Auch wenn ich nun wieder am Arbeiten war, fiel es mir oft schwer, Tagträume abzustellen. Immer wieder erwischte ich mich selbst dabei, wie ich vom Alltag abschweifte und in Tagträumen versank. Auf der einen Seite war es gut, weil es meine Stimmung oft deutlich hob. Auf der anderen Seite war es schlecht, weil ich deshalb schnell den Bezug zur Realität verlor. Die Realität war immer noch bitter, und nach wie vor hatte ich viel an mir zu arbeiten. Ich musste diese Panikanfälle endlich loswerden und gesünder leben.

Dadurch, dass ich plötzlich den halben Tag zuhause fehlte, änderten sich erneut meine Essgewohnheiten. Ich verlor schnell noch mehr Kilos und war beinahe unter 50 Kilo gelandet. Eigentlich wollte ich gar nicht so tief, aber was ich im Spiegel sah, gefiel mir. Ich pflege immer zu sagen: „Wenn sich die Oberschenkel nicht berühren beim Gehen oder Stehen, bist du auch nicht zu dick.“
Endlich war es so weit! Ein deutlicher Spalt war zwischen beiden Schenkeln, was mich glücklich machte. Aber dass ich so viel abgenommen hatte, sah man mir auch deutlich im Gesicht an. Jeder, der mich persönlich kannte und wie ich vor einem Jahr noch aussah, fragte sich, ob ich krank wäre. Jo… Danke für das Kompliment! Also mal ehrlich, egal welche Figur ich bisher hatte, nie war ich hundertprozentig zufrieden. Entweder war ich zu dick oder zu dürr. Die Schwimmringe waren noch zu stark, oder eine Speckrolle schmückte meinen Unterbauch. Jede Frau kennt das!

Reminder:
Man selbst sollte sich immer so lieben, wie man ist! Wenn einem nicht gefällt, was man sieht, muss man es ändern.

Doch dass sich meine Essgewohnheiten wieder änderten, lag an meinem Kopf. Viele Lebensmittel vertrug ich nicht so gut, was wiederum zu Darmproblemen führte. Wenn ich also nachmittags arbeiten musste, aß ich das letzte Mal drei Stunden zuvor etwas, um danach genug Zeit zu haben, alles zu verdauen und auf die Toilette zu gehen. So vermied ich stechendes Grummeln im Bauch, während ich arbeitete und die dazugehörigen Gedanken, die wieder zu Panikattacken führten. Ich habe Unverträglichkeiten bisher noch nicht testen lassen. Alles versuchte ich selbst herauszufinden. Manches jedoch war auch wieder nur reine Kopfsache.
Eine Zeit lang dachte ich, dass ich Schokolade nicht vertrug, aber diese Unverträglichkeit existierte nur in meinem Kopf. Auch vertrug ich Laktose nicht besonders. Wenn ich Müsli esse, bekomme ich im Anschluss Bauchschmerzen. Bei Kaffee hingegen ist Milch überhaupt kein Problem. Also ist es vielleicht auch nur Kopfsache? Fest stand auf jeden Fall, dass ich Fertigprodukte absolut nicht vertrug! Auch zu stark gewürztes Mittagessen nicht. Aber mein Gott, ich liebte es, wenn das Hähnchenfleisch richtig stark mit Pfeffer und Salz gewürzt wurde! Also verzichtete ich nicht darauf und ertrug die Bauchschmerzen.

Auf der Arbeit schob ich mir zwischendurch einen Happen von Nutella-Toast in den Mund oder naschte von einer Banane. Der Grund dafür war wieder mein Kopf. Wenn ich nicht etwa alle zwei Stunden eine Kleinigkeit zu mir nahm, signalisierte mein Magen „Merkwürdiges“, was in meinem Kopf wiederum als Übelkeit ankam. Eine sehr verzwickte Lage, sage ich euch!
Also mussten es kleine Snacks sein, die für den Moment den Magen beruhigten. Zusätzlich war meine Ernährung wieder ziemlich einseitig. Fünf Tage die Woche gab es jeden Nachmittag Nutella-Toast, was auf Dauer nicht wirklich gesund war. Immerhin war das Mittagessen relativ abwechslungsreich.
Was mich am Mittagessen allerdings störte, war, dass ich alleine aß. Das war manchmal sehr deprimierend. Zu gerne hätte ich jeden Tag mit Ean und Teddy Mittag- und Abendbrot zusammen gegessen. Aber dank meines Gehirns musste die Dreisamkeit leider aussetzen.

Gut, da musste ich auch irgendwie durch. Ich musste meinen Kopf wirklich dringend unter Kontrolle bekommen, weil es mir auf Dauer sonst wieder sehr schaden würde. Erinnert ihr euch an den Abend, an dem ich mich das erste Mal übergab und es im Anschluss mit meiner Gesundheit bergab ging? Meine damalige Ernährung war mit Sicherheit auch daran schuld.
Zum Frühstück gab es auf der Arbeit immer ein Brötchen oder eine Scheibe Brot mit Marmelade. Zum Mittag, als ich noch im Restaurant arbeitete, kochte ich mir meistens Reis mit Fleisch und ein wenig Gemüse, oft aber auch einfach nur Nudeln mit Weißweinsoße. Im Kinderparadies, wo ich danach arbeitete, gab es dann nur mitgebrachte Dosensuppe. Nachmittags ließ ich mir meistens heimlich ein Rumpsteak braten und naschte dies hinter den Kaffeemaschinen, zusammen mit Pommes, oder holte mir einfach nur Pommes ins Kinderparadies. Abends zuhause aß ich meistens noch eine Pizza oder eine Tütensuppe.

Also mal ehrlich, wenn ich das so aufschreibe, habe ich ganz schön viel gegessen. Davon träume ich heute nur! Aber ich konnte es mir leisten. Ich hielt immer stolz mein Gewicht, außer kurz vor Ende meiner „Karriere“. Da ging ich plötzlich auf wie ein Luftballon. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich deutlich weniger Bewegung hatte als einige Monate zuvor in meiner Ausbildung. Es könnte aber auch eine Nebenwirkung meiner Pille gewesen sein, die ich damals einnahm, um meine Periode nicht zu bekommen.
Ja, gesundheitlich betrachtet war es wirklich nicht schön. Aber ehrlich gesagt, Leute, es gibt Frauen, die ziemlich heftig unter ihrer Periode leiden, und ich war eine von ihnen. Irgendwann bot mir mein Frauenarzt eine Pille an, die die Periode dauerhaft ausbleiben ließ, und ich griff sofort zu. Oh Gott, wie geil war es, keine Blutungen mehr zu haben! Zwei Jahre lang nahm ich diese Pille ein, und ich würde sie nur zu gerne wieder nehmen. Aber ich konnte einfach nie sicher sein, dass all meine körperlichen Probleme nicht von der Pille herrührten, also entschied ich mich lieber dagegen, bevor ich dieses Drama erneut durchmachen musste.
Was ich nicht erwähnte, war, dass es nicht nur der Zwerchfellbruch und die restlichen „Kleinigkeiten“ waren. Meine Gelenke schwollen ständig an und wurden blau. Und glaubt mir, es tat höllisch weh!
Das erste Mal passierte es, als ich mich mitten in den schriftlichen Prüfungen meiner Ausbildung befand. Meine rechte Kniekehle schwoll ohne erkennbaren Grund an und schmerzte ständig. Es war wirklich kein günstiger Zeitpunkt, aber ich habe es überstanden.
Das andere Mal, saß ich bereits im angrenzenden Kinderparadies, wo ich nach meiner Ausbildung arbeitete. Plötzlich begann mein rechter Fuß zu schmerzen. Ich kann es euch nicht genau beschreiben, aber auch er pulsierte vor Schmerz. Im Laufe des Tages schwoll er immer weiter an, obwohl ich mich weder gestoßen noch meinen Fuß verdreht hatte. Den ganzen Tag über lächelte ich die Schmerzen weg. Ich erwähnte zwar oft, dass mein Fuß furchtbar schmerzte, aber ich lachte aus Scham. Ich wollte nicht, dass jemand sieht, wie schlecht es mir tatsächlich ging. So hatte ich es schon immer gemacht.
Für den Weg von der Bushaltestelle bis zur Haustür benötigte ich unglaubliche dreißig Minuten, obwohl es vielleicht nur vierzig Meter waren. Diese paar Meter waren die reinste Hölle für mich. Ich stützte mich ständig an den Büschen ab und unterdrückte die Tränen. Als ich schließlich in der Wohnung ankam, die ich mit meinem Ex-Freund Basti teilte, erzählte ich ihm von meinem anstrengenden Tag und zeigte ihm meinen Fuß. Er war mittlerweile auf die doppelte Größe angeschwollen und blau. Auch vor Basti traute ich mich nicht zu weinen, obwohl der Schmerz unerträglich war. Ich versuchte, mich mit World of Warcraft abzulenken, aber als das nicht half, fragte ich Basti voller Scham, ob er mit mir in die Klinik fahren würde. Leider lehnte er ab und meinte, ich solle mich nicht so anstellen, am nächsten Tag würde es besser aussehen. Schließlich war er gerade beim Zocken und hatte keine Zeit!

Kurz mal dazwischengeworfen: Grundsätzlich habe ich niemals vor irgendjemandem geweint. Es gibt wirklich nur absolute Ausnahmefälle, in denen ich vor jemandem in Tränen ausgebrochen bin. Dafür musste jedoch wirklich etwas sehr Schlimmes passieren.
Fragt mich nicht warum, aber ich denke, ich war einfach zu stolz dafür. Mein ganzes Leben lang musste ich immer stark sein und durfte kaum Gefühle zeigen. So habe ich also niemals vor anderen geweint und gezeigt, dass ich verletzlich war.
 

Liebe Leute, ich bewegte mich mit meinem Stuhl durch die Wohnung, anstatt zu laufen. Es war einfach nicht mehr möglich, und der Schmerz zog sich bis in die Hüfte.
Ich bat absolut hilflos um die Unterstützung meines Freundes und bekam sie nicht. Das war noch ein Grund, warum ich ungern um Hilfe bat. Selbst wenn die Situation ernst war, erhielt ich selten Unterstützung. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte weiterhin, den Schmerz wegzulächeln. Die Nacht war natürlich nicht gut verlaufen, und auch am nächsten Tag änderte sich der Zustand nicht. Da ich Basti irgendwie zustimmte, warum auch immer, schleppte ich mich zur Arbeit. Ich sollte mich wirklich nicht so anstellen, es war doch nur ein geschwollener Fuß!

Ich verhielt mich auf der Arbeit wie ein Krüppel. Alle starrten mich an und fragten, warum ich nicht zuhause blieb. Na ja, vielleicht aus Stolz? Ich ließ mich natürlich auch nicht nach Hause schicken. Ich wollte es durchziehen, egal wie schlimm der Schmerz war.
Nach ein paar Tagen, als es besser wurde, entschied ich mich dennoch, einen Arzt aufzusuchen. Ich zeigte ihm Fotos von meinem Fuß, wie er aussah. Letztendlich konnte er keine Ursache finden, weder beim Röntgen noch im Blut oder sonstwo. Er empfahl mir, Schmerzsalbe aufzutragen und den Fuß hochzulegen. Der Arztbesuch brachte also keine wirkliche Aufklärung. Na gut, an Ruhe hatte ich nicht wirklich gedacht, also machte ich weiter wie bisher. Das war selbstverständlich der falsche Weg!
Der eigentliche Grund, warum ich nach meinem Abschluss der Ausbildung nicht im Betrieb geblieben bin, war meine Gesundheit. Ich konnte kaum fünf Minuten an einer Stelle stehen, ohne danach höllische Rücken- und Nackenschmerzen zu bekommen, die wiederum zu Kopfschmerzen führten. Ich habe wirklich keine Ahnung, was das war. Vielleicht hatte ich mich über die drei Jahre der Ausbildung überarbeitet. Ich werde es nie erfahren…

Nun zurück zu meinem Magen und der Kopfsache.
Nach wenigen Monaten im neuen Job wog ich ungewollt 46 Kilo, aber irgendwie freute es mich. Ich bemühte mich wirklich, anständig zu essen, aber es war einfach nicht so leicht, wie man denkt. Es gab nur wenige Tage, an denen ich mich absolut fantastisch fühlte und aß wie ein Schwarzes Loch. Ich war einfach nicht satt zu kriegen! Aber schon am nächsten Tag bereute ich es. Nicht, weil es mir schlecht ging, sondern weil mein Bauch wieder an Volumen zunahm. Das störte mich ungemein! Ich wollte doch nur meinen flachen Bauch behalten.

Natürlich wusste ich, dass ich mit dieser Einstellung total falsch lag. Das hat einfach tiefere Hintergründe bei mir.
Es gab eine Zeit, in der ich aufgrund meines Gewichts gemobbt wurde. Als die Wii damals herauskam, stellte meine Mutter mich auf eine Waage, die mit der Wii verbunden war. Mit vierzehn Jahren wog ich schon 52 Kilo, was deutlich zu viel war. Falls ihr euch erinnert, ich bin auch nicht besonders groß. Schlimm war für mich, dass ich nicht nur in der Schule wegen meines Gewichts gemobbt wurde, sondern auch zuhause. Meine Brüder betitelten mich ständig als Pottwal, und auch meine Eltern machten Witze darüber, wie fett ich geworden war.

Klar, mit solchen Aussagen wollten sie eigentlich nur bewirken, dass ich mehr auf meine Ernährung achte und abnehme, aber stattdessen verletzten sie mich mehr, als sie beabsichtigt hatten. Kurz darauf hatte ich einen Pils im Hals und war nicht in der Lage, etwas zu essen. Ich hatte weder Hunger noch Appetit und aß manchmal tagelang nichts. Keine Ahnung, wie es dazu kam!
Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich rapide viele Kilos verlor. In kurzer Zeit nahm ich erheblich ab, und dann änderten sich die Spitznamen vom fetten Schwein zu magersüchtigem Möchtegern-Model. Es schien, als könnte ich es niemandem recht machen. Entweder war ich zu dünn oder zu dick. Egal, wie ich aussah, es schien nie korrekt zu sein.

Ich war wirklich nicht magersüchtig! Falls ihr euch erinnert, habe ich panische Angst vor dem Erbrechen. Warum sollte ich das also freiwillig tun?

Wie schon erwähnte… Es gibt viele Dinge, die mich schon in jungen Jahren geprägt haben.

Ich hatte nie wirklich enge Beziehungen zu meiner Familie. Natürlich war ich nicht ganz unschuldig an dieser Situation. Mein Charakter ist etwas einzigartig. Entweder kann man gut mit ihm umgehen, oder eben nicht.

Vor allem erinnere ich mich an die schwierigen Momente, als ich bei meinen Eltern lebte. Einiges davon habe ich bereits erzählt. Mein Weggang damals, mit Hilfe des Jugendamtes, war wie bereits betont, nicht die feine Art und Weise, aber er war dringend nötig.

Der Grund für meinen Auszug: Mit sechzehn begann ich meine Ausbildung zur Schuhverkäuferin. Im ersten Lehrjahr verdiente ich sechshundert Euro. Da meine Familie staatliche Unterstützung erhielt, wurde mein Gehalt angerechnet. Doch was meine Eltern gleich im ersten Monat taten, werde ich ihnen nie verzeihen. Sobald mein erstes Gehalt auf dem Konto war, ging mein Vater mit mir zur Bank. Ich sollte fünfhundert Euro abheben und an meine Eltern abgeben. Ich hatte dieses Geld nicht einmal in den Händen, weil mein Vater es direkt aus dem Geldautomaten nahm. Ehrlich gesagt, das tat ziemlich weh! Als Minderjährige arbeitete ich neununddreißig bis zweiundvierzig Stunden pro Woche, um am Ende nur hundert Euro für mich selbst zu haben. Und nicht einmal die hatte ich, da davon noch sechzig Euro für meine Fahrkarte abgingen, um von A nach B zu kommen. Also hatte ich gerade einmal vierzig Euro für mich. Warum zum Teufel hatte ich überhaupt diese Ausbildung begonnen? Ach ja! Statt die Chance zu nutzen, die ich bekam, weiter zur Schule zu gehen, wurde ich gedrängt, eine Ausbildung zu beginnen. Ein paar Tage später, als ich von der Arbeit nach Hause kam, jubelte meine Mutter lautstark und war total aufgeregt. Sie bekam endlich ihren „lang ersehnten“ neuen Fernseher. Und jetzt haltet euch fest, er kostete nur fünfhundert Euro! Die Aussage meiner Eltern lautete: „Wir haben ewig darauf gespart!“ Entschuldigung, LOL! Ja, anscheinend bedeutete „ewig gespart“ in diesem Fall nur einige Tage, bis das drittgeborene Kind endlich Geld verdiente. Habt ihr eine Vorstellung davon, wie veräppelt ich mich gefühlt habe? Natürlich konnte ich meine Wut nicht im Zaum halten und explodierte förmlich. Leider waren alle meine Versuche, eine ehrliche Antwort zu bekommen, erfolglos. Sie blieben bei ihrer Version der Geschichte. Zusätzlich behaupteten sie, dass der beste Freund meiner Mutter den Rest des Geldes beigesteuert hatte. Natürlich bestätigte er ihre Aussage. Bis heute glaube ich kein einziges Wort.

Übrigens finde ich es wirklich bedenklich, dass von einem eigenen Kind Geld verlangt wird, sobald es etwas verdient, nur weil es noch zu Hause wohnt, dort isst, Wasser und Strom verbraucht und dort schläft.

Noch mal erwähnt: Es ist MEINE Sicht der Wahrheit! Es kann immer durchaus sein, dass ich mich an falsche Details erinnere! Ich schreibe alles mit bestem Gewissen auf.

Ich kenne keine Familie, in der das so gehandhabt wurde. Keine! Die einzige Variante, die mir bekannt war: Es wird zwar Geld abgenommen, aber beiseite gelegt und gespart, zum Wohle des Kindes. Beim Auszug bekommt das Kind jeden Cent zurück und kann es zum Beispiel für eine Kaution einer Wohnung oder für einen Führerschein verwenden. Aber für das Einkassieren und Ausgeben habe, hatte und werde ich niemals Verständnis haben!

Einige Monate, bevor ich diese Ausbildung startete, ging ich Babysitten.
Ich lernte die Familie über ein Praktikum in einem Kindergarten kennen. Zehn Euro pro Stunde bekam ich, das war mehr, als ich mir je erhofft hatte. Zum zweiten Mal verdiente ich mein eigenes Geld. Vorher ging ich mit Hunden aus der Nachbarschaft spazieren, für zwei Euro pro Stunde. So etwas wie Taschengeld kannte ich nicht und bekam ich nie. Moment… Doch, so etwas Ähnliches kannte ich. Eine Zeit lang stellte meine Mutter einen wöchentlichen Arbeitsplan auf, mit verschiedenen Aufgaben, die den Haushalt betrafen. Um uns zu motivieren, davon freiwillig etwas zu machen, bekam man Geld für die jeweiligen Aufgaben. Zwischen zwanzig Cent und zwei Euro. Sprich: Eine Stunde mit dem großen Hund Gassi = zwei Euro.
Tja, nur hielt diese Methode nicht lange an, da es zu viele Streitereien darüber gab. Es wurde gelogen und betrogen, wer welche Aufgabe erledigte. Es ging ja schließlich um Geld, das jeder von uns haben wollte! Jedenfalls… Mit meinem stolz verdientem Geld ging ich regelmäßig shoppen. Es dauerte auch nicht lange, da kaufte die Familie, deren Kinder ich hütete, mir ein Smartphone, damit ich besser erreichbar war. Ich arbeitete es natürlich bei ihnen ab. Ich war unglaublich glücklich, dass ich so ein Handy besaß! Nach einer Weile behaupteten meine Eltern, ich sei geldgierig geworden und ich hätte mich sehr verändert. Na ja, geldgierig nicht, aber ich hatte mich eindeutig verändert. Ich kam endlich in den Genuss von Geld, wer verändert sich da nicht? Geld allein macht nicht glücklich? Oh doch! Weil man mit Geld viel mehr Möglichkeiten hat! Anscheinend wurde mir dieses wohlverdiente Geld absolut nicht gegönnt.
Ich konnte mir so viele Wünsche selbst erfüllen! Kleidung, die ich haben wollte, Süßigkeiten, Schmuck, das Handy, und so weiter. Ich ließ es verdammt noch mal krachen! Auch freundete ich mich immer mehr mit der besagten Familie an (nennen wir den Vater mal Noah und die Mutter Aria). Ich erzählte viel, wie es zuhause ablief. Was sie hörten, fanden sie ziemlich unschön. Kein Wunder, bei ihnen lief alles ganz anders! In meinen Augen, so viel besser und dort gab es unfassbar viel Liebe untereinander, was ich gar nicht kannte. Mit Ende sechzehn halfen sie mir, bei meinen Eltern auszuziehen. Nachdem es zuhause erneut eskalierte, mein Vater die Fenster und Türen abschloss und mein Handy verlangte, schlug er mir ins Gesicht. Das begehrte Handy rückte ich natürlich nicht heraus. Kurz danach sprach ich direkt mit Aria darüber und sie sagte zu mir, dass sie nur mein Einverständnis braucht, dann ruft sie sofort das Jugendamt, und die helfen mir dort herauszukommen. Natürlich sagte ich ja, und es war die beste Entscheidung meines Lebens! Selbstverständlich waren meine Eltern völlig überrascht, als das Jugendamt klingelte. Danach befand ich mich eine Weile in einem Heim. Laut meiner Mutter war es das schlimmste Heim in der ganzen Stadt. Ach, so schlimm fand ich es gar nicht. Ich lernte viele nette Mädels kennen, und die Betreuer waren auch super. Die Zimmergenossin, die ich hatte, war viel jünger als ich und wohnte nur dort, bis ihr Vater eine Wohnung fand, die den Auflagen des Jugendamts entsprach. Sie besaß deutlich weniger als ich, also schenkte ich ihr vor meinem Auszug über die Hälfte meiner Kleidung. Ich hatte sie wirklich lieb. Sie war so unschuldig und hatte eine solche Situation nicht verdient. Ich hatte zwar auch nicht viel, aber deutlich mehr als sie. Noah und Aria sorgten dafür, dass ich bei ihnen wohnen konnte, bis ich volljährig war. Keine Ahnung, wie sie das anstellten.

Und mein Gott, Leute! Noch nie habe ich mich irgendwo so willkommen gefühlt wie in dieser Familie. Ich fühlte mich so gut, wie noch nie zuvor. Endlich konnte ich diesem Käfig entkommen und aufblühen. Sie ließen mir unglaublich viele Freiheiten, die ich gar nicht kannte. Im Anschluss rastete ich praktisch aus, mit so viel Rücksicht, wie ich in meinen Gefühlsausbrüchen geben konnte. Ich ging endlich auf Partys, hörte meine Lieblingsmusik in voller Lautstärke, ging viel mit Freunden aus, und ich durfte sie sogar einladen, ohne dass sie verurteilt wurden! Und wisst ihr was? Noah und Aria fanden meinen Musikgeschmack faszinierend! Und meine Hobbys ebenfalls! Noch nie hatte sich jemand für diese Dinge interessiert. Im besten Fall waren es Freunde, die ich durch diese Musik oder Hobbys kennengelernt hatte. Es war einfach Neuland für mich, dass man sich für so etwas interessierte. Mit Freude erzählte ich ihnen von meiner Lieblingsmusik, die in Deutschland gerade erst in den Startlöchern stand: Koreanische Popmusik. Ich liebte sie! Ich liebte sie so sehr! Natürlich hatte ich auch meine Lieblingsbands und Sänger. Ich nahm sogar an einem Dance Cover Contest in Köln teil! Nie hätte ich eine solche Chance für möglich gehalten. Bei meinen Eltern wurde ich immer für alles verurteilt. Und natürlich durfte ich niemals wegfahren, um an so etwas teilzunehmen.
Ich liebte und lebte diese Musik! Dann ließ ich mich von anderen beeinflussen, dass sie nur für kleine Kinder sei, und hielt mich so weit es ging davon fern. Aus Scham.

Aria und Noah gaben mir neue Möglichkeiten. Auch sie nahmen einen Teil meines Geldes von mir. Aber nicht, um es auszugeben, denn sie hatten selbst genug. Nein, sie sparten es für mich! Sie sparten es für mich, weil ich dazu nicht in der Lage war. Ich hatte nie gelernt, etwas Geld zu sparen. Dabei hätten meine Eltern Vorbilder sein sollen und mir zeigen sollen, wie man mit Geld umgeht. Da ich meinen Lohn komplett für mich zur Verfügung hatte, gab ich ihn auch aus, ohne darüber nachzudenken. Ich würde sagen, das meiste Geld ging für Redbull drauf. Natürlich auch für die Partys jeden Samstag und den dazugehörigen Alkohol. Und auch fürs Shopping. Aber wie gesagt, ich glaube, am meisten habe ich für die Energydrinks ausgegeben!
Eine Weile lang trank ich täglich fünf bis sieben 0,5-Liter-Dosen Redbull. Irgendwann war es natürlich zu viel für meinen Körper. Mitten auf der Arbeit wurde mir plötzlich sehr schwindelig und übel. Ich wurde kreidebleich und hatte unglaubliches Herzrasen. Von diesem Moment an habe ich viele Jahre lang Abstand von Energydrinks gehalten.

An dieser Stelle muss ich dieser Familie meine unendliche Dankbarkeit ausdrücken! Ich danke euch von Herzen, dass ihr mich aufgenommen habt, als wäre ich euer viertes Kind. Denn genau so habe ich mich gefühlt!
Halleluja, Leute! Aria fuhr mit mir zu Ikea, um Möbel für mein Zimmer zu kaufen. Alter… Ich hatte noch nie ein eigenes Zimmer! Ich durfte mir aussuchen, was immer ich wollte! Verfluchte Scheiße, so etwas kannte ich nicht! Ich nahm mich ultra zurück, weil ich sie beim besten Willen nicht ärmer machen wollte. Ich konnte einfach nicht mit dem Gewissen leben, dass sie Geld für mich ausgaben. Sie hatten schon so viel für mich getan, das brachte ich nicht übers Herz.

Am meisten erstaunte mich Arias Frage: „Bist du Bauchschläfer? Rückenschläfer? Es gibt dafür verschiedene Kissen, welches willst du?“. Habt ihr eine Ahnung, wie sehr ich mich zusammenreißen musste, um nicht vor Freude zu heulen? Ich hatte keinerlei Ansprüche, weil ich all das gar nicht kannte! Alter! Ich dachte, ich höre nicht richtig, dass es Kissen für verschiedene Liegepositionen gab! Bei meinen Eltern bekam ich das, was gerade zu finden war, und musste mich damit zufriedengeben. Allein, dass ich bei ihnen ein eigenes Zimmer bekam, war für mich schon unvorstellbar schön!

Möge Gott diese Familie immer schützen! Sollen sie alle stets gesund und glücklich sein, und mögen all ihre Wünsche in Erfüllung gehen!! Ich werde sie und ihre Taten niemals vergessen! Ich denke noch heute oft an sie.
Mehr kann, darf und werde ich euch zu dieser Familie nichts sagen. Das habe ich damals versprochen!

Wie gesagt, es gab nicht nur schlechte Momente in meiner Familie. Es gab durchaus viele Kleinigkeiten, für die ich dankbar bin und an die ich mich gerne erinnere.

Kennt ihr die „Ahoi Brause“-Bonbons? Die sehen aus wie PEZ, nur größer? Es gab drei Sorten pro Packung: Zitrone, Cola und Himbeere. Papa und ich mochten Himbeere am liebsten, und er teilte sie immer mit mir. Das war schön!

Oder auch, wenn Papa nachts noch Hefezopf aß und ich nicht schlafen konnte. Ich schlich zu ihm und bekam immer eine Scheibe davon ab. Zwar hätte ich gerne noch Nutella darauf gehabt, aber das durfte ich nicht, verständlicherweise! Dennoch, danke!

Oder auch, wenn meine großen Brüder über dem Eimer hingen. Ich konnte ihre Geräusche und den Geruch von Erbrochenem einfach nicht ertragen. Ich bekam tierische Angst und konnte kein Auge zudrücken. Also schlich ich in Papas Zimmer und legte mich vor sein Bett auf den Boden, um dort zu schlafen. Eigentlich erlaubte er es nicht, weil er seine Ruhe haben wollte. Dennoch tat ich es, weil ich Schutz benötigte. Ich fühlte mich deutlich sicherer, wenn Papa bei mir war. Auch wenn ich mich selbst übergab, sollte Papa immer an meiner Seite sein. So war es für mich nur halb so schlimm! Mein Papa war oft genug für mich da, wenn es mir schlecht ging, auch wenn er noch so genervt war.

Zu meiner Mama kann ich derzeit noch nicht viel sagen, weil mir einfach nichts einfällt. Vielleicht später.

Ich weiß, alles, was meine Eltern getan haben, haben sie mit bestem Gewissen und aus gutem Grund getan. Dennoch hätte vieles anders laufen sollen und auch können.
Immer wieder bemerke ich Situationen, die ich als Kind hatte und bei meinem Sohn sah. Es gibt immer wieder Augenblicke, die mich stark an damals erinnern. Doch ich versuche alles anders zu machen und immer zu berücksichtigen, wie Teddy sich fühlt – so wie ich mich damals gefühlt habe. Ich lerne also quasi aus den Fehlern meiner Eltern.

Ich könnte, möchte aber gar nicht alles absolut schlechtreden, was damals geschehen ist. Wie gesagt, es gab mit Sicherheit Gründe! Gründe, die ich damals und vielleicht auch heute nicht ganz nachvollziehen kann. Aber auch das könnte sich in der Zukunft ändern.

Immer, wenn mich jemand nach meiner Familie gefragt hat, habe ich geantwortet, dass ich keinen besonders guten Kontakt zu meiner Familie pflege. Ich bemühe mich wirklich, nicht dauerhaft schlecht über sie zu sprechen, doch einiges hat mich einfach zu sehr getriggert.
Ich hätte mir sehr gewünscht, dass sie uns einmal besuchen kommen. Mittlerweile wohnte ich seit vier Jahren über dreihundert Kilometer entfernt, und bisher hat keine Seite es für nötig gehalten, die andere zu besuchen. Die Eltern meiner Mutter fuhren mehrmals im Jahr direkt an uns vorbei, auf dem Weg nach Spanien zu ihrem Haus. Doch auch sie sind nie für ein paar Minuten vorbeigekommen, um uns zu sehen.
War ich denn niemandem wichtig genug? Vielleicht hatte ich es ja verdient… Doch insgeheim wünschte ich mir sehnlichst, einmal besucht zu werden und zu zeigen, welches schöne Leben ich eigentlich führe. So vieles hat sich verändert, was ich gerne gezeigt hätte. Tatsächlich haben wir nicht allzu oft miteinander telefoniert, meistens rief ich an. Nur selten erhielt ich Anrufe von ihrer Seite aus.

Es gab immer wieder Tage, an denen mich all das sehr belastete, vor allem an Feiertagen, wie bereits erwähnt. Manchmal träumte ich auch schlechte Dinge über sie.

27.07.2022
Ich war am Arbeiten im amerikanischen Laden, als mein ältester Bruder zu Besuch kam. Plötzlich fing er an zu schreien, dass es hier keine vernünftigen Mitarbeiter gäbe, und es eskalierte förmlich. Er beleidigte mich und beschwerte sich lautstark bei meinem Chef. Er war doch mein Bruder, warum benahm er sich so? Auf die Bitte, sich zu beruhigen, reagierte er nicht. Er bestritt sogar, mit mir verwandt zu sein. Das verletzte mich tief, und hilflos begann ich zu weinen.

Doch irgendwie spürte ich eine vertraute Wärme neben mir. Es kam mir vor, als ob Henry neben mir stand, ich konnte ihn jedoch nicht sehen. Ich hatte wirklich das Gefühl, als wäre er bei mir, und das gab mir ein wenig Kraft, dieses merkwürdige Drama zu überstehen.

Ganz ehrlich, genau so hätte dieser Traum ablaufen können. Mit meinem ältesten Bruder habe ich mich noch nie verstanden. Er ähnelte meiner Mutter wirklich sehr, was das Liebhaben erschwerte.

Aber dieser Traum zeigte mir einmal mehr, dass ich nicht alleine war und immer eine Stütze hatte, wenn ich sie benötigte – Henry. Seit über einem Jahr begleitete er mich durch schwierige Zeiten, und dafür war ich sehr dankbar. Es gab viele Träume, in denen ich ihn nicht sah, aber seine Anwesenheit spürte. Es war dieses unbeschreibliche Gefühl der Liebe und Wärme, das er mir gab. Dieses Gefühl war absolut unverwechselbar. Er stärkte mir einfach den Rücken.

Ich weiß, dass viele mich für sehr verrückt halten… Aber ich kann meine Träume und Gefühle nicht beeinflussen, egal wie sehr ich es auch versuche. Eigentlich wollte ich es auch gar nicht. Wie gesagt, ich lebte eigentlich nur noch, weil ich von ihm so schön träumte. Also warum sollte ich diese Träume und Gefühle aufgeben?

Ich versuchte nach wie vor immer daran zu denken, wie schön die Träume mit ihm waren. Sie gaben mir einfach Kraft. Eine ganze Weile lang überlegte ich, welchen Gegenstand ich mir zulegen könnte, damit Henry in gewisser Weise immer präsent war und nicht nur in meiner Fantasie existierte. Ein Shirt wäre zu auffällig und würde Ean so gar nicht gefallen. Außerdem könnte ich es schlecht jeden Tag tragen. Ein Tattoo wäre zu drastisch, selbst für mich. Eine Kette mit seinem Anfangsbuchstaben vielleicht? Hmmm… Ich habe tagelang wild im Internet gesucht, um etwas Passendes zu finden. Doch sein Buchstabe wäre vielleicht ein wenig zu deutlich und offensichtlich für Ean. Ich wollte ihn damit einfach nicht verletzen!
Vielleicht ein Armband mit einer Gravur? Hmm…
Irgendwann fand ich eine Kette mit einem versteckten Foto, so ein ganz kleiner Anhänger. Wenn man hindurchsah, konnte man das ausgewählte Foto erkennen. Das wäre eine Idee. Aber war es nicht doch ein wenig übertrieben? Klar, ich wollte ihn immer bei mir tragen, aber eine Kette mit seinem Foto darin wäre vielleicht zu viel des Guten…

So vergaß ich also die Idee, denn damit wäre ich einfach zu weit gegangen. Doch es dauerte nicht lange, da träumte ich von genau einer solchen Kette.

03.07.2022
Ich war auf der Arbeit im amerikanischen Laden und beriet gerade eine ältere Dame. Nach der Beratung und etwas Smalltalk über meinen Wunsch, mir die Kette mit einem Foto von Henry zu bestellen, sah sie verwundert auf meine Brust. Dort hing bereits die Kette. Ich nahm sie ab und gab sie ihr in die Hand. Sie sah durch die Fotoprojektion und machte große Augen. Im Anschluss bekam ich die Kette zurück, und sie fragte mich, wer der sehr attraktive Mann darauf sei.

Mit brennenden Ohren und Wangen antwortete ich lächelnd, dass dieser Mann der Mann meines Herzens ist und immer sein wird. Sie lächelte und sagte, was für ein Glück ich habe.

Hmmm… War dies jetzt wirklich nur ein Wunschtraum? Es könnte ein kleines Omen gewesen sein, dass ich es wagen sollte, mir diese Kette zu bestellen. Doch irgendwie traute ich mich einfach nicht. Ganz günstig war sie auch nicht, und ich musste gut auf mein Geld achten. Geld verschwand schneller, als man gucken konnte!

07.07.2022
Nach langem Hin und Her bestellte ich endlich die besagte Kette. Ich war mehr als aufgeregt. Auf der einen Seite war es ein Wunsch von mir, etwas Gutes für meine Seele und mein Herz zu tun. Auf der anderen Seite war es vermutlich ein Fehler. Zum einen, weil sie recht teuer war, und zum anderen, weil ich vielleicht den Vater von Teddy damit verletzen würde, sofern er erfahren würde, dass dort ein Foto von Henry drinsteckte.

Irgendwie ließ mich der Gedanke an diese Kette einfach nicht mehr los. Natürlich sah ich auch entsprechend viele Werbeanzeigen auf meinem Handy für allerlei Arten von Ketten oder Armbändern mit verstecktem Foto. Aber mein Gott… So verrückt war ich doch nicht, diese Kette zu bestellen!

Vor Kurzem schrieb mir eine unbekannte Frau via Instagram. Angeblich schrieb sie verschiedene Fans von Henry an, die ausgewählt wurden, um mit ihm in Kontakt zu treten, und ich sei eine davon. Natürlich wusste ich sofort, dass es absoluter Betrug war. Allein der Satz „Weil du seine Bilder und Videos immer kommentierst und supportest“. Ich habe noch nie auch nur ein einziges Kommentar unter irgendeinem Beitrag geschrieben! Aber ich wollte mir diesen Spaß nicht entgehen lassen und gleichzeitig lernte ich dabei ein wenig, wie man sich auf Englisch unterhält. Es gibt verschiedene Slangs, die ich gerne mal lernen wollte. So gab sie mir also die WhatsApp-Handynummer von „Henry“, und ich schrieb mit ihm. Letztendlich sollte ich Geld für eine Karte bezahlen, mit der ich das Recht erhalten würde, jederzeit mit Henry in Kontakt zu treten. Ja, ne, ist klar! Somit beendete ich natürlich die Gespräche.

Insgeheim war es aber ein sehnlicher Wunsch von mir, dass er doch der echte Henry wäre. Allein die Vorstellung, dass ich tatsächlich mit dem realen Henry schreiben würde! Mein Gott!

10.07.2022
Ich träumte von dem „Henry“, mit dem ich zwischendurch bei WhatsApp schrieb. Ich wusste, er war ein Fake, aber irgendetwas ließ mich daran glauben, er sei echt. Plötzlich schrieb er mit mir über meinen Brief. Zu Beginn unseres Gesprächs tat er so, als ob er den Brief nicht kannte, geschweige denn je erhalten hätte. Doch nun erinnerte er sich und sprach mich darauf an. Mein Herz pochte bis zum Anschlag. Mir wurde schlecht, ich bekam regelrechte Schweißausbrüche, und ich grinste breit, obwohl ich eigentlich eher Angst vor seiner Reaktion hatte.

Der Traum hatte einen Funken Wahrheit. Ähnlich würde es mir gehen, wenn er tatsächlich meinen Brief gelesen hätte und mich kontaktierte. Eine Welle der Angst würde mich überkommen, aber gleichzeitig würde ich mich extrem freuen und aufgeregt sein. Wer weiß, vielleicht würde es irgendwann mal zu diesem Moment kommen, dann würde ich erfahren, wie ich reagieren würde.

21.07.2022
Ich war mit einer Gruppe von Flüchtlingen unterwegs, nicht die üblichen „Flüchtlinge“, wie man sie kennt. Wir waren eher eine Art Assassinen oder Ninjas, die anderen in Not halfen. Wir hatten ein großes Lager eine Weile beobachtet und planten, wie wir die gefangenen Menschen befreien könnten. Schließlich kam der Tag der Befreiung. Wir waren so leise, als wären wir eine Truppe Ameisen. Niemand sah oder hörte uns. In kürzester Zeit waren die Gefangenen befreit, und wir führten sie aus dem Lager. Jeder von unserer Gruppe bekam einige Gefangene zugeteilt, damit wir nicht alle zusammen durch die Gänge schleichen mussten.

Im nächsten Moment sprang ich wie ein Ninja über Mauern, kletterte wie eine Katze und saß wie Spiderman auf einer Anhöhe, beobachtete, wie jeder seinen Job erledigte. Alles lief wie am Schnürchen. Abends waren wir in unserem Lager angekommen und feierten, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. Alle jubelten und freuten sich, in Sicherheit zu sein. Es sah aus wie in einem Club, mit lauter Musik, bunten Laserlichtern und Flackerlichtern sowie einer Bar am Rande des Geschehens. Dort befand ich mich, schlürfte Alkohol und beobachtete alles.

Irgendwann sah ich Henry auf der Tanzfläche. Sofort eilte ich zu ihm und tanzte mit. Er war der Anführer unserer Organisation.

Es gab durchaus verrückte Träume, das war einer der wenigen. Keine Ahnung, warum ich so einen Unsinn träumte. Aber ganz ehrlich, dieser Traum war echt cool! Und mit Sicherheit hatte er auch eine Bedeutung.

29.07.2022
Alle waren in Aufruhr. Ich war schwanger, und die Wehen setzten noch früher ein als bei Teddy. Der Vater von Teddy stand neben mir, und meine Mutter war ebenfalls anwesend. In diesem Fall war meine Mutter die Hebamme und gab die Anweisungen, wann ich pressen sollte.

Nach endlosem Schmerz kam das Kind endlich auf die Welt, und meine Mutter nahm es mit, um die erste Untersuchung durchzuführen. Ean tätowierte sich voller Stolz den Namen des Mädchens. Ja, das lang ersehnte Mädchen. Aber warum tätowierte er sich den Namen? Es war doch gar nicht sein Kind!

Ich verstand die Welt nicht mehr und wusste nicht, was ich tun sollte. Ean war nicht der Vater des Babys, aber er wollte es nicht wahrhaben. Es war Henry’s Baby und von niemand anderem. Ich wusste es, ich fühlte es, man sah es, doch laut aussprechen konnte ich es nicht erneut. Die Angst vor der Reaktion, wenn er es einsehen würde, hielt mich davon ab.

Ehrlicherweise wünschte ich mir wirklich sehr ein zweites Kind, sehr gerne ein Mädchen. Aber ich schwor mir selbst, dass ich erst wieder von einem Mann schwanger werden wollte, wenn ich genauso für ihn empfand wie für Henry. Das war doch machbar, oder? Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht in vier Jahren, vielleicht auch nicht in zehn Jahren. Aber auch für mich gab es auf diesem Planeten irgendwo einen Mann, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen würde. Vielleicht war ich ihm sogar schon begegnet, aber nahm ihn nur nicht wahr!

Irgendwie wusste ich bereits, dass ich irgendwann noch ein Kind bekommen würde, sei es durch Geburt oder Adoption. Ich würde definitiv noch eins bekommen.

01.08.2022
Es schien, als wäre ich einige Jahre verschwunden. Nicht geflohen oder untergetaucht, sondern einfach verschwunden. Für mich selbst war keine Zeit vergangen, aber für die Welt schon. Es fühlte sich an wie in der Serie „Manifest“. Ich hatte eine Art Zeitreise gemacht, doch davon spürte ich nichts.
Ich stand auf einem großen Platz am Flughafen und wartete dort mit meinem Koffer darauf, dass Henry mich abholen würde. Die Polizei hatte mir gesagt, dass sie ihn kontaktiert hatten, um ihm die Neuigkeiten mitzuteilen, dass ich wieder da war.
Irgendwie war ich nervös. Langsam wurde mir bewusst, dass sich die Welt weitergedreht hatte, aber ohne mich. Das bedeutete, dass Henry möglicherweise eine neue Frau an seiner Seite hatte. Das machte mir Angst, große Angst. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
Eine Weile später sah ich ihn. Er stürmte durch die Menschenmasse und suchte aufgeregt nach mir. Ich rief seinen Namen laut, damit er zu mir kam. Er hörte mich, konnte mich aber nicht sehen. Die Menschen um mich herum waren alle deutlich größer, und mit meinen paar Zentimetern hatte ich keine Chance.
Plötzlich entdeckte er mich. Wir rannten aufeinander zu. Kurz bevor wir uns trafen, hielt ich inne und fragte mich, ob ich jetzt einfach weitergehen durfte. Immerhin war ich einige Jahre lang verschwunden, und er hätte inzwischen eine andere Frau haben können.
Meine Gedanken wurden unterbrochen, als er mich unter der Hüfte packte, hochhob und seine Lippen auf meine presste. Okay, die Frage war geklärt. Er hatte keine andere Frau. Überglücklich erwiderte ich den Kuss und umschloss ihn so fest, wie ich konnte.

Okay, ich habe definitiv zu viel „Manifest“ gesehen, obwohl ich die Serie schon eine Weile nicht mehr auf Netflix eingeschaltet habe. Irgendwie war die Serie ziemlich cool. Man muss erst einmal auf so eine Idee kommen! Aber irgendwann wurde mir alles zu abgedreht, weshalb ich eine Pause gemacht habe. Außerdem konnte ich diesen einen Schauspieler nicht wirklich ernst nehmen. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, musste ich an die Serie „Once Upon a Time“ denken, die ich früher auf Amazon Prime gesehen habe und die ich recht niedlich fand. Es war eine andere Art von Märchen. Ich konnte sie jedoch nie zu Ende schauen, da sie plötzlich nur noch zum Kauf verfügbar war. Verdammte Onlinedienste! Ha ha.

Am 04.08.2022 geschah etwas, was ich niemals für möglich gehalten hätte. Ich bekam spontanen und sehr überraschenden Besuch meiner Eltern!
Ich saß gerade am Brief für Henry, den ich zum hundertsten Mal neu schrieb, und hörte laut Musik, so wie ich es immer tat, wenn das Kind in der Kita war. Da rief meine Mutter mich über Videotelefonie über WhatsApp an und fragte scheinheilig nach meiner Adresse. Im Hintergrund erkannte ich sofort unsere gelben „Asi“-Gebäude. Plötzlich war ich auf einer Achterbahnfahrt voller Glücksgefühle und Positivität. Dabei wollte ich doch gar nicht glücklich über so einen Besuch sein! Eigentlich verachtete ich sie doch! Verdammt, was sollte ich tun?!

Meine erste Reaktion war, meinen Brief an Henry sofort zu verstecken. Gott, ich wurde plötzlich so nervös! Danach rannte ich raus, umarmte beide fest und kam aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Ich sendete sofort Beweisfotos an meine beiden besten Freunde, Nicki und Coby. Coby erwischte mich, dass meine Freude definitiv nicht gespielt war, und hielt es mir entsprechend vor. Oft genug kannte Coby mich besser, als ich mich selbst!

Ich bot meinen Eltern an, Teddy schon aus der Kita abzuholen, damit wir ein wenig Zeit miteinander verbringen konnten, da ich am Nachmittag wieder zur Arbeit musste.
Auch ohne ihr Ja hätte ich Teddy abgeholt. Zum einen, damit es keine unangenehme Stille gab, weil keiner so genau wusste, wie man mit dem anderen umgehen sollte. Zum anderen wollte ich, dass sie sehen, was für ein unglaublich tolles Kind ich hatte.
Wir haben nicht besonders viel miteinander gesprochen. Meistens ging es eher um Teddy, und er unterhielt uns gut. Meine Eltern gingen zwischendurch schnell duschen. Sie haben mich beide gelobt, aber nur wenn der andere Elternteil nicht da war. Sie fanden es toll, wie sauber meine Wohnung war und dass ich alles sehr gut im Griff hatte. Das hätten sie nicht erwartet. Wisst ihr, wie stolz mich diese Komplimente gemacht haben? Auch wenn sie es vor dem anderen nicht ausgesprochen haben, tat es meiner Seele gut. Endlich hatte ich in ihren Augen etwas richtig gemacht! So etwas hatte ich noch nie gehört. Das war das erste und wahrscheinlich auch das letzte Mal.

Als Ean nach Hause kam, haben wir einen fliegenden Wechsel gemacht. Normalerweise hat er mich zur Arbeit gefahren, aber dieses Mal haben meine Eltern übernommen.
Vor dem Laden haben wir noch eine Weile geplaudert, da ich viel zu früh dran war. Gerne hätte ich mehr Zeit mit ihnen verbracht, aber ich musste arbeiten. Beide haben betont, dass mir meine Arbeitskleidung gut stand und dass sie froh waren, dass ich so glücklich in diesem Job war. Man konnte es mir deutlich ansehen. Natürlich hätte ich sie gerne in den Laden geführt und ihnen die großartige Ware gezeigt. Ich hätte genug Zeit dafür gehabt, da es mitten im Hochsommer war und bei so schönem Wetter ohnehin kaum Kunden kamen.
Leider ist nur mein Vater kurz hereingekommen, und ich habe ihm alles gezeigt. Ich hätte ihm gerne einige Produkte gekauft, da ich wusste, dass er sie lieben würde. Aber ich durfte mich selbst nicht an der Kasse bedienen, und ihn einzuladen, hätte er niemals zugelassen.
Es hat mich wirklich enttäuscht, dass meine Mutter nicht kurz hereingekommen ist. Das hat mir das Gefühl gegeben, dass ich ihr nach wie vor nicht wichtig genug war.

Danach haben sie ein wenig meine kleine Stadt erkundet. Meine Stadt war nicht einmal so groß wie ein Stadtteil in ihrer Stadt. Daher gab es auch nicht viel zu sehen. Sie haben eine Weile im angenehm kühlen Burger King gesessen.

Abends haben sie mich auch wieder nach Hause gebracht, und wir haben noch eine Weile geplaudert.
Ich ging vorher mit meiner Mutter noch schnell zum Supermarkt nebenan. An der Kasse drückte sie mir dann einen Geldschein in die Hand. Das Geld war für Teddy. Sie hatten es nicht geschafft, noch eine Kleinigkeit für ihn zu besorgen, also gab sie mir einfach Geld, und damit konnte ich etwas für ihn kaufen. Das fand ich natürlich nicht wirklich toll. Wenn mir jemand Geld schenkte, kam es mir immer wie Almosen vor, und ich nahm keine Almosen an. Aber hätte ich dieses Geld abgelehnt, hätte sie sich schlecht gefühlt. Also eine kleine Zwickmühle… Andererseits konnte man immer Geld gebrauchen…
Da der Besuch so spontan war, hatten wir nicht wirklich viel Zeit miteinander. Wenn ich früher gewusst hätte, dass sie kommen würden, hätte ich mir frei nehmen können.

Sie waren nur auf der Durchreise, da sie weiter in die Berge wollten, um ein wenig zu wandern und ihren Urlaub voll auszukosten. Das war völlig in Ordnung! Ich wollte sie auch nicht zu lange bei mir haben. Der normale Alltag wurde durch diesen Besuch unterbrochen, und daher ging das Kind viel zu spät schlafen. Alles war ziemlich aufregend.

Fazit: Es war wirklich schön, deutlich schöner, als erwartet. Aber höchstwahrscheinlich war es das letzte Mal. Ich sollte nicht davon ausgehen, dass ich ihnen wirklich wichtig war, dass sie so etwas noch einmal tun würden.
Das war meine Meinung im Jahr 2022!

Als sie wieder gefahren sind, habe ich mich erneut in meinen Tagträumen verloren. Das war ein automatischer Schutzmechanismus, um zu verbergen, wie traurig ich war, dass sie so schnell wieder weg waren.

Wisst ihr eigentlich, wie oft ich nach einem Traum auf Instagram Fotos gesehen habe, auf denen Henry genau das gleiche getragen hat wie im vorherigen Traum? Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet dann solche Fotos gesehen habe, aber irgendwie glaubte ich nicht, dass es Zufälle waren. Andererseits könnte in meinem Handy und meinem Gehirn auch irgendein Chip installiert sein, der dafür sorgt, dass ich meine Gedanken sofort ins Handy übertrage und sie mir anzeigt. Aber das sind alles nur Vermutungen!

14.08.2022
Es liefen die Vorbereitungen für Halloween. Mit meinem Chef zusammen dekorierten wir einen großen Raum, wo die Party stattfinden sollte. Irgendwann trugen wir alle Masken, als wären wir auf einem Maskenball.
Henry betrat den Raum. Er trug ein Kostüm wie aus dem Film Enola Holmes: einen langen schwarzen Mantel, darunter ein weißes Hemd, eine schwarze Anzugshose und Lackleder-Schuhe. Sein Kopf war umhüllt von seiner dunkelbraunen Lockenpracht.
Mit ihm hatte ich am wenigsten gerechnet! Ich rannte auf ihn zu, warf mich um seinen Hals und küsste ihn. Er kam etwas überrascht rüber, also ließ ich von ihm ab und sah ihn unsicher an. Dann verstand er, dass ich es war, und küsste mich zurück. Mein Herz sprang vor Freude beinahe aus der Brust.
Im nächsten Moment war ich in einem anderen Raum, ohne jegliche Halloween-Dekoration oder Partygäste. Stattdessen saßen dort verteilt kleine Gruppen von Menschen, die mit einer Behinderung lebten. Der eine saß im Rollstuhl, der andere hielt einen Blindenstock in der Hand, dem nächsten fehlte der linke Arm. Der Anblick war wirklich traurig. Ich sah mich um und bekam einen Atemaussetzer. Henry saß unter ihnen, frisch operiert. Tränen schossen mir in die Augen, und es fühlte sich an, als hätte ich eine Melone im Hals stecken. Ich lief auf ihn zu und fiel auf die Knie. Er nahm mein Gesicht in seine Hände und sagte lächelnd: „Es ist nicht so schlimm. Es ist okay.“ Ich glaubte ihm kein Wort. Wie konnte er es positiv sehen, dass seine Beine amputiert wurden und er nie wieder laufen konnte, außer er bekam Prothesen?! Um Gottes Willen, ich würde trotzdem jede einzelne Minute mit ihm verbringen wollen. Doch wäre ich an seiner Stelle, wäre ich wütender denn je, weil ich auf die Hilfe anderer angewiesen wäre. Und das war eines der schlimmsten Dinge für mich. Stopp! Er hatte recht… Wütend zu sein brachte gar nichts. Nun war es so, und er musste das Beste daraus machen. Dann lag er auf einem sehr großen Sofa. Ich lag mit meinem Kopf auf seinem Schoß und konnte nicht aufhören zu weinen. Es tat mir furchtbar weh, ihn leiden zu sehen. Auch wenn er es versteckte, so gut er konnte, wusste ich, wie er sich wirklich fühlte. Er legte seine Hand auf meinen Kopf, und ich presste mich noch stärker in seinen Schoß.

Das war einer der schlimmsten Träume überhaupt für mich. Als ich aufwachte, fühlte ich mich furchtbar. Ich hatte Angst, war traurig und gleichzeitig völlig verwirrt. Ehrlich gesagt, keine Ahnung, wie ich so etwas träumen konnte. Und ich konnte auch keinerlei Bedeutung daraus ziehen.

Ich wusste nur, sollte jemals ein solcher Fall eintreten, würde ich an seiner Seite bleiben, egal wie schwer die Zeiten würden.

 

 

–  Änderungen vorbehalten