Alyssa klang ein wenig verzweifelt, aber dennoch glücklich.
„Gott, Siena… Ich werde diesen Geruch nicht mehr los. Es kommt mir schon vor, als würde mein ganzer Körper danach riechen…“
„Ich glaube dir! Aber bist du dir sicher, dass du ihn kanntest?“, hakte Siena noch ein letztes Mal nach.
Alyssa stöhnte.
„Ja, irgendwie schon… Aber sein Gesicht war ja auch verdeckt, so wie ich es dir schon zehn Mal gesagt habe! Es war unglaublich merkwürdig. Als er sich umdrehte, spürte ich, wie er mich anstarrte, auch wenn ich es nicht sehen konnte. Und um es noch mal zu betonen, ich bin nicht verrückt! Das ist es, was mich am meisten wundert. Sam roch diesen Duft auch. Er fand ihn zwar lange nicht so schön wie ich, aber er roch ihn auch!“
Siena lachte amüsiert.
„Hey, das ist nicht lustig!“, betonte Alyssa, aber lachte mit.
„Apropos Sam! Was ist jetzt mit ihm?“, fragte Siena neugierig.
„Na ja, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich fühle mich schlecht, weil ich ihn nach dem Kuss quasi abgeschoben habe. Ja, er gab mir zwar noch seine Nummer, aber ich war total aufgewühlt und habe ihn dann einfach stehen lassen. Meinst du, ich soll ihm mal schreiben?“, holte Alyssa den Rat ihrer besten Freundin ein.
„Ja, logisch musst du ihm schreiben! Und du solltest dich entschuldigen, das war wirklich sehr unhöflich und so bist du normalerweise nicht! Und was den geheimnisvollen Unbekannten betrifft, solltest du das ihm gegenüber vielleicht erst mal nicht erwähnen. Es kommt nie wirklich gut, wenn man vor seinem Neuen über jemand anderen schwärmt. Sam hatte definitiv großes Interesse an dir. Aber, was mich auch noch interessiert, warum hast du ihn überhaupt geküsst?“, wollte Siena wissen.
„Uff, ähm… Irgendwie war er total süß, in dem Moment. Er sieht zwar groß, gefährlich und stark aus, aber war in dieser Sekunde unglaublich verletzlich, was ich verdammt niedlich fand. Er hatte etwas an sich, was mich dann dazu brachte. Und eigentlich war es gar nicht schlecht! Seine Lippen sind wirklich weich, und er roch auch sehr gut. Fast so gut wie -“
Siena unterbrach sie.
„Hey! Es geht gerade um Sam und nicht um deinen Unbekannten, lenk nicht ab!“
„Ja ja, schon gut. Also… Keine Ahnung, wohin das führt, aber irgendwie glaube ich, ich sollte es mal versuchen.“, antwortete sie ein wenig nachdenklich.
Siena stimmte zu.
„Genau das will ich hören!“
„Okay, Süße, ich muss jetzt arbeiten. Wir sprechen später noch mal, okay?“
„Oh man, jetzt schon?“, seufzte Alyssa.
„Nicht jeder kann den ganzen Tag zuhause Trübsal blasen, so wie du! Und jetzt schreib Sam eine Nachricht!“, befahl Siena ihrer besten Freundin lachend.
„Ja ja, mach ich… Ciao!“
„Bye!“
Alyssa dachte hochkonzentriert nach, was sie ihm schreiben könnte. Sie schämte sich mehr, als sie zugab.
„Toll… Und was schreib ich ihm?! – Hey, der Kuss war schön, aber irgendwie finde ich den Unbekannten auf dem Motorrad interessanter, und ich denke die ganze Zeit nur an ihn! – Oh mein Gott, nein…“
Sie dachte weiter nach und entschied sich für ein einfaches, ziemlich trockenes.
„Hey, bist du gestern gut im Hotel angekommen? Hast du heute schon was vor?“, und scrollte anschließend bei Instagram herum, um sich abzulenken.
Es dauerte keine fünf Sekunden, da bekam sie schon eine Antwort von ihm.
„Heey! Ja, bin ich. Nein, ich habe noch nichts vor. Möchtest du nachher mit mir ausgehen? So richtig, als Date?“
Alyssas Wangen glühten und ihr Puls beschleunigte sich rasant.
Okay. Wow. So direkt habe ich keine Antwort erwartet!“, dachte sie sich mit klopfendem Herzen.
Sie antwortete ihm.
„Klar, gerne! Wann und wo?“, und würfelte sich in Gedanken schon ein passendes Outfit zusammen.
„Ich hole dich gegen sieben ab, okay? Lass dich überraschen!“
„Okay. Bis später!“, antwortete sie noch, warf ihr Handy auf die Couch und rannte kribbelig zu ihrem Kleiderschrank.
Alyssa fluchte, während sie ihn auseinandernahm.
„Fuck… Nein, nein, das auch nicht, nein, nein… Man! Wieso habe ich nichts Vernünftiges im Schrank?! Ach ja… Ich steh ja eher auf bequem…“, seufzte sie.
Sie schaute erneut auf ihr Handy, ob in den nächsten Minuten ein Bus fahren würde, zog sich ihre Schuhe an und flitzte die Treppen hinunter.

Vier Läden durchsuchte sie bereits nach einem schönen Kleid, aber wurde einfach nicht fündig.
„Meine Güte, das kann doch nicht wahr sein! Gibt es denn nirgends mehr etwas Vernünftiges?!“, fluchte sie schon wieder.

Sie sah auf die Uhr. Mittlerweile hatte sie ein wenig Zeitdruck. Spätestens in zwei Stunden sollte sie wieder zuhause sein. Sam war bestimmt ein überpünktlicher Typ. Drei Läden könnte sie noch durchstöbern, danach gäbe es keine Auswahl mehr. Sie hätte sich vielleicht die Stadt, und nicht ein nahe liegendes Dörfchen aussuchen sollen, um ein schönes Kleid zu finden.
Dörfchen nannte sie alles, was keine Großstadt war, wo sie aufwuchs. Sie wollte einfach kein Risiko eingehen, ihm schon eher zu begegnen. Es wäre ihr peinlich gewesen, würde er sie sehen, wie sie verzweifelt nach einem schönen Kleid suchte, weil sie so etwas eigentlich nicht besaß. Wann ging sie schon mal auf ein richtiges Date? Eigentlich noch nie. Ihre bisherigen Freunde sahen es schon als Date an, wenn man sich zusammen mit Freunden traf. Sie ging davon aus, dass sie schön Essen gehen würden. Und Sam sah nicht danach aus, als würde er eine Imbissbude aussuchen. Vermutlich nicht einmal ihr Stammrestaurant. Es war zwar schön und die Atmosphäre sehr gemütlich, aber in anderen Augen eher nicht wirklich nobel. Er würde vermutlich eins aussuchen, was deutlich höherem Standard entsprach.
„Oh mein Gott, das ist es!“, jubelte sie fröhlich, als sie sich im Spiegel betrachtete.
Es war kurz, aber nicht zu kurz. Es betonte die Figur, aber war nicht zu eng. Es war rot. Das Rot, was sie am meisten liebte. Rubinrot. Sie drehte sich noch einmal hin und her, um zu schauen, ob auch wirklich alles richtig saß.
„Perfekt!“
Sie sah erneut auf die Uhr und bekam einen kurzen Herzstillstand.
„Oh Scheiße!“, fluchte sie noch ein mal und zog schnell das Kleid wieder aus, eilte nach Hause, um sich zu schminken und die Haare zu stylen.
Auf dem Weg schrieb sie noch ein wenig mit Siena hin und her, um vom Date, vom Kleid und ihrer Nervosität zu erzählen. Siena lachte viel, aber sie lachte sie nicht aus. Ihr war diese Nervosität nicht unbekannt, auch sie war schon mal in so einer Situation. Aber sie versuchte ihrer besten Freundin viel Mut zuzusprechen und wünschte ihr viel Erfolg. Und sie wies darauf hin, sollte es zum Sex kommen, unbedingt ein Kondom zu nutzen.
Siena verhielt sich häufig wie eine Mutter, obwohl sie noch gar keine war. Aber genau das liebte Alyssa so sehr an ihr. Sie sah ihre beste Freundin auch oft eher als große Schwester an. Alyssa steckte schon häufiger mal in kleineren Schwierigkeiten, und Siena half ihr aus allen Situationen raus. Und das so gut, als wäre sie zwanzig Jahre älter und hätte deshalb viel mehr Erfahrung in allem.

Die Klingel schallte durch ihre kleine Wohnung, und sie lief zur Tür, um Sam hereinzulassen. Noch bevor er in ihrem Stockwerk angekommen war, rief sie hinunter.
„Du bist viel zu früh! Ich hab noch zwanzig Minuten!“
Von unten kam herzhaftes Gelächter.
„Ja, ich weiß. Ich bin immer gerne früher da. Tut mir leid!“, rief er zurück.
Sie ließ die Tür offen stehen und eilte wieder ins Badezimmer, denn so halb fertig geschminkt sollte er sie nicht sehen. Sam trat in ihre Wohnung und atmete tief ein. Ihr Parfüm lag noch in der Luft, als sie wieder im Badezimmer verschwand.
Er sah sich um und blieb in der Küche stehen.
Alyssa schlich kurz danach aus dem Badezimmer heraus und betrachtete Sam von hinten. Sie konnte ihren Blick kaum von seinem Hintern loslassen.

„Gott, dieser Arsch… Und die Schultern sehen von hinten noch breiter aus…“, flüsterte sie leise vor sich hin und biss sich auf die Unterlippe.
Sam fand das Design der Küche sehr ansprechend. Die perfekte Mischung aus Alt und Modern.
„Sie ist wirklich schön, oder?“, ertönte eine reizende Stimme hinter ihm.
Er drehte sich um und wirkte sehr überrascht.
„In der Tat, das ist sie!“, stimmte er ihr mit großen Augen zu, aber meinte eher sie, als ihre Küche.
Da stand sie mit ihrem umwerfenden, figur-betonenden Kleid und langen, offenen sowie gewellten blonden Haaren. Ihre Augen waren mit einem feinen, nicht zu dunklen Lidschatten betont, und die Lippen waren mit einem zarten Rot unterstrichen, welches perfekt zu ihrem Kleid passte.
Sie wurde nervös, weil er sie so anstarrte und hob skeptisch eine Augenbraue. Gefiel ihm nicht, was er sah? War es vielleicht zu viel?
„Alles okay? Falsches Outfit?“, fragte sie.
„Äh, ja. Ja! Natürlich! Du siehst nur so – Wow!“, erwiderte er und ging lächelnd langsam auf sie zu.
Am liebsten hätte er sie hier und sofort genommen.
Sie nahm einen tiefen Atemzug und hielt die Luft an und versuchte ihr Herzklopfen zu kontrollieren.
Dieser Duft… Da ist er wieder. Ist es sein Parfum? Nein… Es ist der, den der Unbekannte von gestern Abend hatte“, dachte sie und ging einen vorsichtigen Schritt zurück, weil sie nicht wusste, was Sam vor hatte.
Ihr Herz rutschte ihr in die Hose, und ihre Wangen wurden kochend heiß. Er kam ihr immer näher, strich ihr eine kleine Strähne aus dem Gesicht heraus und berührte dabei zärtlich ihre Wange. Er beugte sich zu ihr runter und kam ihrem Mund gefährlich nah, als würde er sie küssen wollen. Kurz vor ihren Lippen hielt er inne und sah ihr in die Augen.
„Du siehst wirklich süß aus, wenn deine Wangen rot werden. Das passt perfekt zum Kleid“, flüsterte er ihr zu und lächelte charmant.
Alyssa lachte peinlich berührt laut los.
Oh verfluchte Scheiße…“, dachte sie sich, lief um ihn herum und fasste sich auf die glühenden Wangen.
„Hör auf mich damit, sonst fang ich auch damit an, und das willst du nicht!“, drohte sie ihm ernst, aber lächelnd.
Sam lachte.
„Tut mir leid. Es ist aber wirklich ziemlich süß! Wollen wir nun Essen gehen?“
Ihr Herz klopfte auf Hochtouren, als sie seinen Blick sah. Sie zog ihre Pumps an, holte ihren Mantel und ohne weitere Worte verließen sie ihre Wohnung.

Am Ziel angekommen, glaubte sie ihren Augen kaum. Das Restaurant La Lumière Royale erstrahlte in einem blendenden Glanz, sobald man die majestätischen Türen betrat. Nie zuvor hatte sie so etwas gesehen. Nie zuvor war sie in dieser Ecke der Stadt gelandet, weil sie sich so etwas nicht ansatzweise leisten konnte.
Gelegen in einem restaurierten Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert, verbindet es auf geschmackvolle Weise historischen Charme mit modernem Luxus. Der Eingangsbereich ist mit einem imposanten Kronleuchter aus Kristall geschmückt, der das Licht auf funkelnde Marmorböden wirft. Die Inneneinrichtung des Restaurants ist ein eleganter Mix aus antiken Möbeln und zeitgenössischem Design. Samtbezogene Stühle und üppige Vorhänge in warmen Gold- und Burgundertönen verleihen dem Raum eine königliche Atmosphäre. Die Wände sind mit kunstvollen Gemälden berühmter Künstler geschmückt, die die Geschichte und Tradition des Hauses widerspiegeln.
Das Herzstück des Restaurants bildet der große Speisesaal, der von einer gläsernen Kuppel gekrönt wird, die den Blick auf den funkelnden Sternenhimmel ermöglicht. Jeder Tisch ist mit feinstem Porzellan, versilbertem Besteck und handgefertigten Kristallgläsern gedeckt. Zartes Kerzenlicht taucht den Raum in eine warme, intime Atmosphäre.
Alyssa stand wie gebannt im Eingangsbereich.
„Heilige Scheiße… Das kostet doch ein Vermögen, hier zu essen! Sicher, dass wir hier richtig sind?!“, flüsterte sie zu Sam.
Er setzte sein verführerisches Lächeln auf und nahm ihr den Mantel ab.
„Ja, wir sind hier richtig. Bitte mach dir keine Sorgen ums Geld und genieß einfach den Abend mit mir. Die Küche ist ein wahres Fest für Feinschmecker. Der Küchenchef zaubert exquisit präsentierte Gerichte aus erlesenen Zutaten, die eine Hommage an die französische Haute Cuisine sind. Die Speisekarte bietet eine breite Auswahl von delikaten Vorspeisen bis zu verlockenden Desserts, alles perfekt abgestimmt auf eine erlesene Auswahl an Weinen aus renommierten Weingütern. Der erstklassige Service wird von professionellem Personal geboten, das jeden Gast mit diskreter Aufmerksamkeit und Höflichkeit verwöhnt. Du wirst hier königlich behandelt“, erklärte er ihr, während sie zu ihrem Tisch begleitet wurden.
Alyssa sah sich weiter um und war schwer begeistert von der Einrichtung.
„Warst du schon mal hier? Ich hab noch nie solche Gerichte gesehen und habe vermutlich auch keine Ahnung, was man hier so bestellt…“, bemerkte sie zurückhaltend, mit großen Augen auf die Teller der anderen Gäste gerichtet.
Sam brauchte einen Moment, um eine passende Antwort zu geben.
„Äh, ja“, stotterte er und war froh, dass ein Kellner kam.
„Guten Abend Monsieur Dupont und herzlich willkommen im La Lumière Royale“, begrüßte er sie mit einem französischen Dialekt, verbeugte sich respektvoll und reichte ihnen die Speisekarte.
Sam warf dem Kellner einen tötenden Blick zu. Der Kellner räusperte sich nervös.
„Wie darf ich Ihnen behilflich sein?“, fügte er hinzu, mit einem entschuldigenden Gesichtsausdruck.
„Wir würden gerne mit einem Glas Champagner beginnen. Könnten Sie uns eine Empfehlung aussprechen?“, sprach Sam plötzlich im gehobenen Ton.
„Selbstverständlich. Für einen besonderen Abend empfehle ich den Dom Pérignon Vintage. Er ist ein exquisiter Champagner mit feinen Aromen von frischen Früchten und einer herrlichen Perlage.“
„Wir nehmen eine Flasche. Und könnten Sie uns eine passende Vorspeise empfehlen?“
Alyssa verhielt sich ruhig und leicht verwirrt, während sie die Unterhaltung beobachtete. Sam wirkte plötzlich so anders, so vornehm. Es war, als wäre er für diese gehobene Klasse geboren, als hätte er eine aristokratische Eleganz, die ihn von den anderen abhob. Sein Auftreten war von einer edlen Zurückhaltung geprägt, seine Worte gewählt und von einer feinen Nuance der Höflichkeit durchzogen, die in dieser Situation unerwartet wirkte.
„Natürlich. Unsere delikate Jakobsmuschel-Vorspeise mit Trüffelbutter und Blattgold ist eine exzellente Wahl. Die zarten Aromen der Muscheln und die Trüffelbutter harmonieren perfekt mit dem Dom Pérignon und verleihen Ihrem Abend einen Hauch von Luxus.“
„Das hört sich fantastisch an. Wir nehmen die Jakobsmuscheln als Vorspeise. Und als Hauptspeise?“
„Für die Hauptspeise empfehle ich unser Loup de Mer en Croûte. Ein zartes Wolfsbarschfilet, umhüllt von einer knusprigen Blätterteigkruste, serviert mit einer Safranschaumsoße und frischen Herbstgemüsen. Die leichten Meeresaromen des Wolfsbarschs und die Safranaromen des Gerichts werden wunderbar von der Eleganz des Dom Pérignon begleitet.“
Sam konnte nicht widerstehen und leckte sich genussvoll über die Lippen, während Alyssa ihm dabei zusah, ihre Augen voller Faszination und vielleicht auch ein wenig Überforderung.
„Das klingt köstlich!“, sagte er und schaute zu Alyssa rüber, die völlig überfordert war.
„Ähh, ja, okay.“, brachte sie schließlich heraus, während sie sich bemühte, ihre Gedanken zu sammeln und sich auf die exquisite Speiseauswahl zu konzentrieren.
„Wir nehmen zwei Portionen Loup de Mer en Croûte“, sagte Sam zum Kellner und bedankte sich.
„Eine ausgezeichnete Wahl. Ich werde Ihre Bestellung umgehend weitergeben. Falls Sie noch weitere Wünsche haben oder Fragen, lassen Sie es mich bitte wissen“, antwortete der Kellner, verbeugte sich noch ein letztes Mal und verschwand in die Küche.
Alyssa stützte die Ellenbogen auf den Tisch, auch wenn man das in diesem Restaurant bestimmt nicht tun sollte, verschränkte die Hände ineinander und sah Sam ernst an.
„Woher kannte er deinen Namen?“, fragte sie mit einem skeptischen Blick.
Sam fühlte sich erwischt und zuckte leicht mit den Schultern, während er nach einer Erklärung suchte.
„Ähm, das stand selbstverständlich auf der Reservierung… Woher sollte er ihn sonst kennen?“, versuchte er sich herauszureden.
„Aha“, entgegnete Alyssa mit einem schelmischen Grinsen, doch ihre Miene verriet, dass sie ihm kein Wort abkaufte.
„Dein Nachname ist wirklich entzückend. Der Laden hier ist sehr entzückend. Wie kamst du darauf? Ist es ein Zufall, dass dein Name auch französisch ist und wir hier sitzen? Sicher, dass er deinen Namen von der Reservierung kannte?“, fragte sie mit einem gespielt bösen Blick.
Sam seufzte schwer und gestand schließlich seine Lüge.
„Okay… Nein, es ist kein Zufall. Nein, er kannte meinen Namen, weil meiner Familie dieser Laden hier gehört, sowie noch viele weitere, auf der ganzen Welt verstreut“, offenbarte er mit einem Hauch von Bedauern in seiner Stimme.
Alyssa holte tief Luft und unterdrückte einen enttäuschten Seufzer.
„War ja klar…“, dachte sie sich, denn sie war Lügen bereits gewohnt, aber sie nahm es ihm irgendwie nicht übel.

„Eigentlich wollte ich noch nicht, dass du davon erfährst. Eigentlich habe ich deutliche Anweisungen gegeben, dass man meinen Namen nicht nennt, und dafür bekommt er nachher auch noch etwas zu hören“, fügte er noch hinzu und sah genervt zur Küche hinüber.
„Nein! Lass ihn in Ruhe. Der arme Mann!“, betonte sie lächelnd.
„Er ist auch nur ein Mensch und hat es sicherlich einfach nur vergessen. Es ist ja auch schon ein wenig komisch, dass du diese Anweisung gegeben hast“, nahm sie den Kellner in Schutz.
Sam lehnte sich zurück und sah Alyssa mit seinen grauen Augen an. Ihr Herz pochte, und sie spürte, wie ihre Wangen leicht an Hitze gewannen.
„Du bist viel zu lieb. Er hatte aber Anweisungen, die er befolgen sollte. Man kann von dem exzellent ausgebildeten Kellner durchaus erwarten, dass er diese eine einfache Aufgabe befolgt und nicht innerhalb der ersten vier Minuten vernachlässigt.“
Sams Ton war ein wenig herrisch, aber irgendwie machte es sie an. Seine Stimme hatte eine raue, dominante Qualität, die eine unerwartete Hitze in ihr entfachte. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug, als sie auf seine Lippen starrte, die sich mit jeder Äußerung spannten. In diesem Moment konnte sie sich nicht helfen, sich vorzustellen, wie er nackt vor ihr stand, seine muskulöse Brust und Arme im Licht der Sonne glänzend. Doch sie zwang sich, diese Gedanken beiseitezuschieben und sich auf die Situation zu konzentrieren. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, sich von solchen Fantasien ablenken zu lassen. Sie musste sich zusammenreißen.
„Jetzt hör doch mal auf! Meine Güte! Wenn du ihn anmeckerst, dann kannst du dich auf was gefasst machen! Ändere doch mal deinen Blickwinkel. Hättest du nicht gelogen, hätte dein Kellner keinen Fehler gemacht. So eine Anweisung ist total lächerlich!“
, unterbrach sie ihn energisch und bat ein letztes Mal darum, ihn in Ruhe zu lassen.
In diesem Moment spürte sie eine Welle der Entschlossenheit, seine aufbrausende Art zu zügeln, und ließ ihren Worten Nachdruck verleihen.
„Mhhh… Du hast ja recht. Okay, okay. Ich sag ihm gleich, dass es mein Fehler war und nicht seiner“, antwortete er ein wenig unterwürfig, und ein Anflug von Verlegenheit huschte über sein Gesicht. Sie konnte erkennen, dass ihre Worte bei ihm ankamen, und das gab ihr ein Gefühl der Erleichterung.
Schön! Geht doch!“, grinste sie siegerisch, als sie spürte, wie die Situation sich zu ihren Gunsten wandte.
Es war ein kleiner Triumph für sie, ihn dazu zu bringen, seine Haltung zu überdenken und sein Verhalten zu korrigieren.
„Also, erzähl mal. Wie kam es zu dem Restaurant? Erzähl mir ein wenig mehr von deiner Familie. Schließlich hast du gestern noch anderes behauptet.“
„Ach, da gibt es gar nicht viel zu erzählen. Mein Vater hatte einen Traum, lernte meine Mutter kennen, erfüllte seinen Traum, und schwups gab es gleich mehrere Restaurants, in mehreren Ländern. Viel mehr gibt es da nicht zu erzählen. Außerdem wäre es nicht wirklich spannend. Ja, ich liebe meine Familie wirklich sehr, aber manchmal gehen sie mir einfach nur auf die Nerven“, antwortete er trocken.
„Hast du noch Geschwister? Wohnst du dann hier überhaupt in einem Hotel? War das gestern Abend wirklich dein Arbeitskollege?“, löcherte sie, gespannt darauf, ob sich diese Geschichte auch änderte.
Alyssa hasste Lügen wirklich sehr, weshalb sie ihn nun in die Mangel nahm. Es war nicht wirklich nötig, sie anzulügen. Sie hätte sich nicht anders verhalten, hätte sie es von Anfang an gewusst. Selbst wenn er das Hundertfache an Geld besaß als sie, war er trotzdem nur ein Mensch und dadurch nichts Außergewöhnliches oder Besonderes. Sie hasste unglaublich, wenn sich jemand mit seinem Reichtum in den Himmel hob und die untere Schicht wie Abschaum behandelte. Bei Sam war es ein wenig anders. Sie wusste sofort, dass er nicht schlecht verdiente und definitiv aus einer etwas höheren Gesellschaft kam, aber er verhielt sich nicht ansatzweise so wie die, denen sie bisher begegnet war.
Sie selbst gehörte schon immer eher zur normalen, bis unteren Schicht, was sie aber auch nicht störte. Klar, sie würde auch gerne mal über den roten Teppich laufen oder an besonderen Veranstaltungen teilnehmen, aber bisher ergab sich noch nie solch eine Möglichkeit.
„Ich habe noch einen großen Bruder. Er ist zwei Jahre älter als ich und ähnelt meinem Vater deutlich mehr. Glücklicherweise übernimmt er überwiegend das Geschäft unserer Eltern, und mir bleibt diese Verpflichtung erspart. Ja, ich wohne tatsächlich in einem Hotel. Eigentlich halte ich mich eher in meiner Heimat auf, als hier, weshalb ich hier keinen Wohnsitz habe. Außerdem möchte ich nicht mit meinem Geld prahlen, weshalb ich dann lieber in normale, anstatt Luxushotels gehe. Nein, der Typ gestern war nicht mein Arbeitskollege. Eher ein nervtötendes Anhängsel meiner Eltern. Mein Vater schickte ihn zu mir, weil er etwas von mir wissen wollte.“, sprach er.
Alyssa hob eine Augenbraue.
„Warum er sich nicht selbst mit mir in Verbindung setzt? Weil ich seit ein paar Wochen auf keinen seiner Anrufe oder Nachrichten reagiere. Ich möchte gerne mein eigenes Leben führen und nicht viel mit seinen Träumen zu tun haben. Das ist eher das Ding meines Bruders“, erklärte er voller Ehrlichkeit.
„Schön, dass du ehrlich bist. Das bedeutet mir sehr viel. Du solltest wissen, dass ich hoch allergisch auf Lügen reagiere. Ich habe zu viel erlebt, um schon wieder so ein Drama zu durchleben“, zwinkerte sie ihm zu.
Eigentlich war ihr doch ein klein wenig unwohl bei der Sache mit Sam. Ja, sie mochte ihn. Ja, er war atemberaubend schön, ziemlich intelligent, stattlich gebaut und wusste definitiv, was er wollte. Aber irgendetwas, tief in ihrem Inneren, ließ sie glauben, dass etwas auf sie zukäme, sollte sie weiterhin mit ihm zu tun haben.
Sie versuchte, diese Gedankengänge zu verdrängen und sich auf dieses Date zu konzentrieren. Vielleicht würde sie sich ja auch irren, und er war tatsächlich ein perfekter Mann.
Sie holte tief Luft. Da war er schon wieder, dieser Duft.
Gott, das ist so merkwürdig!
Ihr Handy vibrierte, welches in ihrer kleinen Handtasche lag, die nicht unbedingt zum Kleid passte.
Als hätte ihre beste Freundin etwas geahnt, fragte sie in der Nachricht, ob alles gut lief. Alyssa entschuldigte sich bei Sam und ging zur Toilette.

„Wow, selbst die sieht aus, als wären wir in einem Palast“, flüsterte sie und prüfte kurz, ob sie alleine war.
„Oh oh, läuft es so schlecht?“, fragte Siena enttäuscht, als Alyssa sie anrief.
Ursprünglich setzte Siena viel Hoffnung in Sam, dass Alyssa wieder mehr vor die Tür kam und die schönen Seiten des Lebens sah.
„Nein, eigentlich nicht…“, antwortete sie leise.
Siena hakte nach.
„Warum? Geht es dir zu schnell? Hat er Mundgeruch? Stinkt er vielleicht nach Schweiß, oder gefällt dir sein Parfum nicht?“
„Nein, nein. Er riecht sensationell! Wenn ich ihn denn mal riechen kann. Zwei Mal, innerhalb einer Stunde habe ich schon wieder diesen merkwürdigen Duft in der Nase gehabt, was mich ein wenig unruhig macht“, stöhnte sie und lehnte sich mit ihrem Hintern gegen eines der teuren Waschbecken.
Siena versuchte ihre Freundin zu beruhigen.
„Ach Alyssa… Versuch dich auf dein Date zu konzentrieren und nicht auf diesen Geruch. Irgendwann wirst du schon herausfinden, woher er kommt. Vielleicht ist es ja nur ein Duschgel, von irgendeiner Person, welches wir noch nicht gefunden haben. Oder natürlich du bildest es dir mittlerweile ein… Ohne es böse zu meinen, das weißt du!“
„Ja, klar weiß ich das. Ach ja, und er hat gelogen“, ergänzte sie noch.
„Wie, er hat gelogen? Ist er eigentlich schwul? Das würde zumindest erklären, warum er so einen guten Kleidergeschmack hat“, lachte Siena.
Alyssa lachte mit und erklärte ihr kurz die wichtigsten Details.
„Neeein! Er ist definitiv nicht schwul! Er ist nur eigentlich stinkreich und seinen Eltern gehört das Restaurant, in dem wir gerade essen, und zusätzlich noch mehrere in anderen Ländern. Und der angebliche Arbeitskollege von gestern war bloß ein Bote seines Vaters, weil er ihn zu lange ignorierte. Übrigens ist das Etablissement umwerfend! Als wäre ich in einem Palast!“
„Ah! Aber das klingt doch eigentlich schön, oder nicht? Abgesehen davon, dass er log, scheint er ja trotzdem ein vernünftiger Kerl zu sein. Immerhin hat er dir dann doch noch die Wahrheit gesagt“, antwortete Siena.
„Ja, aber nur weil ich ihn dabei erwischte“, kicherte sie.
„Er gab den Kellnern die Anweisung ihn wie einen fremden Gast zu behandeln und unser Kellner hat sich gleich im ersten Satz verplappert. Der arme Mann wird bestimmt noch Ärger bekommen dafür, obwohl ich zu ihm sagte, er solle es nicht tun.“, lachte sie.

Sam sah Alyssa voller Reue hinterher, wie sie zur Toilette verschwand. Er fürchtete, dass sie ihn nun nicht mehr mochte, weil er sie anlog. Er schätzte, dass sie nun einen ihrer Freunde um Hilfe bat, einen Notfall vorzutäuschen, damit sie fliehen konnte. Seine Gründe dafür waren aber einleuchtend.
Seine Familie wollte ihn dazu drängen, die Verantwortung für die Restaurants zu übernehmen und eine vornehme Dame zu heiraten. Dass er aber seine eigenen Wünsche und Vorstellungen hatte, was eine Frau betraf, interessierte seine Eltern herzlich wenig. Seiner Meinung nach sollte seine zukünftige Frau einfach nur normal und nicht hinter seinem Geld oder Ruhm her sein. Eben keine, die sein Vater für ihn aussuchte. Eine Frau, so wie Alyssa.
Er rieb sich die Stirn.
Bisher hat sich noch nie eine Frau getraut, ihm gegenüber den Ton zu erheben, aus Angst vor Konsequenzen, wofür seine Eltern verantwortlich wären. Jedes Mal, wenn er einer Frau, die seinem Geschmack entsprach, näher kam, sorgten seine Eltern dafür, dass sie aus seinem Leben verschwand und nie wieder auftauchte. Bei Alyssa wollte er es vermeiden. Klar, sie dann ins Restaurant seiner Eltern einzuladen, war nicht die beste Idee, aber er wollte ihr einen unvergesslichen Abend bieten und drängte auch auf Diskretion. Er wusste, dass sie noch nie in so ein gehobenes Restaurant gegangen war und wollte sie damit auch beeindrucken. Irgendwie war die Idee widersprüchlich, das wusste er. Auf der einen Seite wollte er sein wahres Ich und seine Familie verbergen, aber ihr auch gleichzeitig das Beste bieten, was sie in seinen Augen verdient hatte und er sich definitiv leisten konnte.

Als der Kellner erneut den Tisch betrat, um den Wein einzuschenken, wechselte er noch ein paar Worte mit ihm. Er entschuldigte sich, ihm so eine Aufgabe zugeteilt zu haben, und betonte auch, dass es zwar Scheiße war, aber Alyssa ihm die andere Seite zeigte und er sich nicht hätte aufregen dürfen.
So wie Sam sich gerade verhielt, erkannte er sich selbst kaum wieder. Irgendetwas hatte Alyssa an sich, was ihn veränderte. Früher wäre er nie auf die Idee gekommen, sich bei irgendwem zu entschuldigen. Wenn eine Anweisung gegeben wurde, durften sich keine Fehler erlaubt werden, andernfalls flog der Angestellte im hohen Bogen raus. Seine Eltern achteten stets darauf, die höchste Qualität zu bieten, und nur wenige, auserwählte Menschen hatten das Privileg dort zu arbeiten.

„Wenn er es nicht tut, hast du ihn ja schon wunderbar im Griff! Nein, Spaß beiseite. Wenn du dich sehr unwohl fühlst, dann sag es ihm, oder ich rufe gleich noch mal an und täusche einen Notfall vor. Ansonsten versuch es wirklich zu genießen. Vielleicht wird der restliche Abend ja romantisch und unvergesslich! Das erfährst du nur, wenn du jetzt wieder zu ihm gehst, anstatt mit mir zu telefonieren. Er fragt sich bestimmt schon, was du so lange treibst“, betonte Siena mit einem Hauch von Besorgnis und Aufmunterung in der Stimme.
„Du hast ja recht… Wie immer… Okay, mehr Einzelheiten dann später! Tschüssi!“, antwortete Alyssa und gab Siena durch den Hörer noch ein Küsschen, mit dem sie das Gespräch beendete.
Bevor sie zurück zu Sam ging, machte sie ein Foto von dem luxuriösen Badezimmer, um es Siena später zu zeigen und damit ihre Beschreibungen zu untermauern. Dann atmete sie tief durch, richtete ihr Kleid und kehrte mit einem aufmunternden Lächeln zu Sam zurück.
„Alles in Ordnung?“, fragte Sam nervös, als sie wieder am Tisch war.
„Oh, äh, ja klar! Ich telefonierte kurz mit Siena. Tut mir leid!“, entschuldigte sie sich leicht verlegen, während sie sich auf ihrem Stuhl zurechtrückte.
Sam war leicht angespannt. Er fürchtete, dass sie in wenigen Minuten dieses teure Restaurant verlassen würde, falls sie sich unwohl fühlte oder von seiner Lüge enttäuscht war.
„Hab ich dich jetzt verschreckt, weil ich dich angelogen habe?“, fragte er vorsichtig und beobachtete ihre Reaktion genau.
Zu seiner Verwunderung antwortete Alyssa mit aufrichtiger Ehrlichkeit, gepaart mit einem Hauch von Humor.
„Nein, es ist schon ziemlich Scheiße von dir, dass du gelogen hast, aber du wirst auch deine Gründe haben. Normalerweise prahlen Typen mit so viel Geld, wie du, eher herum und verheimlichen es nicht. Aber eigentlich hättest du dir auch denken können, dass der Plan nicht aufgeht, wenn wir genau in dieses Restaurant gehen. Früher oder später wäre es eh herausgekommen“, zwinkerte sie ihm zu und versuchte, die Situation aufzulockern.
„Ich bitte dich aber nun, Lügen zu unterlassen. Ich kann dir vorhersagen, dass das hier…“, sie deutete zwischen ihnen hin und her.
„… nicht gut gehen wird, wenn du nicht ehrlich bist. Ich weiß genau, wenn mich jemand anlügt. Bisher war ich einfach nur zu doof, solchen Typen rechtzeitig den Rücken zu kehren. Es ist mittlerweile drei Jahre her, als ich mich von meinem Ex trennte. Auch er log mich immer und immer wieder an. Da war das Thema überwiegend Geld. Er verzockte es in der Spielhalle und gab mir dafür die Schuld. Er behauptete, ich würde so viel Geld kosten und hätte zu hohe Ansprüche. Dabei war er derjenige, der das Geld zum Fenster rauswarf, was ich zu spät bemerkte. Ich bekam es auch nur zufällig durch seinen Bruder mit. Verstehst du? Ich hab einfach keine Lust mehr auf so etwas. Dafür bin ich zu alt“, erklärte sie und lachte gespielt, um die Schwere des Themas zu mildern.
Sam lauschte ihren Worten aufmerksam und spürte, wie sich sein Respekt für sie weiter vertiefte. Ihre Offenheit und Ehrlichkeit berührten ihn, und er fühlte sich zunehmend entschlossen, ihr gegenüber ebenso aufrichtig zu sein.
„Okay… Es tut mir leid. Keine Lügen mehr. Ich mag dich, Alyssa. Ich mag dich wirklich sehr und möchte auch, dass wir uns noch öfter sehen und besser kennenlernen. Also, was willst du wissen?“, antwortete er und bereitete sich innerlich auf viele Fragen vor.
Er wollte mehr über sie erfahren, über ihre Vergangenheit, ihre Interessen und ihre Träume. Auch über ihren Ex würde er gerne mehr wissen, denn seine Handlungen erschienen ihm mehr als fragwürdig.
Eine ganze Weile saßen sie dort, redeten und lachten viel. Alyssa hatte auch keinerlei Ahnung davon, wie man sich in solch einem luxuriösen Restaurant verhielt, doch Sam führte sie geduldig durch den Abend und machte sie mit den feinen Gepflogenheiten vertraut.
Sie war schwer begeistert über das Essen, welches Sam bestellte. So eine Köstlichkeit hatte sie noch nie probiert. Die Aromen tanzten auf ihrer Zunge, und sie konnte nicht umhin, vor Genuss zu seufzen. Doch als sie an die Preise der Speisen dachte, schauderte es ihr leicht. Es war wirklich ein ziemlich kostspieliges Date, und sie fühlte sich ein wenig unwohl, dass Sam die Rechnung übernahm.
Eigentlich war sie nicht so ein Fan davon, eingeladen zu werden. Wenn man sie einlud, fühlte sie sich stets verpflichtet, etwas zurückzugeben, auch wenn es freiwillig war. Doch bei diesem Date war sie wirklich sehr froh, dass er die Rechnung übernahm. Für sie war es ein halbes Vermögen, was Sam dem Kellner in die Hand drückte.

Nachdem sie das Restaurant verlassen hatten, gingen sie noch ein wenig spazieren. Alyssa hatte eindeutig schon wieder zu viel getrunken, weshalb die frische Luft gut tat. Allmählich kam sie sich vor wie eine Alkoholikerin. Zwei Tage in Folge so viel Alkohol zu trinken, war bestimmt keine gute Idee.
Händchen haltend, wie zwei Verliebte, liefen sie durch die Straßen, wo ausnahmsweise Sam ihr die Gegend zeigte. Alyssa kannte sich in diesem Viertel überhaupt nicht aus. Dort liefen in ihren Augen Snobs herum, und Leute wie sie wurden nur schief angeguckt.
„Was hast du am Wochenende vor?“, fragte sie Sam, während sie weiter durch die Straßen schlenderten.
„Äh, nichts eigentlich. Wieso?“, antwortete er mit klopfendem Herzen, während er ihre Hand fester hielt und sie näher zu sich zog.
Für sie würde er sich alle Zeit der Welt nehmen.

„Ich würde gerne ins Kino gehen, aber keiner wird Lust haben, mich in diesen Film zu begleiten.“
Sam lachte herzlich.
„Aha, welcher denn?“
„Es ist ein neuer Psycho-Thriller. Aber wenn du so etwas nicht magst, dann ist es auch okay. Ich liebe solche Filme“, antwortete sie kichernd und schaute ihm mit einem verschmitzten Lächeln in die Augen.
Sam blieb stehen, zog sie sanft näher an sich heran und sah zu ihr herunter. Trotz ihrer hohen Schuhe war sie noch einen Kopf kleiner als er, was er sehr süß fand. Sie war mit Abstand die kleinste Frau, der er je begegnet war, und doch strahlte sie eine unglaubliche Energie und Lebendigkeit aus, die ihn unwiderstehlich anzog.
„Von mir aus gerne. Ich gehe aber eher selten ins Kino und Filme schaue ich eigentlich auch nicht besonders oft“, gestand Sam mit einem charmanten Lächeln.
Die Worte versetzten Alyssa in einen Strudel aus Gedanken und Emotionen. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug und ihre Wangen sich leicht röteten. Die Vorstellung, gemeinsam mit Sam einen Film anzusehen, erfüllte sie mit einer Mischung aus Aufregung und Nervosität.
„Ich dachte, du stehst auf Normalität?“, neckte sie ihn, während sie versuchte, ihre Gefühle zu verbergen.
„Ha, ja, aber alleine in ein Kino zu gehen kommt eher ein wenig armselig rüber“, erwiderte Sam mit einem Augenzwinkern.
Alyssa konnte ein Lachen nicht unterdrücken. Sie fand Sams Ehrlichkeit und Selbstironie sehr sympathisch. Es war erfrischend, jemanden kennenzulernen, der nicht versuchte, sich als perfekt oder überlegen darzustellen.
„Ja, stimmt“, gab sie schließlich zu und lächelte.
„Auch wenn du es nicht magst, lade ich dich dazu aber auch ein“, verkündete Sam bestimmt und legte dabei einfühlsam seine Hand auf ihre Wange.
Alyssa spürte eine angenehme Wärme, die von Sams Berührung ausging. Seine Nähe ließ ihr Herz schneller schlagen und ihre Gedanken wirr werden.
„Wie kommst du darauf, dass ich es nicht mag?“, fragte sie und versuchte, ihre aufkommende Verlegenheit zu überspielen.
„So wie du geguckt hast, als ich die Rechnung zahlte, und als du heimlich in deiner Tasche wühltest, in der Hoffnung, dass du darin noch einen großen Schein hast, gehe ich mal davon aus, dass du Einladungen nicht besonders gut findest“, erklärte Sam liebevoll und mit einem warmen Lächeln.
Alyssa fühlte sich ertappt. Es war ihr peinlich, dass Sam ihre Gedanken und Gefühle so genau erkannte. Doch gleichzeitig fühlte sie sich auch verstanden und angenommen. Es war ein seltsam vertrautes Gefühl, das sie bisher noch nie erlebte.
„Ja, ich mag es nicht. Ich will einfach nicht, dass irgendjemand denkt, ich wäre abhängig von ihm. Bisher ließ man mich immer in dem Glauben, ich könnte mir nichts alleine leisten oder gönnen, wenn man mich nicht einlädt“, gestand sie leise und betrübt.
Sams Lächeln wurde sanfter, als er ihre Worte hörte. Er spürte, wie wichtig es Alyssa war, ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zu bewahren.
„Das musst du bei mir wirklich nicht denken. Ich mache es gerne“, versicherte er ihr.
Alyssa sah ihm tief in die Augen und spürte eine Verbindung, die sie nicht erklären konnte. Es war, als würden ihre Herzen im selben Takt schlagen.
Sie zuckte mit den Schultern, weil es am Anfang alle behaupteten und dann doch nie einhielten. Doch Sam spürte, dass sie ihm vertraute, und er würde alles tun, um dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen.
Plötzlich blitzte es ununterbrochen und sie hörten eine Menschenmasse kreischen und jubeln. Sam und Alyssa suchten neugierig nach dem Grund und näherten sich ihnen, wobei Sam Alyssa vorsichtig an der Hand nahm, um sie durch die Menschenmenge zu führen.
Sam musste laut rufen, damit Alyssa ihn zwischen der Menschenmasse verstand.
„Scheint so, als wenn dort jemand Berühmtes herumrennt“, rief er über den Lärm hinweg und deutete auf das Tor eines alten Gebäudes, welches sich langsam öffnete.
Alyssa konnte kaum über die Menschen hinwegblicken und konnte nur wenig erkennen. Sie spürte, wie ihre Neugierde geweckt wurde, und drückte sich enger an Sam, während sie versuchte, einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen.
„Vielleicht ist es ja Justin Bieber, so wie die jungen Hühner hier kreischen“, rief Alyssa lachend zurück und schaute gespannt auf das Tor.
Sam lachte leise und genoss den Moment, in dem sie gemeinsam inmitten der aufgeregten Menschen standen.
Alyssa spürte etwas Komisches, als der Unbekannte, auf den die Menschenmasse wartete, die Treppe hinunterlief und eine Welle des betörenden Dufts auf sie zukam. Ein unerklärliches Prickeln überlief sie, als sie den Duft wahrnahm, der sich wie ein unsichtbarer Schleier um sie legte. Sie schloss die Augen und inhalierte tief, während sie versuchte, herauszufinden, woher der Duft kam. Es war, als ob er eine geheime Botschaft in sich trug, eine Ahnung von etwas, das jenseits ihrer Vorstellungskraft lag.
„Kann das sein?“, dachte sie sich und öffnete die Augen, um einen Blick auf den Mann zu erhaschen, der gerade die Treppe hinunterkam.
Nach einigen Sekunden drehte er sich um und Alyssa erstarrte.
„Ist… das… ?!“, stammelte sie schockiert und konnte kaum glauben, was sie sah.
„Ah, das ist Ray Everton“, erklärte Sam ruhig und deutete auf den Mann, der gerade von einer Menschenmenge umringt wurde.
Alyssa starrte gebannt auf den Mann, der vor ihr stand und sich mitten im Rampenlicht befand. Sie spürte, wie ihr Atem stockte und ihr Herz schneller schlug, als sie erkannte, wer er war.
„Der Mann aus meinen Träumen“, korrigierte sie leise Sam und spürte, wie ihre Knie weich wurden.
Er winkte lächelnd den vielen Frauen zu, ließ noch ein paar Fotos von sich machen, und bevor er in das schwarze Auto einstieg, welches auf ihn wartete, sah er erst Sam und dann Alyssa an. Alyssa starrte ohne zu blinzeln auf den Mann, der plötzlich vor ihr auftauchte, und wurde dabei kreidebleich. Währenddessen warf Sam einen finsteren Blick auf Ray und spürte, wie sein Körper sich automatisch spannte. Seine Hand ballte sich zu einer Faust, und er kämpfte gegen den Impuls an, auf den Mann loszugehen. Ein tiefes Knurren drang fast unwillkürlich aus seiner Kehle, als er die Intensität seines Blickes auf Ray richtete.
Ray verzog keine Miene und stieg ins Auto. Ein weiterer Mann im Anzug schloss die Tür, und schon fuhr er davon.
Alyssas Herz raste auf Hochtouren. So sehr wie nie zuvor. Ihr wurde kochend heiß, als würde sie von der Sonne höchst persönlich gebrutzelt werden. Der merkwürdige Geruch stand immer noch in der Luft, obwohl Ray bereits über alle Berge verschwunden war. Die Menschenmasse löste sich auf, doch Alyssa blieb wie angewurzelt stehen.
„Alles okay?“, wollte Sam wissen und legte seine Hand auf ihren Rücken.
„Ich glaube, ich habe ihn schon mal gesehen“, sagte sie und versuchte, ihre aufgewühlten Gefühle zu sortieren.
Sam lächelte verständnisvoll und strich sanft über ihren Rücken, um sie zu beruhigen.
„Wenn du ihn noch nicht gesehen hast, dann müsstest du ja hinter dem Mond leben. Das war Ray Everton, ein sehr berühmter Schauspieler.“

„Ein Schauspieler?“, wiederholte Alyssa unwissend und spürte, wie ihre Gedanken immer noch um Ray kreisten.
„Ja, ein Schauspieler. Er hat viele gute Rollen abbekommen, wie…“, begann Sam zu erklären, doch Alyssa hörte kaum zu, zu sehr war sie in Gedanken versunken, während sie immer noch auf die Straße blickte, in der der sogenannte Ray verschwand.
Nachdem Sam fertig aufzählte, sah er Alyssa betrübt an und stellte sich vor ihre Augen, damit sie ihn beachtete.
„Ist wirklich alles in Ordnung?“, fragte er erneut und spürte, wie Alyssa noch immer in ihren Gedanken gefangen war.
„Äh, ja. Entschuldige. Komm, lass uns gehen“, antwortete sie schließlich abwesend und drehte sich um, um zurück zum Restaurant zu gehen.
Sam gab ihr ein paar Sekunden Vorsprung, weil er nicht genau wusste, was mit ihr los war. Er beobachtete sie verstohlen, während sie sich sammelte, und ließ seinen Blick dann kurz in die Richtung schweifen, in der Ray verschwunden war. Eine unbestimmte Unruhe ergriff ihn, als er überlegte, was Alyssa gerade durchmachen könnte und was dieser Ray damit zu tun hatte.
Noch immer in ihren Gedanken versunken, stolperte Alyssa über den Asphalt und fiel auf die Knie.
„Ah! Fuck!“, brüllte sie vor Schmerz und hielt sich ihre Seite, die bei dem Sturz besonders schmerzte.
Sam eilte zu ihr und half ihr auf.
„Ich glaube, du solltest nach Hause gehen“, schlug er besorgt vor.
Alyssa zischte vor Schmerz und ließ sich aufhelfen, während sie versuchte, wieder ruhig zu atmen.
„Oh man, Scheiße. Dann darf ich ja schon wieder zu Doktor Julius laufen…“, stöhnte sie genervt.

„Soll ich dich begleiten?“, bot Sam ihr an, doch Alyssa spürte eine innere Blockade.
Sie erinnerte sich an gestern zurück und die unangenehme Begegnung mit dem Arzt.
„Scheiße, das geht ja gar nicht…“, murmelte sie frustriert.
Sam spürte ihre Verunsicherung und wusste, dass sie ihm nichts davon erzählen wollte.
„Nein, schon gut. Ich kann eh nicht zu ihm…“

„Warum nicht?“, fragte er skeptisch und spürte, wie Alyssa sich von ihm zurückzog.
Alyssa seufzte und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.
„Weil er Dinge versucht hat, die ich nicht wollte, und angeblich wäre ich selbst daran schuld gewesen“, gestand sie schließlich.
Sam spürte, wie Wut in ihm aufstieg, als er hörte, was Alyssa durchgemacht hatte. Er konnte nicht glauben, dass ein Arzt so etwas tun würde, und fühlte sich hilflos angesichts ihrer Verletzlichkeit.
„Hä? Das versteh ich nicht“, antwortete er verblüfft und versuchte, seine Gefühle zu kontrollieren.
Er kannte die Antwort bereits, aber er wollte es nicht wahrhaben. Eigentlich hatte sie in diesem einen Satz schon alles erklärt. Er vermutete, dass es mit etwas Sexuellem zu tun hatte, was ihn innerlich in Rage versetzte.
„Egal, ich geh einfach zu einem anderen Arzt. Alles gut“, lenkte Alyssa ab und versuchte, die unangenehme Situation zu entschärfen.
„Ja, zu meinem“, sagte Sam energisch und fühlte, wie er sich beschloss, Alyssa zu unterstützen, egal was es kosten würde.
„Aber jetzt fahr ich dich erst mal nach Hause, du musst dich ausruhen“, schlug er vor und fühlte, wie sehr er sich wünschte, ihr helfen zu können.
„Danke…“, antwortete Alyssa kleinlaut und spürte, wie sich eine Last von ihren Schultern zu lösen schien, als Sam seine Hand auf ihre legte und sie sanft in Richtung seines Autos führte.

Die Luft war erfüllt von einem Gefühl der Dringlichkeit, als Alyssa sich mühsam die Treppe hinauf in ihre Wohnung schleppte, begleitet von Sams unterstützender Hand. Jeder Schritt war eine Herausforderung, als würden ihre Rippen bei jedem Atemzug protestieren. Trotzdem zwang sie sich, ruhig zu bleiben, obwohl ihr Inneres vor Unruhe bebte. All das nur, weil sie verzweifelt versuchte, einen Zusammenhang zwischen ihren Träumen, diesem betörenden Duft und dem mysteriösen Ray Everton herauszufinden.
Warum träumte sie von ihm, obwohl sie ihn zuvor noch nie gesehen hatte? Sam behauptete, er sei ein berühmter Schauspieler, aber sie konnte sich nicht erinnern, ihn jemals in Filmen oder Serien gesehen zu haben. Das alles kam ihr äußerst merkwürdig vor, ja, beinahe surreal.
Vor ihrer Tür angekommen, half Sam ihr erneut und begleitete sie in ihre Wohnung. Seine besorgte Miene sprach Bände, obwohl er versuchte, Gelassenheit auszustrahlen. Alyssa ließ die Hand nicht von ihren Rippen los, als würden diese ohne ihre Stütze in sich zusammenfallen, und atmete schwer.
„Ruf mich an, wenn irgendetwas ist. Ich melde mich morgen früh bei dir, wenn ich dich abhole und zum Arzt begleite.“
Alyssa wirkte enttäuscht und ließ für einen Moment Ray und das merkwürdige Erlebnis mit ihm komplett außer Acht.
„Bleibst du nicht?“
Das Herz von Sam begann schneller zu schlagen. Natürlich würde er gerne bleiben, aber er zögerte, unsicher ob es angemessen wäre.
„Doch, wenn du es willst…“, antwortete er schließlich.
Ihr Lachen war ein warmer Lichtstrahl in dem düsteren Moment.
„Irgendwer muss mich ja aus diesem Kleid befreien.“
Ein sanftes Lächeln zierte Sams Lippen. Trotz ihrer Schmerzen hatte Alyssa den Humor nicht verloren.
„Wieso befreien? Ich finde, es steht dir wie angegossen. Als wäre dieses Kleid nur für dich hergestellt.“
Ein leises Kichern entkam Alyssas Lippen.
„So bequem es auch ist, ich möchte ungern darin schlafen.“
Mit einem geschickten Griff zog sie ihre langen, gewellten Haare beiseite und offenbarte den Reißverschluss auf ihrem Rücken. Sam kam der Aufforderung nach und öffnete ihn langsam. Alyssa atmete mit geschlossenen Augen leise, aber tief ein, als seine Hand sanft über ihren nackten Rücken strich.
Sam musste sich schwer beherrschen, nicht der Versuchung nachzugeben. Es wäre nicht klug, sie jetzt zu verführen, nicht in ihrem angeschlagenen Zustand. Als ob Alyssa seine Gedanken gelesen hätte, drehte sie sich zu ihm um und sah ihm tief in die Augen. Auch sie verspürte die gleiche Lust, aber gab ihr nicht nach.
Nachdem Alyssa mit einem leisen Flüstern den aufkeimenden Trieben entkommen war, verschwand sie kurzzeitig in ihrem Schlafzimmer. Sie tauchte bald darauf in einem übergroßen Shirt wieder auf und fragte Sam beiläufig, ob er mit in ihrem Bett schlafen würde. Die Ausrede, dass sie keine Decke für ihn übrig hatte und die Couch für seine Größe nicht geeignet war, klang etwas hinfällig, aber Sam ließ sich nicht lange bitten.
Ohne zu zögern, entledigte auch er sich seiner Kleidung und folgte ihr ins Schlafzimmer. Die Szene, die sich nun entfaltete, war beinahe surreal.
Zwei Menschen, die sich erst seit einem Tag kannten, fanden sich in einem intimen Moment zusammen im Bett wieder, getrieben von einem unerklärlichen Verlangen, sich einander nahe zu sein.
Alyssa machte es sich bequem, legte ihren Kopf auf seine nackte Brust und lauschte seinem Herzklopfen. Sam streichelte behutsam ihren Rücken, während eine Mischung aus Glück und Angst in ihm aufstieg. Die unbekannte Intensität seiner eigenen Emotionen verunsicherte ihn, aber zugleich war er von Alyssas Anwesenheit überwältigt.
Das Herzklopfen war ihm ein völlig neues Phänomen. Zwar hatte er schon die eine oder andere Frau attraktiv gefunden, aber das pulsierende Gefühl in seiner Brust war ihm bisher fremd gewesen. Seit dem ersten Moment, in dem er Alyssa sah, spürte er eine unerklärliche Verbindung zu ihr, etwas, das ihn tief berührte und faszinierte.
Obwohl sie sich erst einen Tag kannten, war sie ihm bereits unerwartet nahegekommen. Er konnte seine Gefühle für sie noch nicht richtig einordnen, aber eins war sicher. Er wollte sie nicht gehen lassen. Die Vorstellung, dass Alyssa wieder aus seinem Leben verschwinden könnte, war unerträglich für ihn. Er wollte jede Sekunde mit ihr auskosten und sie für immer bei sich behalten.
Als Alyssa ihm heute Morgen schrieb, spürte Sam eine unerklärliche Euphorie, die ihn beinahe zu Luftsprüngen hätte verleiten können. Diese unerwartete Gefühlswoge erfasste ihn wie ein Teenager, obwohl er sich normalerweise nicht so verhielt. Bisher hatte er sich immer über seine Freunde lustig gemacht, die in festen Beziehungen waren und ständig von Liebe sprachen, von der er selbst nicht viel hielt.
Seine eigenen Erfahrungen mit Beziehungen waren alles andere als positiv, insbesondere diejenige mit Mila. Anfangs schien sie eine liebevolle Seele zu sein, die er durch seinen Vater kennengelernt hatte. Doch bald offenbarte sich ihre anhängliche, eifersüchtige und psychisch instabile Seite. Milas obsessiver Fußfetisch war für Sam zunächst befremdlich und später sogar abstoßend, obwohl der Rest ihrer intimen Beziehung durchaus erfüllend war. Doch dann begann sie, völlig durchzudrehen, beschuldigte ihn des Fremdgehens, verfolgte ihn und versuchte, ihm ein Kind anzuhängen, das nicht von ihm war.
Trotz dieser negativen Erfahrungen mit Frauen dachte Sam in diesem Moment, als Alyssa neben ihm lag, nicht darüber nach. Er war einfach nur dankbar für ihre Anwesenheit und schwor sich, sie vor weiterem Leid zu schützen.

Als Alyssa einschlief suchte der unbekannte Mann, der sich als Ray Everton herausstellte, sie in ihrem Traum auf.
Nachdem Alyssa tief ein- und ausgeatmet hatte, öffnete sie langsam ihre Augen und erblickte den Mann vor sich, dessen betörender Duft sie umgab.
„Wieso riechst du so?“, fragte sie, ihre Verwirrung deutlich in der Stimme.
Ray trat einen Schritt näher, beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte geheimnisvoll.
„Das kann ich dir hier nicht erklären.“
Verwirrt wich Alyssa einen Schritt zurück und sah ihn mit großen Augen an, als sie kurz ein unglaubliches Verlangen nach ihm spürte. Ihr Herz schlug schneller, während sie versuchte, die plötzliche Intensität ihrer Gefühle zu verstehen.
„Ich will dich nur beschützen“, betonte er mit Ernst in seiner Stimme, während er an ihr vorbeiblickte, sein Blick von Entschlossenheit geprägt.
Alyssa folgte seinem Blick und erstarrte vor Schreck. Vor ihr standen sie alle – all die Menschen, die ihr Leben vergiftet hatten, sogar die Schatten aus ihrer Kindheit, finster und bedrohlich wie Geister aus der Vergangenheit. Jeder von ihnen trug einen grimmigen, angsteinflößenden Gesichtsausdruck, der ihre Knochen erstarren ließ und ihre Haut mit einer eisigen Kälte umhüllte. Die Dunkelheit ihrer vergangenen Qualen umschlang sie wie ein undurchdringlicher Nebel, und die düsteren Gestalten schienen aus den Abgründen ihrer Erinnerungen aufzutauchen, um sie zu verschlingen.
Sie konnte nicht anders, als ihr Gesicht in ihren zitternden Händen zu vergraben, während die Tränen unaufhaltsam über ihre Wangen strömten, ein stummer Ausdruck ihrer verzweifelten Angst und tiefen Verzweiflung. Ihre Seele zitterte vor der schrecklichen Realität, die sich vor ihr entfaltete, und ihr Herz schrie nach Erlösung aus dieser qualvollen Umklammerung der Vergangenheit.
In diesem unheilvollen Augenblick, umgeben von den schattenhaften Gestalten ihrer eigenen Verletzungen und Enttäuschungen, fühlte sich Alyssa auf eine Weise unglaublich einsam und ungeliebt, als wäre sie eine verlorene Seele in einem Meer aus Dunkelheit und Verzweiflung, ohne Hoffnung auf Rettung oder Erlösung.