Es gab noch einen Sextraum, den ich euch vorenthalten habe. Zu sehr fehlten mir die Worte. Wie gesagt, ich habe sie mir lange Zeit ersehnt, doch es dauerte Ewigkeiten, bis es endlich so weit war, und dann war ich kaum in der Lage, sie irgendwie zu beschreiben.

14.04.2023
Es war wie ein stinknormaler Alltag, den jeder von uns durchlebte. Henry kam nach Hause, wir berichteten uns von den letzten Stunden, die wir nicht gemeinsam verbracht hatten, und lachten herzlich. Nach dem Essen kuschelten wir auf der Couch, und nach dem Knutschen führte eins zum anderen. Im nächsten Moment lag ich splitternackt in Henrys Armen. Obwohl ich ein wenig Angst vor dem Sex hatte und mich ungern entblößte, überstieg es all meine Vorstellungen. Er war mir gegenüber unglaublich zärtlich, liebevoll, aber gleichzeitig voller Leidenschaft. Es kam mir vor, als hätten wir alles in wenigen Minuten beendet, aber wir merkten dann, dass wir viele Stunden damit verbracht hatten.
Als wir auf die Uhr schauten, traf uns ein kleiner Schock. Er hatte noch viele Termine an diesem Tag und hätte längst unterwegs sein müssen.
Wir schrieben uns jede freie Sekunde über WhatsApp, machten Videos von dem Ort, wo wir uns gerade befanden, erzählten jedes Detail, was wir gerade taten, um nichts bei dem anderen zu verpassen. Immer wenn er eine kleine Pause hatte, trafen wir uns, um erneut übereinander herzufallen.

Gott, Leute… Nach diesem Traum schwebte ich auf einer rosaroten Wolke, die ich am liebsten nie wieder verlassen hätte. Es gab mir, wie immer, neuen Mut, all diese Scheiße zu überstehen und an die spezielle Kraft der Liebe zu glauben. Mit diesem Gefühl konnte ich so viel mehr anrichten und durchstehen, als je zuvor. Immer wieder fragte ich mich, wo zur Hölle er all die Jahre bloß war. Ich hätte ihn doch eigentlich schon so viel früher dringend gebraucht. Damit hätte ich mir viel Leid erspart. Aber gut, alles hat einen Grund! Alles ist irgendwie vorherbestimmt und hat einen Sinn, auch wenn es manchmal nicht so scheint.
Ich konnte es einfach nicht fassen, dass ich tatsächlich endlich die heiß ersehnten Sexträume mit ihm hatte. Und dann auch noch so kurz hintereinander! Im Ernst, ich dachte bis dahin wirklich, dass es einfach nicht sein sollte. Bisher blieb ein Sextraum niemals aus, wenn ich verknallt war. Manchmal fingen diese sogar schon an, noch bevor ich mich verliebte. Aber bei Henry war einfach alles anders. Ganz anders. Von oben bis unten, von vorne bis hinten!

Kommen wir mal zum eigenen Haus.
Wow! Hat irgendwer von euch eine Ahnung, wie geil ein richtiges Eigenheim ist? Ganz im Ernst, wenn man einmal in den Genuss eines Hauses gekommen ist, möchte man nie wieder etwas anderes!
Aber so schön das neue Heim auch war, für mich hatte es viele Nachteile. Und irgendwie wusste ich schon, dass ich es früher oder später ziemlich bereuen würde, dort eingezogen zu sein.
Mein persönlicher Nachteil war die Lage. Die Gegend war wunderschön, jedoch ziemlich abgeschottet von allem, und ein Bus fuhr nicht besonders oft. Also, flexibles Arbeiten war nicht mehr drin… Was meinem Chef auch nicht so ganz passte.

Bevor wir umgezogen sind, stand der Verkauf des Firmenwagens häufig im Raum, bei dem Chef von Ean. Es war ihm schlichtweg zu teuer auf Dauer. Doch bis zu dem Tag, an dem das Auto tatsächlich verkauft wurde, glaubten wir nicht so ganz daran, dass sein Chef es durchziehen würde. Sein Chef war einer, der viel redet, aber nicht mal die Hälfte davon wirklich macht. Demnach hatten wir große Hoffnung, dass das Auto bleibt. Aber, weil man ja nicht schon oft genug in Schwierigkeiten steckte, wurden die schlimmsten Befürchtungen wahr. Keine drei Wochen nach unserem Umzug wurde das Auto verkauft.
Jackpot… Mal wieder…
Also war ich von jetzt auf gleich gezwungen, mit dem Fahrrad zu meinen jeweiligen Arbeitsstellen zu fahren, denn öffentliche Verkehrsmittel waren selten eine Option. Entweder wäre ich dann über eine Stunde zu früh am Arbeitsplatz, oder mit Pech, was ich schließlich grundsätzlich mit mir schleppte, käme ich nicht mehr nach Hause, außer ich laufe zu fuß. Denn so oft wie ich Überstunden machte, hätte ich den Zug nie erwischt. Und um halb acht abends fuhr der letzte Bus in mein neues Kaff. Was blieb mir also übrig? Richtig… Nichts anderes, als mein super tolles, mega verkehrstüchtiges Fahrrad zu nutzen.

Aber Hey, auch in dieser Scheiße gab es Positives. Immerhin hatte ich dann straffes Training, denn selbstverständlich war der Weg nicht eben, sondern ein dauerhaftes Auf und Ab. Und zusätzlich hatte ich die Möglichkeit, den ganzen Weg über meine Lieblingsmusik zu hören, und auch zu fühlen. Die Musik war meistens eher traurig als voller Power. Ich war traurig. Ich war nämlich am und im Arsch!
Jeden verfluchten Tag fuhr ich mittags los, um nachmittags pünktlich am Arbeitsplatz zu stehen. Samstags war ich noch weniger zuhause. Morgens um neun fing ich an zu putzen, war gegen halb zwei nachmittags wieder zuhause, und hatte etwa eine halbe Stunde Zeit für Essen, umziehen und Stylen für den nächsten Job. Und als ich dann ankam, hätte ich im Stehen schlafen können. Dann machte ich auch noch nie pünktlich Feierabend, sondern musste immer eine gute halbe Stunde hinten dran hängen. Und wenn ich dann endlich Feierabend hatte, machte sich mein Körper deutlich bemerkbar, dass das keine guten Umstände waren. Meistens war ich erst zwischen zehn und elf Uhr abends zuhause. Somit blieb das Schlafenlegen von Teddy an Ean hängen, der nicht sonderlich viel Erfahrung damit hatte, weil ich es sonst übernahm.

Zusätzlich kam ich nicht wirklich dazu, vernünftig zu essen. Weder morgens noch abends. Ich würde vorsichtig behaupten, die vernünftigste Mahlzeit des Tages war während der Arbeit mein Toast mit Nutella. Zumindest war es das Einzige, was ich über die Stunden auch aß. Ihr könnt euch also vorstellen, dass mir irgendwann die Kraft fehlte und ich einfach nur noch erschöpft war.

Mein tägliches Homeworkout brauchte ich nicht mehr zu machen, da ich gute vier bis fünf Stunden täglich radelte. Ans Zocken zum Herunterfahren meines Kopfs brauchte ich auch nicht mehr zu denken. Denn wenn ich endlich zuhause ankam, fiel ich quasi schon direkt ins Bett.

Ean musste auch täglich eher Feierabend machen, damit ich pünktlich losfahren konnte. Wenn er nicht rechtzeitig zuhause war, stand ich umso mehr unter Zeitdruck. Einer muss ja schließlich das Kind hüten… Und wenn er dann den einen Bus verpasste, war ich diejenige, die sich extrem abhetzte und ständig Atemnot bekam, und die Beine kaum noch spürte, weil ich mir keine Pause auf dem Rad erlauben konnte. Ean sah das alles ein wenig lockerer… Warum sollte er sich schließlich auch für mich beeilen? Er drehte es ein wenig um. Immerhin ließ ich ihn auch oft warten, wenn er Zeitdruck hatte.
Und all dieser neue Stress führte immer wieder zu neuen Streitereien zwischen mir und ihm, was mich zusätzlich belastete.

Dass ein Auto Luxus ist, wussten wir ja schon irgendwie. Aber so richtig bewusst wurde es uns erst dann, als wir keins mehr besaßen. Das war wirklich, wirklich übel. Vor allem die Einkäufe.
Der Bus, der um die Zeit fuhr, wo wir einkaufen konnten, war nur ein Siebensitzer. Also nicht sonderlich viel Platz, um einen Großeinkauf zu machen. So etwas kannten Stadtkinder wie ich gar nicht!
Letztendlich brachte Jammern herzlich wenig, was auch klar ist. Dennoch stritten wir deswegen extrem viel. Aber da mussten wir nun irgendwie durch. Es war ja nicht mehr allzu lange, bis Ean seine Prüfungen hatte und möglicherweise einen neuen Arbeitgeber sowie ein neues Auto haben würde, was fest im Arbeitsvertrag verankert wäre. Nur noch ein knappes Jahr durchhalten…

Was auch noch oben drauf kam, war der Kitaplatz von Teddy. Teddys Betreuungszeit war von sieben Uhr morgens bis ein Uhr mittags möglich. Meistens brachte ich ihn erst gegen neun Uhr hin, um ihn nicht zu sehr zu fordern, beziehungsweise seine Gesundheit nicht zu sehr aufs Spiel zu setzen. Doch dank des fehlenden Autos war der Kitaplatz nicht mehr möglich. Okay, eigentlich schon, aber dann hätte ich zwischenzeitlich nicht mehr nach Hause fahren brauchen, weil ich ihn sonst nicht pünktlich hätte abholen können, da die öffentlichen Verkehrsmittel einfach nur Scheiße waren. Also, es lohnte sich einfach nicht… Glücklicherweise hatte unser neues Örtchen auch einen kleinen Kindergarten! Die Anmeldung war schnell erledigt, aber trotzdem mussten wir noch ein wenig warten.
Auch die neue Kita war ein Streitthema zwischen Ean und mir. Er verlangte, dass Teddy ganztags betreut werden sollte, also dass wir mehr Stunden buchten als zuvor. So hätten wir die Möglichkeit, ihn flexibel abzuholen, falls wir mal einen Bus verpassen würden oder ähnliches.
Ganz ehrlich, ich fand die Idee schrecklich. Teddy war im Schnitt vielleicht fünf Tage pro Monat in der Kita. Die restliche Zeit war er krank oder es ging schon wieder das drölfzigste Mal das Magen-Darm-Virus um, was ich wirklich nicht gebrauchen konnte. Komischerweise hielt dieser Virus immer Wochenlang an, was mich oft genug ziemlich wütend machte. Ich hatte keinerlei Verständnis dafür, dass die Kinder nicht zu hundert Prozent auskuriert wurden, nur weil ihre Eltern arbeiten mussten. Meiner Meinung nach hat die Gesundheit aller immer Vorrang!
Es kam auch oft genug vor, dass die Kita ganz geschlossen hatte oder einzelne Gruppen, weil keine Erzieher mehr vorhanden waren, da sie sich ständig bei den Kindern ansteckten, was auf die Eltern zurückzuführen war.
Da Teddy immer noch seine Autoimmunneutropenie hatte, ging ich kein Risiko ein und ließ ihn häufig zuhause. Jedes Mal, wenn er sich ansteckte, entwickelte sich das gleich zu einem Norovirus, und das musste nun wirklich nicht sein.
Außerdem sah ich häufig, dass es Teddy ziemlich fertig machte, wenn er doch mal mehr als drei Tage am Stück in die Kita ging. Oft war er danach völlig ausgelaugt und hätte am liebsten sofort bis zum nächsten Tag geschlafen. Das war wirklich schwer anzusehen… Ich spürte sofort, wenn mit ihm etwas nicht stimmte. Ean hingegen sah alles anders. Er war der Meinung, acht Stunden täglich im Kindergarten würden Teddy sehr guttun. Wogegen ich dann sagte, dass es zu viel für ihn wäre. Außerdem würde es sich nicht lohnen, für diesen Platz zu bezahlen, wenn Teddy eh so selten dort war, weil er ständig Fieber hatte. Es wäre einfach herausgeschmissenes Geld!

Diese Krankheit war auch häufig ein Streitthema. Sie verschlimmerte sich eher, als dass sie besser wurde mit der Zeit. Ean ging davon aus, Teddy müsste bloß oft genug krank werden, damit er ein Immunsystem aufbauen könne. Was meiner Meinung nach absoluter Unsinn war! Aber er hatte ja leicht reden, schließlich musste er sich nie um das kranke Kind kümmern, außer wenn ich arbeitete. Aber alle Eltern kennen es, meistens sind sie nachts erst richtig hilfsbedürftig. Ean hatte keine Ahnung davon, wie oft und wie stark Teddy litt, wenn andere Eltern sich nicht an die Vorschriften hielten, weil ich diejenige war, die sich am meisten kümmerte.
Aber auch da brachte Jammern nichts. Es war nun mal so und ließ sich vorerst nicht ändern. Also, positiv bleiben!

Durch die Tatsache, dass ich rund um die Uhr eigentlich nur am Radfahren war und dauerhaft unter Strom stand, trainierte ich meine Beine, auch wenn es eher ungewollt war, und bekam deutlich weniger Panikattacken, weil ich einfach zu müde dazu war. Außerdem konnte ich durch das lange Radfahren meine Musik genießen und ein wenig träumen. Und Geld gespart hat man auch noch, weil man keine Lust hatte, täglich mit dem Bus einkaufen zu gehen!
Aber es laugte mich unglaublich aus. Lange würde ich das nicht durchhalten, so viel stand fest.

Vielleicht könnt ihr euch ja vorstellen, wie beschissen diese Situation war.

Im Mai, nachdem ich nach einer erneuten kranken Phase wieder arbeiten ging, teilte mir meine Kollegin Lisa mit, dass die Vollzeitkollegin mir nun den Ladenschlüssel abnehmen sollte und dass dies mein letzter Arbeitstag wäre.
Yay…
Obwohl ich es eigentlich ahnte, schockierte es mich. Ich hatte Angst und war wieder mal voller Wut. Ich konnte es irgendwie nicht wahrhaben, dass man mich, die perfekte Angestellte, nicht mehr haben wollte. Ich gab dem Laden mein ganzes Herzblut, und das war der Dank.
Aber andererseits war ich auch irgendwie selbst daran schuld. Immerhin hatte ich mittlerweile für ordentlich Tumult gesorgt, weil ich vernünftig behandelt werden wollte. Auch hatte ich vielleicht ein zu großes Mundwerk, was meine Vollzeitkollegin betraf. Eigentlich hatte ich generell ein zu großes Mundwerk, aber es halten konnte und wollte ich nicht! Ich wollte einfach nur für Recht und Ordnung sorgen!
Nur ging das leider nach hinten los. War jede Handlung von mir ein Fehler? Das konnte nicht sein. Irgendetwas Gutes musste ich mit allem bewirkt haben!

Ich versuchte so ruhig wie möglich zu sein und mir auch nichts anmerken zu lassen. Meine innere Wut konnte ich nicht an der Vollzeitkollegin auslassen oder gar an Kunden.
Ich verstand es einfach nicht. Wirklich nicht.
Mir graute vor den nächsten Wochen. Ich versuchte Vertrauen zu haben, dass mein Chef mir mein zustehendes Geld auszahlen würde und nicht versuchen würde, mich zu verarschen. Sollte er das tun, müsste ich die ekelhafteste Seite von mir herausholen, und das wollte ich einfach nicht. Ich wollte nie wieder so sein. Ich war durchaus in der Lage, absolut erbarmungslos zu sein, und nahm in diesem Moment null Rücksicht auf irgendjemanden. Wirklich niemanden. Ich lief dann stur geradeaus und machte jedem die Hölle heiß, egal wer mir im Weg stand.

Ean warnte mich schon, dass ich mich am besten sofort um einen Anwalt kümmern sollte, da mein Chef definitiv nicht die Überstunden oder restlichen Urlaubstage freiwillig auszahlen würde. Aber wie gesagt, ich hoffe eigentlich immer auf das Gute in den Menschen… Demnach hörte ich nicht auf ihn.

Aber ganz doof war ich nicht. Anscheinend war ich freigestellt bis auf ein bestimmtes Datum, vermutlich das Vertragsende. Eine Kündigung erhielt ich nie, und auch irgendeinen Austausch mit dem Chef gab es nicht. Das einzige Zeichen dafür, dass ich nicht mehr länger arbeiten sollte, war die Schlüsselabnahme.
Also ging ich gleich am nächsten Morgen zum Arzt und ließ mich bis zum letzten Tag meines Vertrages krankschreiben. Sicher ist sicher! Und ich meldete mich auch umgehend bei der Agentur, damit es keine Lücke in meinem Einkommen gab. Schließlich war mein Geld immer noch für Lebensmittel und alles drum herum, und Eans Geld für die Rechnungen. Da durfte nichts ausfallen!

Bis zum letzten Tag des Monats, in dem mein Vertrag endete, versuchte ich ruhig zu bleiben und die Freizeit zu genießen. Das Wetter wurde immer schöner, und ich lebte an dem perfekten Entspannungsort. Aber ganz ehrlich, Entspannung war kaum möglich. Ich stand immer noch unter Strom. Ich hoffte so sehr darauf, dass mein Chef seinen Pflichten nachkam, und wir im Guten auseinandergehen konnten.
Und dann war es so weit. Der letzte Tag des Monats. Im halbstündlichen Takt sah ich auf mein Konto, ob mein Gehalt eingegangen war. Den ganzen Tag über tat sich nichts. Auch nicht am nächsten Tag. Und am übernächsten, weil ich ein letztes Mal auf Vernunft hoffte, kontaktierte ich meinen Chef. Und auch Lisa. Meinen Chef fragte ich, wo mein Geld sei, er habe bereits Vertragsbruch begangen, denn es hätte schon längst drauf sein müssen. Und Lisa fragte ich, ob sie ihr Gehalt bereits bekommen habe, was sie bestätigte. Demnach hatte mein Chef keine Komplikationen, und er hätte definitiv pünktlich zahlen können.

Nach endlosen Nachrichten und Anrufen bekam ich endlich eine vernünftige Antwort. Er sagte, der Steuerberater hätte es noch nicht fertig berechnet, und dieser würde mich gleich kontaktieren. Aha!
Nicht lange darauf erhielt ich dann den Anruf vom Steuerberater. Es war eher eine Steuerberaterin, eine Russin, die nur schlecht Deutsch sprach.
Laut ihr hätte ich zu einem bestimmten Datum eine Kündigung erhalten und nach Abzug der Minusstunden stünde mir eh nicht viel zu. Minusstunden?! Ich bin noch nie eine Minute eher nach Hause gegangen, hatte immer eine Krankmeldung, und machte nie zusätzlich unbezahlt frei. Also, wie kommt man bitte auf Minusstunden?
Selbstverständlich korrigierte ich sie. Mein Vertrag lief normal aus, ohne Kündigung, denn ich hatte nie eine erhalten. Zusätzlich hatte ich noch restliche Urlaubstage und haufenweise Überstunden. Sie wusste nichts davon, denn mein Chef hatte das Gegenteil behauptet. Diese Aussage ließ bei mir viele Sicherungen durchbrennen. Es sollte also auf einen Krieg hinauslaufen, den mein Chef nicht gewinnen würde… Dabei hatte ich genau diese Situation vermeiden wollen… Wirklich! Doch insgeheim freute ich mich schon auf meinen Sieg und das Gesicht meines Chefs, wenn er verlieren würde.

Nach stundenlangem Hin und Her bekam ich endlich mein Geld. Natürlich viel zu wenig. Daraufhin setzte ich meinem Chef eine Frist, alles zu korrigieren, ansonsten würde ich zum Anwalt gehen. Mein Chef hatte Stundenzettel, auf denen meine Arbeitszeiten, Krankentage, Feiertage und Urlaubstage verzeichnet waren. Also wie bitte kam er auf Minusstunden und keine restlichen Urlaubstage? Selbst wenn ich keine normalen Überstunden gemacht hätte, wären da immer noch die Feiertage, die als Minusstunden verbucht wurden, was nicht rechtens ist. Aber mein Chef hielt mich natürlich für blöd. Und das, obwohl ich schon zu Beginn gesagt hatte, dass man es sich mit mir niemals verscherzen sollte… Warum hörte denn keiner auf mich? Sah ich wirklich so nett und dumm aus?

Weil ich ein letztes Mal blauäugig war, wartete ich meine gesetzte Frist ab. Aber natürlich zahlte mein Chef nichts mehr aus.

Nebenbei blieb ich im Kontakt mit der Agentur, schließlich stand mir Arbeitslosengeld zu, worauf wir definitiv angewiesen waren. Ohne das hätten wir nichts zu Essen. Die Agentur blieb ziemlich entspannt. Ich musste noch ein paar Unterlagen nachreichen, und dann könnte es berechnet und ausgezahlt werden. Das würde auch nicht lange dauern, ich würde pünktlich mein Geld bekommen. So lautete zumindest ihre Aussage, nicht meine!

Als dann der Auszahlungstag von der Agentur war, erhielt ich keinen Cent. Auf Nachfrage hieß es nur, mein Antrag sei noch in Bearbeitung, aber es sei alles Notwendige vorhanden. Am nächsten Tag tat sich immer noch nichts. Auch nicht noch einen Tag später, und auch nicht eine Woche später.
Und irgendwann, nach mehrfachen Anrufen, hieß es plötzlich, es würden noch das Kündigungsschreiben benötigt werden, sowie die letzte Abrechnung. Glücklicherweise kam kurz zuvor das Kündigungsschreiben, welches im April erstellt wurde und auf wenige Tage vor Vertragsende zurück datiert war. Und natürlich wurde die Krankenversicherung etc. auch zu diesem Tag abgemeldet. Dadurch lehnte die Agentur meinen Antrag auf Arbeitslosengeld zum ersten Mal ab. Ich hätte ein volles Jahr lang beschäftigt sein müssen, bevor mir Arbeitslosengeld zustand. Selbstverständlich korrigierte ich sie, denn die Kündigung war eh nicht rechtens, was die Dame am Telefon auch einsah. Allerdings musste sie sich an Vorschriften halten, und ich musste mich schleunigst an einen Anwalt wenden.
Ich befürchtete schon, dass ich die nächsten Wochen immer noch kein Geld sehen würde, und dass Ean und ich erneut sehr, sehr viel Streiten würden. Immerhin mussten wir nun zusehen, wie wir irgendwie an Geld kämen, um zu überleben…

Schon wenige Tage später saß ich im Büro eines Anwalts. Zuvor recherchierte ich noch genervt, nervös und in Eile meine Überstunden und restlichen Urlaubstage, nur um schon einmal ein paar Beweise zu haben. Der Anwalt lachte herzlich, als er den Grund meines Besuchs erfuhr und die ersten Beweise ansah. Er sah den Gewinn schon vor seinen Augen und dass wir das Thema schnell erledigt hätten und ich mein rechtlich zustehendes Geld vom Amt sowie vom Arbeitgeber bekam. Er machte mir wirklich große Hoffnung darauf, dass dieser Spaß ein schnelles Ende nehmen würde. Und nebenbei versuchte ich noch meinen Ex-Chef in einigen anderen Dingen auffliegen zu lassen. Angefangen mit dem Gesundheitsamt. Immerhin bot er Lebensmittel an, bei denen er freiwild mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum spielte.
Grundsätzlich war es so, dass wenn ein Produkt kurz vor dem Ablaufen war und noch unglaublich viel davon vorhanden war, wurde das Datum einfach überklebt. Seine Ausrede dazu war, amerikanische Lebensmittel enthielten so viel Zucker, da würde nichts schlecht. Aber er sah nie, welche Konsequenzen das haben könnte. Er war fest davon überzeugt, dass nie etwas passieren würde. Das Problem war nur, ja, amerikanische Lebensmittel halten deutlich länger, was aber nicht bedeutet, dass doch etwas passieren könnte.
Weiter ging es mit dem Thema Datenschutz. Die ständige Mitarbeiterbeobachtung am Arbeitsplatz durch die Kameras ist strafbar. Fertig aus. Da gibt es keine Ausreden für.
Und dann hätten wir da noch den Anflug vom Verstoß gegen das Mindestlohngesetz.
Laut Arbeitgeber arbeitete ich jeden Monat konsequent nur achtundachtzig Stunden. Tatsächlich habe ich mindestens hundert bis hundertzwanzig gearbeitet. Dadurch erfuhr ich von meinem Anwalt, dass er anscheinend zusätzlich gegen das Gesetz verstieß. Mir hätte weitaus mehr Geld monatlich zugestanden, als ich bekam.
Es wurde immer schöner! Man hätte meinen Chef so richtig fertigmachen können und das brachte mir ein unglaubliches, widerliches, strahlendes Lächeln ins Gesicht. Jeder bekommt das, was er verdient! Immer. Ausnahmslos, immer!
Aber wer hätte gedacht, dass diese Scheiße sich über Monate hinwegziehen würde? Wer hätte gedacht, dass ich dadurch erneut an einen Punkt kommen würde, den ich zuletzt Mitte 2021 hatte? Dass diese Geschichte nicht innerhalb weniger Wochen beendet sein würde, war jedem klar. Aber dass es über drei Monate dauerte, hätte keiner geahnt.

Unmittelbar nach meinem ersten Besuch beim Anwalt kontaktierte er meinen Arbeitgeber. Wir beide waren voller Hoffnung, dass es sich außergerichtlich lösen würde. Wobei ich ihn irgendwie schon gern vor Gericht gesehen hätte. Wenn das die Runde gemacht hätte, hätte das bestimmt seinem Laden einen schönen Schaden zugefügt. Aber fürs Erste mussten wir zusehen, wie wir an Geld kamen. Also holten wir erneut das Jobcenter mit ins Spiel, da ich mein Arbeitslosengeld nicht bekam.
Nach langem Hin und Her wurde uns der Antrag bewilligt. Und jetzt haltet euch fest, ganze zweihundert einundvierzig Euro standen uns zu! Zu dritt! Für alles! Wir fühlten uns ziemlich verarscht. Noch immer war Eans Geld für die Rechnungen, und danach eigentlich komplett aufgebraucht. Von meinen vorherigen neunhundert Euro wurde dann alles weitere bezahlt, und selbst da war das Geld oft knapp. Doch nun waren es nicht einmal dreihundert Euro, die wir für einen ganzen Monat zur Verfügung hatten. Laut Aussage des Jobcenters wäre alles korrekt und mehr stünde uns schlichtweg nicht zu. Ist klar…
Wer behauptete noch gleich, dass man mit dem Geld vom Jobcenter besser leben könnte als mit einem Job? So ging es uns ja nicht zum ersten Mal. Bisher erhielt ich noch nie die Summen vom Jobcenter, die man angeblich bekäme. Irgendetwas machte ich anscheinend falsch. Denn wir konnten gerade so überleben, anstatt zu leben. Gut, es kam zwar noch das Kindergeld und das Geld vom Putzen, aber selbst mit diesen dreihundert Euro mehr waren wir nicht wirklich besser dran. Das Kindergeld ging quasi nur für Windeln und Feuchttücher drauf. Manchmal konnte man davon noch Kleinigkeiten wie ein neues Spielzeugauto oder Ähnliches kaufen. Das Putzgeld war dann vielleicht eine Woche Mittagessen. Und was Hygieneartikel kosten, brauche ich ja wohl niemandem zu erklären. Also hieß es mal wieder, sparen, sparen, sparen… Weil das ja vorher auch schon so gut lief…

Als ich die erste Rückmeldung von meinem Anwalt bekam, sagte er, dass wir weitere Geschütze auffahren mussten, denn die Gegenseite blieb bei ihrer Meinung, dass mir nichts mehr zustünde. Und dann sagte er noch, dass der gegnerische Anwalt nun erst mal zwei Wochen in den Urlaub fährt. Und sobald der wieder da war, hatte mein Anwalt ebenfalls zwei Wochen Urlaub… Gott, was liebe ich es, wenn so eine Scheiße passiert!
Also mussten wir noch länger warten…

Ean und ich stritten uns deshalb beinahe täglich. Es hätte niemals zu dieser Situation kommen dürfen, das konnten wir uns absolut nicht erlauben. Langsam verzweifelte ich. Wir kamen überhaupt nicht hin mit dem vorhandenen Geld, egal was und wie viel wir einkauften. Scheiße noch mal! Nicht einmal täglich Nudeln mit Tomatensoße konnten wir uns leisten!

Tja, und dann fingen wir an, uns nach und nach Geld zu leihen, von Eans Vater und seiner Ehefrau. Aber auch nur, weil man uns sonst den Strom abgestellt hätte, weil wir lieber Verpflegung kauften, als die Stromrechnung zu zahlen.

Wir verkauften und verkauften vorhandenes Hab und Gut, um uns auch mal Reis leisten zu können, oder doch mal ein Stück Fleisch. Wir streckten alle Lebensmittel, so weit es ging, und blieben ständig hungrig. Natürlich bemühten wir uns darum, dass es Teddy wenigstens an nichts fehlte!

Also, da wären wir wieder beim leidigen Thema Hunger… Obwohl du gerade etwas gegessen hast, hast du mächtigen Hunger. Und das nur, weil keine einzige Mahlzeit wirklich sättigte. Du hast ein Loch im Magen, was sich einfach nicht füllen lässt, und kannst es einfach nicht ändern.

Nach vielen Wochen verlor ich den Glauben an die Menschheit. Ich konnte es beim besten Willen nicht nachvollziehen, dass die deutschen Ämter uns so im Stich ließen. Jeder wusste doch, dass diese Kündigung nicht rechtens war, doch niemand wollte uns helfen. Immer wieder wurden wir vertröstet, dass ihnen die Hände gebunden waren. Ohne gerichtliches Urteil, beziehungsweise die Änderungen vom Ex-Arbeitgeber, konnte keiner etwas auszahlen.

Immer und immer wieder bettelte ich bei meinem Anwalt nach, ob man irgendetwas aufsetzen könnte, was der Agentur für Arbeit ausreichte, damit sie mir mein Arbeitslosengeld auszahlen. Aber egal was er mir aufschrieb, es reichte nicht aus.

Immer und immer wieder flehte ich in den Himmel, dass es endlich ein Ende nahm. Ich verlor jegliche Hoffnung, und auch den Mut, noch irgendwie weiter zu machen. Es ging mir einfach nicht in den Schädel, warum mein Chef so etwas tat. Natürlich wusste er ganz genau, dass mir das Arbeitslosengeld ausblieb, durch seine tolle Kündigung. Natürlich wusste er ganz genau, dass er alles schön lange herauszögern konnte, indem er bei seiner Meinung blieb. Wohl oder übel hatte ich eigenes Karma bekommen. Die Frage war nur, warum? Ist es ein Fehler Arbeitgeber zu Recht und Ordnung zu weisen? Hatte ich die Vollzeitkollegin zu sehr mundtot gemacht und es mit ihr vielleicht übertrieben? Oder war das alles einfach nur ein Zeichen, dass ich in Zukunft einfach kuschen sollte bei Arbeitgebern? Nein… Es musste an irgendetwas anderem liegen… Vielleicht wollte der Allmächtige mich auch einfach nur erneut auf eine Probe stellen.

Mir fehlten einfach nur noch die Worte. Ich weinte so unendlich viel, aber gebracht hat es wenig, eher hat es mich noch mehr heruntergezogen.

Zwischenzeitlich bekam mein Sohn noch einen neuen Kindergartenplatz, bei uns im Ort. Doch dank Ean kostete er nun Geld, weil er die Betreuungszeiten hochsetzte, und auch noch Mittagessen bestellte. Geld, was wir definitiv nicht hatten, aber irgendwie zaubern mussten. Was uns nur noch mehr schadete.
Aber als man sah, wie unglaublich gut es Teddy im neuen Kindergarten ging, nahm man es gerne in Kauf. Gott, ich sah mein Kind noch nie so glücklich und zufrieden! Vorher hat er auch noch nie ein anderes Kind angesprochen, oder mit ihm gespielt. Er machte immer sein eigenes Ding und war zufrieden damit. Allerdings wurde er im alten Kindergarten auch nie so wirklich irgendwo mit einbezogen. In diesem Kindergarten lief alles anders! Altmodisch und deutlich angenehmer! Und ein super schönes Detail: Teddy hatte die Garderobe mit der Gießkanne. Ich war damals auch eine Gießkanne! Finde ich super!

Natürlich bemühten wir uns, dass es Teddy wenigstens an nichts fehlte!

Ach ja, nur mal so nebenbei dazwischengeworfen – Ich schreibe bewusst alles in Kurzfassung auf. Ganz einfach, weil ich immer noch nicht komplett damit abgeschlossen habe, und jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, leichte Anflüge von Wut und Depressionen bekomme. Zwischendurch werde ich immer mal wieder ein paar Wörter darüber verlieren.

Ich kam meinem persönlichen Ende in wenigen Monaten immer näher und näher, und niemand war bereit, tatsächlich zu helfen. Wie viel Geld hätten wir uns leihen sollen, damit alles beim „alten“ blieb? So viel hätte uns niemand gegeben. Und selbst wenn, wie hätten wir es zurückzahlen sollen? Wir bemühten uns, die wichtigsten Dinge zu bezahlen, wie zum Beispiel die Miete.

Nachdem beide Anwälte endlich wieder da waren, stand bereits ein Gerichtstermin fest. Ein Termin, den ich fürchtete und auch freudig begrüßte. Denn noch einen Monat länger, hätten wir nicht durchgehalten. Es war eigentlich wirklich traurig, dass man tatsächlich vor Gericht musste, obwohl alle Seiten wussten, dass mein Chef unrecht hatte. Ich hätte zu gerne gewusst, was in seinem Kopf vor sich ging. Warum er der Meinung war, er hätte recht. Irgendwie ging ich davon aus, dass er tatsächlich dachte, ich hätte nicht den Arsch in der Hose, mir einen Anwalt zu nehmen und das Ganze auch zum Ende zu bringen.

Noch bevor der Termin feststand, rechnete ich alle meine Überstunden und Resturlaubstage auf die Minute genau aus, als ich von der Gegenseite Post bekam, worin Kopien meiner Stundenzettel waren. Mein Chef war auch der Meinung, meine Stundenzettel einfach mal zu fälschen. Beinahe alles war durchgestrichen, sobald ich auch nur eine Minute über meiner Arbeitszeit lag. Tja, also setzte er oben drauf auch noch Urkundenfälschung… Wie kann man nur so doof sein?

Insgesamt hatte ich über mein Jahr, mit auch einigen Krankentagen, hundert neunundvierzig Überstunden – ohne die Feiertage gerechnet – und noch dreizehn Urlaubstage. Das ist also schon eine Menge. Mir hätten also fast zweitausend Euro Auszahlung zugestanden, was nur die Überstunden betrifft – ohne korrekten Mindestlohn. Dann natürlich noch der Urlaub und die Feiertage. Das wäre genau das Geld, welches wir gebraucht hätten.

Mittlerweile hatten wir uns massiv verschuldet, mein Handy gab den Geist auf, es flatterten immer mehr Rechnungen rein, die ich mir selbst zuzuschreiben hatte – denn erneut nahm ich Kilos ab, und war gezwungen neue Kleidung zu bestellen. Auch Teddy brauchte dringend neue Kleidung. Und scheiße noch mal, ich rauchte wieder deutlich mehr! Und dafür hasste ich mich… Im Ausgleich aß ich aber auch nichts, damit wir nicht ganz so oft neuen Aufschnitt und Brot kaufen mussten. Ich weiß, extrem dumm…

Als es zur Gerichtsverhandlung kam, musste ich leider Gottes nachgeben und meine Rache und Wut hinten anstellen, zu unserem eigenen Wohl. Ich hätte es noch viel weiter treiben und ihn so richtig fertig machen können, aber wir waren einfach nur am Ende und brauchten dringend mein Arbeitslosengeld.
Es ging nicht nur mit dem Geld schlecht, sondern zum wiederholten Mal auch mit meiner Gesundheit.
Ich hatte auch unglaubliche Angst davor, dass meine ganzen Beweise doch nicht ausreichten oder dass mein Chef noch ein Ass im Ärmel hatte und er irgendwie gewinnen könnte. Ean und ich setzten uns auch stundenlang hin, um meine Arbeitszeiten mithilfe von Google Maps zu belegen.
Im Ernst, ich zweifelte an absolut allem. Ob es eine gute Idee war, ihn zu verklagen, ob es eine gute Idee war, dort je angefangen zu haben zu arbeiten, ob es eine gute Idee war, ins Kaff zu ziehen, ob es eine gute Idee war, noch zwischendurch positiv zu denken, und so weiter… Doch bevor ich weiter über die Gerichtsverhandlungen erzähle, gibt es da noch ein paar Kleinigkeiten, die ich vorher erwähnen möchte.

Im Juli bekam ich die langersehnte Magenspiegelung, die merkwürdigerweise unauffällig war. Kurz darauf hatte ich meinen ersten Termin bei einem Therapeuten aufgrund meiner Panikanfälle.
Oh, und wovon ich noch gar nichts erzählte – Etwa zur gleichen Zeit, wie der Stress mit den Agenturen und meinem Ex-Chef anfing, kam ich in den Kontakt mit einem sehr alten Bekannten. Ich bin ehrlich, kurzzeitig dachte ich auch, dass ich mich in ihn verliebt hatte, aber das änderte sich auch wieder ganz schnell. Und dabei geholfen hat mir mein bester Freund Coby. Gott sei Dank! Ich hätte mich in weiß Gott was verrannt und dann die nächste Verdammnis zu mir gelockt.

Dieser eine Bekannte (nennen wir ihn mal John) war einst einer der besten Freunde von einem meiner Brüder. Wir alle kannten uns eigentlich schon von klein auf. Mit der Zeit, als ich anfing, zu einer Frau heranzuwachsen, wurde John immer merkwürdiger. Er war beinahe ein Stalker. Immer und immer wieder schrieb er mir auf Facebook Nachrichten. Zu Anfang ging ich noch darauf ein und flirtete zwischendurch ein wenig, aber weiter ging ich niemals. Irgendwann fing ich an, ihn zu ignorieren und nicht mehr auf seine Nachrichten einzugehen. Ich war jung, und er war für mich ein alter Sack, obwohl er nur wenige Jahre älter war. Ich fühlte mich irgendwie belästigt.

Zu meiner Partyphase traf ich ihn in meinem Stammclub wieder. Da ich gut angeheitert war und noch mehr Verlangen nach Alkohol hatte, flirtete ich ein wenig mit ihm. Irgendwie sah er auch süß aus, aber das hat damals wohl eher am Alkohol gelegen.
Wie genau man sich dann wieder aus den Augen verlor, weiß ich nicht. Das einzige, was hängen blieb, ist, dass ich mit ihm spielte. Und zwar so, wie ich es damals sehr gerne tat. Ich machte ihn geil, so geil, dass er es kaum aushielt, doch dann ließ ich ihn abblitzen. Einfach, weil ich es konnte. So tat ich es mit allen Männern, die ich im Club kennenlernte. Ich bekam das, was ich wollte, und mehr brauchte ich nicht. Was ich wollte, war Zuneigung in Form von sexueller Begierde und nichts anderes. Also, weder Sex, noch starkes Fummeln, oder eine feste Beziehung. Ich wollte einfach nur meinen Spaß, ohne Dinge zu tun, die ich am nächsten Morgen bereuen würde.

John klärte mich auf, wie die letzten Minuten unserer Begegnung damals tatsächlich abliefen. Ich bin ehrlich, detailliert erinnere ich mich nicht an diesen Abend.
Er selbst wäre am liebsten mit mir auf die Toilette verschwunden, um mich zu vögeln. Doch nach seiner Aussage hin spielte ich mit ihm. Ich sagte ihm lächelnd, während er mit dem Rücken an die Wand gelehnt war und mit meiner Hand auf seinem Schwanz, dass er es merken würde, wenn ich mit ihm spiele. Und dann ging ich weg, und wir sahen und sprachen uns nie wieder, bis Mai 2023.

Zehn Jahre ignorierte ich bereits jeden Kontaktversuch, doch an diesem Tag ging ich darauf ein. Ich war ein wenig neugierig und auch auch irgendwie auf der Suche nach Bestätigung, dass ich noch sexy wäre. Denn viel zu selten hörte ich mal ein Kompliment, das mir tatsächlich schmeichelte. Sprüche von Kunden wie „Du bist ein Sonnenschein“ reichten mir nicht. Ich wollte wieder mehr als Frau angesehen werden und hörte gerne, dass ich noch sehr attraktiv bin.

Ziemlich schnell klärte sich auf, warum er damals so hartnäckig war, warum er mich immer wieder und wieder kontaktierte. Er hatte einen extremen Beschützerinstinkt und damals auch besonders bei mir. Und zusätzlich hatte er auch ein kleines bisschen mehr Interesse, in Form von einer Romanze.
Er wusste, dass es zuhause nicht so lief, wie es nach außen hin schien. Von uns Kindern war ich die einzige, die die Wahrheit aussprach (so wie ich sie sehe). Meine beiden großen Brüder verbargen alles und versuchten sich einzureden, dass alles perfekt wäre.

Wenn mich jemand über meine Familie etwas fragte oder wie die Umstände waren, sprach ich das aus, was ich wahrnahm. Ganz einfach. Egal wo, egal wann, egal bei wem.
Das ein oder andere Mal kam wegen meinen Aussagen das Jugendamt, was ich auch nicht unbedingt verkehrt fand. Manchmal ist es eben besser hinzusehen, bevor es zu spät ist.

Es war schön und irgendwie aufregend, mit John zu schreiben. Eigentlich war er ein sehr netter Kerl, aber es dauerte nicht lange, da wurde mir alles zu merkwürdig. Ich war definitiv nicht von ihm abgeneigt, aber ich verstand sein Verhalten nach einer Weile nicht so wirklich. Auf der einen Seite hatte er Interesse an mir, betitelte mich als verdammt sexy, träumte erotische Träume und hätte unglaublich gerne Sex mit mir. Auf der anderen Seite faselte er was von seiner festen Freundin, er käme nie auf die Idee, mir Komplimente zu machen oder über Sex mit mir zu fantasieren. Versteh das einer!

Ganz ehrlich, am Anfang war es echt schön. So schön, dass ich fürchtete, mich verliebt zu haben, aber dieses Hin und Her ging mir mächtig auf den Keks! Und so ging es über ein paar Monate hinweg weiter.

Glücklicherweise habe ich Coby, der, der immer einen perfekten Rat hat. Und er riet mir eindeutig, mich von diesem Mann fernzuhalten. Selbst wenn er sexuelles Interesse an mir hätte und sich eine feste Beziehung daraus bilden würde, käme irgendwann der Tag, an dem er auch mich betrügen würde, so wie seine aktuelle Freundin. Und selbst wenn wir kein Paar wären, wäre ich bloß die Affäre, und genau das wollte ich schließlich nicht unbedingt sein.
Da hat Coby leider Gottes so was von recht mit! Also bemühte ich mich, meine eigene Gier zu verbergen, egal wie stark sie war. So schön es auch wäre, voller Lust Sex zu haben, lieber warte ich auf einen richtigen Mann, als auf einen wie John. Aber Hey, immerhin habe ich eine sehr ausgeprägte Libido! Das zeigte mir noch einmal, wie seit Henry so oft, dass mit mir durchaus alles in Ordnung war und ich bisher einfach nur die falschen Männer für Intimitäten auswählte.

Ja ja… Die falschen Männer… Ich denke, so manche von euch kennen das auch, einfach den falschen Partner erwischt zu haben und dann hin und wieder zu denken, dass man selbst falsch ist, obwohl es definitiv der Partner ist.

Und Mann! Mit mir war alles in bester Ordnung! Scheiße, ich träumte von einem ziemlich heißen Influencer… Was da in mich gefahren war, kann ich euch nicht erklären. Ich weiß nur, es war geil! Und das, obwohl auch er überhaupt nicht meinem Typ entsprach.

 

 

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