtsausdruck ein eindeutiges Ja. Sam ließ die Tür des Badezimmers offen stehen, bevor er unter die wohltuende Regendusche trat.
Alyssa konnte sich einfach nicht bewegen. Es lag nicht nur an Sam, sondern auch an dem betörenden Duft, der ihr wieder einmal in die Nase stieg. Es verwirrte sie, denn sie konnte nicht herausfinden, woher dieser Duft stammte oder warum sie ihn seit ihrer Begegnung mit Sam so oft wahrnahm. Ein verrückter Gedanke streifte ihren Geist – vielleicht war es eine Art Warnung -, aber sie weigerte sich, dies anzuerkennen. Sie stellte bereits fest, dass dieser außergewöhnlich betörende Geruch immer dann auftrat, wenn ihr etwas Schlimmes bevorstand. Dennoch konnte sie in diesem Moment nicht ergründen, was ihr bevorstehen mochte. Ihre unersättliche Begierde nach Sam erschien ihr jedenfalls keineswegs verwerflich. Also wagte sie sich mit wackeligen Beinen in Richtung des Badezimmers. In der Tür blieb sie stehen, als sie Sam sah, wie er sich mit beiden Händen nackt unter der Dusche durch die Haare fuhr, wodurch seine Muskeln noch deutlicher zum Vorschein kamen. Als er sich umdrehte, wanderte ihr Blick weiter hinunter zu seinem prächtigen Schwanz, was sie hochrot anlaufen ließ. Es war nicht der erste Penis den sie unter die Augen bekam, aber seiner war der schönste, den sie je sah. Als Sam bemerkte, dass sie in der Tür stand und ihn anstarrte, mit einem knallroten Gesicht, lächelte er breit. Nackt und klitschnass öffnete er die Tür der Dusche, in die mindestens zwanzig Menschen Platz gefunden hätten und trat auf sie zu. Ihr Herz machte einen Aussetzer, als er immer näher kam und drohte anschließend aus der Brust zu springen. Ohne jegliche Worte, weil er gerade selbst nichts vernünftiges herausbringen konnte, griff er nach dem Saum ihres Pullovers und hob ihn langsam an. Ohne bei Sinnen zu sein fügte sie sich und ließ ihn den Pullover über ihren Kopf ziehen. Als der Pullover zu Boden fiel griff er nach den Knöpfen ihrer Jeans, um sie davon ebenfalls zu befreien. Die sanfte Berührungen seiner Finger auf ihrer Haut ließ ihren Atem schwer werden. Ohne dass er viel tat, wurde sie feucht zwischen ihren Beinen, was sie noch nie erlebte. Kaum glitt die Hose an ihren Beinen hinab, sodass sie nur noch in Unterwäsche vor ihm stand, spürte sie einen heftigen Stich in ihrem Schädel und im nächsten Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Sie schwankte und klammerte sich am Türrahmen fest, und griff sich an den Kopf. Sam reagierte sofort und stützte sie.
„Alyssa!“, hörte sie jemanden aus der Ferne rufen.

Um sie herum war absolute Leere.
Sie drehte sich um und versuchte die Person zu finden, die ihren Namen rief. Mehrfach drehte sie sich im Kreis, aber sah niemanden vor sich. Es war nur die bloße Stimme, die nach ihr rief.
Sie schloss die Augen und versuchte zu begreifen, was gerade geschah. Als sie eine Wärme vor ihrem Gesicht spürte und den betörenden Duft roch, so stark wie nie zuvor, öffnete sie ihre Augen wieder.
Plötzlich stand Ray vor ihr, und auf einmal war alles durcheinander. Vor wenigen Sekunden stand sie noch halb nackt vor Sam, der gerade dabei war, ihre Kleider auszuziehen, und plötzlich stand der Mann aus ihren Träumen, den sie vor wenigen Tagen in der Realität getroffen hatte, vor ihr.

„Tu es nicht!“, sprach er mit eindringlicher Stimme und besorgtem Gesicht.
„Tu es nicht?“, wiederholte sie.
Ray zog sie in seine Arme und umhüllte sie fast mit seinem Körper, so groß war er.
„Bitte, schlaf nicht mit ihm!“, flüsterte er flehend, mit Tränen in den Augen.
Plötzlich vergaß sie alles, was wenige Sekunden zuvor geschah. Sie fühlte sich wie in einem Traum gefangen, in dem Realität und Fantasie verschmolzen waren. Ihre Gefühle waren ein Wirbelwind aus Glückseligkeit, Frieden und einem Hauch von Unwirklichkeit.
Als er sie umarmte, spürte sie eine tiefe Ruhe, die durch ihren Körper strömte und jede Faser ihres Seins durchdrang. In seinen Armen fühlte sie sich sicher, als ob sie endlich nach Hause gekommen wäre. Die Umarmung löste eine Welle der Erleichterung in ihr aus, als ob all ihre Zweifel und Ängste in diesem Moment verschwunden wären. Sie konnte seinen Herzschlag fühlen, synchronisiert mit ihrem eigenen, und es schien, als ob ihre Seelen im Einklang miteinander schwingen würden. Tränen der Freude prickelten in ihren Augen, und ein warmes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Es war, als ob die Liebe, die sie für ihn empfand, in diesem Moment ihren Höhepunkt erreicht hätte. Sie fühlte sich geliebt, geschätzt und verstanden, als ob er ihre innersten Gedanken und Gefühle lesen könnte, ohne dass sie ein Wort sagen musste.

Ray ließ von ihr ab und sah ihr in die Augen.
„Bitte…“, flehte er erneut.
Völlig benommen verstand sie nichts mehr. Was wollte er von ihr? Was sollte sie nicht tun?
Noch bevor sie ihn fragen konnte, was er meinte, durchzuckte ein erneuter, noch heftigerer Schmerz ihren Kopf. Sie krümmte sich vor Schmerz und schrie auf.

Als sie ihre Augen wieder öffnete, sah sie ein wunderschönes, markantes Gesicht vor sich, welches sie mit feuchten Augen ansah.
Sie weitete ihre Augen, löste sich aus Sams Armen und versuchte kurz zu realisieren, wo sie sich befand. Sie sah sich wild um, Tränen standen ihr nahe, und sie fühlte sich, als hätte sie gerade den wichtigsten Teil ihrer Seele verloren. Sam beobachtete sie besorgt und verwirrt, bevor er ihr Wirbeln unterbrach.
„Alyssa… Was ist passiert?“, fragte er mit ängstlicher Stimme.
„Ray…“, murmelte sie, ohne den Satz zu beenden, denn ein erneuter Stich durchfuhr ihren Kopf und dieses Mal auch ihre Brust.
Sie krümmte sich und schrie auf. Sam war völlig überfordert mit der Situation und hatte keine Ahnung, was mit Alyssa los war oder was sie mit Ray meinte. Eine gefühlte Ewigkeit verharrte sie in dieser gekrümmten Position, Sam direkt neben ihr, seine warmen Hände auf ihrem Rücken, bevor sie ihren Kopf hob und ihn ansah. Tränen flossen über ihre Wangen, und sie wusste nicht warum. Es fühlte sich an, als hätte man ihr das Herz herausgerissen.
„Ich muss zu ihm“, flüsterte sie mit bebender Stimme.
„Zu wem?“, fragte Sam vorsichtig.
„Ray“, antwortete sie.
„Okay. Wir werden ihn morgen aufsuchen“, versprach er ihr, obwohl sein Magen sich dabei verkrampfte und er ein ungutes Gefühl dabei hatte.
In diesem Moment wäre er bereit gewesen, ihr alles zu versprechen, nur um ihre Qual zu lindern.
„Aber jetzt legst du dich erst mal hin“, befahl er und hob sie hoch, noch immer nackt.
Er trug sie zum Bett und legte sie behutsam darin ab, und zog vorsichtig die Decke über ihren zarten Körper. Er verstand die Welt nicht mehr. Was hatte sie mit Ray? Warum zur Hölle hatte sie schon wieder diese Schmerzen? Nicht nur sie musste sich unbedingt mit ihm unterhalten, sondern er auch. Allerdings ohne, dass sie es erfahren sollte. Irgendwie hoffte er darauf, dass sie nach ein paar Stunden Schlaf vergessen würde, was gerade geschehen war.

Als die Sonne ihr Gesicht erwärmte, erwachte sie aus einem Schlaf, der sich mehr wie ein Albtraum anfühlte. Sie fühlte sich schrecklich und konnte nicht verstehen, warum. Sie setzte sich auf und sah sich suchend um. Als sie niemanden erblickte, beschloss sie aufzustehen. Bevor sie jedoch die Zimmertür erreichte, öffnete sie sich bereits und Sam trat herein, ein Tablett mit einem kleinen Frühstück und einem Kaffee darauf tragend. Er lächelte vorsichtig, mit klopfendem Herzen, als er Alyssa sah, die noch immer nur in Unterwäsche war.
„Guten Morgen. Wie geht es dir?“, fragte er vorsichtig.
„Guten Morgen. Ich weiß es nicht. Was ist gestern genau passiert? Ich erinnere mich nur daran, dass ich schon wieder diese Schmerzen hatte und mir schwarz vor Augen wurd…“
Plötzlich fiel es ihr wieder ein. Sie sah Sam mit großen Augen an, kreidebleich, als hätte sie einen Geist gesehen. Ray. Nachdem ihr schwarz vor Augen wurde, sah sie Ray, der sie um etwas bat, das sie nicht nachvollziehen konnte. Ihr Herz verkrampfte sich, und sie griff danach. Doch dann verstand sie plötzlich, was er meinte. Sie sollte nicht mit Sam schlafen, wo sie doch kurz davor stand, es zu tun. Sam stellte das Tablett auf einem kleinen Tisch ab und ging auf sie zu, besorgt, dass sie erneut zusammenbrechen könnte, so wie sie aussah.
„Was ist los mit dir?“, fragte er voller Sorge.
„Als mir schwarz vor Augen wurde, hörte ich jemanden nach mir rufen…“, begann sie unsicher, ob sie weitererzählen sollte.
„Wer rief nach dir?“, wollte er wissen, obwohl er die Antwort bereits irgendwie ahnte.
„…Ray rief nach mir.“
Sam verpasste dieser Satz einen heftigen Schlag in den Magen.
„Im nächsten Moment stand er vor mir und flehte mich an, nicht mit dir zu schlafen. Ich weiß nicht, warum er das sagte, oder was das sollte. Ich habe keine Ahnung, warum er mir überhaupt erschien. Ich weiß gar nichts mehr… Das ist alles so verwirrend. Es war nicht das erste Mal, dass ich von ihm träumte“, sprach sie eher zu sich selbst als zu Sam.
In Sam brodelte unbändiger Zorn, den er jedoch zu verbergen versuchte. Er konnte ihr nicht einfach sagen, dass sie sich von ihm fernhalten und nicht mehr an ihn denken sollte. Alles, was mit ihm zu tun hatte, brachte Alyssa großes Leid. Sie durfte nicht zu ihm. Er nahm sie in den Arm und drückte sie fest an sich, in der Hoffnung, dass sie sich dadurch besser fühlen würde. Sie schlang ihre Arme um ihn und fühlte sich tatsächlich etwas wohler.
„Ich muss zu ihm“, sagte sie entschlossen.
„Ich muss herausfinden, was es damit auf sich hat.“
Sam gefiel es überhaupt nicht, dass sie sich mit Ray treffen wollte, aber er versprach es ihr und er war ein Mann, der sein Wort hielt, auch wenn es ihm nicht passte. Wenn es ihr nach einem Gespräch mit Ray besser ging, musste er wohl oder übel damit umgehen, egal wie sehr er Ray verabscheute. Er bedauerte es ein wenig, dass er seine Leute nur angewiesen hatte, mit Ray zu reden, anstatt die Angelegenheit direkt zu beenden.
„Aber jetzt musst du erst einmal etwas Vernünftiges essen“, sagte er mit einem leichten Lächeln und führte sie zurück zum Bett.
Sie gehorchte ihm und genoss das außerordentlich köstliche Frühstück, das er ihr mitgebracht hatte. Sie hatte noch nie zuvor Frühstück ans Bett serviert bekommen, und es gefiel ihr. Sam war wirklich wundervoll zu ihr, weshalb sie es nicht ganz nachvollziehen konnte, warum Ray ihr zu etwas riet, was doch eigentlich nicht so schlimm war. Immerhin war Sam kein Mörder oder so etwas Ähnliches. Ein leichtes Kichern entfloh ihr bei dem Gedanken, dass Sam so etwas tun würde. Sam sah sie an und war erleichtert, dass sie lachte, auch wenn er den Grund dafür nicht kannte. Ihm war nur wichtig, dass es ihr gut ging.