Endlich war es so weit. Der 25. September 2021.
Der Tag, auf den ich mich wochenlang freute und den ich von morgens bis abends in meinem Kopf komplett durchgeplant hatte.
Nach dem Aufstehen, wie immer, saß ich auf dem Balkon, rauchte und trank meinen Kaffee, während ich meinen Plan zum hundertsten Mal im Kopf durchging.

Um die Mittagszeit wollte ich zur Arbeit fahren, denn es war schon wieder Samstag, und Samstag bedeutete, dass ich putzen gehen musste. Anschließend wollte ich mit meiner kleinen Familie zu Mittag essen, spazieren gehen und pünktlich um sechs Uhr abends vor dem Fernseher sitzen und sehnsüchtig auf Henry’s Auftritt warten. Ja, auf ihn. Denn dort würde er die zweite Staffel von the Witcher vorstellen.
Der Plan klang total easy, oder?

Bevor ich zur Arbeit fuhr, musste ich noch einen Abstecher zur Post machen. Währenddessen rief Olaf (nennen wir ihn mal so), der Vater von Ean, an. Vor einigen Tagen hatten er und seine Ehefrau Yade (nennen wir sie mal so) ein Laufrad für unseren Sohn Teddy besorgt, das er gerne spontan vorbeibringen wollte. Das war selbstverständlich kein Problem, er war immer herzlich willkommen bei uns.

Während Ean, Teddy und Olaf im Wohnzimmer saßen und sich unterhielten, machte ich mich für die Arbeit fertig und stylte meine Haare.

Vor beinahe einem Jahr hatte ich mich in keiner Weise zurechtgemacht. Weder trug ich Schminke, noch stylte ich meine Haare. Ich sah keinen Sinn darin. Für wen sollte ich mich schön machen? Für die Kassiererin im Supermarkt? Ich dachte, niemand würde mich attraktiv finden.

Doch nun pflegte ich ständig meine langen, gesunden Haare und schminkte mich regelmäßig. Ich habe nie viel Schminke getragen. Ich mochte es schon immer eher natürlich. Ein wenig Puder und die oberen Wimpern betont, fertig. Mehr brauchte ich nicht und wollte ich auch nicht. Ich stylte meine Haare und schminkte mich nicht für jemand Bestimmtes, sondern nur für mich selbst. Es gefiel mir, und ich fühlte mich dadurch wenigstens ein bisschen schöner.

Zwischendurch warf ich einen Blick auf die Uhr. Ich war darauf angewiesen, dass Ean mich zur Arbeit fuhr, aber da wir Besuch hatten, wollte ich nicht unhöflich sein und drängen. Trotzdem machte ich mir Gedanken, dass mein Plan nicht aufgehen würde, wenn ich nicht bald loskam. Es fühlte sich an, als würde mir jemand ins Herz stechen, bei der Vorstellung, das Event zu verpassen.

Warum es mir so furchtbar wichtig war? Nun, ich wollte etwas ganz Bestimmtes herausfinden. Etwas, das nur einmalig funktionieren würde. Mein Plan war es, herauszufinden, was mein Herz empfand, sobald ich Henry bei dem Event sah. Die erste Reaktion würde entscheiden, ob ich tatsächlich Gefühle für ihn hatte oder ob ich mir alles nur einredete bzw. einbildete, weil ich in einer unglücklichen Beziehung steckte.

Und falls ihr schon wieder mit den Augen rollt, ich kann euch verstehen! Wäre ich an eurer Stelle, würde ich durchgehend den Kopf schütteln.

Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich zu hundert Prozent ehrlich zu mir selbst sein. Bei all meinen bisherigen festen Partnern, was übrigens erst zwei waren, redete ich mir selbst die wahre Liebe ein. Das Erste, was mein Herz immer empfand, war etwas Negatives. Eine Art Warnung, eine laute Sirene, die in meiner Brust um Aufmerksamkeit schrie, doch ich nahm sie nie ernst. Jedes Mal hoffte ich sehnlichst, endlich angekommen zu sein, bei einem Mann, der mich von ganzem Herzen liebte.

Ein wichtiger Fakt: Eigentlich habe ich tatsächlich noch nie den Satz „Ich liebe Dich“ gesagt. Ich brachte es einfach nicht über die Lippen und umschrieb es geschickt mit einem „I love you“ oder Ähnlichem.

In den ersten Minuten wusste ich bisher immer, ob die Beziehung lange halten würde oder nur vorübergehend war. Mein Herz war in diesem Thema stets zuverlässig, doch der Kopf siegte. Jedes Mal, wenn eine Beziehung anfing zu bröckeln, predigte ich mir selbst, in Zukunft auf mein Herz zu hören und darauf zu vertrauen. Noch nie hatte es mich fehlgeleitet.

Letztendlich durfte ich bei diesem Event nichts, wirklich gar nichts, schönreden. Sobald ich ihn sah und mir auch nur ein einziges Detail nicht gefiel, wusste ich, dass es nichts Echtes war, sondern dass ich mir alles einredete. Okay, was heißt „nicht gefiel“ – ein Detail, das die Sirene in meinem Herzen auslöste. Versteht ihr?
Ich gehe niemals nach dem Äußeren! Für mich zählt einzig und allein der Charakter. Wenn die Chemie stimmt, dann stimmt automatisch auch das Äußere.
Viele von euch werden mit Sicherheit denken, dass ich auf Henry abfahre, wegen seines Aussehens. Nein! Ganz im Gegenteil. Sein Aussehen ist bloß ein zusätzlicher Bonus! Mir gefällt sein kompletter Charakter, wie er handelt, wie er sich verhält und die Sätze, die er von sich gibt. Selbstverständlich schätze ich auch seine schauspielerische Leistung. Zumindest gefällt mir all das, was ich über die Medien von ihm zu sehen und zu hören bekomme.
Das mag für einige von euch seltsam klingen, ich weiß.

Irgendwann kam ich sehr zeitverzögert auf der Arbeit an. Zügig, aber auch vernünftig, erledigte ich meinen Job und unterhielt mich nebenbei mit meiner lieben Chefin. Je näher der Abend rückte, desto aufgeregter wurde ich. Im Ernst, ich war so nervös, als würde ich in ein paar Stunden heiraten. Das war absolut unnormal!

Das gemeinsame Mittagessen fiel aus, da ich zeitlich schon zu spät dran war und die Jungs bereits gegessen hatten. Aber egal, wichtig war nur, dass ich Henry unter keinen Umständen verpassen durfte. Kaum zu Hause angekommen, schnappte ich mir mein zweites Handy, das ich nur zum Spielen benutzte, und schaltete darüber das Event auf YouTube ein. Pünktlich auf die Minute. Gott sei Dank! Um es auf dem Fernseher zu schauen, war es noch nicht ruhig genug, da Ean und Teddy noch herumtobten. Aber das würde sich bald ändern, denn es dauerte nicht mehr lange bis zur Schlafenszeit.
Mein Herz pochte bis zum Anschlag, und die Anspannung stieg immer höher. Ich hatte keine Ahnung, wann Henry an die Reihe käme, da ich online nirgends einen Ablaufplan für das Programm fand. Vielleicht war ich vor lauter Aufregung auch einfach zu blöd, um einen solchen Plan online zu finden.
Während ich dem Event bereits folgte, versuchte ich ein paar Happen des kalten Gulaschs in meinen Mund zu stopfen. Das Kauen und Schlucken fiel mir schwer, weil ich viel zu nervös war, um irgendetwas zu essen.
Meine Nervosität galt nicht nur Henry, sondern auch Ean. Ich fürchtete ein Horrorszenario, dass Henry genau in dem Moment auftreten würde, wenn Ean in meiner Nähe war. Sollte dieser Fall eintreten, wäre mein Plan nicht umsetzbar. Wie sollte er auch? Ean war mein fester Partner, mit dem ich einen Sohn hatte und zusammenlebte. Ehrlich gesagt, ich kann mir vorstellen, dass Ean mich längst hochkant hinausgeworfen hätte, wenn er davon wüsste. Ich sah mir ein Live-Event an, um herauszufinden, ob ich mich in Henry verliebte oder nicht, obwohl ich einen festen Partner hatte…

Er durfte auf keinen Fall meine Reaktion auf Henry sehen, egal wie sie ausfallen würde. Puh… Das fühlte sich beinahe so an, als würde ich fremdgehen. Okay, man könnte es glaube ich tatsächlich schon als Fremdgehen bezeichnen.

Wie würde ich Ean meine Reaktion auf Henry erklären? Vielleicht müsste ich weinen oder würde vor Freude strahlen, als wäre ich die Sonne höchstpersönlich?

Mit solchen Gedanken versah ich mich selbst mit dem Stempel „BEREIT FÜR DIE KLAPSE!“ auf der Stirn.

Ean durfte mich dabei nicht stören! Daher betete ich, dass das Beste zum Schluss kommen würde, wenn die beiden Jungs schliefen. Das Event sollte über drei Stunden dauern, und die Feierabendzeit zuhause war normalerweise gegen sieben Uhr abends.

Immerhin schaffte ich die Hälfte meiner Portion Gulasch und schlich danach auf den Balkon, um allein zu sein. Meine Augen waren zwar ständig auf den Live-Stream gerichtet, aber eines meiner Ohren war immer bei Ean. Ich wollte nicht, dass er auf die Idee kam, mir heimlich über die Schulter zu schauen. Denn dann müsste ich ihm erneut etwas vormachen und eine überzeugende Ausrede finden, um ihn schnell wieder loszuwerden. Herr im Himmel! Die ganze Situation war absoluter Bullshit! Ich versteckte mich ernsthaft auf dem Balkon, um einen Mann anzuhimmeln, den ich noch nie persönlich getroffen hatte. Verrückter konnte es wohl kaum sein, oder?! Möge Gott mir meine Gedanken und dieses ultra peinliche Verhalten verzeihen!
Ein Film und eine Serie nach der anderen wurden gezeigt, doch weit und breit kein Henry. Meine Hoffnung stieg, dass ich vielleicht doch die Chance hätte, alles über den großen Fernseher laufen zu lassen.
Irgendwann entschied sich Ean endlich, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, und ich nutzte sofort die Gelegenheit, meinen Sohn bettfertig zu machen und ihn schlafen zu legen. Plötzlich meldete sich mein Bauch. Er grummelte lautstark, weil ich das Gulasch nicht so gut vertrug. Gott, ich hoffte inständig, dass er das Event noch aushielt. Wie unangenehm wäre es, wenn Henry genau dann käme, wenn ich auf der Toilette hockte und mir die Seele aus dem Leib presste, wegen des guten Gulaschs?
Zu meinem Glück bemerkte ich, dass es einen Live-Chat für das Event gab. Die Leute schrieben ununterbrochen darin, dass es mittlerweile eine Website gab, auf der das komplette Programm des Events aufgeführt wurde. Dort konnte man sehen, wann, wo und wer auftreten würde. Sofort suchte ich danach auf Google, und ich war erleichtert, als ich sah, dass the Witcher als letztes dran war. Das bedeutete, dass noch ausreichend Zeit für meine Sitzung übrig war, nachdem mein Sohn einschlief. Sorry für diese Details, aber sie gehören nun einmal dazu. Ich versuche alles Mögliche aufzuschreiben, damit man meine Gefühle und Gedankengänge gut nachvollziehen kann!

Und für alle, die sich zwischendurch fragten: „Hä?! Wieso schaut sie nicht einfach die Wiederholung, wenn sie etwas verpassen sollte?!“ Erkläre ich gerne! Natürlich könnte ich mir die Wiederholung ansehen. Aber um es klarzustellen: Eine Wiederholung ist nicht dasselbe wie eine Live-Übertragung! Klar, die Dialoge waren sicherlich vorab aufgezeichnet, aber dennoch handelte es sich um ein Live-Event, bei dem ich dabei sein wollte! Hätte ich ihn nur in Videos oder auf Fotos sehen wollen, hätte ich ihn weiterhin auf Instagram bewundern können. Was ich bei neuen Videos, Storys und Fotos fühlte, wusste ich bereits. Dennoch wollte ich eine gewisse Bestätigung, wenn ich ihn live im Event sah.

Ich weiß, es mag nicht besonders nachvollziehbar klingen. Für mich war es jedoch wichtig!

Irgendwie wusste ich bereits, dass ich mir keines meiner Gefühle einbildete, es fühlte sich zu merkwürdig und anders an. Aber trotzdem hoffte ich aus Bequemlichkeit, dass ich mir alles einbildete. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, dass ich mich tatsächlich voll und ganz in Henry verliebte. Bitte, wie würde es danach weitergehen? Es würde enormen Stress bedeuten, und ich wusste nicht, ob ich das aushalten würde. Ich durfte mich auf keinen Fall in diesen Mann verlieben! Dann hätte ich wirklich ein ernsthaftes Problem!

Ein wenig entspannter hielt ich meinen Sohn im Arm, der im kuscheligen Pyjama seine Milch trank, und verfolgte weiter das Event. Neben meinem ersehnten Henry gab es noch viele andere interessante Serien und Filme. Das gesamte Event war ein ziemliches Spektakel, da hatte sich Netflix etwas Tolles einfallen lassen.

Auf die anderen Vorstellungen konnte ich mich allerdings kaum konzentrieren, da meine Gedanken ständig um Henry kreisten.
Teddy fiel in Rekordzeit in den Schlaf, und behutsam legte ich ihn in sein Bett. Der Moment, in dem Henry an die Reihe kam, rückte näher, und ich lief beinahe eine volle Stunde im Wohnzimmer auf und ab, ohne zu wissen, was ich mit mir anfangen sollte. Mein geplanter Toilettengang hatte sich erledigt, da die Krämpfe verschwanden. Alle möglichen Gedanken schossen mir durch den Kopf, darunter zahlreiche „Was wäre, wenn…?“ und vor allem „Wie geht es dann weiter?“. Es machte mich absolut wahnsinnig, doch ich konnte es einfach nicht abstellen.
Als die Schlafzimmertür knarrte, bekam ich beinahe einen Herzinfarkt und flüchtete erneut mit meinem zweiten Handy auf den Balkon. Ean folgte mir, um mir mitzuteilen, dass er nun eine kleine Abendrunde mit dem Hund spazieren gehen und danach duschen würde. Mein Herz pochte bis zum Anschlag, und mir wurde furchtbar mulmig. Es kam mir vor, als hätte er mein Gedankenkarussell gehört und zusätzlich gesehen, wie wahnsinnig nervös ich war. Nur noch wenige Minuten, dann würde ich endlich Klarheit haben.
Ich hatte ein total schlechtes Gewissen gegenüber Ean, und das war verständlich. Ich zischte ihn an, was ich in der gleichen Sekunde schon bereute. Schließlich hatte er immer noch keine Ahnung, wie wichtig mir dieser Augenblick war. Ich betete, dass er schnell wieder in sein Zimmer verschwinden würde.
Kaum war er mit dem Hund wieder da, weinte Teddy bitterlich in seinem Zimmer. Die Wohnungstür lag genau neben seiner Zimmertür, und dazu ließ sich seine Tür nicht ganz schließen, sodass er jeden Pieps hören konnte. So langsam war ich fest davon überzeugt, dass der ganze Abend in die Hose gehen würde. Nichts, rein gar nichts lief bisher so ab, wie ich es geplant hatte. Na ja, wenn ich ihn nicht sehen konnte, dann sollte es wohl so sein!
Doch anscheinend hatte der Allmächtige Erbarmen mit mir, denn Teddy brauchte bloß einen erneuten Schluck seiner Milch und ein Küsschen. Als ich sein Zimmer wieder verließ, war von Ean keine Spur mehr zu sehen. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen. Endlich Ruhe. Ein Blick auf die Uhr ließ meinen Atem stocken. Ich bemühte mich mit aller Macht, nicht so angespannt zu sein, und scrollte wild auf meinem Handy bei Facebook auf und ab, um mich irgendwie abzulenken. Plötzlich fiel im Fernseher der Name einer Schauspielerin, die ich kannte: „Millie Bobby Brown“. Einen kurzen Moment lang dachte ich, dass Henry nun dran kam, doch sie sprachen nur über den Film „Enola Holmes“. Fehlalarm. Meine Gedanken um Henry schweiften ein wenig ab, weil ich Millie wirklich bezaubernd fand. Und mein Gott, wie war ich neidisch auf ihre Figur!
In ihrem Film spielte Henry ebenfalls eine Rolle, ihren großen Bruder Sherlock Holmes. Leute, auch in dieser Rolle war er absolut fabelhaft! Und das hat nichts mit meiner Schwärmerei ihm gegenüber zu tun, denn ich beurteile immer nach Leistung, egal ob ich den Schauspieler mag oder nicht.
In Enola Holmes schmolz ich bei jeder einzelnen Szene mit ihm regelrecht dahin. Seine Haare, sein Körper, sein Gesicht und sogar seine Hände, einfach alles war ein absoluter Traum. Ich fand wirklich alles an ihm himmlisch. Egal in welchem Look, ob rasiert oder nicht, in Jogginghose oder Anzug, in meinen Augen war er immer unwiderstehlich.
Meine Träumerei über ihn wurde unterbrochen, als Millie seinen Namen aussprach. Mein Gehirn hatte weder Zeit noch die Chance, irgendwie zu reagieren, weil mein Herz die volle Kontrolle übernahm.
Dort stand er.
Wie ein Rausch überwältigten mich Gefühle, die ich nicht kannte, meinen ganzen Körper. Ich lächelte breiter, als mein Mund es erlaubte, doch gleichzeitig schossen mir Tränen in die Augen. In meiner Brust wurde es so warm, wie noch nie zuvor. Ich befand mich plötzlich in einer anderen Welt, die jedes Leid und jeden Schmerz von mir fernhielt. Mein Herz pochte auf höchster Stufe. Es war mit Abstand das schönste Gefühl, das ich je gespürt hatte. Wie in meinen Träumen mit ihm fühlte ich mich so geborgen und schwerelos wie nie zuvor, als würde ich geradewegs in den Himmel aufsteigen.
Henry war nur wenige Sekunden zu sehen, dann wurde ein exklusiver Clip aus der zweiten Staffel von the Witcher eingeblendet. Ich war so überwältigt, dass ich so gut wie kein Wort von dem verstand, was Henry erzählte. Gott, seine Stimme war atemberaubend! Und dieses Lächeln dabei! Habt ihr mal seine Arme gesehen?!
Ich nutzte den Clip der zweiten Staffel, um kurz zu realisieren, was gerade geschehen war. War das gerade wirklich passiert? Auf keinen Fall! Ich lebte in einer Fantasiewelt! Das war doch unmöglich, verdammt nochmal! Schnell versuchte ich mich selbst davon zu überzeugen, dass ich mir alles einbildete.
Der exklusive Clip war vorbei, und darauf folgte „The Witcher: Blood Origin“. Die Kulisse war der absolute Wahnsinn. Kaum zu glauben, dass es auf dieser Welt so wunderschöne Orte gab.
Erneut zweifelte ich an meinen Gefühlen. Sie konnten gar nicht echt sein. Im Ernst, das war nicht möglich. Ehrlich Leute, das ging eindeutig zu weit.
Hatte Henry nur diese paar Sekunden bekommen? Hatte ich einen so großen Aufstand gemacht, um ihn ganze fünfundzwanzig Sekunden zu sehen? Alter…
Plötzlich sprach die Autorin von the Witcher Henry’s Namen aus. Als er wieder eingeblendet wurde, traf es mich erneut. Ich reagierte exakt gleich wie wenige Minuten zuvor, nur ein wenig heftiger, wie ein Schlag ins Gesicht. Allem Anschein nach bekam ich endlich die Antwort auf die, auf die ich so lange gewartet hatte. Doch wie konnte das sein? Konnte man sich tatsächlich in jemanden verlieben, den man noch nie persönlich getroffen hatte? Es war kaum zu glauben, aber ich war erfüllt von Liebe, Dankbarkeit und überglücklich. Zugleich aber auch geschockt.
Es war Zeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken.

Einst war Henry nur ein Vorbild und der Rettungsring, den ich dringend brauchte. Nach wenigen Monaten wandelte er sich zu meinem größten Glück. Nie hätte ich gedacht, solche Gefühle je verdient zu haben. Und nun war er eine Leidenschaft, die für alle Zeiten einen Platz in meinem Herzen trug. Er bewirkte in mir Unfassbares, wofür es sich lohnte zu kämpfen.
All das war absolutes Neuland für mich.
Obwohl ich mir so sicher war, dass ich mir nichts dergleichen einbildete oder gar einredete, war es alles irgendwie weiterhin unglaubwürdig.
Es war nie meine Absicht, mich in Henry zu verlieben oder anfangs von ihm zu träumen. Ich befand mich in einer festen Beziehung, und wir hatten ein gemeinsames Kind. Dennoch zeigte er mir Wege, die mir unmöglich erschienen, wofür ich ihm auf ewig dankbar sein würde.

Am nächsten Tag arbeitete ich weiterhin voller Freude an meinem Brief an ihn. Erneut änderte ich einige Zeilen. Diese ganze Arbeit mit dem Brief machte ich still und heimlich, damit Ean nichts mitbekam. Er würde mich zum Tode verurteilen und einweisen, weil dieser ganze Mist nach wie vor völliger Irrsinn war. Bis tief in die Nacht arbeitete ich daran, damit alles perfekt war, bevor ich ihn absendete. Insgesamt kam ich auf vierunddreißig Seiten, die ich am Computer geschrieben hatte, und vier Seiten, die ich per Hand verfasste. Okay, Moment, ich schrieb zu Anfang alles auf meinem Handy, mit einer speziellen App. Als ich dem Ende näher kam, führte ich über Ean’s Laptop die Korrekturen durch und bearbeitete das Gesamtbild.
Das per Hand Geschriebene schrieb ich vorab auf Deutsch. Über Facebook suchte ich jemand Fremdes, der mir diese Zeilen ins Englische übersetzte. Am liebsten hätte ich auch die vierunddreißig Seiten übersetzen lassen, doch das wollte ich niemandem zumuten, denn die vier Seiten waren mir schon unangenehm genug. Ich hätte mich auch viel mehr bemühen müssen, besser Englisch zu sprechen. Doch es fiel mir deutlich schwerer als gedacht.
Als ich mich dem Ende näherte, musste ich mir nur noch überlegen, wie ich das Ganze ausdrucken und abschicken konnte, ohne dass Ean etwas davon mitbekäme. Durch ständiges Googeln kam ich auf die Idee, das Ganze als Buch binden zu lassen, wie ein Manuskript. Oh man, das würde teuer werden…

Anfang November war ich endlich fertig. Ich ließ es noch von meinen zwei besten Freunden korrekturlesen und schickte es dann als Datei an eine Firma, um es binden zu lassen. Monate an Arbeit, Schweiß, Liebe und Tränen steckten in diesem Brief, aber das war es mir wert. Ich hätte es mir einfach nicht verziehen, wenn ich diese Möglichkeit nicht genutzt hätte.
Wenige Tage später hielt ich das fertige Exemplar in meinen Händen, in zweifacher Ausführung. Da ich durch Google zwei verschiedene Adressen gefunden hatte, wollte ich sicherstellen, dass ich an beide schrieb. Außerdem ließ ich Fotos von mir ausdrucken, die ich kurz zuvor gemacht hatte. Ich wollte, dass er weiß, welches Gesicht sich hinter diesem langen Brief verbarg. Zusätzlich legte ich meine Kontaktdaten bei, in der stillen Hoffnung, er würde auf meinen Brief antworten wollen.

Wollen wir mal ehrlich sein… Ich wusste, dass die Chance, dass er ihn wirklich erreicht und meinen Brief liest, furchtbar gering war. Dennoch war es mir äußerst wichtig, ihn abzusenden. Ich hatte das Gefühl, dass ich damit etwas Außergewöhnliches auslösen würde. Nicht unbedingt ihm gegenüber, aber in irgendetwas anderem. Was genau das sein würde, würde ich irgendwann herausfinden. Eigentlich war dieser Brief furchtbar peinlich, aber trotzdem war ich sehr stolz darauf und stand hinter jedem einzelnen Wort.

So kam also der Tag, an dem ich ihn zur Post brachte. Ich war äußerst nervös, und mein Herz klopfte auf Hochtouren, als ich die Briefe der Dame hinter dem Tresen überreichte. Nun gab es keinen Weg mehr zurück. Ich zahlte freiwillig mehr, um eine Sendungsverfolgungsnummer dazu zu bekommen. So konnte ich wenigstens sicher sein, dass er ankam und nicht irgendwo festhängen blieb. Ehrlich gesagt, das war für mich ein bedeutender Moment, diese Briefe tatsächlich abzusenden. Dass ich diesen Plan wirklich durchziehen würde, hätte ich nie gedacht.
Und dann hieß es, geduldig zu warten.

Täglich sah ich in einer App nach, die den aktuellen Versandstatus meiner Briefe zeigte. Je näher er dem Ziel rückte, desto unsicherer wurde ich. Irgendwie bekam ich das Gefühl, dass das alles ein großer Fehler war. Ich hatte auch keine Ahnung, was genau ich mir von diesem Brief erhoffte. Insgeheim stellte ich mir vor, dass er mir Antworten geben würde, dass er zu mir fliegen und mich in den Arm nehmen würde, wie in meinen Träumen, und noch so viele andere Dinge. Aber das blieb absolutes Wunschdenken und war in keiner Weise realisierbar, das wusste ich.

Ganz verrückt war ich nicht! Oder etwa doch?

Übrigens, für all diejenigen, die sich fragen, ob mir bewusst war, dass er eine feste Freundin hatte – ja, das war mir bewusst.
Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Beziehung echt war und nicht nur für die Öffentlichkeit inszeniert wurde, stand fünfzig zu fünfzig, zumindest aus Sicht der Medien. Es gibt viele Faktoren, die dafür sprechen, dass alles nur Fassade war, und genauso viele, die darauf hindeuten, dass alles echt war.

Eines möchte ich jedoch klarstellen: Sollte er tatsächlich Liebe für sie empfinden, würde es mir im Traum nicht einfallen, die beiden auseinanderbringen zu wollen. Niemals würde ich mich da einmischen! Ich wünsche Henry all das Glück der Welt und all die schönen Gefühle, die ich ihm gegenüber empfinde. Und wenn ich nicht die Frau an seiner Seite sein sollte, sondern weiterhin Nathalie Viscuso, dann sollte es so sein.
Auch ich würde irgendwann einen Mann finden, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringe. Diese Erfahrungen, die ich mit Henry gemacht habe, sind unbezahlbar, und ich werde sie niemals vergessen.
Wenn ich neue Fotos von ihm und Nathalie sah, durchzuckte es mich jedes Mal. Es war wirklich schwer, sie anzusehen, doch ich musste es akzeptieren. Ich hoffte jedoch, dass sie ihn gut behandelte, so wie er es verdiente. Und hey, sie ist wirklich eine wunderschöne Frau!

Während ich geduldig auf die Ankunft meines Briefes wartete, rückte die Weihnachtszeit immer näher.
Für mich ist dies die schönste, aber auch gleichzeitig die schlimmste Zeit des Jahres. In den Monaten von Dezember bis Januar durchlebe ich seit vielen Jahren ein ständiges Auf und Ab meiner Gefühle. Dies ist auf eine Vielzahl verschiedener Faktoren zurückzuführen, die ich euch bald näher beschreiben werde.
Doch bis dahin hatte ich keine Ahnung, dass die kommenden Monate anders sein würden als all die Jahre zuvor – härter.
Oder vielleicht doch einfacher?
Das hängt wohl von der persönlichen Perspektive ab!

 

 

– Änderungen vorbehalten