Ich muss mich übrigens doch mal korrigieren:
Ich bekam tatsächlich schon mal etwas geschenkt, ohne dass Gegenleistung erwartet wurde!
Als ich bei Maria wohnte, war gerade Weihnachtszeit.
Natürlich versuchte ich, so viele Geschenke wie möglich zu besorgen, aber mein Budget war begrenzt, auch wenn ich meinen Lohn komplett für mich alleine hatte, weil ich keinen Cent abgeben musste. Ehrlich gesagt, erwartete ich keinerlei Geschenke von irgendwem. Ja, ich war vielleicht die fünfte Tochter der Familie, aber das hieß nicht, dass ich beschenkt wurde. Und wenn ich etwas bekäme, dann nur winzige Kleinigkeiten. Ein Stofftier vielleicht, oder eine zwei Euro teure Handyhülle, so etwas halt.
Nie hätte ich erwartet, dass man mir sogar ziemlich teure und auch sinnvolle Dinge schenkte. Als ich die Geschenke öffnete, fühlte ich mich sofort total schlecht. Zum einen, weil man viel zu viel Geld für mich ausgab, zum anderen, weil meine Geschenke im Gegensatz dazu wirklich mickrig waren. Ehrlich, mich plagte sofort ein heftig schlechtes Gewissen… Allein das Parfüm kostete mal eben hundert Euro!
Und wisst ihr was? Sie meckerten sogar mit mir, warum ich Geld für sie ausgab! Was sie aber nicht wussten, ist, dass ich natürlich Geschenke besorgte, um auch meine Dankbarkeit auszudrücken, weil ich diese Worte nie über die Lippen bekam. Und da wären wir wieder, dass ich einfach nur furchtbar schlecht darin bin, irgendwem meine Gefühle zu zeigen…
Ich kann mir auch gut vorstellen, dass man mich für undankbar hielt, weil ich dort für nichts wohnen konnte, mich um keinen Einkauf kümmern musste, nicht putzen musste, keine Verpflichtung hatte und mich dann nicht einmal vernünftig bedankte.
Meine einzige Reaktion bei Dankbarkeit, die von ganzem Herzen kommt, ist Unterwürfigkeit. Wie bereits mal erwähnt, verhalte ich mich dann einfach wie ein kleines Lämmchen. Für mich ist es einfach unglaublich schwer, vernünftig Danke zu sagen, keine Ahnung warum. Vielleicht einfach, weil ich nie irgendetwas von irgendjemandem erwartete oder keinerlei Hilfe annehmen will oder darum bitte, egal in welcher Form.
Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein abscheulicher Mensch.
Und nach meinem Auszug konnte ich mir ziemlich sicher sein, dass man mich für einen schlechten Menschen hielt. Na ja, was soll’s… Ich kann es nicht mehr ändern. Vielleicht liest Maria sich ja hier heraus und kann mich ein kleines bisschen besser verstehen, so im Nachhinein, auch wenn manches Handeln von mir unverzeihlich war.

Ihr erinnert euch, dass mir etwas Außergewöhnliches widerfahren ist, nachdem ich Henry auf Instagram vollgebrabbelt hatte?
Viele von euch würden es vielleicht nicht als außergewöhnlich bezeichnen, aber für mich war es das, definitiv.
Wieder einmal öffnete ich mich mehr, als je zuvor. Ich hatte keinerlei Hemmungen oder gar Schamgefühl bei dem, was ich ihm alles schrieb. Ja, ich achtete ein wenig darauf, was genau ich schrieb, um nicht ganz so asozial herüberzukommen, blieb dennoch aufrichtig und mir selbst treu.
Asozial verhalte ich mich nur, wenn ich mein Gegenüber abgrundtief verabscheue und ihm alles Leid der Welt wünsche. Ansonsten bin ich eigentlich immer sehr lieb und nett und necke gerne die Menschen, die ich gern habe, mit schwarzen Humor-Witzen.
Ehrlich, dieser Typ hat eine Seite aus mir hervorgebracht, die ich nie so offenbaren wollte. Dass ich hochsensibel bin, wusste ich schon immer, aber fast immer schluckte ich einfach alle Gefühle runter, anstatt sie mal zu zeigen. Außer natürlich meine Wut, die ließ ich jeden spüren. Aber mal zeigen, dass ich für einen Moment so richtig glücklich war? Niemals!
Zu zeigen, wenn ich wirklich traurig war oder mal vor jemand anderem zu heulen? Niemals!
Sagen, anstatt zu zeigen, dass ich dankbar bin? Niemals!
Fotos ohne jegliche Filter? Niemals!
Random Fotos? Nieeemals!
Sprachmemos bei WhatsApp machen? Niemals! Viel zu sehr habe ich mich immer für meine Stimme geschämt! Was das mit Henry zu tun hat? Ha ha, lustige Geschichte. Es gab mal ein paar Lieder, die ich wegen ihm rauf und runter hörte und dazu lauthals mitsang. Irgendwann überkam mich der Drang, meiner Freundin Nicki auch mal etwas vorzusingen, weil ich der Meinung war, so schlecht höre ich mich gar nicht an! Keine Ahnung, ob es wirklich gut war, aber ich fühlte mich gut!
Serien und Filme auf Englisch gucken? Niemals!
Liebesbriefe schreiben? Niemals! Das tat ich ein einziges Mal in der Jugend, und danach kam mir so etwas Romantisches, Kitschiges nie wieder in den Sinn, weil ich dafür von allen ausgelacht wurde.
Einfach mal offen über meine Gefühle sprechen? Nie-nie-niemals!
Mal Dinge wagen, die mir im Traum nicht einfielen? Niemals!
Meinen Lebensstil komplett umkrempeln, obwohl ich eigentlich bloß sterben wollte? Hätte ich niemals für irgendjemanden getan!
Den Mumm haben, wirklich mal etwas drastisch zu verändern? Niemals!

Ich könnte euch einen Haufen solcher Dinge nennen, die er veränderte. Und alles in allem ist das doch ziemlich außergewöhnlich. Sag niemals nie!

Außerdem fand ich durch ihn auch den Mut, mal mit anderen Influencern zu interagieren.
Eigentlich war ich immer zu feige, irgendetwas zu liken, zu kommentieren oder gar eine Nachricht zu schreiben. Ich fürchtete mich stets davor, abgewiesen zu werden, für dumm gehalten zu werden, als hässlich betitelt zu werden oder dass man mich einfach hasste, für alles, was ich tat.
Seit Henry wurde ich überhaupt erst richtig aktiv auf Instagram, was eine ganz andere Welt ist. Ich postete nicht nur regelmäßig Fotos oder Storys, sondern schrieb auch regelmäßig mit großen Influencern hin und her, was mich sehr stolz machte. Irgendwie hatte ich zwischendurch das Gefühl, dass ich etwas Besonderes war, weil mir tatsächlich so viele antworteten. Und das, obwohl sie täglich eine Million solcher Nachrichten bekamen. Ja, eigentlich ist das nichts Außergewöhnliches, aber ich fühlte mich dadurch irgendwie ein kleines bisschen interessanter. Selbst mein Chef war verwundert, als ich ihm sagte, ich hätte mich mit der einen unterhalten, weil ich ihr Buch empfahl. Also, dass ich mit ihr hin und her schrieb, beeindruckte meinen Chef. Aber eigentlich sollte ich mir nichts auf solche Nachrichten mit den Influencern einbilden. Manche bekommen eine Antwort, manche eben nicht. Man ist eigentlich nichts Besonderes, nur weil so eine Person zurückschreibt. Trotzdem fühlte ich mich gut, was ich mir auch nicht nehmen ließ.

Manchmal träumte ich auch ein wenig davon, selbst mal so berühmt zu sein, und andere genau das Gleiche dachten, wenn ich ihnen antwortete. Aber ob es jemals so weit kam, blieb eine Sache des Schicksals.

Mein Plan, mal auf eine Gala oder ein anderes großes Event mitzugehen, mit meinem Chef, ließ sich nie umsetzen. Keine Ahnung, warum er mich dann doch nicht mitnahm, obwohl er es mir anbot. Ich war von uns drei Mitarbeiterinnen die Einzige, die sich tatsächlich für solche Events interessierte und alles darüber nachfragte. Ich wäre wirklich sehr gerne mit auf Events gegangen, selbst wenn ich nur Getränke eingeschenkt hätte. Ich wollte einmal dieses Feeling haben und an so etwas teilnehmen.
Durch meine offene, herzliche Art hätte ich vielleicht sogar Kontakte knüpfen können, die mir im Laufe der Zeit vielleicht sogar etwas gebracht hätten.
Man, es ärgerte mich so sehr, dass ich nie dabei sein durfte… An so einem Tag hätte ich vor Selbstbewusstsein nur so gesprüht. Im Inneren wäre ich zwar verzweifelt und total ängstlich, ob ich gut genug wäre, schön genug, höflich genug und so weiter, aber nach außen hin hätte ich mir rein gar nichts anmerken lassen. Das ist eines meiner Talente: Die wahren Gefühle zu verbergen.

Und wo wir schon mal beim Thema „ich bin nicht gut genug“ sind:

Ich fühlte mich niemals für irgendetwas oder jemanden gut genug.

Ich bin eine schlechte Mutter, eine schlechte Tochter, eine schlechte Freundin, eine schlechte Arbeitnehmerin, ein schlechter Nachbar, eine schlechte Möchtegernautorin, ein schlechtes Vorbild und generell ein schlechter Mensch. Zumindest fühle ich mich immer so. Immer rede ich mich schlechter, als ich eigentlich bin.

Ich habe oft das Gefühl, dass ich eine fürchterlich schlechte Mutter bin, weil ich nur so wenig arbeite, viel zu wenig Geld verdiene, Teddy nicht alles, wie geplant, beibringen kann, weil ich so ungeduldig bin, und einfach ein sehr schlechtes Vorbild bin. Doch was bei anderen ankommt ist, dass ich eine unglaublich tolle und liebevolle Mutter bin. Das höre ich immer wieder, aber kann es selbst nie so wirklich glauben.

Meine Eltern brauche ich gar nicht fragen, ob ich eine gute Tochter bin, denn das war ich nie. Zu viel ist geschehen, was keine der Seiten rückgängig machen kann.

Ich bin eine schlechte Freundin, weil ich oft das Gefühl habe, ich rede zu viel von mir selbst, anstatt mich um die Gefühle anderer zu kümmern und für sie da zu sein, in schlechten, sowie guten Momenten. Auch hier höre ich das Gegenteil, aber kann es einfach nicht wahrhaben. Besonders nicht dann, wenn ich einen kleinen Abfuck habe und mich seelisch zurückziehe.

Ich bin eine schlechte Arbeitnehmerin, weil ich gerne für Ordnung sorge und dadurch häufig Krieg auslöse. Ich fühle mich immer so, als würde ich nicht genug geben, um meine Arbeit vernünftig zu erledigen, auch wenn etwas anderes behauptet wird.
Auch von Kunden hörte ich unglaublich oft, was für einen super Job ich doch mache und ich locker flockig selbst so einen Laden führen könnte.
Ich mache und tue und gebe alles, aber dennoch habe ich nie das Gefühl, dass es genug ist.

Ich bin ein furchtbarer Nachbar.
Wenn ich einen Gefühlsausbruch habe, drehe ich die Musik so laut auf, wie es nur geht und da interessiert es mich nicht, ob ich andere damit störe. Wenigstens achte ich auf die Uhrzeit. Eigentlich höre ich nur tagsüber laut Musik, zu anderen Zeiten geht es wegen Ean und Teddy nicht.
Und andere Menschen schenken ihren Nachbarn Kleinigkeiten zu speziellen Feiertagen oder gehen einfach mal rüber zum Kaffeeklatsch. Sie unterhalten sich auf dem Flur, treffen sich auf dem Spielplatz, oder oder. Ich hingegen wünsche mir zwar mal Nachbarn als Freunde, aber habe auch einfach keinen Bock darauf, mich mit irgendwem zu unterhalten.
Ich gehe auch immer davon aus, dass man mich für asozial hält, in allen möglichen Richtungen. Dabei bin ich doch eigentlich eine ganz Liebe. Ich konnte mich auch nie wirklich mit den anderen Familien der Nachbarschaft austauschen. Da war ich dann einfach zu verschlossen, um mich auf irgendetwas einzulassen. Vielleicht war es aber auch, weil wir eh nie lange an einem Ort wohnten und ich keine Lust darauf hatte, wieder enttäuscht zu werden, weil man nach dem Umzug keinen Kontakt mehr hielt.
Ehrlich… Ich ertrage es einfach nicht mehr immer wieder Menschen zu verlieren, sobald man sich näher kam. Da bleibe ich doch lieber alleine.

Ich fühlte mich auch nie gut genug, wenn ich meine Geschichten schrieb. Ich hörte zwar immer und immer wieder, wie toll ich alles beschreiben und erzählen konnte, wie super man sich in jede Situation hineinversetzen konnte, was für eine unglaublich schöne Fantasie ich hatte und so weiter. Aber ich selbst war nie davon überzeugt, tatsächlich so gut zu sein, wie andere es behaupteten.
Im Ernst, wenn ich meine Kurzgeschichten von damals durchlas, hatte ich beinahe Fremdscham. Immer wenn ich irgendwelche Bücher las, war ich begeistert davon, was für einen unglaublichen Wortschatz manche haben. Und dann kam ich, die ihre Wörter immer und immer wieder wiederholte, als könnte sie nur tausend Worte.
Aber wenn ich schrieb, schrieb ich so, wie ich sprechen würde. So kam es für mich deutlich natürlicher rüber. Ich könnte durchaus so schreiben, wie Shakespeare, aber das wollte ich irgendwie nicht. Das war nicht ich.

Und ein schlechtes Vorbild bin ich, weil ich eben eins bin, meiner Meinung nach.
Andere würden auch hier wieder das Gegenteil behaupten.
Ich erzähle und motiviere zwar andere mit manchen Worten, aber bin selbst nie so überzeugt davon, wie ich es behaupte. Ich bin ein schlechtes Vorbild, weil ich in meinem Leben bisher noch nichts wirklich erreicht habe.
Ja, schön, ich habe eine abgeschlossene Ausbildung, hurra, und ich habe ein glückliches kleines Kind, juhu, aber was daran ist vorbildlich? Ich habe die Ausbildung nur gemacht, weil man mich von allen Seiten dazu drängte, nicht weil ich es wollte. Ich bekam ein Kind, als ich arbeitslos war, in einem neuen Bundesland und keinerlei Kontakte besaß zu irgendwem. Und während der Schwangerschaft wurde mir schon bewusst, dass wir keine kleine, heile Familie sein konnten, weil ich so belogen wurde, was mich tief verletzte und mein Vertrauen auslöschte. Dann bekam ich zwar einen Job, aber auch nur für den Mindestlohn. Was daran ist vorbildlich?
Auch entschied ich mich für das Leben, anstatt zu sterben, nur weil ich schön träumte, ja. Aber wie genau ich viele Kilos abnahm, meine Panikanfälle unter Kontrolle bekam, Ean belog, und so weiter, was war
daran vorbildlich?
Viele sahen nur die guten Seiten, weil ich die häufiger erwähnte, als das Schlechte. Aber meiner Meinung nach war daran rein gar nichts vorbildlich. Höchstens, wie ich mich jederzeit wieder selbst motivierte, egal wie schlecht die Situation war.
Aber so ganz ehrlich war ich da nicht. In 2022 hatte ich mehrfach das Bedürfnis, mir einfach mal eine Überdosis zu gönnen, damit das ganze Leid vorüber war. Ich war ja schließlich für niemanden oder irgendetwas gut genug. Ja, ich hatte zwar Träume und Ziele, denen ich zum ersten Mal wirklich nachging, aber wie wahrscheinlich war es, dass sie in Erfüllung gingen? Eigentlich eher ziemlich gering.
Die magische Zutat ist da einfach nur, Vertrauen in sich selbst zu haben, welches mir nach wie vor viel zu oft fehlte.
Oft genug setzte ich mir selbst einen Schlussstrich, all meine Träume einfach aufzugeben, weil sie eh unerreichbar waren, für jemanden wie mich. Eine, die ihr Leben immer noch nicht auf die Reihe bekam, aber große Träume hatte.
Ich versuchte wirklich, mich immer wieder selbst zu motivieren und mir einzureden, dass auch ich irgendwann einmal ein schönes Ende bekäme, aber einfach war es nicht. Vieles zog mich immer wieder erneut in die Dunkelheit und es kostete mich wahnsinnig viel Kraft, da wieder herauszukommen. Irgendwann werde ich vielleicht keine Kraft mehr aufbringen können, solche Worte zu mir selbst zu sagen. Ich weiß halt einfach nicht, ob es sich tatsächlich lohnen würde. Ich klammere mich mit aller Macht an die guten Dinge und meine Träume, um herauszufinden, ob ich das erreiche, was ich mir erträume.

Genug Mimimi.

Weihnachten 2022 war, wie immer, wie immer.
Mit Hängen und Würgen schafften wir es, zusätzliches Geld zu bekommen, um uns ein Weihnachtsfest zu zaubern.
Jetzt mal im Ernst, wir besaßen nichts Teures, außer den Fernseher. Alles, was teurer war als fünfzig Euro, mussten wir kurz danach wieder verkaufen, weil uns Geld fehlte. Das Einzige, was blieb, war der Fernseher.
Die P24? Gekauft, vier Monate genutzt und verkauft.
Ein voll geiles, ferngesteuertes Auto? Gekauft, zwei Monate benutzt und verkauft.
Ikea Malm Kommoden? Gekauft, halbes Jahr später verkauft.
Eans Kamera? Gekauft, ein Jahr später mit allem Zubehör verkauft. Und so weiter…
Immer wieder das Gleiche. Man kaufte sich etwas und konnte es nicht lange behalten, weil man in Geldnot geriet. Wann zur Hölle nahm das bloß ein Ende… Egal, wie man mit dem Geld umging, irgendetwas passierte immer, warum plötzlich ein Batzen davon fehlte und man es durch Verkaufen von Eigentum wieder irgendwie hereinholen musste. Das war doch nicht mehr normal… Ehrlich, ich hatte das starke Gefühl, dass es ausschließlich an mir lag. Es war wie ein Fluch.

Und dann noch der Fluch, dass ich nirgends länger als zwei Jahre wohnte.
Schon wieder waren wir intensiv auf der Suche nach einer neuen Wohnung, weil wir uns diese einfach nicht mehr leisten konnten. Und wieder hagelte es Ablehnungen, ohne Ende, egal bei was für einer Wohnung. Entweder lag es am Hund, am Kind oder an mir, weil ich nur in Teilzeit arbeitete und zusätzlich ein paar Euros vom Amt bekam.
Man… Alle Absagen waren pure Diskriminierung!
Dass man keinen Hund in der Wohnung haben will, kann ich hin und wieder ja noch verstehen. Als Grund dafür aber eine Allergie von einer anderen Partei zu nennen, jedoch nicht. Interessiert es irgendeinen aus der Nachbarschaft, wenn ich eine Allergie auf Staub habe? Nö. Keiner der Nachbarn würde das Treppenhaus oder die eigene Wohnung täglich fünf Mal von Staub befreien, nur damit ich keine Reaktion darauf bekam. Ist jetzt zwar ein beklopptes Beispiel, aber das ist für mich das gleiche!
Und abzulehnen, wegen eines Kindes. Sorry… Nein! Ja, klar, die Lautstärke ist dadurch ein wenig höher, die bei einem alten Ehepaar, aber deswegen abzulehnen? Es gibt durchaus Kinder, die nicht so laut sind und dazu gehörte auch Teddy. Er war wirklich ein super ruhiges kleines Kind. Wenn einer laut war, dann ich, durch meine Musik.
Und dann aufgrund meines Jobs abzulehnen, das verstand ich auch nicht. Ean verdiente doch ausreichend! Natürlich bewarben wir uns nur auf Wohnungen, die wir uns auch leisten konnten. Also, wo zur Hölle war das Problem?!
Ich verstehe die Welt bei so etwas einfach nicht… Vielleicht war meine Wortwahl auch einfach zu schlecht in meinen Nachrichten. Von einer Bekannten, die selbst auch vermietet, habe ich gesagt bekommen, was ein Vermieter hören will und das setzte ich auch immer um.
Nichts, gar nichts sprach je dagegen, dass wir die ausgewählten Wohnungen haben konnten. Trotzdem wurden andere bevorzugt. Wir mussten aber dringend aus dieser Wohnung raus. Es war so wahnsinnig viel Geld, was uns abgezockt wurde. Wow!
Die hohe Nachzahlung hätte auch davon kommen können, dass wir kaum Türen besaßen, für die einzelnen Räume. Somit heizten wir quasi auch das Treppenhaus mit. Wir besorgten uns mal ein Thermoether, womit wir die Räume mal prüften, wie warm es an welcher Stelle war. Die Heizungen hatten jeweils sechzig Grad, etwa zwanzig Zentimeter darüber, die Fenster, hatten nur fünfzehn Grad. Die Ecken der Zimmer hatten höchstens siebzehn Grad. Der Boden nicht einmal fünfzehn. Somit war meine Frage geklärt, warum jeder Raum sehr kühl war, obwohl die Heizungen überall auf volle Pulle liefen. Aber ändern konnten wir es auch nicht, weil wir keine Türen hatten.
Zu unserem Einzug versprach die Vermieterin, dass sie welche besorgen würde, was sie aber nie tat. Irgendwann kam ihre Bitte, dass wir sie kaufen und ihr die Rechnung einreichen sollten, sie würde es uns erstatten. Gott sei Dank taten wir das nie. Zum einen, weil eine Tür rund dreihundert Euro kostete, zum anderen, weil sie ihre Versprechen eh nie einhielt und wir das Geld für die Türen nie gesehen hätten.
Die nächste Nachzahlung würde auch definitiv heftig werden, wenn wir nicht bald eine neue Wohnung fanden.

Vorerst wollten wir aber erst mal wenigstens ein angenehmes Weihnachtsfest haben. Wenigstens ein mal im Jahr das Gefühl haben, normal sein zu können.

Für Ean wusste ich nie so genau, was ich ihm schenken könnte.
Seine Wünsche waren immer sehr teuer. Er wünschte sich ein Schwert, eine neue Kamera, einen bomben Drucker und so weiter. Dinge, die mal eben über zweihundert Euro kosteten. Diese Wünsche konnte ich ihm einfach nicht erfüllen. Zum einen kenne ich mich mit diesen Dingen nicht aus und wüsste nicht, ob das nun das Richtige ist, und zum anderen ist so etwas schlichtweg zu teuer und passt absolut nicht in mein Budget. Wie gesagt, Sparen war nicht so mein Ding! Letztendlich kaufte ich Kleinigkeiten oder das, wovon ich der Meinung war, er brauchte es. Unterhosen, Socken, Pullover und so weiter. Einfallslos, aber er brauchte es. Vielleicht kannte ich ihn auch einfach nicht gut genug.

Für Teddy war das Geschenke shoppen immer relativ leicht. Eigentlich brauchte er auch nicht viel. Manchmal war ihm ein Schokoriegel mehr wert als ein sprechender Dinosaurier. Für ihn stöberte ich immer viel bei Ebay-Kleinanzeigen herum, bei Amazon oder halt direkt im Laden. Manchmal suchte er sich dort auch einfach ein paar Dinge aus, und wir besorgten sie, sobald er nicht dabei war. Also, Teddy war da echt super leicht. Kinder sind schnell zu begeistern! Aber natürlich gab es auch sinnvolle Dinge wie ein Buch oder etwas zum Lernen. Wichtig war nur, dass alles auch Spaß machte.

Ich selbst wusste nie so genau, was ich mir wünschte. Keine Ahnung… Eigentlich war ich schon glücklich, wenn ich eine neue Plüschdecke bekam oder neue Bezüge für meine Decke und Kopfkissen. Aber, nicht irgendwelche Bezüge, nein. Es musste flauschig sein! Also, nichts mit Baumwolle oder so, das war viel zu kratzig und kühl! Es gibt jedes Jahr in dem Supermarkt Kaufland plüschige beziehungsweise flauschige Bettwäsche. Und jedes Jahr wünschte ich mir neue, da die alte entweder kaputt war oder langweilig wurde, auf Dauer.

Ich habe übrigens nur ein einziges Bettwäscheset. Ich wasche es zweimal pro Woche, früh morgens, und beziehe es am Abend wieder drauf. Ich schlafe in der Regel auch mit drei Decken. Zwei Plüschdecken und eine normale dazwischen. Zusätzlich habe ich fünf Kissen im Bett. Drei plüschige, dann noch ein Kopfkissen und ein Stillkissen. Ja, ich schlafe mit einem Stillkissen, weil es einfach eine geile Erfindung ist! Mir doch egal, was ihr davon haltet! Hihi. Die vielen Kissen sind nicht unbedingt dazu da, um alles voll und bequem zu haben, sondern in erster Linie dienen sie dazu, wenn ich im Sitzen schlafen muss, damit es nicht ganz so unbequem ist. Es kommt auch heute noch durchaus vor, dass ich vor lauter Sodbrennen oder Schmerzen im Sitzen schlafen muss.

Bis 2021 habe ich drei Jahre lang nur noch im Sitzen geschlafen, was mir natürlich auch super Rückenschmerzen verpasste, aber es war nicht anders möglich. Zu sehr stieg ständig die Magensäure auf, und dadurch bekam ich Übelkeit und Schmerzen. Wer starkes Sodbrennen kennt, weiß ganz genau, wie unangenehm das sein kann. Und ja, ich versuchte mit allen Mitteln das Sodbrennen zu lindern, aber nichts half tatsächlich. Das ständige Sodbrennen war einfach auf meinen Zwerchfellbruch zurückzuführen. Und natürlich meine beschissene Ernährung damals!

Als ich dann mein Lebensstil veränderte, wurde auch das besser. Gott, es war so was von geil, endlich im Liegen zu schlafen! Und das auch noch auf der rechten Körperhälfte, was vorher Ewigkeiten nicht möglich war!
Und wieder, es sind die kleinen Dinge, die einen furchtbar glücklich machen konnten!

Jedenfalls… Andere Wünsche hatte ich eigentlich nicht. Ich wusste selbst nicht so genau, welche. Denn bis dahin hatte ich nie wirkliche Ziele oder konkrete Wünsche, wie zum Beispiel in ein bestimmtes Restaurant gehen, bestimmte Kleidungsstücke oder oder.
Ich war viel zu unzufrieden mit mir selbst und hatte keine Ahnung davon, was ich wollte.
Ean machte mir zu meinem Geburtstag 2021 einmal eine super große Freude, indem er Karten für Schwanensee kaufte. Wow, ich liebte Ballett! Ich fühlte jeden einzelnen Schritt, jeden einzelnen Ton, der durch die Lautsprecher drang, jede Mimik und Gestik mit. Ich selbst hatte nie die Möglichkeit Ballett zu tanzen, aber ich liebte es unglaublich!
Als dann das ersehnte Datum kam, ging es Ean morgens ganz mies. Er übergab sich mehrfach, aber ein Virus schien es nicht gewesen zu sein. Geplant war eigentlich, dass seine Mutter Teddy hütete und wir den besonderen, teuren Ausflug genießen konnten. Als Ean sich dann aber mehrfach übergab und ich nebenbei noch ultra krasse Panik schob, sah ich den Ausflug als geplatzt an. Häufig betonte ich, dass ich dann seiner Mutter absagen würde, wenn es ihm so schlecht ging. Er war aber absolut dagegen und ging sogar noch seine zwölf Stunden arbeiten.

Die Aufführung war sehr schön, aber ich sorgte mich mehr um Ean und meine dazugehörige Panik, als es wirklich zu genießen.
In der Pause ging ich einmal durch den kleinen Verkaufsstand im Nebenraum. Da sah ich eine wunderschöne Kette, die ich mir sehr gerne kaufen wollte. Doch Ean hatte das Geld, und somit musste ich ihn erst fragen, was mich tierisch ankotzte. Ich will niemanden um Geld fragen, nur damit ich mir etwas kaufen konnte, das war einfach nur furchtbar! Aber zu dem Zeitpunkt war ich arbeitslos und hatte selbst keinen Cent in der Tasche. Glücklicherweise erlaubte er mir, die Kette zu kaufen, was mich super glücklich machte. Ein klitzekleines Andenken an diese Ballettvorstellung.

Aber immer noch hatte ich ansonsten keine besonderen Wünsche. Das machte es Ean eigentlich auch sehr schwer, mir irgendetwas zu schenken. Ich sprach aber auch nie so wirklich über meine Wünsche. Ja, ich wünschte mir die Klassiker, aber keiner konnte mir so etwas schenken.
Diese Wünsche entstanden durch reine Unzufriedenheit.

Kennt ihr das, wenn ihr mit absolut allem unzufrieden seid? Mit wirklich allem?

Vielleicht kommt meine schlechte Laune über die Feiertage aber auch ganz einfach nur durch eigene Unzufriedenheit!

Es gibt ziemlich viele Momente, in denen ich voll und ganz unzufrieden mit mir selbst bin. Mit meinem Aussehen, meiner Denkweise, meiner Umgebung, meinem Handeln, also wirklich mit allem. Das sind dann die Tage, in denen ich mich selbst nicht ausstehen kann. Und wenn mich all das so richtig krass ankotzt, komme ich irgendwann an einen Punkt, an dem ich meine Bude auf den Kopf stelle und alles verändern will.
Oder ich kriege einfach das ultimative Bedürfnis, mein Aussehen zu verändern, vor lauter Frust. Sei es durch einen anderen Haarschnitt, eine andere Farbe oder ein Gang ins Solarium oder ein komplett neuer Kleiderschrank.

Wenn ich dann die ganze Wohnung auf den Kopf stelle, schmeiße ich alles weg, was länger als zwei Monate nicht verwendet wurde, oder einfach nur für den Notfall aufgehoben wurde, oder mir gerade einfach absolut nicht unter die Nase passt, weil ich für dieses Kleidungsstück weder Verwendung habe, noch jemals wieder darein passen würde.
Im Ernst, in diesem Augenblick ist nichts mehr vor mir sicher. Weder Teddy’s Zeug noch Ean’s.
Ich nehme mir dann mehrere große Müllsäcke und schmeiße hinein, was mir gerade einfach nicht gefällt. Glaubt mir, viele Gegenstände von Ean mussten bereits in den Müll wandern. Aber nicht unbedingt, weil ich gerade einen Unzufriedenheitsausbruch hatte, sondern weil er sonst zu einem Messie wurde. Hin und wieder nahm er es mir übel, aber gab mir dann doch irgendwie Recht, dass es unnötig war, es aufzubewahren.

Ihr kennt doch alle diese eine, spezielle Schublade, oder? Wo alles drinnen liegt, was eigentlich kein Mensch braucht. Unnötigen Kram halt. Nun, Ean hat keine Schublade, sondern ganze Schränke voll mit Zeug, was eigentlich total unnötig ist. Kabel kann ich ja noch verstehen, wenn er sie aufheben wollte. Irgendwann braucht man sie bestimmt noch mal!
Aber dann gibt es da so Kleinigkeiten, die für mich einfach nur Müll sind, und ich keinen Wert darauf lege, sie aufzuheben. Die Dinge, die man für kleines Geld ruckzuck nachkaufen könnte, sollte man es doch einmal benötigen.

Ich kenne häufig einfach keine Gnade und werfe alles weg!

Unterhosen, die völlig durchlöchert sind, braucht man nicht aufheben! Wozu? Für den Notfall? Bei welchem Notfall braucht man denn kaputte Unterhosen?! Okay, man könnte mal, falls nötig, eine Banditenmaske daraus zaubern. Aber irgendwie ist der Gedanke auch ekelhaft, eine gebrauchte Unterhose, selbst wenn sie sauber ist, auf dem Kopf zu tragen!

Aber ich muss gut reden… Mein Schrank sah eigentlich nie wirklich besser aus. Okay, zwar keine kaputten Unterhosen, aber haufenweise Stücke, die ich eigentlich nie anziehe, aber trotzdem behalte.

Welche Frau kennt es nicht…
Mindestens ein Stück im Schrank, hängt dort nur, weil es gut aussah, und nicht, weil man es tatsächlich tragen würde. Oder ein Stück, welches früher einmal gepasst hat und man sich danach sehnt, es irgendwann einmal wieder tragen zu können. Wenn man denn endlich mal diszipliniert genug war, um die Figur zu verändern!

Und dann dieses eine Stück, welches für Aufräumattacken, Entrümpelung, Streichen, oder, oder vorhanden ist. Eines, welches von oben bis unten dreckig werden darf, und es egal ist, wenn die Flecken beim Waschen nicht wieder herausgehen! Und natürlich noch die Kleidungsstücke, die vorhanden sind, damit man sie eventuell, vielleicht, aber nur vielleicht, irgendwann einmal wieder anziehen würde. Im passenden Moment, zu einem bestimmten Anlass.
Und so weiter… Jeder kennt das!

Eigentlich besitze ich circa fünfundzwanzig Pullover. Und wie viele davon ziehe ich tatsächlich an? Vielleicht vier! Alle anderen hängen nur zum Schein da, damit die Stange nicht so leer aussieht. Oder wenn ich eventuell doch mal eine kleine Abwechslung brauche.
Eigentlich finde ich neunzig Prozent meiner Pullover alle scheußlich. Entweder gefällt mir der Schnitt nicht, oder der Stoff, oder ich kaufte doch mal etwas mit Aufdruck, was mir in dieser Sekunde gefiel. Und da ich eh so streng bin mit Farbkombinationen, habe ich meistens eh keine Möglichkeit, diese Pullover irgendwann mal anzuziehen, weil ich einfach keine passende Hose oder Schuhe dazu besitze. Manchmal liegt es auch an einer Jacke, die einfach nicht zum Rest des Outfits passt.

Ich trage grundsätzlich nur weiße Schuhe. Ich wasche sie auch regelmäßig in der Waschmaschine, damit sie wieder schön weiß werden. Aber irgendwann vergilben oder vergrauen sie. Ganz normal… Und das kotzt mich tierisch an!
Ich bin beim Schuhkauf extrem eigen und werde da schnell wütend.
Es darf nicht Creme-weiß sein, nicht Grau-weiß, sondern muss definitiv Schnee-weiß sein! Ohne Wenn und Aber! Und wehe, da ist auch nur irgendein Schmuckstück dran, ein Aufdruck oder irgendein andersfarbiges Detail!
Tja, und dann finde mal einen dazu passenden Schnee-weißen Pullover… So gut wie unmöglich! Entweder hat alles einen Hauch von Grau oder Creme mit drinnen. Und wenn ich dann doch mal einen finde, sind meine Schuhe bereits nicht mehr in dem perfekten Schnee-weiß. Und das regt mich tierisch auf.
Im Ernst… Ich hab da einen heftigen Tick!

Und viel wichtiger bei der Schuhauswahl ist, dass ich immer Plateau brauche. Eigentlich bräuchte ich Schuheinlagen, aber bin viel zu faul, um einen Arzt dazu aufzusuchen. Und ich wäre auch viel zu geizig, wenn ich erst mal sehe, was solche Einlagen kosten. Da ich mit den Hacken relativ stark nach innen laufe, sind flache Schuhe super schnell durchgelatscht. Also kaufe ich Plateau-Schuhe, damit sie länger als zwei Monate halten. Ach ja, und weil ich meine Beine damit deutlich schöner finde. Sie wirken länger, nicht so mollig, und grundsätzlich fühle ich mich damit einfach viel wohler.

Also… Am allerliebsten trage ich einen Weiß, Weiß, Weiß, zusammen mit einer farbigen Hose.
Und dann hätten wir da noch das Problemchen, dass die Pullover heutzutage von so unglaublich schlechter Qualität sind, dass sie super schnell ein Waschpilling bekommen. Die kleinen Faserknoten oder auch Kügelchen, die sich auf der Oberfläche nach mehrmaligem Waschen auf Textilien der Kleidung bilden.
Ich hasse es! Liegt das an der Billigware? Sollten hundert Euro Pullover auch so enden, bleibe ich lieber bei dem Billigzeugs!

Ich bin in Thema Kleidung wahnsinnig speziell… Und selten kriege ich das, wonach ich suche.
Dinge, die eigentlich nicht meinem Geschmack entsprechen, sind meistens Frustkäufe. Ein Frustkauf, den ich impulsiv und spontan mache, als Reaktion auf negative Emotionen, Ärger, Stress oder Langeweile. In dem Moment neige ich einfach dazu, etwas zu kaufen, um mich vorübergehend besser zu fühlen.

Du bist auf der Suche nach etwas ganz Besonderem, du hast eine ganz klare Vorstellung davon, wie es aussehen soll, aber wirst auch im zwanzigsten Laden einfach nicht fündig! Und dann kaufst du ein Stück, welches dir aus dem dritten Laden relativ gefallen hat, aus Frust. Einfach nur, damit du nicht mit leeren Händen wieder nach Hause gehst.
Puhh…. Ich hatte eigentlich echt häufig solche Frustkäufe.

Damals, ich weiß nicht mehr wann genau, schenkte mein Bruder meiner Mutter zwei Karten für das Russische Staatsballett. Ich drängte mich meiner Mama auf, weil ich unbedingt dieses Ballett sehen wollte. Wenigstens einmal! Ich fand Ballett schon immer sehr interessant, auch wenn das garantiert ein echt super anstrengender Job war.

Irgendwie wollte ich auch einfach mitgehen, weil ich wenigstens einmal zu der höheren Schicht gehören wollte, denn nicht jeder konnte sich eine Ballettvorstellung leisten!
Jedenfalls war ich dann auf der Suche nach einem perfekten Outfit. Schön, aber nicht zu schön. Elegant genug, um für die gehobenere Klasse normal zu wirken, weil Ballett überwiegend etwas für reiche Menschen war, aber nicht zu schön, weil das einfach nicht ich bin.

Im Kopf hatte ich eine klare Vorstellung, wie ich aussehen wollte und machte mich dann auf die Suche, um diese Vorstellung Realität werden zu lassen.
Mein Gott, ich bin fast ausgerastet, weil einfach kein einziger Laden das bot, was ich mir wünschte. Ich wollte ein langes, weißes, A-Linien Hemd, dazu eine warme Strumpfhose, elegante Hackenstiefel, und einen schönen Mantel. Aber keiner, wirklich niemand, bot irgendetwas in dieser Art an.

Ich ging in drei Einkaufszentren, und in die Innenstadt, um irgendetwas in dieser Richtung zu finden, aber fand rein gar nichts! Irgendwann war ich so verzweifelt, dass ich dann zu einem Hemd griff, welches ein ganz, ganz bisschen meinem Wunsch entsprach. Es war weiß, relativ lang, aber es war keine A-Linie und vor allem war es durchsichtig. Sorry, aber werde ich nie verstehen, warum man durchsichtige Kleider anbietet… Und dann war dieser Stoff so etwas von schlecht, das Kleid klebte einfach nur an mir, anstatt schön zu fallen.
Stiefel nahm ich am Ende irgendwelche mit, die mir eigentlich zu hoch waren. Aber egal, Hauptsache Stiefel!
Die Strumpfhose war extrem unbequem und ich fühlte mich, wie damals in der Kindheit, wo die Nähte am Po einfach nur unangenehm zwickten.
Mein ausgewählter Mantel, war eigentlich echt schön! Er war in einer meiner Lieblingsfarben, Tannengrün. Das Problem war nur, dass ich ihn eine Nummer zu klein kaufen musste, weil es ihn nicht mehr in einer anderen Größe gab. Also musste ich frieren, weil keine Strickjacke mehr darunter passte. Na ja, egal, Hauptsache schön! War ja schließlich nur für diesen einen Abend!

Noch während der Ballettvorstellung bereute ich jeden einzelnen Kauf. Viel Geld, für nichts.
Ich fühlte mich total unwohl und überhaupt nicht schön. Wenigstens war der Saal dunkel! Und zusätzlich bekam ich dann während der Vorstellung auch noch einen Panikanfall. Gott, diese engen Sitze… Man konnte sich überhaupt nicht normal hinsetzen, weil sie einfach so klein und eng waren! Im Ernst, jeder, der mehr als siebzig Kilo drauf hatte, hätte dort keinen Platz gefunden!

Und dann so super viele Menschen… Und wir saßen ziemlich mittig, hoch oben, was das schnelle Fliehen unmöglich machte. Denn wenn ich raus musste, mussten alle anderen ebenfalls aufstehen. So verkniff ich mir also sogar meine fünfzehn Pipipausen, weil es mir unangenehm war, wenn alle wegen mir aufstehen mussten.

Insgesamt gab ich für dieses Outfit gute hundert Euro aus.
Das Hemd trug ich nie wieder und irgendwann warf ich es weg. Der Mantel ging kurz darauf kaputt, weil er einfach zu eng war. Die Schuhe trug ich nie wieder, aber behielt sie, falls ich doch mal dazu Lust hatte. Tja… Frustkäufe eben!

Auch in der Schwangerschaft hatte ich haufenweise solcher Frustkäufe. Da ich eh so verdammt unzufrieden war mit meinem Äußeren, zwang ich Ean häufig dazu, mit mir shoppen zu gehen. Meistens landeten wir im Kik.
Eigentlich fand ich Kik immer schrecklich. Die ganze Kleidung, die da angeboten wurde, war in meinen Augen einfach nur hässlich und der Stoff war furchtbar! Aber es war günstig, nicht weit entfernt, und das einzige, was mir mit meinem Übergewicht passte…

Da ich grundsätzlich alles potthässlich fand, nahm ich meistens nur etwas aus Frust mit. Einfach nur, um nicht mit leeren Händen zu gehen. Vielleicht würden mir die Kleidungsstücke ja doch irgendwann einmal gefallen.
Und: Besser haben, als brauchen!
Diese Einkäufe waren ausnahmslos alle absolut unnötig, aber dadurch fühlte ich mich wenigstens ein kleines bisschen besser als vorher.

Also, jetzt noch mal kurz zusammengefasst: Achtzig Prozent meines Kleiderschranks sind Frustkäufe!

Zurück zum Ausmisten.
Es tat mir unglaublich gut, alles Unnötige und Hässliche zu entfernen. In der Regel bekam ich diesen Ausmistenanfall, wenn ich arbeitslos war oder einfach nichts mit mir anzufangen wusste. Wenn ich ausmistete, fühlte ich mich gut, weil ich wenigstens darüber die volle Kontrolle haben konnte. Was in diesem Moment das einzige war, was ich unter meiner Kontrolle hatte.
Oder ich bekam so einen Anfall, wenn ich einen großen Plan hatte, der nicht aufging. Wie zum Beispiel beim ersten Brief an Henry. Also aus Verzweiflung.

Ich hatte so viele Wunschvorstellungen und Pläne, aber nichts davon ging in Erfüllung. Und vor lauter Frust musste ich die Wohnung verändern. Weil es mich so verflucht nervte!
Ich bekomme auch sehr oft die Lust darauf, einfach mal die Möbel anders zu stellen. Ich glaube in der Wohnung von 2022 habe ich fast vierzig Mal die Möbel anders gestellt, weil es mir einfach nicht mehr gefiel. Das Licht fiel doof, die Ecke für den Wäscheständer war zu eng, alles wirkte kleiner, der Fleck vom Sofa war aus dem Blickwinkel zu stark zu sehen, oder, oder… Ich fand immer einen Grund, alles anders hinzustellen! In jedem Zimmer!
Ich glaube, Teddy’s Zimmer musste am meisten darunter leiden. Sein Zimmer war echt winzig und hatte bloß eine kleine Kommode, ein Bett und ein bisschen Spielzeug. Aber egal wie ich etwas hinstellte, es gefiel mir höchstens einen Monat so. Der Schnitt vom Zimmer war auch einfach nur doof! Ein Teppich ließ zwar alles freundlicher und gemütlicher wirken, aber egal wie ich ihn hinlegte, er störte beim Putzen. Aiaiai… Meine Probleme…

Selbst Eans Zimmer litt ordentlich.
Ständig räumte ich dort herum, um es für mich und mein geputze einfacher zu machen. Und da er so ein Chaot war, war ich eh ständig am Aufräumen.

Ach ja, ich glaube, ich hatte es noch gar nicht erwähnt, dass Ean und ich schon seit der Schwangerschaft getrennt schliefen?
Super kurz erklärt: Zuerst, weil ich in der Schwangerschaft bis spät in die Nacht noch wach war, um ihn nicht zu stören. Dann wegen Teddy, der immer neben mir schlief, und dann, weil ich ihn einfach nicht mehr sehen und riechen konnte. Und das Schnarchen ging mir mächtig auf die Nerven! Später dann, weil ich nur noch Ekel empfand.

Und nun nochmal zurück zum eigentlichen Thema, der Unzufriedenheit während der Feiertage.

Ich war unzufrieden mit meinem Äußeren, weil ich immer noch nicht mein Ziel erreicht hatte.
Ich war unzufrieden mit meiner Kochkunst, weil ich es einfach nicht schaffte, die Soße zum Braten so zu kochen, wie sie bei meinen Eltern schmeckte.
Ich war unzufrieden mit meiner Kleidung, weil ich immer noch nicht vernünftige Pullover fand, die meine Lieblingsfarben im Winter hatten.
Ich war unzufrieden, dass ich nicht so schöne Geschenke für Ean und Teddy hatte, wie ich es gern gekauft hätte.
Ich war unzufrieden mit meinem Job, weil ich wenigstens gerne an Heiligabend frei gehabt hätte, um in Ruhe zu kochen.
Ich war unzufrieden mit meiner Familie, weil ich einfach nicht die gewünschte, sehnlichst erhoffte Aufmerksamkeit bekam.
Ich war unzufrieden mit Ean, weil er mit mir meckerte, weil ich von Michael Bublés Songs auf Eminem umstieg.
Ich war unzufrieden mit meinem Esstisch, der zwar zwei Meter lang, aber dennoch zu klein war, um das ganze Festmahl darauf zu stellen.
Ich war unzufrieden mit meiner Dekoration, weil ich so gern wie ein Amerikaner schmücken wollte.
Ich war unzufrieden, dass wir wieder einmal nur noch wenige Euros besaßen und noch eine Woche überleben mussten. Wenigstens konnten wir uns dieses Essen leisten, welches für drei Tage gedacht war!
Ich war unzufrieden, dass ich nur zwei Freunde hatte, die mir wunderschöne Feiertage wünschten und mir sagten, dass sie mich lieb haben.
Ich war unzufrieden, dass ich noch immer den zweiten Brief von Henry zuhause hatte, anstatt ihn endlich abzuschicken, oder mir einen besseren Plan dafür einfallen zu lassen.

Und so weiter… Ich war einfach mit allem unzufrieden!

Wie zur Hölle konnte ich all das endlich mal ändern… MAN!

Ich musste mich wirklich mal bemühen, das zu lieben, was ich bereits besaß, und viel mehr Geduld zu haben. Irgendwann erfüllen sich meine Wünsche schon… vielleicht.

So viel Mimimi!

 

 

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