Sie atmete tief ein und schloss die Augen, als sie den vertrauten Duft wahrnahm, der ihr Herz höherschlagen ließ. Es war, als würde eine Erinnerung von vergangenen Zeiten in ihr erwachen und sie sanft umhüllen.
Alyssa ließ ihren Blick durch das Wartezimmer schweifen, auf der Suche nach dem Ursprung dieser betörenden Melange. Doch es schien, als würde der Duft aus dem Nichts kommen, ohne erkennbare Quelle. Weder ein neuer Patient betrat den Raum, noch wurde ein Fenster geöffnet, das den Duft hereintragen könnte. Es war, als würde er aus den verborgenen Ecken der Erinnerung auftauchen und sie in eine Zeit zurückversetzen, die längst vergangen schien.
In Gedanken versunken, erinnerte sich Alyssa an das letzte Mal, als sie diesen Duft wahrgenommen hatte. Es war auf Sienas siebenundzwanzigstem Geburtstag in dem legendären Club Glorious. Der Club, der seinen Namen zu Recht trug, war eine Oase der Eleganz und Modernität, die Jung und Alt anzog. Von majestätischen Kristallleuchtern bis hin zu lebendigen LED-Lichtinstallationen – Glorious vereinte das Beste aus beiden Welten und bot seinen Gästen eine unvergessliche Erfahrung.
Die Erinnerung an diesen besonderen Abend füllte Alyssa mit einem Hauch von Nostalgie. Sie erinnerte sich an die glanzvolle Bar, die sie und ihre Freundinnen mit einem eigens kreierten Cocktail empfing, und an den VIP-Bereich, der mit persönlichen Grußbotschaften und stilvollen Dekorationen aufwartete. Der Höhepunkt des Abends sollte eine Überraschung sein – ein Stripper, den sich Siena gewünscht hatte. Alyssa konnte sich an seine eindrucksvolle Erscheinung erinnern, die ihre üblichen Vorurteile gegenüber Strippern für einen Moment vergessen ließ.
Doch die Feier nahm eine unerwartete Wendung, als Sienas Exfreund Lino plötzlich auftauchte und die fröhliche Atmosphäre trübte. Alyssa erinnerte sich an die Spannung, die in der Luft lag, als Lino sich aggressiv gegenüber Siena verhielt, ein Schatten seiner einst liebevollen selbst. Es war ein Moment der Verunsicherung inmitten der Feierlichkeiten, der die fröhliche Stimmung abrupt unterbrach und Alyssa dazu brachte, über die Vergänglichkeit von Beziehungen und die Unberechenbarkeit des Lebens nachzudenken.
Linos Anwesenheit verbreitete eine unangenehme Spannung, die selbst der Stripper zu spüren schien. Doch kurz bevor Alyssa Lino wahrnahm, durchdrang ein eigenartig angenehmer Duft ihre Sinne. In diesem Moment konnte sie ihn nirgends zuordnen, wie so oft zuvor. Dieser Duft war ein Mysterium für sie, einzigartig und unverwechselbar. Doch das Seltsamste daran war, dass niemand außer ihr ihn wahrzunehmen schien. Oft fragte sie in solchen Augenblicken Anwesende danach, doch keiner konnte ihr zustimmen, was sie zunehmend verunsicherte und an ihrem Verstand zweifeln ließ.
Als Lino mit wütendem Blick auf Siena und den Stripper zusteuerte, verdichtete sich die Spannung im Raum. Keine fünf Sekunden vergingen, bis sich zwischen Sienas Exfreund und dem Stripper ein hitziger Streit entfachte, der rasch in eine handfeste Auseinandersetzung überging. Die anwesenden Gäste wichen erschrocken zurück, als die beiden Männer wild aufeinander losgingen. Lino schien zu glauben, dass der Stripper sich an Siena heranmachte, obwohl es lediglich seine professionelle Rolle war, die er ausführte.
Bald darauf brach eine Massenschlägerei aus, als eine von Alyssas Freundinnen, Clara, Hilfe herbeirief. Auch die Sicherheitskräfte eilten herbei, um die Streithähne zu trennen, doch der Schaden war bereits angerichtet. Was als spektakuläre Geburtstagsfeier begonnen hatte, endete in einem Chaos aus gebrochenen Beziehungen, verletzten Egos und einer Menge, die sich verwundert fragte, wie die Nacht so schnell aus dem Ruder laufen konnte.
Als Alyssa versuchte den Stripper vor Lino zu schützen, wurde sie von der Masse gegen einen der Tische gestoßen und brach sich dabei eine ihrer Rippen. Nun saß sie beim Arzt und wartete darauf, erneut behandelt zu werden. Der Abend lag bereits einige Tage zurück, doch die Schmerzen plagten sie immer noch.
„Miss Raven, bitte ins Zimmer drei. Miss Raven, ins Zimmer drei bitte.“, rief die Dame hinter dem Tresen und riss Alyssa aus ihren Gedanken an die Geburtstagsfeier ihrer besten Freundin.
Plötzlich wurde der merkwürdige Geruch immer intensiver, beinahe erdrückend. Alyssa fühlte sich, als wäre sie in eine Parfümerie ohne Ausgang eingeschlossen, doch der Duft war keinesfalls unangenehm. Im Gegenteil, sie liebte ihn.
„Riechen Sie das auch?“, fragte sie skeptisch den Arzt, als sie das Behandlungszimmer betrat.
„Was meinen Sie, Miss Raven?“, antwortete Doktor Julius und wies auf den Stuhl, auf dem sie Platz nehmen sollte.
„Schon wieder riecht es keiner außer mir… Man, was ist das bloß…“, murmelte sie vor sich hin, während sie versuchte, den Geruch zu verdrängen und sich auf das Gespräch zu konzentrieren.
Ein letztes Mal atmete sie tief ein und wieder aus.
„Wie geht es Ihnen heute? Haben Sie noch große Schmerzen, oder weshalb sind Sie hier?“, fragte Doktor Julius und zog sich Einmalhandschuhe an.
„Ähh, ja. Es zieht irgendwie komisch, besonders beim Liegen.“, antwortete sie und deutete auf die Stelle, wo der Schmerz am stärksten war.
„Dann machen Sie sich doch mal frei, ich schaue es mir noch einmal an.“
Alyssa zog ihren gemütlichen Pullover aus und stellte sich hin. Der Doktor rollte mit seinem Stuhl zu ihr heran und begann, ihre Schwellungen an den Rippen zu prüfen. Der merkwürdige Duft wurde stärker.
„Wissen Sie eigentlich, dass Sie eine sehr attraktive junge Frau sind? Ich sehe täglich viele Frauen, aber keine ist so schön wie Sie. Ihre Eleganz und erotische Ausstrahlung sind in jeder Bewegung spürbar.“, hauchte Doktor Julius.
Alyssa schielte zu ihm und sah, dass er sich genüsslich auf die Unterlippe biss.
„Ähh-Ähmm, okay?!“, stotterte sie, leicht verwirrt.
Doktor Julius rollte noch einige Zentimeter um sie herum und fuhr langsam mit seiner Hand von den Rippen hinunter, bis sie an ihrem Gesäß langte. Sie schlug seine Hand weg und brüllte angeekelt.
„Geht’s noch?! Was zur Hölle denken Sie sich dabei?!“, fuhr sie ihn an.
Er hob seine Hände in Unschuld und sprach erregt.
„Oh, Entschuldigung.“, grinste er.
„Ich dachte deswegen sind Sie hier? Letzte Woche flirteten Sie doch mit mir, ich nahm an, Sie wollten es so.“
„Ähh, nein?! Wo habe ich da bitteschön geflirtet?“, fragte sie im Befehlston.
Sie überlegte hin und her, ob sie irgendwelche Anspielungen gemacht hatte, aber sie war sich keinerlei solcher Handlungen bewusst.
„Na ja, Sie wirkten bei Ihrem letzten Besuch so unterwürfig. Sie bedankten sich unnötig viel, dass ich sie so gut behandelte, und zwinkerten mir zu.“
Oh mein Gott, wie konnte er so etwas nur falsch verstehen! Ich war doch nur dankbar, dass er sich so gut um meine Rippe kümmerte und mich nicht sofort abspeiste, weil ich so viel jammerte.“, dachte sie, mit pochendem Herzen.
„Nein! Ich war hier, weil ich Schmerzen habe, so wie heute, und nicht, um Sie anzubaggern!“, betonte sie stark.
Er zog sie an sich heran.
„Jetzt hab dich doch nicht so. Wir kennen uns schon so lange, und ich dachte, wir könnten uns mal näherkommen, wenn du schon zum hundertsten Mal wegen deiner Rippe hierherkommst.“
Sie versuchte sich zu befreien und drohte ihm, dass er seinen Job verlor, wenn er sie nicht sofort losließ.
Als er endlich abließ, zog sie sich schnell ihren Pullover an und verließ ohne weitere Worte die Praxis. Sie fühlte sich so angeekelt, dass sie am liebsten sofort duschen gehen wollte, um das Gefühl seiner Hände abzuwaschen. Dieser Moment kam ihr vor wie eine Ewigkeit, obwohl es vielleicht dreißig Sekunden waren. Sie hatte fürchterliche Angst, dass er noch einen Schritt weiter ging, als das Festhalten.

Voller Wut und mit einem immer noch stark klopfenden Herzen fuhr Alyssa wieder nach Hause.
Als sie die Wohnungstür öffnete, lobte sie sich selbst für die wunderschöne Einrichtung ihres Zuhauses – genau so, wie sie es sich immer gewünscht hatte.

Das Wohnzimmer strahlte eine freundliche Wärme aus, lichtdurchflutet und einladend. Die Wände in zeitlosem Weiß gestrichen, der Boden mit elegantem Holzparkett ausgelegt. Ein modernes Sofa in sanftem Pastellton war der Mittelpunkt des Raumes, umgeben von verspielten Kissen, die einen Hauch von Vintage verliehen. Ein rustikaler Couchtisch aus weiß lackiertem Holz und eine Engelsweißfarbende Plüschdecke ergänzten das Ensemble perfekt. Über dem Sofa hing ein kunstvoll gestalteter, moderner Wandspiegel, der den Raum optisch vergrößerte und das Tageslicht geschickt reflektierte. Kommoden und vereinzelte Vintage-Accessoires wie antike Bilderrahmen oder nostalgische Kerzenständer sorgten für den perfekten Touch.
Die offene Küche war ein Paradebeispiel für modernen Komfort mit einem Hauch von Nostalgie. Klare Linien und schlichte Farben dominierten den Raum. Die Küchenschränke waren ebenfalls in Weiß gehalten, während die Arbeitsplatte mit einem robusten, aber stilvollen Marmorfinish versehen war. Eine rustikale Essecke mit einem Holztisch und Stühlen im Landhausstil rundete den Raum ab. Ein Blumenstrauß in einer Vase ihrer Mutter brachte einen Hauch von Farbe und Frische.
Ihr Schlafzimmer war ihr Lieblingsplatz. Es strahlte eine beruhigende Atmosphäre aus, die Wände ebenfalls in Weiß gehalten. Das moderne Bett wurde von liebevoll ausgewählten Vintage-Nachttischen flankiert. Die Bettwäsche in den Farben Kirschrot und Weiß geteilt. Ein besonders flauschiger Teppich, auf den sie ewig gespart hatte, lag vor ihrem Bett und war ebenfalls in ihrer Lieblingsfarbe gehalten.
Sie besaß nicht viele Möbel oder Dekorationen, denn je mehr davon vorhanden waren, desto mehr musste sie auch putzen. Ein paar Bilder und Blumen reichten ihr vollkommen aus.
Schon seit drei Jahren wohnte sie dort und fühlte sich sehr wohl. Ganz allein, ohne Haustiere oder Mitbewohner, verbrachte sie am liebsten ihre Zeit genau dort. Freunde lud sie zwar hin und wieder ein, aber am meisten liebte sie die Ruhe – die Ruhe vor der Welt da draußen, dieser schrecklichen und ungerechten Welt.
Alyssa war in einer Großstadt aufgewachsen, wo das Rauschen des Verkehrs, die Wolken aus Smog und die ständige Hektik allgegenwärtig waren. Schon früh spürte sie, dass dieses städtische Treiben nicht ihr Zuhause war. Die Lautstärke der Straßen, das Gedränge auf den Gehwegen und die oft unhöflichen Begegnungen auf den überfüllten Plätzen ließen sie stets nach einem ruhigeren Ort sehnen.
Trotz der zahlreichen Attraktionen und Annehmlichkeiten, die die Großstadt zu bieten hatte, fühlte sie sich dort nie wirklich wohl. Die Nächte waren von ständigem Autolärm durchzogen, der Himmel von den Lichtern der Hochhäuser erleuchtet. Der anhaltende Smog verdeckte den Blick auf die Sterne, und die Enge der Straßen schien ihr den Atem zu rauben.
Ihr Wunsch nach einem einfacheren, ruhigeren Leben führte sie schließlich dazu, die Großstadt zu verlassen und sich in einer etwas ländlicheren Umgebung niederzulassen. Sie wählte einen Ort, der zwar eine gute Stunde vom nächsten Bahnhof entfernt, jedoch von einer entspannten Atmosphäre und natürlicher Schönheit geprägt war.
In ihrem neuen Zuhause blühten Bäume, und das Zirpen der Grillen ersetzte den Lärm der Stadt. Alyssa konnte tief durchatmen, umgeben von klarem Himmel und frischer Luft. Die Gemeinschaft war freundlich und herzlich, und die unhöflichen Begegnungen gehörten der Vergangenheit an.
Auch wenn sie nun etwas weiter von den großen Attraktionen entfernt war, genoss sie die Ruhe und den Frieden, den das Landleben ihr bot. Die gelegentlichen Ausflüge in die Stadt für besondere Veranstaltungen und Unternehmungen nahm sie gerne in Kauf, denn der Preis dafür war die Idylle, die sie nun als ihr wahres Zuhause empfand. Sie hatte einen Ort gefunden, an dem sie sich geborgen fühlte.
Obwohl sie ihre Wohnung liebte und gerne darüber schwärmte, vergaß sie nicht, wie wütend sie eigentlich war. Und als hätte ihre beste Freundin Siena ihre Gedanken gehört, klingelte ihr Handy.
„Hey Süße! Und, was sagte der Arzt?“, fragte Siena neugierig.
„Siena, du hast ja keine Ahnung, was er versucht hat!“, schnaubte Alyssa verächtlich.
„Er betatschte mich und warf mir dann vor, ich hätte es ja darauf angelegt!“, fügte sie hinzu und schüttelte den Kopf.
„Nicht dein Ernst! Warum ging er davon aus, dass du es wolltest?!“, brüllte Siena energisch zurück, während bei ihr gerade ein Zug einfuhr.
Alyssa gestikulierte wild herum.
„Er war der Meinung, ich würde nur ständig zu ihm kommen, um mit ihm zu flirten und hätte Anspielungen gemacht, und ihm auch noch zugezwinkert! Zum Schluss zog er mich sogar an sich heran und hielt mich fest!“
„Oh mein Gott! Was für ein Typ! Hast du das schon gemeldet?! Du musst so etwas immer melden, dem Kerl gehört die Zulassung entzogen, Alyssa!“, kommentierte sie und wechselte das Ohr für den Hörer, weil die anderen Menschen im Zug so laut waren.
„Nein… Ich kann das Grabschen ja gar nicht beweisen, und einen Zeugen gab es auch nicht… Wer bitte sollte mir das glauben? Er ist der einzige Arzt hier in der Stadt, und alle lieben ihn…“, seufzte Alyssa und setzte sich auf ihr Sofa.
„Ja, aber Liebes… Vielleicht war es ja nicht das erste Mal, dass er so zu jemandem war. Du solltest ab sofort zu deinem alten Arzt in der Stadt fahren. Der war doch immer sehr nett und kompetent. Deinen kannst du jetzt schließlich vergessen, und eine Alternative hast du nicht in deinem Kaff“, betonte sie eindringlich und besorgt.
Alyssa grummelte verärgert. Ihre Freundin hatte definitiv Recht, aber Alyssa hatte auch wenig Lust darauf, jedes Mal in die Großstadt zu fahren, um zu einem Arzt zu kommen.
„Du hast ja Recht… Es wäre eine Überlegung wert. Ich mache mir demnächst einfach mal einen Termin aus“, gestand sie mit trauriger Stimme, seufzte laut und blickte aus dem Fenster.
„Ja, mach das! Sorry, Liebes, aber hier ist gleich ein Funkloch, wir sprechen nachher weiter, okay? Wir treffen uns alle später, um zu feiern, weil Ella ihren Führerschein hat. Kommst du auch?“, fragte Siena hoffnungsvoll.
„Hmmm… Nein, ich denke nicht. Ich habe noch so starke Schmerzen und möchte mich lieber noch ein wenig ausruhen“, flunkerte sie, weil es ihr eigentlich eher peinlich war, wie sie sich seit dem Rippenbruch gehen lassen hat.
„Ach Alyssa, du musst auch mal wieder vor die Tür gehen, und damit meine ich nicht nur zum Arzt zu laufen!“
Kurze Stille. Alyssa wusste, Siena hatte recht.
„Aber gut… Zwingen kann dich keiner. Wir telefonieren heute Abend nochmal, Süße. Bis später! Lieb dich!“, sagte sie und hauchte noch einen Kuss ins Handy.
„Okay, Ciao.“
Alyssa schmiss ihr Handy beiseite.
„Scheiße, jetzt habe ich ihr gar nicht erzählt, dass ich schon wieder diesen unwiderstehlichen Duft gerochen hatte. Hmm… Na ja, vielleicht bilde ich ihn mir auch ein. Ich bin ja schon ne Weile hier eingesperrt.“, sprach sie mit sich selbst.
Sie entschloss sich, ein wenig Netflix zu schauen, um sich abzulenken, und schaltete den Fernseher ein. Obwohl sie sich für eine der neuen Serien entschied, um sich darauf zu konzentrieren, ließ sie die Neugier nicht los, was es mit diesem Duft auf sich hatte. Schon viele Jahre roch sie ihn immer und immer wieder. Aber nie konnte sie ihn definieren oder ausfindig machen, woher er kam. Sie liebte den Geruch, auch wenn er ihr manchmal ein wenig unheimlich war.
Sie pausierte die Serie und mit der Fernbedienung in der Hand entschied sie sich zu notieren, in welchen Momenten sie ihn bisher immer wahrgenommen hatte. Es kam schon ziemlich häufig vor, besonders in den vergangenen Monaten.
Beim ersten Mal, als Alyssa mit etwa fünf Jahren weglief, war der Schmerz unerträglich geworden. Ihre Großeltern, väterlicherseits, waren ihre Ein und Alles, ihre größten Vorbilder. Der plötzliche Verlust durch ihren Tod war für Alyssa schwer zu begreifen. Sie konnte nicht verstehen, warum Menschen einschliefen und nie wieder aufwachten.
Die Familie beschloss, nach dem Tod der Großeltern eine Auszeit zu nehmen und mietete eine abgelegene Hütte am Rand eines Waldes. Die Hütte, umgeben von Natur, war der perfekte Ort für Rückzug und Trauerbewältigung.
In der ersten Nacht in der Hütte wurde Alyssa von überwältigenden Gefühlen übermannt. Der Gedanke, dass ihre Großeltern jetzt im Himmel waren, ließ sie verzweifelt versuchen, zu ihnen zu gelangen. Sie lief davon, getrieben von dem starken Wunsch, sie wiederzusehen, in den Himmel zu klettern.
Während ihres Weglaufens roch sie einen betörenden Duft, der ihr unbeschreiblich schön erschien. Es war ein flüchtiger Moment, aber dieser Duft hinterließ einen bleibenden Eindruck in ihrem Gedächtnis.
Das plötzliche Gewitter löste Angst in Alyssa aus. Sie fürchtete sich vor Blitz und Donner und suchte Schutz in einem Busch, als der Regen einsetzte. Die Familie bemerkte schnell ihr Fehlen und machte sich auf die Suche nach ihr. Alyssa wurde schließlich von ihren Eltern gefunden, vom Regen durchnässt und verängstigt im Schlamm sitzend.
Die Erinnerung an diesen Vorfall brachte Alyssa zum Nachdenken über die seltsamen Ereignisse in ihrem Leben und den mysteriösen Duft, den sie von Zeit zu Zeit wahrnahm. Sie versuchte, die Zusammenhänge zu verstehen und kam zu dem Schluss, dass es mehr als nur Zufall sein musste.
Die Erinnerung an diese Ereignisse löste eine Vielzahl von Emotionen in Alyssa aus. Sie dachte an den Kampf in der sechsten Klasse mit einem Jungen aus der achten Klasse, der sie zuvor gemobbt hatte. Alyssa wehrte sich schließlich gegen das Mobbing und stellte sich dem Jungen mutig entgegen.
„Merkwürdig…“
Ihr Gedanken wurden unterbrochen, als ihr Handy erneut klingelte.
Sie nahm das Handy in die Hand und drückte zögerlich auf den Bildschirm.
„Ja?“, fragte sie.
Die Stimme am anderen Ende der Leitung gehörte zu Elias, ihrem langjährigen Freund. Sein aufgeregtes Plappern war unverkennbar.
„Heeeeeeeey! Hast du Lust, mit uns etwas Essen zu gehen?“, sprudelte es aus Elias heraus, als würde er vor Freude über den Gedanken an ein Abendessen mit Freunden platzen.
Alyssa zögerte einen Moment, bevor sie antwortete.
„Ähm, erst mal nicht, danke… Nicht nachdem, was das letzte Mal passiert ist.“
Ihre Stimme klang gedämpft und unsicher, als sie sich an die unangenehmen Erinnerungen des letzten Treffens erinnerte.
Elias versuchte sie zu beruhigen.
„Alyssa, wir gehen nicht ins Glorious, sondern nur in ein Restaurant. Da musst du dich nicht viel bewegen, wenn du noch Schmerzen hast. Und Ella kann dich später nach Hause fahren, sie hat doch endlich ihren Führerschein, und das wollten wir heute gemeinsam feiern!“
Die Worte ihres Freundes berührten Alyssa, aber sie konnte ihre Bedenken nicht ganz abschütteln.
„Ich weiß nicht… Ich habe immer noch so starke Schmerzen, wenn ich mich bewege“, seufzte sie und ließ ihre Schultern hängen.

Elias Enttäuschung war deutlich spürbar.
„Wir haben dich schon seit Wochen nicht mehr gesehen, Alyssa. Was ist los mit dir? Du meldest dich so gut wie gar nicht, und das betrübt uns alle. Wir wissen, dass es ein schlimmer Abend war, aber du musst auch mal wieder raus, aus deiner kleinen Wohnung. Wir respektieren es auch, dass du dich zurückziehst, um das zu verarbeiten, weil wir alle wissen, wie nah dir diese Auseinandersetzung ging. Aber wir sind deine Freunde und wollen dir einfach nur helfen“, betonte er behutsam.
Gewalt war für Alyssa schon immer traumatisch gewesen, und dieser Abend hatte sie stark mitgenommen.
„Für mich war das einfach nur furchtbar, und ich möchte mich gerne völlig auskurieren, damit ich wieder mit dem Training starten kann. Das belastet mich auch sehr… Ohne mein Training habe ich nicht viel Ausgleich“, gestand sie mit einem Seufzen, während sie versuchte, ihre Gefühle zu sortieren und zu verarbeiten.
Elias war entschlossen, Alyssa aus ihrer Isolation herauszuholen.
„Wir holen dich jetzt, egal was du sagst!“, bekundete er und rief zu Ella, dass sie sich fertig machen sollte, um Alyssa abzuholen.
„Zieh dich an, wir sind in zwanzig Minuten bei dir!“, befahl er noch und legte auf, bevor Alyssa noch etwas erwidern konnte.
Alyssa seufzte erneut und schüttelte den Kopf.
Oh man ey, was habe ich da nur für Freunde“, dachte sie resigniert, aber tief im Inneren freute sie sich auch ein wenig darüber, dass ihre Freunde sich so um sie bemühten und sie aus ihrer Einsamkeit herauslockten.
Vielleicht war es tatsächlich an der Zeit, wieder unter Leute zu gehen, auch wenn die Schmerzen noch nicht vollständig abgeklungen waren. Ein Restaurantbesuch wäre definitiv machbar.
Entschlossen machte sich Alyssa auf den Weg ins Badezimmer, wo sie das Glätteisen aus dem Schrank holte und es in die Steckdose stöpselte. Die warmen Strahlen des Lichts fielen sanft auf ihr Gesicht, als sie den Raum betrat. Wenn sie schon ausging, wollte sie wenigstens nicht wie eine Obdachlose aussehen. Seit vielen Tagen hatte sie sich nur in einem gemütlichen Jogginganzug herumgetrieben, die Haare zu einem schnellen Dutt gebunden. Doch heute war ein besonderer Anlass, der ein wenig mehr Aufwand erforderte. Schließlich ging sie nur aus dem Haus, um zum Arzt zu gelangen, aber sie wollte sich dennoch etwas zusammenreißen. Außerdem kam sie zu dem Schluss, dass Doktor Julius es bestimmt noch mehr anders verstanden hätte, wenn sie dort aufgetakelt aufgetaucht wäre.
Nachdem sie ihre blonden langen Haare fertig gelockt hatte, zumindest ein klein wenig, denn für mehr war keine Zeit, klatschte sie sich noch schnell Make-Up ins Gesicht, tuschte sich die Wimpern und zog sich ein anderes Outfit an. Ihre Wahl fiel auf eine sportliche Leggins, einen Hoodie und Sneaker.
„Nicht besonders schön, aber immer noch besser, als ein Jogginganzug!“, sprach sie mit sich selbst, während sie sich im Spiegel betrachtete.
Kurz darauf klingelte es schon an der Tür. Alyssa lächelte, als sie die Stimmen von Elias und Ella hörte, die sich vor der Tür drängelten und voller Vorfreude auf das bevorstehende Essen waren. Ella quietschte vor Aufregung und erzählte von ihrem frisch erworbenen Führerschein, den sie mit ihren Freunden feiern wollte.
„Freut mich sehr für dich, Ella, aber lass dich nicht wie ein Chauffeur behandeln von den anderen“, zwinkerte Alyssa ihr zu, als sie ihre Freunde hereinließ.
Ella lachte laut auf.
„Ganz ehrlich, das dürfen sie ruhig. Fahren macht mir Spaß, und ich finde es super, wenn man von mir abhängig ist und ich entscheiden kann, wen ich kutschiere und wen nicht!“
Elias rollte belustigt mit den Augen.
„Bilde dir jetzt nur nichts ein!“, provozierte er frech und warf einen schelmischen Blick zu Ella.
Bevor Alyssa die Tür schließen konnte, stürmte Siena fröhlich herein.
„Hey, warte auf mich!“
Alyssa freute sich wirklich sehr, ihre beste Freundin zu sehen.
„Ohhh, hey Siena! Schön, dass du auch hier bist!“, begrüßte sie sie herzlich.
„Na ja, ich wusste, dass du dich nicht entsprechend für ein Restaurant kleidest, also kam ich mit, um dir etwas Passendes rauszusuchen!“, lachte Siena herzlich und zog Alyssa dabei spielerisch am Arm.
Alyssa ärgerte sich ein wenig. Ihr Outfit gefiel ihr, es war bequem und super für den Alltag. Sie hatte wenig Lust darauf, sich in irgendetwas total Schickes hineinzuzwängen. Aber Siena hatte mal wieder recht, es war nicht wirklich für ein Restaurant geeignet. Kurzerhand reichte Siena ihr ein bezauberndes langärmliges Kleid und befahl ihr, sich sofort umzuziehen. Alyssa rollte die Augen, aber gehorchte lachend und ließ sich von Siena zu einem neuen Look überreden.
„Und vergiss nicht die Schuhe zu wechseln!“, grinste Ella ihr noch zu und wies auf die Sneaker hin, die Alyssa bereits trug, als sie die Tür öffnete.

Kaum hatten sie die ersten Schritte ins Restaurant gesetzt, rief schon der Rest des Freundeskreises zu ihnen herüber. Die engsten Freunde von Alyssa waren anwesend.
Siena war ihre beste Freundin, seit sie kleine Kinder waren.
Ella lernte sie durch Elias kennen und lieben, als sie gemeinsam zu einem Pärchendate ins Kino gingen, mit ihrem damaligen festen Freund.
Elias lief ihr in der neunten Klasse über den Weg, als sie zur Toilette rannte, um sich zu übergeben. Er gab ihr Unterstützung und haufenweise Tipps, wie man seinen Kater nach dem Trinken verringern konnte.
Ben gabelte sie einst beim Joggen auf, nachdem sie ihn versehentlich anrempelte, weil sie so viel träumte.
Und dann war da noch Clara, der sie vor einigen Jahren im Supermarkt unter die Arme griff und half das Schlamassel aufzuräumen, was ihre damals dreijährige Tochter verursachte.
Seit vielen Jahren kannten sie sich bereits und hielten stets treu zueinander, egal was passierte. Eigentlich war Lino einst ein Teil dieser Clique. Den Ausschluss fügte er sich selbst zu, als er Siena ins Gesicht schlug, weil sie später nach Hause kam, als vereinbart.

„Und? Was gibt es sonst noch Neues, außer Ellas Führerschein?“, fragte Alyssa neugierig in die gemütliche Runde.
Irgendwie fehlte ihr genau das. Normalerweise trafen sie sich sehr regelmäßig im Restaurant, um den neuesten Klatsch miteinander zu teilen. Doch seit der Geburtstagsfeier von Siena zog Alyssa sich sehr zurück und nahm nicht mehr an solchen Abenden teil.
„Lino hat schon wieder versucht mich zu kontaktieren… Ehrlich gesagt, langsam bekomme ich ein wenig Angst vor ihm. Er ist wirklich krank. Zu schade, dass er nicht in Haft musste, wegen der Schlägerei“, sprach Siena mit erhobener Nase.
„Na ja, wenigstens bekam er Hausverbot. So können wir uns beim nächsten Mal dort entspannten“, bemerkte Clara mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ich muss aber auch gestehen, dass ich ihn irgendwie vermisse. So, wie er damals zu mir war, bevor seine Tante wegzog. Ihr habt es ja gesehen, er las mir jeden Wunsch von den Lippen ab. Aber es hätte ja keiner ahnen können, dass er so krass abhängig von seiner Tante war, und er sich plötzlich so veränderte. Diese enge Verbindung zwischen den beiden habe ich nie wirklich wahrgenommen“, seufzte Siena.
Elias schnaubte verächtlich.
„Du hättest ihn längst anzeigen sollen, Siena. Der Kerl sollte dir nicht näher als tausend Kilometer kommen! Gewalt ist niemals eine Lösung, und der Verlust seiner Tante ist keine Ausrede!“
Siena winkte ablehnend.
„Ja ja, können wir bitte das Thema wechseln? Wir sind zum Feiern da und nicht um über Lino zu reden“, drängte Clara, während sie einen Schluck Wein nahm und ihren Blick zu Alyssa wandte.
„Alyssa, was waren das für Stichpunkte auf deinem Notizblock? Klang irgendwie traurig.“, fragte Elias.

„Ach, das… Ich hab nur versucht, etwas herauszufinden“, antwortete Alyssa nachdenklich.
„Ihr erinnert euch an diesen Geruch, den ich manchmal rieche?“
Elias wurde ein wenig neugierig und legte sein Besteck beiseite.
„Ja klar. Aber was hat das mit den Notizen auf sich?“, fragte er, während er sich zu Alyssa beugte, um besser zuzuhören.
„Na ja, ich hab versucht herauszufinden, ob es irgendwie eine Verbindung gibt zwischen den Momenten, als ich ihn roch“, erklärte sie langsam, während sie die Gedanken ordnete.
„Irgendwie ist es schon ein wenig merkwürdig, dass kurz darauf immer etwas Schlimmes passierte…“
Ben zog die Augenbrauen zusammen.
„Was Schlimmes?“, fragte er, und die anderen Freunde wurden still, gespannt auf Alyssas Antwort.
„Entschuldige, ich weiß nicht mehr so viel darüber, außer, dass du uns zwischendurch fragtest, ob wir das auch gerade riechen“, fügte er noch hinzu.
„Warte. An meinem Geburtstag hast du ihn auch gerochen, oder? War das bevor Lino kam, oder danach?“, wollte Siena wissen.
„Ich glaube, bevor er kam. Ich weiß nicht, ob er da schon länger stand und zugesehen hat. Als ich ihn sah, vergaß ich den Geruch, nachdem es ausartete.“
Alyssa versuchte sich zu konzentrieren und nachzudenken. Währenddessen wurden Getränke bestellt.
„Das erste Mal roch ich ihn mit fünf, als ich weglief. Das zweite Mal, als ich mich das erste Mal prügelte. Das dritte Mal, als ich meinen ersten Kuss hatte, mit etwa sechzehn. Danach andauernd mit Alex, erinnert ihr euch an ihn? Dann im Urlaub, wo wir quasi durchgehend betrunken waren. Ach ja, und auf eurer Hochzeit, als ich mit dem Bruder deines Nachbarn knutschte, Ella“, zwinkerte sie ihr zu.
„Und dann in den vergangenen Monaten. Ständig und andauernd. Als ich in der Bar ausgeholfen hatte, und viel flirtete, um mehr Trinkgeld zu bekommen. Bei jedem meiner Exfreunde. Als ich spät nachts stundenlang nach Hause laufen musste, weil der Zug ausfiel. Als bei meinen Nachbarn der Brand ausbrach. Und so weiter… Das muss doch irgendwie alles zusammenhängen.“
Ihre Freunde überlegten mit.
„Hmm… Aber überwiegend dann, wenn du etwas mit Männern zu tun hattest, oder?“, bemerkte Ella.
„Ich glaube schon, ja. Echt komisch…“
Alyssa wirkte bedrückt.
„Mit keinem dieser Männer entstand je eine lange und gute Beziehung. Vielleicht war das ja immer ein Omen vom Allmächtigen“, lachte sie gespielt.
„Kannst du den Geruch mittlerweile ein wenig beschreiben? Dann könnte man dir vielleicht eher helfen“, fragte Ben.
„Er ist lieblich, frisch und fruchtig, aber auch sinnlich und würzig, sowie warm, süß, frisch, elegant, und so weiter. Er ist alles, aber auch irgendwie nichts davon. Keine Ahnung, wie zur Hölle ich das beschreiben soll. Wie gesagt, ich habe nie irgendwo etwas Ähnliches gerochen und kann es deshalb auch nirgends zuordnen. Das macht mich manchmal wahnsinnig!“, betonte Alyssa frustriert.
Siena sprach zu Ben.
„Wir sind sogar mal in alle möglichen Parfümerien gegangen und haben alle Parfüms getestet!“, lachte sie herzlich.
„Aber nicht ein Mal da wurde sie fündig. Nichts, rein gar nichts davon, ähnelte diesem Geruch“, fügte sie noch hinzu.
„Na ja, egal. Irgendwann finde ich schon heraus, warum ich diesen Duft rieche“, sagte Alyssa und beendete damit das Thema.
„Was macht eure Babyplanung?“, fragte sie zu Ella und Elias.

Während sie sich weiter austauschten, genossen sie die Köstlichkeiten des Restaurants, die sie bestellten. Vier Jahre lang waren sie mittlerweile Stammgäste, die sich mindestens einmal im Monat dort trafen und stundenlang über Gott und die Welt sprachen.
Clara erzählte, wie immer, Geschichten über ihre Tochter und beschwerte sich darüber, dass sie ihr immer mehr ähnelte. Sie selbst war weder als Kind noch in der Jugend einfach gewesen. Es war ein Wunder, dass sie noch nie hinter Gittern gelandet war. Erst mit der Schwangerschaft veränderte sie sich, und ihre Tochter schien nun ein Spiegelbild ihrer eigenen turbulenten Jugend zu sein.
Seit zehn Jahren kannte Alyssa sie und unterstützte gerne ihre Freundin, wenn sie eine Auszeit von ihrer Tochter benötigte. Die Geschichten, die Clara erzählte, konnte kaum einer glauben. Wenn jemand zum Babysitten einsprang, war ihre Tochter ein totaler Engel, und es gab nie irgendwelche Komplikationen.
Damals, als sie sich im Supermarkt kennenlernten, sah Alyssa auch keinerlei Anzeichen dafür, dass das kleine, bezaubernde Mädchen böse sein könnte. Sie sah Clara bitterlich weinen, weil sie am Ende ihrer Nerven war, und eilte ihr ohne zu zucken zur Hilfe, um den Boden von den Lebensmitteln zu befreien und wieder ins Regal einzusortieren. Viele abscheuliche Blicke trafen Clara, was Alyssa einfach nicht mit ansehen konnte. Und so entstand ihre enge Freundschaft. Clara war unglaublich dankbar und froh, Alyssa zur Freundin zu haben.
Ben fluchte über die anstrengenden Kunden in seinem Job. Er hasste seinen Job, verdiente aber das Geld, welches er benötigte, um sich das leisten zu können, was er sich schon lange wünschte.
Elias und Ella jammerten, dass es immer noch nicht mit ihrem Babywunsch klappte, obwohl sie sehr regelmäßig Sex hatten. Seit drei Jahren waren sie verheiratet, kauften sich ein Haus am Stadtrand und hatten beide ihre Traumjobs. Elias war Makler, und Ella Friseurin. Sobald ein Kind sich anmeldete, wollte Ella sich ausschließlich darum sorgen und sich eine berufliche Auszeit nehmen.
Siena sprach über ihre vielen Jobs, weil sie sich eine große Wohnung kaufen wollte. Neben ihrem Job im Supermarkt als Kassiererin ging sie noch in privaten Wohnungen putzen und gab Nachhilfeunterricht für Jugendliche, die kurz davor waren, ihre Chance auf einen vernünftigen Schulabschluss zu versauen. All ihre Jobs tat sie voller Leidenschaft. Sie liebte es, aber nach all den Jahren kratzte es auch ein wenig an ihren Nerven. Immer wieder zog ihre kleine Schwester bei ihr ein und brachte viel Leid mit sich. Immer wieder half sie ihrer Schwester auf die Beine zu kommen, finanziell sowie körperlich. Und genau das warf sie immer wieder zurück und zwang sie, neu anzufangen zu sparen. Siena hatte ein sehr großes Herz und konnte ihre Schwester einfach nicht leiden sehen.
Alle unterstützten sich gegenseitig, egal in welcher Lebenslage. Jeder gab den anderen einen guten Rat oder machte ihn zur Sau, wenn es sein musste. Doch das Wichtigste war, niemand von ihnen war nachtragend und nahm etwas böse auf. Denn alle wollten bloß das Beste für den anderen. Alyssa fühlte sich wohl und bereute es keine Sekunde, dass sie sich überreden ließ, mitzukommen.
Als das Thema Männer und Beziehungen aufkam, dachte Alyssa betrübt über ihre Exfreunde nach. Sie bedauerte, dass keine ihrer Beziehungen lange anhielt, weil sie jedes Mal irgendwann ein komisches Gefühl bei der Sache bekam. Sie hatte das Gefühl, dass man sie permanent anlog, egal in welchem Thema, was sie anfangs noch duldete, aber es dann beendete. Noch dazu die ständige Gewalt.
Es gab bisher erst einen einzigen Mann in ihrem Leben, dem sie sich vollkommen öffnen und hingeben konnte. Einem, den sie vertraute, obwohl sie ihn nicht kannte. Doch das kam nur zweimal in nächtlichen Träumen vor. Er war um einiges größer als sie, mit dunklen, lockigen Haaren und klaren, leuchtend blauen Augen. Sein Körper war unglaublich muskulös, und seine Haut so zart wie Seide. Er war intelligent, empathisch, humorvoll, entschlossen, leidenschaftlich und fürsorglich. Alles, was sie sich je erträumte. Bisher verlor sie darüber nie ein einziges Wort, denn es waren bloß zwei wunderschöne Träume. Sie vermutete, dass es bloß das innerliche Bedürfnis war, was durch diese Träume gestillt wurde. Solch ein Mann war viel zu schön, um ihn je in der realen Welt zu treffen.

Nachdem Alyssa ihr hervorragendes Steak aufgegessen hatte, bemerkte Clara mit einem leichten Nicken über die Schulter einen Mann, der drei Tische weiter saß und Alyssa seit ihrer Ankunft im Restaurant nicht aus den Augen ließ.
Alyssa schaute unauffällig zu ihm hinüber und spürte, wie sich eine leichte Nervosität in ihr ausbreitete. Plötzlich zog erneut dieser unwiderstehliche Geruch in ihre Nase.
Clara drängte darauf, dass sie ihn zu ihrem Tisch einladen sollte, und nachdem sie Alyssa zum siebten Mal angestoßen hatte, gab diese schließlich nach. Der unbekannte Mann mit den roten Haaren zögerte keine Sekunde, entschuldigte sich bei seinem Tischnachbarn und trat selbstbewusst auf sie zu.
„Du starrst mich schon den ganzen Abend an, willst du dich vielleicht zu uns setzen?“, fragte sie mit pochendem Herzen und bot ihm einen freien Platz an.
Alle Augen waren auf den Mann gerichtet, gespannt darauf, wie er reagieren würde.
„Ähm, ja, klar. Danke. Ich bin Sam.“, nickte er leicht nervös und nahm Platz.
„Hey Sam, was führt dich in dieses Restaurant? Und was ist mit deinem Freund da drüben? Lässt du ihn jetzt einfach im Stich?“, fragte sie und warf einen Blick zu seinem einsamen Freund an einem anderen Tisch.
„Das ist nur ein Arbeitskollege. Wir haben zum Feierabend nur noch etwas gegessen. Der kommt schon klar.“, antwortete er lachend zurück.
„Noch eine Runde? Sam, willst du auch etwas trinken? Geht auf uns, wir feiern heute.“, schlug Elias vor und winkte den Kellner zu sich.
„Ähm, ja, gerne. Was wird denn gefeiert?“, fragte Sam neugierig.
Ella quietschte aufgeregt.
„Ich habe endlich meinen Führerschein!“
„Hier in der Stadt? Ist man da nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schneller?“, grinste Sam.
Ein Lachen erfüllte den Tisch.

„Hab ich doch gesagt!“, stimmte Ben Sam zu und hob die Hände.
„Ja ja, ihr könnt mich mal! Besser haben als brauchen!“, tadelte sie und schüttelte ihren Kopf.
Sam rückte ein wenig näher an Alyssa heran und schob ihr Glas Wein ein Stück näher, damit sie nicht zu weit danach greifen musste. Er bemühte sich, nicht zu starren, doch das fiel ihm schwer. Er fragte Alyssa, ob ihr das Essen aus dem Restaurant geschmeckt habe und ob sie auch sicher satt sei. Seine Fragen waren ziemlich aufmerksam, was Alyssa ein wenig unangenehm war, da sie so etwas einfach nicht gewohnt war.
Sie spürte, wie seine Nähe sie nervös machte, aber gleichzeitig fühlte sie sich auch geschmeichelt. Sam schien sich wirklich für sie zu interessieren, was sie verunsicherte, da sie nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte. Es war ungewohnt für sie, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen, besonders von jemandem, den sie gerade erst kennengelernt hatte.
Alyssa versuchte, sich zu entspannen und sich auf das Gespräch mit Sam zu konzentrieren, aber der unwiderstehliche Duft, der immer noch in der Luft lag, machte es ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Alyssa entschuldigte sich und bat Siena, mit ihr zur Toilette zu gehen. Sie war ein wenig hysterisch.
„Siena, ich rieche schon wieder diesen Duft. Was zur Hölle ist das? Das kann doch kein Zufall sein! Passiert gleich etwas Schlimmes?!“, sagte sie, ihre Stimme voller Besorgnis.
„Jetzt mach dir doch nicht so viele Gedanken. Gäbe es denn einen Grund dafür, dass etwas Schlimmes passiert?“, beruhigte sie Siena und legte ihre Hände auf Alyssas Schultern.
„Nein, ich glaube nicht. Meinst du, es liegt an Sam? Findest du ihn nett? Irgendwie wirkt er ein bisschen aufdringlich, oder?“, wollte Alyssa von ihrer besten Freundin wissen.
„Aufdringlich? Der Typ ist einfach nur super höflich! So etwas bist du einfach nur nicht gewohnt. Ich glaube, du hast bloß ein bisschen Schiss, dass ihr euch näher kommt. Hab ich recht?“, lächelte Siena.
Alyssa dachte nach.
„Ja, kann sein… Aber irgendwie ist er zu nett!“, grummelte sie, verärgert über sich selbst, weil ihre Freundin vermutlich richtig lag.
„Entspann dich, Süße. Trink noch ein Glas Wein, lern ihn besser kennen und dann sieh weiter, wohin das ganze führt.“, schlug sie vor und ließ von ihr ab.
„Auf deine Gefahr… Wehe, er ist auch ein Arschloch!“, sagte sie lachend.
Kaum saßen sie wieder am Tisch, versuchte sie mutig mehr über Sam zu erfahren, ohne dass es wie ein Verhör klang. Er wirkte sehr vernünftig.
Er liebte seine Familie, hatte einen ansehnlichen Job bei der Bank und stand mit beiden Beinen fest im Leben. Seine Wünsche ähnelten denen von Alyssa. Auch er wünschte sich eine eigene kleine Familie, ein großes Haus mit Garten und ein Haustier, was die Familie perfekt machte. Manche ihrer Fragen beantwortete er so, als hätte er ihre Gedanken gelesen, was sie sich für eine Antwort wünschte. Es war, als wäre er perfekt.
„Wollen wir spazieren gehen?“, schmunzelte Sam Alyssa zu.
„Ähhhmmm…“, stotterte sie unsicher, während sie hilfesuchend zu ihrer besten Freundin sah.
Siena nickte ihr unauffällig zu.
„Okay, ja, warum nicht.“, antwortete sie und wurde wieder nervös.
Schon wieder stieg ihr der merkwürdige Duft in die Nase, was sie ein wenig Angst einjagte.
Sam half ihr dabei, ihren Mantel anzuziehen, und dann winkten sie den anderen zum Abschied.
Wow, ein Gentleman ist er auch noch…“, dachte sie sich lächelnd.

Eigentlich fand Alyssa den Spaziergang ganz angenehm. Die frische Luft tat ihrem Kopf gut, nach all den Gläsern Wein, wovon ihr Kopf mittlerweile ein wenig pochte. Hätte sie noch weiter getrunken, hätte sie ihre Grenze überschritten. Alyssa war keine so gute Trinkerin. Ihre Freunde vertrugen weitaus mehr als sie.
Ein einziges Mal kam es bisher vor, dass sie betrunken war, was sie kurz darauf bereute. Es war in einem überfüllten Club, die Musik dröhnte in ihren Ohren, und die Lichter flackerten wild. Sie hatte ein paar Drinks zu viel gehabt und fand sich plötzlich in der Ecke des Raumes wieder, wo sie eng umschlungen mit einem Fremden stand. Es war eine Nacht voller impulsiver Entscheidungen, die sie im Nachhinein bedauerte. Irgendwann gingen sie gemeinsam zu ihm nach Hause und hatten Sex. Leider war es ungeschützter Sex, weil sie beide zu betrunken waren, um an ein Kondom zu denken. Ihre Periode verzögerte sich um gute zwei Wochen, was sie in Panik versetzte, schwanger zu sein.
Das war das erste und letzte Mal, dass sie betrunken war. Danach befand sie sich nur an der Schwelle des Betrunkenseins, aber ging nie einen Schritt weiter, um Schlimmeres zu verhindern. Sie lernte aus dieser Erfahrung und wurde vorsichtiger mit Alkohol.
Auch in dem Moment, als sie Sex hatten, hatte sie diesen Duft in der Nase. Aber in dem Moment ging sie davon aus, dass es sein Parfüm war, wodurch sie noch gieriger auf ihn wurde. Das war schon einige Jahre her, und so etwas kam nie wieder vor.

Während sie sich nett unterhielten und die Gespräche ein wenig vertieften, entschieden sie sich, weiter in die Stadt hineinzulaufen. Sam war bloß zu Besuch aufgrund seines Jobs, und sie wollte ihm die schönen Seiten zeigen, die diese Stadt ausmachte.
Irgendwann fasste Sam den Mut, ihre Hand zu nehmen, was ihr Herz zum Klopfen brachte. Eigentlich dachte sie, dass Händchenhalten etwas zu früh war, aber sie fand es auch irgendwie schön.
Als sie in die Straße gingen, in der sich das Glorious befand, fürchtete sie sich ein wenig und klammerte sich vorsichtig an Sams Arm. Die Straßen waren belebt, und die Lichter der Stadt erleuchteten den Weg.
Er genoss es, dass sie sich an ihn lehnte, und fragte sie, warum sie das tat. Daraufhin erzählte sie ihm alle Details von dem Abend, als Sienas Geburtstag gefeiert wurde. Sam reagierte mit vollem Verständnis und versuchte, sie zu beruhigen.
„Es gibt keinen Grund mehr Angst zu haben. Außerdem bin ich ja hier.“
Sam drückte sie ein wenig näher an sich, was ihr definitiv half, die negativen Gedanken an den Abend zu verdrängen. Irgendwie fühlte sie sich wohl, wenn er sie so festhielt. Er strahlte eine Wärme aus, die sie beruhigte. Sie spürte, wie sich ihre Anspannung langsam löste, als sie sich durch die belebten Straßen bewegten.
Das ist falsch, Alyssa! Du kennst ihn erst seit ein paar Stunden!“, versuchte sie sich selbst zu predigen, aber hörte nicht darauf.
Und wieder nahm sie den unwiderstehlichen Duft wahr, aber versuchte, ihn zu ignorieren. Es war ein betörender Duft, der sie verwirrte und faszinierte zugleich. Sie konnte nicht leugnen, dass er eine unerklärliche Anziehungskraft auf sie ausübte.
Sie zeigte Sam viele Straßen und hatte beinahe zu jedem Haus eine kleine Geschichte zu erzählen, denen er aufmerksam lauschte.
Er bereute es keineswegs, sie angestarrt zu haben, und sie bereute es ebenso wenig, ihn zu ihrem Tisch eingeladen zu haben. Die Art und Weise, wie sich ihre Blicke trafen und ihre Worte einander fanden, ließ die Zeit wie im Flug vergehen.
„Was ist eigentlich mit deinem Freund? Wohin ist er gegangen, als du zu uns kamst?“, fiel Alyssa ein, während sie an einer Kreuzung stehenblieben.
„Ach, der ist eh langweilig und ging dann ins Hotel. Wir haben eigentlich nicht besonders viel miteinander zu tun und haben noch nie etwas privat unternommen. Wir waren noch hungrig, und das nächste Restaurant, was uns angezeigt wurde, war das. Wir sind ja bloß beruflich in der Stadt. Aber ganz ehrlich, es war eine sehr gute Entscheidung. Wenn wir nicht dahin gegangen wären, hätte ich dich nicht kennengelernt“, lächelte er, seine Augen leuchteten im Licht der Straßenlaternen.
„Als ich dich sah, konnte ich meine Augen einfach nicht von dir abwenden…“, ergänzte er voller Scham und senkte kurz den Blick.
„Du bist echt süß. Clara hat mich erst darauf aufmerksam gemacht. Ohne sie hätte ich dich gar nicht erst wahrgenommen. Bei ihr musst du dich bedanken“, gestand sie ihm lächelnd und legte sanft ihre Hand auf seinen Arm.
Sie liefen ein Stück weiter die Straße entlang.
„Aber bereuen tue ich es nicht. Du scheinst ein sehr lieber Kerl zu sein, das hätte ich nicht erwartet. Und du wirkst nicht so, als hättest du Spinnereien im Kopf, so wie die meisten in deinem Alter. Zumindest die, die ich kennengelernt habe“, fügte sie vorsichtig hinzu und sah ihm tief in die Augen.
Sam spielte verärgert mit einer Locke seines Haares, während er über ihre Worte nachdachte.
„Oh, ich habe durchaus Spinnereien im Kopf, das kannst du mir glauben!“, grinste er, ohne über die Folgen nachzudenken.
„Ach ja? Welche? Ich denke nicht, dass du zu etwas Verrücktem in der Lage wärst, dazu bist du viel zu vernünftig“, lachte sie und runzelte die Stirn.
Sam blieb plötzlich stehen und machte einen ziemlich ernsten Gesichtsausdruck. Alyssa spürte, wie ihr Herz schneller schlug, als sie seine ernsten Augen sah.
„Alles okay?“, fragte sie behutsam.
Etwa eine Minute lang blieben sie einfach nur so stehen, was Alyssa bestätigte, dass sie etwas Falsches gesagt hatte. Sam sprach leise und flüsterte beinahe, als ob er seine Gedanken sortieren müsste.
„Na ja, eigentlich hätte ich dich schon gerne vor drei Stunden geküsst. Ich kenne mich so nicht, und das ist ziemlich beängstigend“, gestand er schließlich.
Diese Sätze sprach er eher zum Boden als direkt zu Alyssa. Er schämte sich dafür und konnte ihr deshalb nicht in die Augen sehen, was Alyssa skeptisch machte. Sie ist ein unglaublicher Freund von Aufrichtigkeit, und wenn man ihr dabei nicht einmal in die Augen sehen konnte, kam es ihr nicht zu hundert Prozent ehrlich rüber. Aber irgendwie glaubte sie ihm.
Sie ging auf ihn zu, in der Hoffnung, er würde seinen Blick erheben, was er auch tat. Und da wurde ihr klar, dass er seine Worte tatsächlich ernst meinte. Sein Gesicht war nach wie vor ernst, aber auch ängstlich, was sie irgendwie sympathisch fand. Ihr Herz pochte wie wild, und sie überkam ein Gefühl, was die volle Kontrolle über ihren Körper übernahm.
Sie ging ihm noch ein paar Zentimeter näher und spürte seine warmen Atemzüge auf ihrer Haut, als sie ihn küsste. Sam wirkte erst überrascht, aber erwiderte den Kuss leidenschaftlich. Die Welt schien einen kurzen Moment stillzustehen, während sie sich in diesem Moment verloren.

Wie aus einem Traum gerissen, erschraken sie beide, als ein Motor laut brummte und ein Mann auf einem Motorrad gefährlich nah an ihnen vorbeifuhr.
Alyssa spürte erneut den unwiderstehlichen Duft, der mit dem Unbekannten kam, und sah Sam fragend an, der die Nase rümpfte.
„Riechst du das auch?“, fragte Alyssa, leicht benebelt von diesem Geruch.
Sam nickte genervt.
„Du hast es ganz sicher auch gerochen?! Im Ernst?!“, fragte sie baff und drehte sich zum Motorradfahrer, der zurückblickte.
„Ja, wieso fragst du das?“, antwortete er verwundert, während er seinen Arm schützend um sie legte.
„Egal… Komm, lass uns zurückgehen, zu den anderen. Vielleicht sitzen sie ja noch im Restaurant“, schlug sie vor und lächelte ihn sanft an.
„Okay, ja, klar“, antwortete Sam traurig und folgte ihr, während er sich wünschte, der Moment hätte nie enden müssen.

Ziemlich eilig machten sie sich auf den Rückweg. Alyssa sprach kaum noch ein Wort, denn sie fühlte sich ziemlich komisch seit der Begegnung mit dem Unbekannten. Ihr ging er nicht aus dem Kopf. Sie fühlte sich wirklich, als wäre sie nun völlig plemplem geworden.
All die Jahre hatte sie als Einzige diesen Duft wahrgenommen, und ausgerechnet in diesem Moment rauschte ein unhöflicher Mann an ihr vorbei, der genau nach diesem Duft roch. Die Parallelen waren zu auffällig, um ignoriert zu werden, und es hinterließ ein mulmiges Gefühl in ihrer Magengrube.
Sam merkte, dass Alyssa abgelenkt war und legte sanft seine Hand auf ihren Rücken, um sie zu beruhigen.
„Alles okay?“, fragte er besorgt.
Alyssa schüttelte den Kopf, unfähig, die Gedanken an den Vorfall zu verdrängen.
„Es ist nichts. Ich bin nur etwas durcheinander“, murmelte sie, versuchte aber, ein Lächeln zu erzwingen.
Sam zog sie etwas näher an sich heran und drückte ihre Hand fest.
„Wenn du reden möchtest, bin ich hier“, sagte er und sah ihr tief in die Augen, voller Verständnis und Mitgefühl.
Alyssa fühlte sich von seiner Fürsorge beruhigt und lächelte ihm dankbar zu. Doch trotz seiner Nähe und Wärme konnte sie diesen unheimlichen Vorfall nicht einfach abschütteln.
Dass sie verrückt wurde, war nicht möglich. Schließlich hatte Sam auch dieses Parfüm gerochen.
Dieser Mann… Irgendwie kam er mir bekannt vor, obwohl ich ihn nicht wirklich erkannte…“, dachte sie sich verwirrt, während sie durch die nächtlichen Straßen liefen.