Sam bäumte sich mit funkelnden Augen voller Zorn vor dem Handlanger seiner Eltern auf, dessen Knie vor Angst zu zittern schienen.
„Und was willst du jetzt genau von mir?“, knurrte er John an, dessen Stimme vor Furcht zu versagen drohte.
„Äh-ähm…“, stotterte John, seine Worte von einem Zittern begleitet, das ihn wie ein eisiger Schauer durchfuhr.
John war von Sams Eltern beauftragt worden, ihn zu suchen, zu finden und ihn dazu zu bringen, seinen Pflichten nachzukommen. Diese Pflichten bestanden in der Familiengründung und der Beteiligung am La Lumière Royale.
„Es tut mir leid, ich bin nur der Bote… Bitte tun Sie mir nichts!“, schauderte John, mit einem ängstlichen Blick auf Sams geballte Faust gerichtet.
Sam trat ihm einen Schritt näher, seine Augen funkelten vor Entschlossenheit, als er darauf bedacht war, John einzuschüchtern und zum Verschwinden zu bringen.
Sein Plan schien aufzugehen, als John sich zitternd zur Tür bewegte. Doch als dieser an der Tür stand, mit der Hand auf der Klinke, nahm er all seinen Mut zusammen und drehte sich zu Sam. Denn Monsieur und Madame Dupont drohten ihm, sollte er ohne Erfolg wiederkehren, wäre er seinen Job los. Das durfte er nicht riskieren. Sie betonten, dass es eine sehr einfache Aufgabe wäre, ihren Sohn ausfindig zu machen und ihn dazu zu bewegen, mit ihnen in Kontakt zu treten, nachdem er sie so lange ignorierte. Aber wenn es so einfach wäre, warum schickten sie dann ihn, anstatt ihn selbst aufzusuchen?
Dicke Schweißperlen, die vor lauter Angst entstanden, rollten seiner Stirn hinunter, und sein Herz klopfte so wild, als würde er gleich in den Krieg ziehen. John erhob die Nase und künstelte Selbstsicherheit, als wäre er Sam weitaus überlegen.
„Monsieur… Ich habe die strikte Anweisung, nicht eher zu gehen, bis Sie mir versichern, dass Sie sich bei Ihren Eltern melden.“
„Du hast echt dicke Eier, mein Freund.“, sprach er mit einer tieferen Stimme, die nun etwas weniger bedrohlich schien, aber dennoch eine Spur von Gefahr barg.
Johns Herz klopfte schneller, während Sam einen resignierten Seufzer ausstieß.
„Okay, ich werde mich bei ihnen melden. Reicht dir das?“, fragte er John genervt.
Um John zu zeigen, dass er nun gehen konnte, da seine Aufgabe erfüllt war, wandte er sich zum Fenster seines Hotelzimmers und betrachtete mit den Händen in den Hosentaschen die Stadt, die langsam dunkler wurde, weil die Sonne unterging.
„Monsieur…“, fing John erneut an.
„Ihre Eltern sagten, sollten Sie zustimmen, sollte ich mit Ihnen einige Unterlagen durchgehen.“
Sam drehte sich wieder zu John und hob fragend eine Augenbraue.
„Was für Unterlagen?“, wollte er wissen.
„Vom La Lumière Royale, Monsieur.“, antwortete er mit Stolz, weil er den höchst gefährlichen Sam Dupont dazu bringen konnte, ihn anzuhören.
„Wow… Die können es echt nicht lassen.“, zürnte er.
Seine Eltern setzten alles daran, dass er sich tatsächlich an den Träumen seines Vaters beteiligte. Er verstand sie, warum sie es taten, aber hatte einfach keinen Bock darauf und wollte seinen eigenen Weg gehen. Sie waren nicht mehr die Jüngsten, und wenn Sam und sein Bruder Antoine das Geschäft nicht übernahmen, würde es den Bach runtergehen.
Es gab bereits viele Interessenten, die das Geschäft übernehmen wollten, doch keiner war bereit, alles genau so weiterzuführen, wie Sams Eltern es aufbauten. Jeder von ihnen verlangte drastische Veränderungen, die den Flair der Restaurants zerstören würden. Mit so etwas waren sie nicht einverstanden, deshalb drängten sie ihre Söhne so sehr, alles zu übernehmen.
„Gut. Aber zuerst muss ich etwas essen, sonst zerfleische ich noch dich, John. Und ich brauche definitiv einen Drink“, sagte er und verließ in schnellen Schritten sein Hotelzimmer, in der Hoffnung, er könnte John doch noch abschütteln.
John war voller Freude und machte kleine Luftsprünge, als Sam außer Sichtweite war.

Nach dem zweiten Glas Whisky und einem saftigen, aber nicht exzellent gebratenen Steak, was aber wenigstens seinen Hunger stillte, hatte Sam schon keine Lust mehr darauf, sich weiter mit John zu unterhalten.
„Und hier die Finanzen. Ihre Eltern möchten, dass Sie wissen…“, faselte John vor sich hin, als er seinem Gegenüber den Ordner vor die Nase legte. Sam war ziemlich genervt, genervt von John und seinen Eltern. John dachte wohl, dass Sam solche Unterlagen noch nie gesehen hätte, so wie er es ihm erklärte. Sam tat so, als würde er jedem Wort von John lauschen, war jedoch in Gedanken eher abweisend, weil die Clique in der Ecke des Restaurants viel zu laut war und es ihm dezent auf die Nerven ging. Aber was hatte er anderes erwartet? So ein Laden war nun mal eher für normale Menschen und nicht für seine Klasse. Dort gab es ein wenig mehr und eine ganz andere Stimmung als in den gehobenen Restaurants wie im La Lumière Royale.
Als die sich kindisch verhaltende Clique laut jubelte und die neu eintretenden Gäste zu sich riefen, folgte er ihren Blicken zur Tür.
Na toll, es kommen wohl noch mehr von denen…“, dachte er sich, bevor er sah, wer da kam.
Wow…“, schoss es ihm als allererstes durch den Kopf, als er die kleine blonde Frau sah, die fröhlich ihren Freunden zuwinkte und ließ sie keine Sekunde mehr aus den Augen, bis sie sich an den Tisch der viel zu lauten Menschen setzte.
In diesem Moment stellte er sich vor, wie sie nackt vor ihm stand, und ein elektrisierendes Gefühl durchfuhr ihn.
„Monsieur…?“, unterbrach John seine Begeisterung von der fremden Dame.
Sam blinzelte einige Male, bevor er John wieder ansah.
„Was!“, fauchte er einschüchternd zurück.
„Sind wir immer noch nicht fertig?!“, fügte er noch hinzu und tobte innerlich vor Zorn.
John zuckte leicht, aber befolgte weiter die Anweisung seiner Eltern, dass er ihm so viel Wissen wie möglich aneignen sollte, wenn er dem Kontakt zustimmte.
„Nein, es gibt noch weitere Unterlagen, die Sie sich ansehen sollten…“, antwortete er und wies mit fröstelnder Angst auf die Ordner hin, die er noch auf seinem Schoß liegen hatte.
Sam atmete schwer auf. Eigentlich hoffte er darauf, dass John sich verziehen würde, wenn sie fertig waren mit dem Essen.
Während John weiter plapperte und ihm jedes noch so kleine Detail der La Lumière Royale erklärte, sah Sam an seinem Kopf vorbei, weil er die bezaubernde Dame, die bloß wenige Meter entfernt saß, nicht mehr aus den Augen lassen konnte. Irgendetwas hatte sie an sich, was ihn sehr faszinierte, und er wusste nicht was. Er spürte ein merkwürdiges Gefühl im Inneren, welches er nicht deuten konnte, weil er so etwas noch nie gespürt hatte. Eigentlich hatte sie kein sonderlich gutes Benehmen, so wie sie ihre Ellenbogen auf den Tisch abstützte und wild gestikulierte, während sie mit ihren Freunden sprach. Und außerdem war sie ganz schön klein. So eine kleine Frau hatte er noch nie gesehen.
Ein Standgebläse…“, dachte er schmunzelnd.
„Monsieur, zum Abschluss haben meine Eltern mich gebeten Ihnen noch etwas zu geben“, unterbrach John erneut seine Gedanken und reichte Sam eine dünne Mappe über den Tisch. Sam nahm sie entgegen und öffnete sie.

Name: Isabella Bianchi
Geburtsdatum: 15. März 1988
Adresse: Via Eleganza 12, Rom, Italien Eventplanerin bei Eleganza Events, Rom (seit 2012):
Planung und Durchführung exklusiver Veranstaltungen für renommierte Kunden.
Verantwortlich für die Organisation von luxuriösen Hochzeiten, Gala-Dinner und Charity-Veransta…

„Willst du mich verarschen?!“, fluchte er lauter, als er es plante, und warf die Mappe auf den Tisch.
John zuckte und wich reflexartig einige Zentimeter mit dem Stuhl zurück, als die Mappe auf den Tisch knallte.
„Monsieur, Ihre Eltern halten sie für die perfekte Frau, an Ihrer Se…“ Sam unterbrach ihn und verkündete mit geballten Fäusten, dass er sofort seine Schnauze halten sollte, sonst würde er gleich keine Beine mehr zum Laufen besitzen.
Einige Minuten saßen sie wortlos an ihrem Tisch. John hielt sich lieber an den Befehl, denn auf seine Beine war er definitiv angewiesen. Sam versuchte, seine Wut zu kontrollieren, die in ihm brannte. Er hasste es, wenn seine Eltern ihm eine potenzielle Ehefrau vorschlugen. Arrangierte Ehen… Davon hielt er herzlich wenig. Auch wenn er nicht unbedingt an die Liebe oder Ehe glaubte, war er sich ziemlich sicher, dass so etwas nicht arrangiert werden sollte. So etwas sollte man nicht erzwingen.
Sam sah an John vorbei, wieder zu der blonden Frau, die sich gerade ihren Bauch streichelte, weil sie zu viel gegessen hatte, und seine Wut verflog. Er starrte sie beinahe an, was ihm aber in diesem Moment egal, beziehungsweise eher nicht bewusst war.
Als sie sich zu ihm umdrehte, blieb ihm sein Herz stehen. Sie gab ein Handzeichen, dass er zu ihr kommen sollte.
Oh Scheiße…“, dachte er sich, aber folgte ihrer Einladung.
„Unsere Unterhaltung ist für heute beendet“, verdeutlichte er John mit einem bedrohlichen Ton seiner Stimme und folgte gespielt selbstbewusst der Einladung der unbekannten, schönen Frau.
Sein Herz klopfte merkwürdig und glühte beinahe, als er ihr Lächeln sah, welches nur für ihn bestimmt war.
„Du starrst mich schon den ganzen Abend an, willst du dich vielleicht zu uns setzen?“, fragte sie ihn mit ihrer lieblichen Stimme und bot ihm an, sich neben sie auf die Bank zu setzen.
Als alle gespannt auf seine Antwort warteten, zögerte er kurz.
„Ähm, ja, klar. Danke. Ich bin Sam“, antwortete er, setzte sich zu ihr und nickte nervös in die Runde.
Sein Herz klopfte so stark wie noch nie. So etwas kannte er nicht.
„Hey Sam, was führt dich in dieses Restaurant? Und was ist mit deinem Freund da drüben? Lässt du ihn jetzt einfach im Stich?“, lachte sie bezaubernd und sah zu John, den Sam gerade einfach hat sitzen lassen, um sich mit ihr zu unterhalten.
Durch seinen Kopf flogen verschiedene Antworten, doch keine war die richtige. Irgendwie wollte er verbergen, dass John der Handlanger seiner Eltern war und er ihm gerade eine potenzielle Ehefrau vermitteln wollte. Also log er und lachte dabei.
„Das ist nur ein Arbeitskollege. Wir haben zum Feierabend nur noch etwas gegessen. Der kommt schon klar.“
Sie roch süß und blumig, was ihm beinahe eine Erektion einbrachte. „Oh Gott…“, dachte er sich und rückte heimlich seine Hose zurecht.
Er musste sich wirklich sehr konzentrieren, dass er keinen Ständer bekam, denn das wäre wirklich unangebracht und äußerst peinlich.
Er befürchtete, dass sie ihn nun auf Glatteis führten, warum er sie die ganze Zeit anstarrte, doch stattdessen ging es mit harmlosem Smalltalk weiter, was ihm ein wenig seine Anspannung nahm.

Nach einigen Minuten verschwand Alyssa mit ihrer Freundin auf die Toilette, und er machte sich Gedanken, ob er zu aufdringlich wäre. Am liebsten hätte er sie mit Fragen durchbohrt, um möglichst viel über sie zu erfahren, bevor der Abend endete. Er hatte ein unbändiges Verlangen danach, sie näher kennenzulernen. Und um ihr dies irgendwie zu vermitteln, rückte er ihr beinahe auf die Pelle und verhielt sich so höflich wie noch nie, um sie zu beeindrucken. Außerdem kam er ihr sehr nahe, damit er ihren Duft besser inhalieren konnte. Gott, dieser Geruch machte ihn wahnsinnig.
Vielleicht hatte er es übertrieben, weshalb sie sich nun mit ihrer Freundin auf der Toilette beriet, weil sie ihre Einladung nun bereute.
Während Alyssa und ihre Freundin auf der Toilette ihr Meeting abhielten, unterhielten sich ihre anderen Freunde weiterhin über belangloses, aber amüsantes Zeug. Er kam zu dem Entschluss, dass das normale Konversationen von normalen Menschen waren. Bisher war er anderes gewohnt. Die meisten, die in sein Leben traten, hatten eine sehr gestellte Persönlichkeit. Er fand es schön, dass man darüber diskutierte, dass ein Führerschein in einer Großstadt durchaus sinnvoll war. Ein Führerschein ist nie etwas Schlechtes, aber hier in dieser Stadt war er eher unnötig, weil eh viel zu viel Verkehr war, um mit dem Auto schnell voranzukommen. Aber er gab Ella recht, besser haben als brauchen.
Als Alyssa und Siena wieder zurück an den Tisch kamen, fing das Verhör an, welches er befürchtete. Er bereute es sofort, gelogen zu haben. Es wäre deutlich unkomplizierter gewesen, hätte er ihr gleich die Wahrheit gesagt, doch nun war es zu spät und er musste sich eine Geschichte ausdenken. Also gab er sich als einfacher Angestellter einer Bank aus, der nur beruflich in der Stadt wäre. Bei manchen Fragen versuchte er möglichst bei der Wahrheit zu bleiben.
Er wünschte sich durchaus eine eigene kleine Familie, und natürlich liebte er seine Eltern, auch wenn er lieber einen anderen Weg gehen wollte, als sie es ihm vorgaben. Dazu ein kleines, niedliches Häuschen, wo er mit seiner Angebeteten und seinen Kindern viele Jahre verweilen würde, ohne jegliche Sorgen. Und was auf keinen Fall fehlen durfte, war ein Hund. Er wünschte sich schon immer einen Hund, hatte aber keine Ahnung davon, wie man mit einem umgehen sollte. Seine Eltern hatten keine Haustiere, weil sie viel zu sehr mit den Restaurants beschäftigt waren, und mit ihrem Sohn, der nie gehorchte.
Irgendwann wurde ihm die Fragerei ein wenig zu viel, weil zu viele Ohren den Antworten lauschten und er sich immer mehr in Lügen verstrickte. Er fühlte sich ein wenig unwohl, so verhört zu werden, aber er durfte nichts anderes erwarten. Immerhin kam er wie ein Psycho rüber, weil er sie den ganzen Abend schon anstarrte, was offensichtlich von einer ihrer Freundinnen gesehen wurde.
Er dachte, dass die Lösung des Problems ein Spaziergang mit Alyssa wäre. Also schmunzelte er sie an und fragte, ob sie mit ihm spazieren gehen würde. Er fürchtete aber, dass seine Frage zu auffordernd klang, weil sie hilfesuchend nach einer Bestätigung ihrer Freundin suchte. Eigentlich hatte er ein Nein erwartet und bereits bedacht, dass er sie nie wieder sehen würde nach diesem Abend, weil er zu aufdringlich und irgendwie komisch rüberkam.
Über was er sich alles Gedanken machte, machte ihn wahnsinnig. So kannte er sich nicht. Normalerweise bettelten die Frauen ihn eher an, mit ihm auszugehen oder ähnliches. Dieses Mal war es wie eine verkehrte Welt, und ausnahmsweise musste er sich um eine Frau bemühen, die er interessanter fand, als ihm lieb war. Sie war doch viel zu klein für ihn und hatte überhaupt kein vorbildliches Verhalten. Wenn seine Eltern davon Wind bekämen, wäre die Geschichte mit ihr eh vorbei. Und dann dachte er an John. Er sah, wie er sich zu Alyssa setzte, bevor er das Restaurant verließ. Mit Sicherheit würde er es ihren Eltern erzählen. Sie würden Alyssa mit Geld bestechen und ihr striktes Kontaktverbot erteilen, so wie mit allen Frauen, die in den Augen seiner Eltern ihm nicht würdig waren. Und wenn sie nicht auf das Geld einging, würden sie ihr drohen. Warum also sollte es dieses Mal anders laufen?
Zu seiner Verwunderung stimmte Alyssa der Einladung zu einem Spaziergang zu, was sein Herz kleine Hüpfer machen ließ.
Mein Gott, jetzt hör endlich auf damit.“, sprach er zu seinem Herzen.

Die Gespräche unter vier Augen waren deutlich angenehmer als in der großen Runde mit ihren Freunden. Alyssa war eine sehr aufgeschlossene Frau und redete allem Anschein nach auch sehr gerne und vor allem sehr viel. Normalerweise hasste er solche Plappertaschen, aber bei ihr fand er es reizend. Im Allgemeinen fand er sie sehr reizend. Sie war eine wirklich schöne Frau, die definitiv nicht dumm war, aber auch sichtbar schon einiges erlebt hatte, weshalb sie zu Anfang ein wenig vorsichtig war. Fest stand definitiv, dass er sie lieber mochte, als er es wollte.
Eigentlich plante er überhaupt keine Begegnung mehr mit einer Frau, erst recht nicht mit einer wie Alyssa. Aber gleich vom ersten Moment an verzauberte sie ihn und weckte ein Verlangen, das er noch nie zuvor gespürt hatte.
Vorher hatte er nie wirklich Interesse an den Geschichten irgendwelcher Frauen. Die meisten waren sowieso alle gelogen, nur um gut dazustehen und um an das Vermögen seiner Familie zu gelangen.

Nachdem sie durch die Straßen spazierten und sie verschiedene kleine Geschichten zu den einzelnen Gebäuden erzählte, verspürte er merkwürdigerweise einen starken Beschützerinstinkt. Er hatte das Gefühl, dass sie in diesen Straßen auch schon viel Schlechtes erlebt hatte, so wie sie darüber sprach, und hatte den Drang, sie in Zukunft vor jeglichem Leid zu schützen.
Er wollte an ihrer Seite sein. Für immer.
Stopp!“, ermahnte er sich selbst, als er diese Sätze dachte und schüttelte unauffällig den Kopf. Das ging eindeutig zu weit.
Er kannte sie erst wenige Stunden und dachte jetzt schon darüber nach, auf Ewigkeiten bei ihr zu bleiben, sie zu lieben, zu ehren und zu beschützen, bis dass der Tod sie scheidet.
Das ging wirklich viel zu weit, aber diese Vorstellungen konnte er einfach nicht abschalten. Er sah nach oben in den Himmel, der von vereinzelten Wolken durchzogen wurde.
Was für ne Scheiße läuft hier…“, fragte er den Allmächtigen.

Alyssa kam noch einmal auf John zurück und wollte wissen, was mit ihm war und wohin er ging, nachdem er ihn einfach sitzen lassen hatte. Denn das war eigentlich ein ziemlich unhöfliches Verhalten.
Sam versuchte eine letzte vernünftige Erklärung zu finden und sprach mehr aus, als er eigentlich vorhatte. Es war nicht unbedingt geplant, ihr so direkt und früh zu gestehen, dass er seine Augen nicht von ihr ablassen konnte und es eigentlich die beste Entscheidung seines Lebens war.
Zu seiner Beruhigung fand sie es süß, zumindest behauptete sie das. Und er stellte fest, dass er in Claras Schuld stand. Hätte sie Alyssa nicht auf ihn aufmerksam gemacht, hätte sie ihn nicht zum Tisch gebeten oder sich jemals mit ihm unterhalten. Er hätte sie bloß von der Ferne weiter beobachtet, bis sie das Restaurant verlassen hätte und danach nie wieder gesehen.
Nach ihrer Aussage hin bereute sie es nicht, was ihm eine warme Brust einbrachte. Was ihn aber ein wenig sauer aufstieß, war, dass sie der Meinung war, er hätte keinen Unsinn im Kopf. Doch den hatte er durchaus und das nicht gerade selten. In der Regel nahm er sich einfach das, was er wollte, und keine Frau würde ihn jemals abweisen. Bei Alyssa war es anders. Andere Frauen hätte er sofort charmant umgarnt und mit auf die Toilette genommen, um sie schnell und hart zu ficken. Bei ihr hatte er zwar das Verlangen danach, aber traute sich nicht ansatzweise so etwas zu tun oder sie dazu zu überreden. Zumindest nicht heute. Es war schon eine verdammt schwere Aufgabe, sie nicht einfach zu küssen.
Küssen…
„Oh, ich habe durchaus Spinnereien im Kopf, das kannst du mir glauben!“, grinste er sie an, was aber ziemlich angestrengt gespielt war, weil er eher eine heftige Unruhe verspürte.
Am liebsten wäre er auf sie zugestürmt, hätte sie mit seinen Lippen an jedem Millimeter ihres Körpers geküsst, ihr die Kleider vom Leib gerissen und sie an Ort und Stelle genommen. Aber das war keine Option. Irgendetwas hielt ihn davon ab, all das zu tun, was er normalerweise tat.
Nach ihrer Antwort blieb er stehen und versuchte seinen Gedankenwirrwarr zu sortieren und blickte dabei ziemlich ernst auf den Asphalt. Er kämpfte mit sich selbst, sie nicht einfach zu küssen, weil es dafür wirklich viel zu früh war.
Eine gefühlte Ewigkeit stand er reglos einfach nur so da. Er wollte etwas sagen, aber war nicht dazu in der Lage. Nachdem jede Vernunft aussetzte, antwortete er ihr, den Blick weiterhin auf den Boden gerichtet, weil er sich irgendwie schämte. Scham? Totaler Schwachsinn!
„Na ja, eigentlich hätte ich dich schon gerne vor drei Stunden geküsst. Ich bin eigentlich kein Mensch, der an so etwas denkt, wenn man sich gerade erst kennengelernt hat, aber bei dir ist es irgendwie anders. Das verwirrt mich… Ich kenne mich so nicht, und das ist ziemlich beängstigend“, sagte er ehrlicher, als ihm lieb war.
Er hörte ihre Schritte, die auf ihn zukamen, und sah ihr ins Gesicht. Es war absolut unbekanntes Terrain für ihn, und er fürchtete eine eiskalte Ablehnung. Vor allem aber wunderte ihn dieses komische Herzklopfen und all die Gedanken, die durch seinen Kopf gingen, während der vergangenen Stunden. Er erkannte sich selbst kaum wieder.
Sie kam seinem Gesicht noch näher und legte vorsichtig ihre Lippen auf seine. Erst wunderte er sich, aber erwiderte schnell diesen Kuss.
Ihre Lippen bewegten sich miteinander, als würden sie eine gemeinsame Melodie spielen. Sam konnte die Zartheit ihrer Berührung spüren, die eine tiefe Verbundenheit offenbarte. Der Kuss war süß und zugleich sinnlich, und es schien, als ob die Zeit stillstehen würde, um diesen magischen Augenblick zu bewahren.
Und als hätte dieser Kuss nicht sein dürfen, wurde er von einem lauten Motorbrummen beendet. Ein Idiot auf einem Motorrad raste gefährlich nah an ihnen vorbei. Sam zog Alyssa schützend zur Seite und schrie wütend nach dem Fahrer, als hätte dieser gerade den schönsten Moment seines Lebens zerstört.
Alyssa wirkte leicht verstört, was ihm unglaubliche Sorgen bereitete, auch wenn er noch ziemlich wütend war auf den Unbekannten. Sie fragte ihn, ob er auch diesen Duft roch, den der Vollidiot mit sich brachte. Ja, er roch es auch, was ihn noch wütender machte, denn er fand diesen Geruch widerlich und beißend. Alyssa fragte noch einmal, als hätte sie es nicht glauben können, dass er es ebenfalls roch, was ihn verwunderte. Warum war ihr das so wichtig?
Plötzlich wollte Alyssa schnellstmöglich zurück zu ihrer Freundin, was ihn ein wenig skeptisch machte, und er fragte sich, ob der Typ ihr bekannt war. Ziemlich hastig lief sie zurück zum Restaurant, wo Siena aber nicht mehr zu finden war. Alyssa verabschiedete sich von Sam, was beinahe wie eine Ablehnung wirkte und ihn glauben ließ, dass nur er den Kuss als den schönsten Kuss der Welt empfand.
Voller Verwirrung fuhr er zurück ins Hotel, wo ein kühles Bett auf ihn wartete. Er ging duschen und legte sich im Anschluss schlafen, in der Hoffnung, das Gedankenkarussell würde damit enden.

Am nächsten Morgen schwelgte er weiter in Gedanken, dass Alyssa nun der Vergangenheit angehörte, so wie sie sich zum Schluss verhielt. Er ging davon aus, dass sie kein weiteres Interesse mehr hätte, und er sie nie wieder sehen würde, was ihm irgendwie Schmerzen in der Brust verursachte. Und all das nur wegen diesem beschissenen Typen auf dem Motorrad.
Er zückte sein Handy aus seiner Hosentasche und schrieb, wie mit John besprochen, eine Nachricht an seinen Vater.
„Wir müssen reden.“, tippte er und ließ damit viele Fragen offen.
Er musste definitiv mit seinen Eltern sprechen. Aber nicht unbedingt über das Geschäft, sondern eher darum, dass sie Alyssa in Ruhe lassen sollten, da John sie bestimmt bereits informierte.
Noch bevor er das Handy wieder aus der Hand legen konnte, bekam er eine Nachricht von Alyssa. Er gab ihr zum Abschied noch ihre Nummer, in der Hoffnung, dass sie sich meldete. Was eigentlich echt ein total kindischer Gedanke war. Oder auch nicht… Sie schrieb ihm, ob er gut im Hotel angekommen wäre und ob er heute Zeit hätte. Demnach bestand also doch Interesse ihrerseits, was in ihm Heiterkeit und Wohlbefinden auslöste.
Innerhalb weniger Sekunden antwortete er ihr, wie ein kleines Kind, mit einem fetten Grinsen im Gesicht, und völlig vernarrt in sie, und schlug ihr ein richtiges Date vor. In dem Moment, wie er tippte, malte er sich schon das schönste Date aller Zeiten aus, welches er unbedingt im La Lumière Royale haben wollte. Er fand, sie hatte ein atemberaubendes Erlebnis verdient, welches in diesem Laden definitiv erfüllt wurde. Auch wenn er in diesem Geschäft nicht einsteigen wollte, fand er, dass sein Vater mit Abstand das schönste Restaurant des Planeten gründete.
Aber wie sollte er sie dorthin ausführen, ohne dass sie erfuhr, wer er wirklich war? Er wog verschiedene Optionen und Konsequenzen ab. Die einzige Lösung, die ihm einfiel, war, den Mitarbeitern die Anweisung zu geben, kein Wort über ihn zu verlieren und ihn zu behandeln, als wäre er ein fremder Gast. Es war noch zu früh, um ihr die Wahrheit zu sagen. Sie sollte ihn kennenlernen, wie er wirklich war, und nicht anhand seines Geldes oder der Familie beurteilen.
Er grübelte hin und her und kam zu der Beurteilung, dass es definitiv schiefgehen und sie ihn danach verabscheuen würde.
„Scheiß drauf!“, fluchte er mit sich selbst.
Er musste dieses Risiko eingehen. Er musste sie unbedingt wieder treffen, egal wie es endete.

Den ganzen Tag konnte er an nichts anderes denken als an sie. Er wollte sie fest mit seinen Armen umschließen, sich entschuldigen, falls er sich falsch verhielt, und ihr gestehen, wie sehr er sie mochte.
Kaum einen klaren Gedanken konnte er noch fassen, als er im La Lumière Royale anrief, um die geplante Anweisung zu geben, weil er viel zu aufgeregt war. Er kam sich vor wie der größte Trottel, was ihn wütend machte. Gott verdammt, so war er sonst nicht. Er übertrieb auch völlig. Man kann nicht so schnell Gefühle für jemanden entwickeln…
Er ließ ihre Worte und ihr Handeln vom Vorabend noch einmal Revue passieren, nicht dass er sich etwas einbildete, was gar nicht vorhanden war. Doch der Kuss kam von ihr aus und nicht von ihm. Er erwiderte ihn bloß. Und bis der Penner auf dem Motorrad sie unterbrach, war er der glücklichste Mann auf dieser Welt. Das konnte er sich also nicht einbilden. Außerdem erwischte er sie manchmal, wie sie ihn betrachtete. Sie hatte diesen einen, ganz bestimmten Gesichtsausdruck, den der Begierde in ihren Augen widerspiegelte. Er rieb sich mit den Händen das Gesicht. Diese Frau machte ihn wahnsinnig.

Als er mit dem Auto vor ihrem Haus stand, um sie abzuholen, fühlte er sich wie ein Teenager, der gleich entjungfert werden würde. Er tippte nervös mit seinen Fingern auf seinem Bein, was ihn nur noch kribbeliger machte.
„Scheiße man, reiß dich zusammen!“, ermahnte er sich selbst und sah ernst in den Rückspiegel.
Es war ihm extrem peinlich, als er sich selbst sah. Er warf einen letzten Blick auf sein Handy, um die Uhr zu checken, und entschied sich dann auszusteigen. Zwanzig Minuten früher schadeten bestimmt nicht. Ohnehin war er ein sehr pünktlicher Mensch, und nur weil diese Frau ihn ein wenig aus der Bahn warf, wollte er dennoch pünktlich sein.
Auf dem Weg zur Tür versank er leicht in nicht jugendfreien Vorstellungen, wie sie ihm vielleicht die Tür öffnen würde. Halbnackt. Nur in Unterwäsche. Mit offenen Haaren. Verführerisch gegen die Tür gelehnt. Er schüttelte den Kopf.
Solche Gedanken sollte er dringend beiseiteschieben. Es war das erste richtige Date, da sollte er nicht nur an so etwas denken. Okay, anders betrachtet, normalerweise liefen seine „Dates“ genau so ab. Sie, halb nackt vor ihm, bereit ihn zu empfangen. Nur ohne das Abholen oder Türklingeln.
Das Summen der Tür ließ ihn eintreten. Von oben schrie eine engelsgleiche Stimme, was ihm ein Lächeln entlockte.
Ja, er war zu früh, aber er konnte auch nicht noch länger im Auto warten. Er wartete schon den ganzen Tag darauf, sie endlich wieder zu sehen.
Oben angekommen war von Alyssa keine Spur, aber dafür lag ihr Parfüm noch in der Luft, welches er liebend gerne einatmete. Vorsichtig lief er durch ihre Wohnung und begutachtete alles. In der Küche blieb er stehen.
Wow, einen guten Geschmack hat sie definitiv“, dachte er sich.
Hinter ihm ertönte ihre reizende Stimme, welche wie Musik in seinen Ohren war.
„Sie ist wirklich schön, oder?“
Als er sich umdrehte, traf es ihn wie ein Schlag. Sie sah absolut umwerfend aus in ihrem Kleid.
„In der Tat, das ist sie!“, stimmte er zu, und bezog das natürlich eher auf sie, anstatt auf ihre Küche, was sie auch verstand, so wie ihre Wangen sich färbten.
Er ging auf sie zu und wollte sie am liebsten sofort ins Bett transportieren, aber entschied sich für die Vernunft. Allerdings konnte er sich einen kleinen Spaß nicht entgehen lassen. Also strich er ihr eine ihrer goldenen Strähnen aus dem Gesicht, beugte er sich runter, und hielt kurz vor ihrem Mund an.
„Du siehst wirklich süß aus, wenn deine Wangen rot werden. Das passt perfekt zum Kleid“, hauchte er ihr lächelnd zu und sah ihr in die Augen.
Daraufhin drohte sie ihm und lachte er herzlich. Sie meinte diese Drohung definitiv ernst, aber er glaubte kaum, dass sie ihm Schaden zufügen konnte, so klein und zart, wie sie war. Aber wenn er es weiter bedachte, doch, sie könnte ihm durchaus mächtigen Schmerz bereiten. Wenn sie zum Beispiel kein weiteres Interesse an ihm hätte und nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.
„Tut mir leid. Es ist aber wirklich süß! Wollen wir nun essen gehen?“, versuchte er sie zu beschwichtigen, und dann verließen sie ihre Wohnung.

Während der Autofahrt spürte er ihre Blicke auf sich, was ihn ein klein wenig ins Schwitzen brachte. Er hoffte sehr darauf, dass ihr gefiel, was sie sah, und bemühte sich, seine Augen weiter auf die Straße zu richten. Wenn er sie ebenfalls ansehen würde, würde er vielleicht noch einen Unfall bauen, und das wäre kein guter Start fürs erste Date.

Am Ziel angekommen war Alyssa total baff. Mit leuchtenden Augen sah sie sich um.
Mission erfolgreich ausgeführt. Okay… Fast…
Alyssa machte sich Sorgen, dass dieses Date sehr teuer werden würde, und wollte wissen, ob sie wirklich am richtigen Ort waren. Er bejahte ihre Frage mit einem verführerischen Lächeln, was sie aber nicht beruhigte. Er erzählte ihr ein wenig über das Restaurant und sagte ihr, dass sie sich keine Gedanken um die Kosten machen sollte.
Als sie ihn fragte, ob er schon mal dort war, rutschte ihm fast das Herz in die Hose, und er wusste nicht so wirklich, was er antworten sollte. Nach kurzer Überlegung bestätigte er stotternd und war sehr froh darüber, dass der Kellner ihnen die Speisekarte brachte. Doch seine Erleichterung änderte sich gleich nach dem ersten Satz des Kellners in bittere Wut, die er dem Kellner auch sofort mitteilte.
Sätze wie: „Scheiße noch mal, da hatte der Kellner eine einzige Aufgabe und konnte sie nicht erfüllen. Was für Deppen stellen meine Eltern da bloß ein! Das bekommt er nachher zu spüren!“, rasten durch seinen Schädel, während er sich nebenbei schon eine passende Ausrede suchte, falls er aufflog.
Der Kellner räusperte sich und sah Sam entschuldigend und ein wenig verängstigt an, machte seinen Job jedoch professionell weiter. Sam antwortete dem Kellner vorbildlich vornehm, wie es sich in diesem Etablissement gehörte. Er kannte sich natürlich bestens aus, was die Speisekarte betraf, spielte jedoch die Rolle eines unwissenden Gasts. Da Alyssa sich garantiert nicht mit den Gerichten auf der Speisekarte auskannte, übernahm er die Wahl ihrer Bestellung. Zum Schluss holte er sich jedoch noch eine Bestätigung, ob es für sie in Ordnung war.
Der Kellner lief in die Küche und Alyssa setzte einen ernsten, durchdringenden Blick auf und musterte ihn ungläubig. Sie war wohl nicht so leicht zu belügen.
Dieser verfickte Kellner!“, dachte er sich und warf ihm noch mal einen letzten Todesblick hinterher.
Na dann mal los…
„Woher kannte er deinen Namen?“, fragte sie und erwartete absolute Ehrlichkeit, die er noch nicht bereit war zu geben.
Er suchte nach einer Ausrede, die sinnvoll klang.
„Ähm, das stand selbstverständlich auf der Reservierung… Woher sollte er ihn sonst kennen?“, behauptete er und versuchte nervös, ihrem Blick auszuweichen.
Natürlich glaubte sie ihm nicht. Dafür hatte sie ihr beider Verhalten zu genau beobachtet. Als sie erneut nachfragte und dazu noch einiges unterstellte, gab er auf.
„Okay… Nein, es ist kein Zufall. Nein, er kannte meinen Namen, weil meiner Familie dieser Laden hier gehört, sowie noch viele weitere, auf der ganzen Welt verstreut.“
Er holte noch einmal Luft, bevor er weiter sprach. Es war klar, dass es eine dumme Idee war, sie zu belügen, und nun hatte er die Möglichkeit alles zu bereinigen, welche er nutzte. Vielleicht würde sie ihm ja verzeihen… Aber bevor er der Ehrlichkeit nachgab, schimpfte er noch ein letztes Mal, dieses Mal laut, über den unfähigen Kellner, wobei sie ihn sofort unterbrach.
Obwohl sie recht hatte, vertrat er seine Meinung fest, doch eigentlich hatte es keinen Sinn mit ihr zu diskutieren. Er versuchte es zwar noch einmal mit einem ernsten Blick ihr gegenüber, aber nicht zu böse, doch sie ließ sich nicht einschüchtern. Obwohl sie kurz ihren Mund hielt, wirkte sie nicht verängstigt. Eher so, als würde sie gleich über den Tisch springen und ihn besteigen. Aber das konnte er sich auch durchaus einbilden.
Sie ermahnte ihn noch ein letztes Mal, um das Thema zu beenden. Er ließ sie gewinnen, weil sie ja immer noch eigentlich recht hatte. Daraufhin grinste sie frech, was er unglaublich süß fand. Er stellte sich vor, wie sie dominierend auf ihm lag, den Ton angab, und was als Nächstes während des leidenschaftlichen Sex passierte.
Verflucht noch mal, Stopp!“, zischte er sich selbst in Gedanken an.
Glücklicherweise fing sie mit einem neuen, beziehungsweise alten Thema an. Seiner Familie. Sie gab ihm eine erneute Möglichkeit, die Wahrheit auszusprechen, welche er gerne annahm und ihr kurz und knapp das Wichtigste erzählte.
Die anderen Details, wie dass seine Eltern ihn ständig mit irgendwelchen Frauen verkuppeln wollten, ließ er vorerst aus. Sie fragte auch nach Geschwistern. Er sprach nicht unbedingt gerne über seinen großen Bruder, weil sie nicht das beste Verhältnis miteinander pflegten. Und das alles nur wegen einer Frau, die der Meinung war, dass eine sexuelle Beziehung mit zwei Brüdern eine gute Idee wäre. Wenn der eine keine Zeit hatte, ging sie eben zum anderen. Bis zu dem Tag, an dem Antoine sie seinen Eltern vorstellen wollte. Da flog ihr Spielchen auf, und sein Bruder gab ihm die Schuld daran. Seitdem sprachen sie nur wenige Worte miteinander.
Alyssa fand es gut, dass er mit der Wahrheit herausrückte, doch dann verhielt sie sich ein wenig merkwürdig, was ihn stutzig machte.
Tut sie nur so, als ob ihr die Lügen nichts ausmachen?“, versuchte er verzweifelt ihr Verhalten zu begründen.
Gleich darauf bestätigte sich sein Gedanke, indem sie auf ihr Handy schaute, sich entschuldigte und zur Toilette ging.
Tausend Gedanken rasten ihm durch den Kopf, gepaart mit einer großen Portion Reue, als er ihr hinterhersah.
Er fühlte sich miserabel, so richtig mies. Warum log er sie überhaupt erst an? Ach ja, wegen seiner Familie. Und nun hatte er sie ganz vergrault. Dieses Date war seine letzte Chance darauf, sie besser kennenzulernen. Vermutlich schmiedete sie gerade mit ihrer Freundin einen Notfallplan, wie sie ihm entfliehen konnte. Danach würde sie seine Nummer blockieren und löschen und aus seinem Leben verschwinden. Und wenn sie es nicht tat, dann würden es seine Eltern übernehmen.
Er sah die Kellner hinter der Theke tuscheln und sie beide beobachten. Mit Sicherheit wusste bereits jeder Bescheid, dass er sie gern hatte. Gut, es war auch kaum zu übersehen. Von seiner Coolness und Souveränität fehlte jede Spur. Es war ein Wunder, dass er überhaupt vernünftige Sätze über die Lippen brachte, weil sie sein Hirn zu Matsche werden ließ. Und nach wie vor hatte er keinen Schimmer, warum.
Fühlte es sich so an, verliebt zu sein? Dann konnte er eigentlich gerne darauf verzichten. Oder auch nicht…
Es war zwar ein beängstigender Zustand, aber trotzdem unglaublich schön. Alles war schön mit ihr. Sie erhellte seinen Tag. Heute kam er beinahe aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus, weshalb er sich lieber im Hotel aufhielt, als vor die Tür zu gehen, bevor er sie abholte. Es war ihm ein wenig peinlich.
Der Kellner servierte den Champagner, und Sam nutzte die Chance, sich bei ihm zu entschuldigen, auch wenn er es sehr ungern tat und mehr redete, als er geplant hatte. Er lachte beschämt, als er erklärte, dass seine Begleitung ihn vor großen Ärger bewahrte und ihm eine andere Sichtweise aufzeigte. Irgendwie hatte er das Gefühl, er müsse es ansprechen, ansonsten würde Alyssa ihn noch dazu zwingen, was noch unangenehmer wäre. Er machte sich schon genug zum Affen.
Normalerweise hätte er innerhalb von Minuten für seine Kündigung gesorgt, wäre er mit einer anderen Frau hier gewesen. Aber anders betrachtet, hätte er wegen einer anderen Frau nicht solch einen Aufstand gemacht. Sie war einfach anders, was ihn auch veränderte. Das machte ihm tierische Angst. Und auch Angst kannte er vorher nicht. Zumindest nicht auf diese Art.
Noch vor zwei Tagen war er absolut skrupellos.
Alyssa kam zu ihm zurück, und sein Herz begann schneller zu schlagen. Nun war es so weit, gleich würde er vermutlich seine eiskalte Abfuhr erhalten, weil ihre Freundin einen Notfall hatte.
„Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt, obwohl er die Antwort bereits kannte.
„Oh, äh, ja klar! Ich telefonierte kurz mit Siena. Tut mir leid!“
Sams Brust zog sich zusammen, was ihm ziemliche Unruhe verschaffte. Nun wollte er von ihr die Wahrheit hören.
„Hab ich dich jetzt verschreckt, weil ich dich angelogen habe?“, fragte er und sah ihr tief in die Augen.
Sie lächelte, was sein Herz erwärmte.
„Nein, es ist schon ziemlich Scheiße von dir, dass du gelogen hast, aber du wirst auch deine Gründe haben. Normalerweise prahlen Typen mit so viel Geld wie du eher herum und verheimlichen es nicht. Aber eigentlich hättest du dir auch denken können, dass der Plan nicht aufgeht, wenn wir genau in dieses Restaurant gehen. Früher oder später wäre es eh herausgekommen.“, zwinkerte sie ihn an.
Er war überrascht. Mit dieser Antwort hätte er nicht gerechnet, eher mit einer Notlüge. Aber dann fiel ihm ein, dass sie Lügen hasste. Demnach log sie wohl auch selbst nicht und konfrontierte lieber mit der bitteren Wahrheit.
Sie erklärte sich kurz und wies mit Nachdruck darauf hin, dass er nicht erneut lügen sollte. Sie hatte Lügen satt. Was er auch nachvollziehen konnte. Bisher wurde er auch ziemlich häufig angelogen, und auch er war es einfach nur Leid. Umso schöner war es für ihn, dass sie so ehrlich war.
Seine Anspannung löste sich, und er gab sich selbst das Versprechen, in Zukunft Lügen sein zu lassen. Zusätzlich gestand er ihr auch noch, dass er sie mochte.
Das waren ziemlich fremde Wörter in seinem Mund. So etwas hatte er noch nie zu einer Frau gesagt, zumindest nicht in diesem Tonfall.
Er wünschte sich sehnlichst, er hätte sie schon früher kennengelernt. Alyssa hatte ihren Augen nach zu urteilen schon wirklich viel erlebt, was er gerne verhindert hätte. Er hätte viel früher in dieses abgelegene Restaurant gehen sollen, dann hätte er sie auch schon eher getroffen.
Nach dem schlechten Start des Dates entwickelte sich alles zu einem wunderschönen Abend. Sie lachten und sprachen viel miteinander. Alyssa war begeistert von den Köstlichkeiten, die ihnen serviert wurden, da sie solche Gerichte zuvor nie probiert hatte. Sie sorgte sich zwar um die Preise, die sie auf der Speisekarte überflog, aber Sam nahm ihr die Angst. Natürlich würde alles auf seine Kosten gehen. Schließlich lud er sie dorthin ein. Außerdem wusste er, dass sie sich so etwas gar nicht leisten konnte. Sonst wären ihr Restaurants wie dieses bekannt gewesen.
Zum Abschluss dieses Abends beschlossen sie, noch ein wenig spazieren zu gehen, was Alyssa sehr guttat, weil sie ein wenig angeheitert war vom Champagner. Er fand es süß, wie sie sich verhielt, so beschwipst.
Dieses Mal zeigte er ihr die Gegend, so wie sie ihm am vorherigen Abend. Alyssa lachte häufig und gestand auch, dass sie sich grundsätzlich nicht in solchen Ecken aufhielt, weil dort nur Snobs zu finden waren.
Aus heiterem Himmel fragte sie ihn, ob er am Wochenende schon etwas vor hätte. Das versprach ihm große Hoffnung darauf, dass sie weiterhin Interesse an ihm hatte. Sie schlug einen Kinobesuch vor, was er schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr tat, weil es dazu nie einen besonderen Grund gab. Alleine ins Kino zu gehen wäre ihm ziemlich unangenehm gewesen.
Nachdem sie der Meinung war, er hätte ihren Vorschlag abgelehnt, blieb er stehen und zog sie an sich heran und gestand, dass er selten ins Kino ging, weil es alleine total armselig wäre. Und dann ließ er sie noch wissen, dass er auch dieses Date bezahlen würde. Er wollte einfach vermeiden, dass sie sich wegen irgendeinem Cent Gedanken machen musste. Schließlich besaß er genug davon und könnte sie auch noch die nächsten hundert Male auf ein Date einladen und alle Kosten übernehmen. Für ihn waren es bloß Peanuts.
Sie spielte die Verwunderte und fragte ihn, wie er auf die Idee käme, dass sie Einladungen nicht gerne annahm, beziehungsweise dass jemand anderes ihre Kosten übernahm. Er legte seine warme Hand auf ihre Wange und klärte sie auf, was er an ihr beobachtet hatte. Es war nicht besonders schwer herauszufinden, als sie beim Bezahlen in ihrem Täschchen wühlte, auf der Suche nach dem großen Vermögen.
Als sie seine Vermutung bestätigte, sorgte er sich. Sie hatte so viel Besseres verdient als das, was sie bisher zu spüren bekam. Er malte sich die schlimmsten Szenarien aus, was ihr alles geschehen war, warum sie solch einer Meinung war. Mit einem vorsichtigen Lächeln versuchte er, die leicht trübe Stimmung ein wenig zu heben.
Ihr Moment wurde von einem Blitzgewitter und schreienden Frauen unterbrochen. Sie suchten nach dem Grund, und als sie ihn fanden, marschierten sie neugierig dort hin. Irgendeine Berühmtheit würde wohl jede Sekunde zu sehen sein, was man anhand dieser kreischenden Fans herausfinden konnte. Alyssa vermutete, es wäre Justin Bieber. Er ging eher von jemand anderem aus. Für Justin Bieber waren die lauten Weiber zu alt.
Als die von der Masse ersehnte Person die Treppe hinunter lief, drehten die Frauen noch weiter auf. Als der Mann sich umdrehte, traf Alyssa der Schock, als würde sie einen Geist sehen, was ihn stutzig machte. Er hatte das Gefühl, dass sie ihn kannte, aber nicht unbedingt als Schauspieler, was in ihm leichte Wut entfachte. Sie versuchte einen Namen für ihn zu finden, wobei er ihr behilflich war. Ray Everton. Einer der berühmtesten Schauspieler, der ihm je unter die Nase gekommen war. Seine Leistungen fand er faszinierend professionell, doch was die Frauen an ihm so sexy fanden, konnte er nicht wirklich nachvollziehen. Alyssa schien seine Antwort auf ihre Frage kaum zu bemerken.
Ray winkte den Frauen zu und ließ sich von allen Seiten fotografieren. Ein für Sam ekelhafter Geruch lag in der Luft.
Bevor Ray in seine schwarze Proll-Kutsche stieg, sah er Alyssa, die noch immer reglos dort stand. Als Sam dies mitbekam, warf er Ray einen sehr tödlichen Blick zu und machte sich bereit auf ihn loszugehen, obwohl er den genauen Grund nicht kannte. Er hatte einfach das Bedürfnis, Ray von Alyssa fernzuhalten.
Glücklicherweise verstand Ray seinen Gesichtsausdruck und ließ die Tür schließen und fuhr davon.
Die Menschenmasse löste sich langsam auf, und Alyssa rührte sich noch immer kein Stück. Er fragte sie, ob alles okay wäre, weil sie sich wirklich komisch verhielt. Ähnlich wie am vorherigen Abend, als der Motorradfahrer sie beinahe überfuhr. Apropos Motorradfahrer, ihm wurde gerade bewusst, dass Ray denselben Gestank mit sich trug wie der Spinner auf dem Motorrad, was ihn innerlich kochen und auch philosophieren ließ. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, was Alyssa ihm aber auch nicht erzählen wollte. Doch um sie irgendwie zurück unter die Lebenden zu holen, klärte er sie höflicherweise auf, was für ein Typ dort eben von vielen Frauen gefeiert wurde. Sie wirkte weiterhin abwesend, was ihm Unruhe verschaffte.
Ein weiteres Mal fragte er sie, ob wirklich alles in Ordnung wäre. Ihre Antwort glaubte er ihr natürlich nicht. Sie wollte schnurstracks zum zurück, und schon nach den ersten Metern Entfernung stolperte sie, was deutlich darauf hinwies, dass irgendetwas in ihrem wunderschönen Kopf vor sich ging. Es war besser, dass sie schnell in ihr Bett kam, so wie sie sich verhielt. Zumal sie durch den Sturz erneut Schmerzen an ihrer Rippe bekam.
Sie stöhnte, als sie davon sprach, wieder zum Arzt laufen zu müssen, wo er ihr Begleitung anbot, aber entschied sich dann dagegen, weil wohl etwas mit diesem Doktor Julius vorgefallen war, wovon sie ihm nichts erzählen wollte.
Auf seine Frage darauf, stöhnte sie erneut und erklärte die gröbsten Details, warum sie nicht mehr zu Doktor Julius gehen wollte. In Sam entwickelte sich furchtbare Wut, die er schnell unter Kontrolle bringen sollte. Und zusätzlich sorgte er sich um Alyssa, was ihn zu dem Entschluss brachte, seinen eigenen Arzt über ihre Rippen schauen zu lassen. Dort wäre er bei ihr, und nichts würde ihr geschehen. Doktor Hank würde sich niemals trauen, irgendetwas Unanständiges mit Alyssa anzustellen, geschweige denn daran zu denken. Ansonsten würde es ihm vermutlich das Leben kosten.

Sam fuhr Alyssa nach Hause und begleitete sie noch in ihre Wohnung, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich heil dort ankam.
Um kein großes Drama zu machen, weil er sich schon mehr als genug sorgte, wollte er einen schnellen Abschied. Alyssa wirkte enttäuscht, was in ihm leise Hoffnung aufkommen ließ, dass sie ihn hereinbat – was sie dann auch tat. Ohne zu zögern nahm er die Einladung liebend gerne an, schließlich sollte er ihr helfen, aus dem sexy Kleid herauszukommen.
Seine Vorstellungen darüber, wie er es öffnete und ihr auszog, sie nur noch in Unterwäsche vor ihm stand und er sie dann von oben bis unten verwöhnen würde, ließen seinen Schwanz in der Hose leicht pulsieren. Er versuchte, diese unartigen Fantasien beiseite zu schieben, schließlich hatte sie Schmerzen und wäre definitiv nicht in der Lage dazu, sich unter ihm zu räkeln. Er musste anständig bleiben.
Als sie ihm wortlos den Rücken zudrehte und ihre wunderschönen goldenen Haare beiseite nahm, ließ er sich möglichst lange Zeit beim Öffnen des Reißverschlusses. Er schaute auf ihren nackten Rücken, und als er sich nicht mehr rührte, bemerkte sie das offensichtlich. Sie drehte sich zu ihm um, ihr Blick war auffordernd und irgendwie bettelnd, als hätte er die Erlaubnis, sie zu küssen und zu berühren.
Es tat ihm in der Seele weh, diese Einladung nicht anzunehmen, aber er musste sie einfach ablehnen. Zum einen wegen ihrer Schmerzen, zum anderen wollte er nicht, dass sie davon ausging, er hätte sie nur zum Vögeln ausgeführt. Er hatte definitiv höhere Absichten, die er ungern zugab, als sie einfach nur flachzulegen.
„Ich zieh mir dann mal was anderes an…“, flüsterte sie enttäuscht und versuchte, ihren Lüsten zu entkommen.
Sam stand einfach nur so da und hasste es, sie so enttäuscht zu haben, obwohl sie es anscheinend so sehr wollte.
Während sie sich umzog, stand er einfach nur so da. Sein Herz pochte so laut, dass er dachte, sie könne es hören. Die Sehnsucht nach ihr durchdrang jeden Faser seines Seins, und seine Hände zitterten vor Verlangen, sie zu berühren. Doch gleichzeitig kämpfte er gegen eine innere Unruhe an, die ihn daran hinderte, seinen Gefühlen nachzugeben. Er wollte sie so sehr, dass sein Verlangen physisch spürbar war – ein brennendes Feuer, das ihn innerlich verzehrte. Aber trotz aller Begierde konnte er es nicht wagen, einen Schritt auf sie zuzugehen und ihr zu gestehen, wie sehr er sie begehrte. Die Unsicherheit und die Angst vor einer Ablehnung hielten ihn zurück, selbst wenn sein Herz nach ihr schrie.
Alyssa gab ihm noch eine letzte Chance, ihr näher zu sein, und als sie in ihrem übergroßen Shirt im Türrahmen stand, bot sie ihm an, mit in ihrem Bett zu schlafen. Als Vorwand dafür behauptete sie, dass die Couch für ihn zu klein wäre, obwohl sie mehr als groß genug war, und sie kein weiteres Bettzeug besaß, welches er hätte nutzen können. Dieses Mal nahm er die Einladung an und entledigte sich seiner Kleidung, bis auf die Hose. Ihren Augen nach zu urteilen, gefiel ihr, was sie sah.
Als sein Penis leicht an Größe gewann, ermahnte er sich noch einmal, aufzuhören, an schmutzige Dinge zu denken. Es sollte doch durchaus möglich sein, einfach nur mit ihr in einem Bett zu schlafen, ohne gleich wilde Fantasien zu haben.
Glücklicher, als er zugeben wollte, lag sie mit ihrem Kopf auf seiner Brust. Er fürchtete, sie würde sein schnell klopfendes Herz bemerken und sich darüber lustig machen, doch sie sprach kein Wort mehr. Es dauerte nicht lange, da schlief sie bereits, was ihn ein wenig Entspannung einbrachte, obwohl er auch Angst verspürte.
Er dachte kurz darüber nach, wann er zuletzt dieses Gefühl in seiner Brust spürte, wie bei Alyssa, und stellte fest, dass es bloß ein einziges Mal der Fall war. Er war etwa zehn Jahre alt, und ein Mädchen aus der Nachbarschaft gab ihm einen Kuss auf die Wange. Damals war er in sie verknallt. Und danach fühlte er nie wieder so etwas, was ihn glauben ließ, er wäre einfach nur ein eiskalter Mensch, der nicht in der Lage war, jegliche Gefühle außer Wut zuzulassen oder gar zu zeigen.
Aber als er Alyssa sah, änderte sich das. Gleich von der ersten Sekunde an spielte sein Körper und Kopf verrückt. Er fürchtete zwar, nach dem komischen Abschied gestern Abend, dass sie kein Interesse hatte, aber als sie sich morgens meldete, war er der glücklichste Mann auf der Welt und verhielt sich wie ein Vollidiot.
So wie er sich verhielt, kannte er es bisher nur von seinen Freunden. Die, die nach eigener Aussage die Liebe verspürten, woran er eher weniger glaubte. Aber nichts davon war gerade so wichtig wie Alyssa, denn er genoss es einfach nur, wie sie auf seiner Brust schlief und er zärtlich ihren Rücken streichelte.
Es dauerte nicht lange, da überkam ihm ebenfalls der Schlaf.

Alyssa erwachte am Morgen mit einem wilden Trommeln in ihrer Brust, das ihren ganzen Körper durchdrang. Die Erinnerung an den Traum mit Ray Everton hatte eine tiefe Spur in ihrem Bewusstsein hinterlassen, als ob seine Präsenz noch immer in ihrem Zimmer verweilte. Der Duft, den er ausstrahlte, schien in der Luft zu schweben, und Alyssa konnte ihn deutlich wahrnehmen, als ob er sich in ihr Zimmer eingebrannt hätte.
Verwirrt über das, was sie geträumt hatte, erinnerte sich Alyssa an die Frage, die sie ihm gestellt hatte. Die Antwort, die sie erhielt – dass er es ihr hier nicht erklären könne –, schwebte wie ein Rätsel über ihren Gedanken. Ihre Verwirrung vermischte sich mit einer Furcht, die durch den Traum ausgelöst worden war.
„Mein Gott, was für eine Scheiße träume ich da bloß…“, sprach sie mit sich selbst und berührte mit zitternden Händen ihr Gesicht.
Die Menschen, die ihr Leid zugefügten, schienen noch immer in ihrem Herzen zu existieren. Ihre furchteinflößenden Gesichtsausdrücke durchbohrten ihre Seele, während sie wie eine düstere Parade vor ihr aufgereiht standen. Selbst der fremde Mann, der ihr einst nachts auflauerte und sie verfolgte, stand im Traum vor ihr. Eigentlich hatte sie mit ihrer Vergangenheit Frieden geschlossen und versuchte, das Positive daraus mitzunehmen, aber ein unerträgliches Gefühl ergriff sie. Und dann schoss ihr Rays letzter Satz durch den Kopf, den er sprach, bevor sie von ihrer Angst umhüllt wurde.
„Wovor beschützen? Was meinte er damit?“, grübelte sie und versuchte die verborgene Bedeutung seiner Worte zu entschlüsseln.
In diesem Moment fühlte sie sich alles andere als beschützt. Eher im Stich gelassen und die Unliebe lastete schwer auf ihr. Und auch die Tränen, die geflossen waren, hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie legte sich wieder hin und krümmte sich zusammen, wie ein Baby im Bauch einer werdenden Mutter.
Ehe sie weiter im Schatten ihrer Träume versank, erinnerte sie sich daran, dass sie, bevor sie einschlief, noch auf Sams Brust lag und wunderte sich. Sie sah sich suchend um und als sie ihn auf den ersten Blick nicht fand, und auch nirgends hören konnte, raffte sie sich auf und sah noch im Wohnzimmer nach.
Auch wenn der Traum ein kurzer Einblick in ihre persönliche Hölle war, versuchte sie ihn zu verdrängen. Schließlich war es nur ein Traum und manchmal waren sie auch nicht mehr als das.
„Sam?“, rief sie.
„Bist du hier?“
Als keine Antwort kam, überkam sie erneut das Gefühl, wie sie es im Traum verspürte, und fragte sich, ob er sie auch im Stich gelassen hatte. Vielleicht hatte sie sich das Verlangen in seinen Augen am vorherigen Abend auch nur eingebildet, dank des überteuerten Champagners.
Eigentlich ging sie davon aus, dass es während ihres Dates hin und wieder gewaltig knisterte. Angefangen mit seinem Blick, als er sie in ihrem frisch gekauften Kleid ansah. Seine Augen zogen sie quasi dabei aus. Zumindest kam es ihr so rüber. Als er ihr dann aber näher kam und es aussah, als wenn er sie küssen wollte, tat er es nicht. Demnach hatte sie sich wohl geirrt, dass er etwas anderes im Sinn hatte, als Essen zu gehen. Also da hatte der Alkohol keine Schuld.
Und dann hätten wir da noch den Moment, als sie ihn bat, ihr beim Kleid zu helfen. Die zärtliche Berührung, die er ihr dabei gab, ließ gewisse Körperzonen aufblühen, welche sie schon länger nicht mehr verwendet hatte. Es war schon eine ganze Weile her, als sie zuletzt intim mit jemandem war. Und auch, als sie sich selbst zuletzt berührte.
Eigentlich erwartete sie in diesem Moment, dass er sie packen, ins Bett transportieren und voller Leidenschaft vernaschen würde.
Als sie ihn danach in die Augen sah, hatte sie gesehen, dass er sich genau das vorstellte. Dennoch tat er es nicht. Aber immerhin folgte er ihre Einladung in ihr Bett, auch wenn der Vorwand mehr als dämlich war. Natürlich hatte sie noch Bettzeug übrig. Es waren zwar nur haufenweise Plüschdecken, aber die hätten für eine Nacht gereicht. Und auch die Couch hätte ihm mit Sicherheit gereicht.

Sie wollte ihn unbedingt mit in ihrem Bett haben und hoffte insgeheim auf weitere Zärtlichkeiten, die vielleicht zu intimeren Dingen führten. Leider überholte sie dann aber der Schlaf, und damit war diese Vorstellung Geschichte.

Als die Wohnungstür mit einem leisen Knarren aufschwang, durchfuhr Alyssa ein plötzlicher Schreck. Ein Moment der Panik durchzuckte sie. Ihre Hand schnellte reflexartig an ihre Brust, als ob sie erwarten würde, dass jemand unerwartet in ihre Wohnung eindringen würde.
Ein herzhaftes Lachen hallte durch den Flur, als Sam in die Wohnung trat. Er kam auf sie zu, und in seinen Augen lag ein Ausdruck der Erleichterung. Alyssa stand da, wie sie war. Leicht gebeugt, an die Türleiste klammernd, mit ihrem übergroßen Shirt, das ihre zarten Kurven nur erahnen ließ, und einem noch immer perfekt sitzenden Make-Up auf ihrem Gesicht.
„Zum Glück bist du es nur“, atmete sie schwer aus.
„Klar, wer sonst?“, antwortete Sam mit einem leicht schnurrenden Tonfall.
„Hast du etwa schon dein nächstes Date erwartet? Ich wusste ja, dass du eine begehrenswerte Frau bist, aber dass du gleich mehrere auf einmal triffst, hätte ich nicht gedacht.“
Alyssa rollte mit den Augen und lächelte ihn an. Sie war hin- und hergerissen bei Sam. Auf der einen Seite flirte er mit ihr und machte ihr Komplimente, auf der anderen Seite schien er jedoch zögerlich zu sein, wenn es darum ging, einen Schritt weiter zu gehen. Und dann war da noch dieses merkwürdige Gefühl, das sie hatte, als ob er sich in ihrer Wohnung so selbstverständlich bewegte, als gehöre sie ihm.
Aber was definitiv klar war, dass sie ihn eindeutig unglaublich heiß fand. Er trug nicht mehr den Anzug wie vom vorherigen Abend, der ihm so gut stand, als wäre diese Farbe nur für ihn kreiiert. Er war cremefarben, gepaart mit einem schneeweißem Hemd und hellbraunen lackleder Schuhen.
Bisher fand sie diese Farbe eigentlich eher schrecklich. Sie war total in Mode, und genau das gefiel ihr nicht. Jeder zweite trug diese Farbe, was sie dadurch nicht mehr so schön erschienen ließ. Seine Farbwahl war einzigartig und verlieh ihm eine gewisse Eleganz, die Alyssa anzog.
Nun trug er eine weiße Hose, ohne auch nur einen einzigen Fussel, hellblaue Schuhe und in dem exakt gleichen Ton ein passendes Hemd. Sam war mit seiner Farbwahl wirklich einzigartig, was Alyssa sehr gefiel.
Sie konnte nicht anders, als von oben bis unten zu mustern und den angenehmen Duft seines Parfüms wahrzunehmen.
„Wo warst du?“, fragte sie ihn, während sie sich daran machte, Kaffee zuzubereiten.
Sam ließ unauffällig seinen Blick über sie gleiten, und Alyssa spürte seine Blicke auf ihrem Rücken, der durch das weite Shirt nur erahnt werden konnte. Er legte seine Sachen auf den Couchtisch ab und setzte sich, um sie besser betrachten zu können.
„Ich habe einen Arzttermin für uns arrangiert, wie ich es dir versprochen habe“, erklärte er ruhig.
„Wir müssen in etwa einer halben Stunde los. Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn wir ihn auf dem Anwesen meiner Familie treffen.“
Alyssa nickte knapp, während sie nervös ihren Blick senkte. Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf, und sie versuchte, ihre Aufregung zu unterdrücken.
Eigentlich war es nicht wirklich in Ordnung. Es war schon irgendwie seltsam, dass er die Nacht bei ihr verbracht hatte, und nun sollte sie auch noch mit zu ihm, oder besser gesagt, auf das Anwesen seiner Eltern. Und das, obwohl sie sich erst seit zwei Tagen kannten. Normalerweise würde sie jetzt behaupten, dass alles viel zu schnell ging, aber irgendwie störte sie sich nicht wirklich daran. Es fühlte sich schön und vertraut an, als würden sie sich schon seit Jahren kennen.
„Apropos Arzt, wo befindet sich eigentlich dieser Doktor Julius? Und wie geht es deiner Rippe?“, horchte Sam vorsichtig nach.
„Wieso? Was ist mit ihm?“, entgegnete sie verwundert, während sie einen Keks aus dem Küchenschrank holte und ihn mit einem zufriedenen Lächeln betrachtete.
„Bisher geht es meiner Rippe gut, denke ich. Zumindest hat es noch nirgendwo unangenehm gezogen. Meine Knie leiden dafür ein wenig mehr“, ergänzte sie lächelnd und deutete auf die blauen Flecken.
Im gleichen Moment wurde ihr bewusst, dass sie halbnackt in ihrer Küche stand, während ein eigentlich fremder Mann in ihrem Wohnzimmer saß und sie von Kopf bis Fuß mit einem gierigen Blick scannte.
„Oh Scheiße! Warum sagst du nichts?!“, fluchte sie peinlich berührt und eilte in ihr Zimmer, um sich schnell etwas anderes anzuziehen und anschließend ihre Zähne zu putzen.
Sam schnaubte verärgert. Er genoss ihren Anblick, warum sollte er sie also darauf hinweisen?
Als sie zurückkam, in einer Jogginghose und einem passenden Hoodie, entschuldigte sie sich für ihr unangemessenes Verhalten.
„Das vorherige Outfit gefiel mir aber besser“, versuchte er ihr die Scham zu nehmen, was jedoch das genaue Gegenteil bewirkte, denn ihre Wangen färbten sich knallrot.
„Ich bin ein artiges Mädchen, und es gehört sich nicht, sich nach dem ersten Date so freizügig zu zeigen!“, betonte Alyssa mit Nachdruck ihre eigenen moralischen Prinzipien.
Ein dezentes Lächeln spielte auf ihren Lippen, während sie ihre Überzeugung verteidigte. Sam stand von der Couch auf und lief mit entschlossenen Schritten auf sie zu. Sein Plan war es, sie von ihrer Überzeugung abzubringen, denn er mochte das vorherige Outfit wirklich viel lieber. Am liebsten hätte er ihr sofort diese zwei unnötigen Kleidungsstücke vom Leib gerissen.
Alyssa wich zurück, als Sam ein wenig einschüchternd wirkte. Als sie mit ihrer Hüfte gegen die Arbeitsfläche stieß, gab es keinen Ausweg mehr. Nur wenige Zentimeter vor ihr hielt Sam inne und betrachtete sie erneut von oben bis unten.
„Das vorherige Outfit gefiel mir wirklich besser“, knurrte er verführerisch, als er sich zu ihr herunterbeugte.
Er wollte sie küssen. Hier und jetzt. Denn sie konnte nicht fliehen, als er seine muskulösen Arme links und rechts von ihr auf der Arbeitsfläche abstützte. Sein Parfum stieg ihr in die Nase und ließ sie kaum noch klar denken. Ihre Wangen glühten, und sie fragte sich, warum er gerade viel zu viele Sekunden vor ihrem Gesicht verweilte, ohne den nächsten Schritt zu gehen.
„Was zur Hölle ist dein Prob…“, fing sie an zu pöbeln, und versuchte ihn wegzustoßen.
Doch bevor sie zu Ende sprechen konnte, unterbrach er sie, indem er seine Lippen auf ihre presste.
Zuerst vorsichtig und liebevoll, als würde er auf ihre Bestätigung warten, welche nicht lange auf sich warten ließ. Schnell entwickelte sich dieser Kuss zu einer sinnlichen Verbindung. Die Wärme seiner Lippen, der süße Geschmack ihrer Küsse – eine leidenschaftliche Symphonie der Sinne, die sie in einen Moment voller Intimität und Begehren versinken ließ.
Der Kuss, den sie offiziell als den besten Kuss ihres Lebens betitelte, endete, als Sams Handy laut vibrierte.
Zögernd ließ er von ihr ab und ging zu seinem Handy, als wäre gerade nichts passiert. Alyssa blieb perplex zurück. Obwohl er bereits ein paar Meter von ihr entfernt stand, spürte sie noch die Wärme seiner Lippen auf ihren. Sie drehte sich mit dem Rücken zu ihm und versuchte als allererstes, ihren Unterleib zu kontrollieren, der mehr als bereit war, ihn zu empfangen. Doch dazu würde es nicht kommen, so viel wusste sie. Er wechselte mühelos zwischen der Intimität und der nüchternen Realität. So, als wären gerade keine kleinen Explosionen zwischen ihnen gewesen. Gott, sie spürte sogar sein Prachtstück an ihrem Bauch, das er an sie presste. Warum also war er plötzlich so abweisend?
„Wir müssen jetzt los, Doktor Hank ist bereits vor Ort.“
Alyssa schrie schmerzhaft auf, ein markerschütternder Laut, der die Luft in der Küche zu ersticken schien. Sie stützte sich mit aller Kraft auf der Arbeitsfläche ab, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen. Doch die schrecklichen Schmerzen in ihrer Brust ließen nicht nach, sondern wurden nur noch intensiver. Es fühlte sich an, als würde ihr Herz von unsichtbaren Händen zusammengepresst, als würde es jeden Moment zerspringen.
Eine Welle panischer Angst überflutete sie, als sie fürchtete, einen Herzinfarkt zu bekommen. Die Welt um sie herum verschwamm in einem nebligen Schleier, und die Luft schien plötzlich viel zu dünn zu sein.
In ihrer Not drehte sie sich zu Sam um, der bereits in Alarmbereitschaft war und zu ihr eilte. Seine Augen weiteten sich vor Schock, als er sah, wie sie vor Schmerzen auf die Knie fiel und sich an ihre Brust presste, als könnte sie den Schmerz dadurch vertreiben. Doch die Wirklichkeit war grausam und unbarmherzig, und Alyssa konnte nur vor Qual aufschreien.
Die Welt um sie herum begann sich zu drehen, und schwarze Flecken tanzten vor ihren Augen. Sie fühlte, wie ihre Kräfte schwanden, wie sie langsam die Kontrolle über ihren Körper verlor. Ihr wurde schwarz vor Augen, und ein unheilvolles Gefühl der Ohnmacht überkam sie.
Doch noch bevor ihr Kopf auf den harten Boden aufschlagen konnte, war Sam bereits bei ihr. Mit blitzschnellen Reflexen fing er sie auf, hielt sie fest in seinen Armen, als wäre sie das kostbarste Gut auf der Welt. Seine Stimme klang wie ein ferner Ruf in ihrer verschwommenen Wahrnehmung, und sein besorgtes Gesicht war das Letzte, was sie sah, bevor sie in die Dunkelheit fiel.