Es kam der Tag, an dem ich erneut einen extremen Panikanfall erlebte, wie ich ihn lange nicht hatte.

TRIGGER-WARNUNG – SELBSTVERLETZUNG

Ihr müsst wissen, eine Zeit lang habe ich mich selbst verletzt, wenn solche Anfälle auftraten. Wie bereits erwähnt, können Schmerzen von einem Panikanfall ablenken. Ja, es ist nicht die feinste Art, aber nur so konnte ich ihn überstehen.
Früher verliefen diese Panikanfälle folgendermaßen:
Die Panik kam und stieg sehr schnell. Oft war ein bestimmter Auslöser ein Magen-Darm-Virus, der gerade im Kindergarten kursierte, was ziemlich häufig der Fall war. Ich hatte extreme Angst davor, dass sich jemand von uns ansteckte. Teddy schleppte diesen Virus mehrfach an, und ich stand ihm bis zur letzten Sekunde zur Seite, so sehr ich mich auch fürchtete. Ich kuschelte ihn, beruhigte ihn und war einfach nur für ihn da. Denn für wen ist so etwas schon angenehm!
Ein einziges Mal bat ich nachts um Hilfe, etwa gegen fünf Uhr morgens, nachdem Teddy bereits über sechs Stunden lang durchgehend erbrach. Ich brauchte wirklich einmal fünf Minuten für mich, weil, auch wenn es egoistisch klingt, es für mich genauso hart war. Er litt furchtbar, und trotz meiner panischen Angst blieb ich bei ihm und kümmerte mich um ihn. Doch irgendwann musste ich kurz fliehen…

Nach solchen Nächten bangte ich immer knapp zwei Wochen. Ich desinfizierte alles rund um die Uhr, damit sich ja keiner ansteckte. Denn wenn sich Ean anstecken würde, müsste ich noch mal eine Woche Panik oben drauf setzen. Auch desinfizierte ich meine Hände nach fast jedem Körperkontakt mit Teddy. Zumindest, wenn ich seinen Speichel berührte, also zum Beispiel beim Zähneputzen oder ihm die Windeln wechselte. Man kann sagen, dass ich in dieser Situation wirklich krankhaft unterwegs war. Aber mir war es lieber so, als dass ich mich ansteckte.

Ich habe mich zu der Zeit das letzte Mal vor sehr vielen Jahren übergeben, und ich fürchtete, dass ein erneutes Erbrechen mein Leben kosten könnte oder den Zwerchfellbruch stark verschlimmern würde. Zusätzlich fürchtete ich mich davor, dass ich, sollte ich mich übergeben, erneut wochenlang das Haus nicht verlassen könnte, vor lauter Angst. Die Angst, dass mir schwindelig wird, mir schwarz vor Augen wird, ich Herzrasen bekomme oder noch viel schlimmer, dass ich mich erneut übergeben würde, obwohl der Virus längst überstanden war. Also die Angst davor, mich so sehr hineinzusteigern, dass es tatsächlich zum Erbrechen kommt.
Und wenn es zu einem Panikanfall kam, war ich an die Toilette gefesselt, manchmal sogar über viele Stunden hinweg. Ich saß dort mit meinem Wackelpudding, ein paar Bananen, einem Schokoriegel, Coca Cola und einem Tee.
Der Wackelpudding, die Schokoriegel und die Coca Cola dienten mir als psychische Stütze.
Mal blöd erklärt: Wenn ich eines dieser Dinge aß oder trank und im Anschluss rülpste und eines davon schmeckte, wusste ich, dass es kein Virus war. Klingt komisch, ist aber so.
Die Banane und der Tee waren zur Linderung des Sodbrennens da, welches durch die süßen Dinge verursacht wurde. Also irgendwie ein kleiner Teufelskreis, den ich nur schwer loswurde…

Manchmal saß ich dann weinend dort, und wenn es extrem schlimm wurde und ich mir einbildete, dass ich jeden Moment spucken würde, schlug ich mir auf die Brust oder zerkratzte sie. Teilweise blutete ich auch danach oder hatte viele blaue Flecken. Aber wie gesagt, es half mir…
Oft genug waren Auslöser für die Panik, wenn mein Darm wieder verrückt spielte, weil ich zu viel Mist gegessen hatte, wie zum Beispiel Süßigkeiten. Immer wieder fand ich heraus, dass ich Glukose einfach nicht vertrug. Aber manchmal waren die Gelüste eben stärker. Danach machte ich häufig zuckerfreie Tage und was soll ich sagen, mein Darm lief danach wieder super!

TRIGGER-WARNUNG ENDE

Ich war unglaublich stolz darauf, dass ich das Selbstverletzen nicht mehr brauchte. Bis zu einem bestimmten Tag. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was genau der Grund für diesen heftigen Panikanfall war, aber er endete mit viel Schmerz und Tränen.
Von diesem Tag an beschloss ich, endlich nach einem Therapeuten Ausschau zu halten. Okay, nicht ich, sondern Ean, weil ich es einfach nicht schaffte. Aber immerhin stand ich endlich auf der Warteliste!

Meine Bewältigungsstrategien bezüglich solch intensiver Panikanfälle mögen für viele von euch äußerst merkwürdig klingen, aber fragt mal andere, wie sie mit einer Panikattacke umgehen und was sie tun, um sie zu überstehen. Jeder hat seine eigene kleine Routine, um besser damit umzugehen. Aber über eines sind sich alle einig: Ablenkung ist alles!

Darüber zu schreiben, wie genau meine Panikanfälle ablaufen, ist mir äußerst unangenehm. Aber ich muss es wenigstens einmal erwähnen. Es ist mir sehr wichtig, dass die Leser, denen es ähnlich geht oder ging, wissen, dass sie nicht alleine sind.

Obwohl ich 2022 einen Rückfall hatte und viele neue, unterschiedliche Tiefen durchlebte, freute ich mich sehr auf das kommende Jahr.
Okay, es waren doch ein wenig gemischte Gefühle, aber ich versuchte es trotzdem positiv zu betrachten. Auch wenn ich Henry ein letztes Mal als Geralt sehen konnte und meine persönliche Geschichte mit ihm dadurch ein Ende nahm, konzentrierte ich mich auf die schönen Momente der ersten Staffeln. Für mich würde Henry immer der einzig wahre Geralt bleiben, selbst wenn Liam den Job gut machte.

Ja, ich wollte mir dennoch die vierte Staffel ansehen, in der Liam Geralt spielte, einfach nur aus reiner Neugier. Wie gesagt, ich beurteile nach Leistung und nicht nach dem Aussehen. Ich fand Liam nicht besonders schön, aber oft spielte er seine Rollen sehr gut. Vielleicht würde er auch Geralt gut spielen, obwohl er enormen Druck hat, weil er in sehr große Fußstapfen tritt – meiner Meinung nach. Es kann aber auch passieren, dass er sich zum totalen Affen macht und man im Nachhinein Henry anfleht, wieder zurückzukehren. Wobei ich mir nicht vorstellen könnte, dass er zurückkehren würde. Ich glaube, wenn man einmal Henry’s Vertrauen missbraucht hat, ist man bei ihm unten durch, und es gibt keinen Weg mehr nach oben. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er den Menschen nie verzeihen wird, die ihn wegen der Superman Rückkehr bloßgestellt haben.

Aber egal, vielleicht meistert Liam diese Rolle, wir werden es sehen! An alle Liam Hemsworth Fans da draußen: Ich hoffe, dass er diese Rolle gut spielen wird! Ansonsten wird ihn vermutlich ein heftiger Shitstorm erwarten.
Mal ehrlich… Hätten sie nicht einen anderen Schauspieler nehmen können? Einen weniger „Schönling“? Nehmt es mir nicht übel, aber Liam war zu sehr wie ein Ken, als dass er Geralt’s Mimik und Gestik wirklich gut spielen könnte. Aber wie gesagt, lassen wir uns überraschen!

Noch ein Grund, warum ich mich entschloss, endlich in Therapie zu gehen, war Henry. Ich meine, es ist wirklich sehr verrückt. Aber war es eine gesunde Art von Verrücktsein? Es war zwar unbeschreiblich schön, welche Gefühle ich empfand, aber vielleicht sehnte ich mich unterbewusst so sehr nach diesen Gefühlen, dass ich dadurch meine eigene Realität erschuf und alles nur Einbildung war. Und das durfte auf keinen Fall passieren!
Allen, denen ich davon erzählte, äußerten sich verschieden dazu. Der eine findet es romantisch und außergewöhnlich, der andere hält es für komplett irre, auf die schlechte Art. Es soll echt keine Entschuldigung sein, aber vielleicht habe ich schon so viel Schlechtes erlebt, dass meine Sehnsüchte mich einholten und mir dadurch böse Streiche spielten, in Form von einer Liebe zu einem Schauspieler, und sich als Schutzmechanismus herausstellten, damit ich nicht komplett zerbrach. Versteht ihr, was ich meine?
Jetzt, im Rückblick betrachtet: Wann habe ich denn tatsächlich wahre Liebe erfahren? Soweit ich das beurteilen konnte, noch nie. Also, vielleicht sollte mich irgendetwas davor schützen, mit solchen Gefühlen zu enden, dass ich nicht vollends in Depressionen versank und mir tatsächlich irgendwann das Leben nahm.
Wie gesagt, ich versuche alle möglichen Sichtweisen zu betrachten, bevor ich mich auf irgendetwas tatsächlich zu hundert Prozent einlasse.

Vielleicht war es aber auch nach wie vor fehlendes Selbstvertrauen.
Oft spekulierte ich, dass ich solche Gefühle, Träume und Gedanken gar nicht verdient hatte. Auch meine Weste ist nicht rein, und ich habe viele schreckliche Dinge getan, auch wenn ich meine Gründe hatte. Vielleicht sollte ich einmal so ein unglaubliches Hoch und Glück fühlen, welches mir im Anschluss schnell weggenommen werden würde und ich dann an der darauf folgenden starken Verletzung sterben würde.
Ich bin wirklich oft unsicher, was mich selbst betrifft. Es gibt Tage, an denen ich mich wie die unwiderstehlichste Frau auf der Welt fühle, und dann gibt es Tage, an denen ich es absolut nicht nachvollziehen kann, wenn mich jemand als hübsch oder gar intelligent bezeichnet.

Ich selbst bin einfach der Meinung, dass mir unglaublich viel Allgemeinwissen fehlt, so wie das Wissen in sehr vielen anderen Dingen. Demnach wurde ich oft genug als dumm bezeichnet. Solche Sprüche hörte ich auch immer wieder von Ean, weil ich von vielen Dingen einfach keine Ahnung habe, und er sie mir erklären muss.
Nehmen wir als Beispiel mal die Regierung Deutschlands. Ich habe mich noch nie damit befasst, ich wusste höchstens, wer der aktuelle Bundeskanzler war. Vom Rest hatte ich keine Ahnung, weil es mich auch einfach nicht interessierte. Bis ich Ean kennenlernte, ging ich auch nie wählen. Wen denn, wenn ich keine Ahnung von den jeweiligen Parteien hatte? Am Ende hätte ich mich noch schuldig gefühlt, hätte ich vielleicht die falschen gewählt. Gut, die „falschen“ sind Ansichtssache, dafür gibt es ja die Wahlen. Aber wie gesagt, ich hatte keine Ahnung von all dem, bis Ean mich aufklärte.
Ich hatte vorher auch niemanden, der mich über solche Dinge aufklärte. Bevor ich aufs Land zog, hatte ich auch keine Ahnung davon, was tatsächlich auf den Feldern Deutschlands angebaut wurde. Auch das soll jetzt keine Entschuldigung sein, aber ich komme aus einer Großstadt, da gibt es keine Felder in der Nähe. Ich war zwar mittlerweile deutlich besser informiert über so einiges, aber dennoch fühlte ich mich oft einfach nur dumm, obwohl ich es eigentlich nicht bin.
Ich pflege gerne zu sagen: „Du hast vielleicht Ahnung von diesen Dingen, aber ich habe deutlich mehr Erfahrung in anderen.“

Nehmen wir dazu das Beispiel Wahlen. Du weißt alles Mögliche darüber, dafür kann ich dir Schlupflöcher erklären, wie man seine Rechte beim Arbeitgeber einfordert, ohne selbst Schaden zu nehmen. Versteht ihr?
Du kannst vielleicht eine perfekte Debatte in verschiedenen Themen halten, dafür kann ich sofort einschätzen, wie mein Gegenüber sich innerlich tatsächlich fühlt. Meine Prioritäten liegen eben oft woanders als bei anderen.

Oft bin ich auch unsicher, was mein Äußeres betrifft.
Das erste Mal fühlte ich mich attraktiv, als die Young Americans damals an meine Schule kamen. Ich fand mich danach das erste Mal wirklich schön und war voll und ganz zufrieden mit meinem gesamten Aussehen.
Dann fühlte ich mich unwiderstehlich, als ich in meiner Partyphase war. Ich liebte meine Beine in meinen ganz speziellen Partyschuhen. Ich liebte meine Brüste, die weder klein noch besonders groß waren. Ich fand sie perfekt. Ich liebte meine Haare, da ich endlich selbst entscheiden konnte, welche Länge sie haben sollten und wie ich sie stylte. Ich fühlte mich so unglaublich schön und sexy, dass es mir vorkam, als wenn alle unter Schock standen, als ich den Club betrat. Ich wurde von allen Männern genau abgecheckt, und bei dem ein oder anderen lief auch deutlich die Sabber am Mund herunter. Ich glaube, das war meine absolute Blütezeit.
Mit Basti nahm dieses Gefühl, unwiderstehlich zu sein, schnell ab. Häufig wurde ich als zu dick bezeichnet, was an meinem Selbstbewusstsein sehr nagte. Zwischendrin liebäugelte ich dann ja mit dem Küchenverkäufer, mit dem ich auch knutschte. Währenddessen fühlte ich mich erneut unglaublich sexy und schön und präsentierte dieses Selbstbewusstsein auch. Danach nahm es wieder ab.
Mit dem Typen, mit dem ich auf Eans Geburtstag Sex hatte, nahm es wieder für kurze Zeit zu, obwohl ich so krank war. Ich sah es als Vorteil an, dass ich so wenig aß, weil ich dadurch viele unerwünschte Kilos verlor.
Mit der Schwangerschaft sank dieses Selbstvertrauen wieder. Aber dieses Mal so tief, dass ich mich selbst richtig abartig fand. Egal aus welcher Perspektive ich mich betrachtete, ich fand unglaublich widerlich, was ich im Spiegel sah und konnte beim besten Willen Eans Worte nicht verstehen, dass ich gut aussah. Dabei hätte ich es gar nicht so sehen müssen. Viele Frauen bekommen extra Kilos, wenn sie schwanger werden, oder gerade entbunden haben, dafür brauchte ich mich nicht schlecht zu fühlen. Ich war einfach nicht in der Lage, die Veränderungen an meinem Körper zu akzeptieren. Es dauerte eine Weile, bis ich mich damit abfand und wieder begann, mich selbst zu lieben, so wie ich bin.
Die Beiträge im Internet gaben mir das Gefühl, dass es einfach nur furchtbar war, mich so gehen zu lassen. Andere Frauen sahen während und nach der Schwangerschaft immer perfekt aus.

Ich wusste natürlich, dass ich so etwas nicht denken sollte, aber es fiel mir schwer, solche Gedanken abzuschalten. Zu sehr sehnte ich mich nach meinem Wunschkörper.
Es dauerte dann bis zum 23.06.2021, bis ich mich endlich wieder sexy fühlte. Der Auslöser dafür waren die schönen Gefühle, die ich durch die plötzlichen Träume mit Henry hatte.
Ich versuchte Kontakt mit einem alten Bekannten aufzubauen, als ich einen seiner Songs hörte, die er mit seiner Band aufnahm. Alan (nennen wir ihn mal so) und ich kannten uns quasi seit meiner Kindheit. Ich lernte ihn, so wie andere Jungs über World of Warcraft kennen und lieben. Dadurch, dass sie weit weg wohnten, konnten wir uns nicht oft sehen. Aber hin und wieder haben sie sich die Mühe gemacht, mich zu besuchen, zumindest manche von ihnen.

Alan und Jason, mein damaliger bester Freund (nennen wir ihn mal so), fuhren zu mir, als ich gerade bei Aria und Noah wohnte. Ich wollte ihnen meine Partyszene zeigen und mit ihnen zusammen die Sau rauslassen, weil ich mich zu dieser Zeit unglaublich fühlte und dies auch stolz zeigen konnte. Spät in der Nacht bereute ich es aber ein wenig, als ich zeigte, wie wahnsinnig sinnlich ich mich fand.
Alan und Jason durften bei mir im Zimmer übernachten, was ich sehr beachtlich fand, dass Aria und Noah dies anboten, anstatt im Auto zu schlafen, wie sie es eigentlich planten. Ehrlich, ich fand dieses Angebot von Aria und Noah sehr beeindruckend! So etwas erlebte ich vorher noch nie, dass, für sie fremde Personen, bei mir übernachten durften.

Alan näherte sich mir nachts an und drängte mich ein wenig zum Sex, den ich konsequent ablehnte. Alan hatte vermutlich zu viel getrunken und war einfach nicht ganz bei Sinnen, also nahm ich es ihm nicht ganz so übel, wie ich es eigentlich hätte tun müssen. Am nächsten Tag konnte ich mich kaum normal ihm gegenüber verhalten. Sagen wir mal, dass ich einfach Angst hatte, er würde es erneut, aber mit Gewalt, erzwingen. Danach verloren Alan und ich uns aus den Augen.
Bis Juni 2021.

Eigentlich war diese Art Musik nicht mein Geschmack, aber dieses eine Lied hat es mir angetan, dass ich es täglich auf und ab hörte. Ich fühlte mich mit dem Songtext angesprochen. Das war quasi das erste Zeichen, was ich sah, welches irgendwie mit Henry zu tun hatte. Aber ich konnte es zu der Zeit noch gar nicht wahrhaben. In dem Moment gefiel mir einfach nur der Song und der Text, ohne irgendetwas bezüglich Henry hineinzuinterpretieren.
Also kam ich wieder in Kontakt mit ihm und sprach auch über die letzte Begegnung damals. Er entschuldigte sich, er sah manchmal Andeutungen, die eigentlich gar keine waren. Wie gesagt, ich nahm es ihm nicht so übel, wie man es eigentlich hätte tun sollen, weil so etwas einfach ein unmögliches Verhalten war. Dennoch verzieh ich ihm und am Ende bestellte ich mir eines der Bandshirts, die sie verkauften. Ich bekam sogar eins, was vorher nicht im Angebot war, weil ich viel lieber ein weißes, als schwarzes haben wollte, mit genau diesem Aufdruck. Ich fühlte mich geehrt!
Als es dann ankam, wollte ich ein erotisches Foto darin machen, ihn verlinken und dadurch Komplimente bekommen, so wie es andere bekamen, die damit ein Foto posteten. Ich wollte einfach hören, dass ich sexy war, so wie früher… Am Ende hatte ich zwar haufenweise Fotos, aber keines gefiel mir so gut, dass ich es posten konnte. Dafür war mein Selbstbewusstsein einfach noch nicht groß genug. Aber immerhin fühlte ich mich für einen kurzen Moment lang sexy, und das war das wichtigste. Mein erster Schritt in eine schönere Welt!
Und danach ging es langsam, aber stetig, bergauf mit meinem Selbstbewusstsein. Ich fühlte mich beinahe so begehrenswert wie früher. Ich bildete mir auch wieder häufig ein, dass viele Männer mich ständig beobachteten, so wie früher. Ich verhielt mich außerhalb oft mit Absicht verführerisch, um so begehrt zu werden, so wie früher.
Es tat mir einfach gut. Henry tat mir gut. Es tat mir gut, diese plötzliche Veränderung zu durchleben, die ich durch ihn hatte. Egal ob diese Sache mit ihm gut oder schlecht ist, die körperliche Veränderung hätte ich ohne ihn vermutlich niemals in Angriff genommen. Ohne ihn würde ich nicht heute hier sitzen und zufrieden sein, bei meinem Anblick in den Spiegel.

Auch im neuen Job fühlte ich mich sehr begehrenswert. Ich strahlte häufig über beide Ohren, ohne tatsächlich zu lächeln, womit ich beinahe alle Kunden verzauberte. Gott, ich war so zufrieden mit mir und meinem Körper, wie ich es noch nie war! Es war ein unglaubliches Gefühl, sich so wunderschön zu fühlen. Auch wenn ich zwischendurch immer mal wieder Tage hatte, wo es mir vorkam, dass meine Frisur wie eine Vogelscheuche aussah, fühlte ich mich wohl. Es tat mir auch sehr gut, mit manchen Kunden ein wenig zu flirten. Ich flirtete eigentlich schon immer sehr gerne, darin war ich echt gut. Aber weiter als bis zum Flirten ging ich selten. Vielleicht auch da wieder aus Angst, ich könnte nicht dem gerecht werden, was sie denken zu sehen.

Manchmal schwand mein Selbstvertrauen auch, wenn ich im Laden mit Schal, Mütze und mehreren Pullovern stand. Klingt total dumm, ich weiß, aber ich so dick eingepackt fühlte ich mich einfach nicht wohl.

Warum ich da so dick angezogen stand?
Nun, der Chef wollte Strom sparen und somit blieb die Heizung und das warme Wasser auf der Toilette aus! Er behauptete zwar, dass der Laden keine Heizung besaß, und ich ließ ihm auch in den Glauben, dass ich es glaubte, aber insgeheim schmiedete ich böse Pläne, wie ich zukünftige Mitarbeiter schützen konnte, indem im Winter die Heizung lief.

Es ging mir einfach nicht in den Kopf, wie man so dreist sein konnte. Ja, die Preise explodierten, aber im Laden selbst war es oft kälter, als draußen, und so darf es nicht sein. Ihr kennt doch bestimmt alle den Supermarkt Aldi. Im Aldi ist es immer, zu jeder Jahreszeit, schön kühl, was deren Lebensmitteln sehr gut tut. Immer wenn ich in einem Aldi bin, friere ich mir den Arsch ab, egal ob im Sommer oder im Winter. Und jetzt stellt euch die doppelte Kälte im amerikanischen Laden vor. Selbst wenn ich mich rund um die Uhr bewegte, beinahe rannte, war mir immer eiskalt. Das führte natürlich dazu, dass ich häufig krank war. Die besagte Vollzeitmitarbeiterin fror hingegen eher weniger. Natürlich nicht, sie hatte auch über hundert Kilo mehr auf den Rippen als ich oder meine süße Kollegin Lisa. Lisa wog noch weniger als ich, war aber ein paar Zentimeter größer. Auch sie lief dort immer dick eingepackt herum.
Selbst manche Kunden beschwerten sich. Wie gesagt, ich kann solche Handlungen absolut nicht nachvollziehen! Es ist unter aller Sau, die Mitarbeiter wegen der Temperatur leiden zu lassen, obwohl es anders geht! Aber manche Menschen sind einfach zu geizig, irgendeinen Cent mehr auszugeben, als notwendig – obwohl es durchaus notwendig war. Ich denke, wir sind da alle der selben Meinung!

Und apropos Winter. Ist euch mal aufgefallen, wie unglaublich traurig die Weihnachtsmärkte geworden sind? Bin ich die einzige, die das so sieht? Oder ist meine Ansichtsweise, seitdem ich Mutter bin, einfach anders?

Gefühlt besteht jeder Weihnachtsmarkt nur noch aus Glühweinständen und Fresshütten. Höchstens zwei Verkaufsstände mit möglichen Weihnachtsgeschenken sind vorhanden. Und maximal ein einziges Karussell für Kinder. Soweit ich mich an früher erinnere, gab es auf einem Weihnachtsmarkt einen Weihnachtsmann, mit ein paar Elfen, ein paar Glühweinstände und Fresshütten, und viele Attraktionen für Kinder. Zum Beispiel Bastelhütten, Bogenschießen, Ponyreiten, und und und. Wo ist das alles hin? Egal welchen Weihnachtsmarkt ich besuchte, ich wurde bitter enttäuscht. Und aus dieser Enttäuschung entwickelte sich schnell unstillbare Wut. Immer mehr bin ich der Ansicht, dass Deutschland in allen Feierlichkeiten unglaublich depressiv ist. Über Halloween habe ich bereits gejammert, nun ist Weihnachten an der Reihe.

Ich wünsche mir, dass mein Sohn irgendwann mal einen richtig schönen Weihnachtsmarkt besuchen kann und die Dinge sieht, die ich als Kind sah. Als Jugendliche sah ich mir auch furchtbar gerne die Schmuckstände darauf an. Alles funkelte und glitzerte so schön, dass ich am liebsten alles aufgekauft hätte. Doch heute ist von solch einem Stand keine Spur mehr! Seit Jahren nicht mehr! Und während der Corona-Pandemie war es noch schlimmer. Weder Musik noch die romantische Beleuchtung waren vorhanden. Warum genau noch mal? Ach ja, um das Infektionsrisiko gering zu halten und Strom zu sparen. Man! Dieses Land geht mir so was von krass auf die Nerven! Was läuft hier falsch, dass so schöne Momente zerstört werden aufgrund von Geiz oder Angst? Vielleicht sehe ich das ja als einzige so… Aber ich rege mich jedes Jahr erneut darüber auf!

Einmal… Ein einziges Mal möchte ich solche Feiertage in Amerika verbringen. Ein Ort, in dem so etwas noch richtig gefeiert wird, ohne Ausnahme. Wie oft sehe ich wunderschöne, romantische Videos, wie dort alles geschmückt wurde, wie dort an jeder Ecke fröhliche Weihnachtsmusik gespielt wird. Ich bin darauf unglaublich neidisch… Auch dieser Wunsch steht auf meiner Liste, den ich mir irgendwann einmal erfüllen werde!
Irgendwann…

Auch möchte ich irgendwann mein eigenes Hüttchen so krass schmücken, wie es in Amerika der Brauch ist. Ich kann gar nicht oft genug erwähnen, was für ein riesen Fan ich von ihnen bin. Ich steh total darauf, es beim Schmücken zu übertreiben und mit meinen Lichterketten die ganze Nachbarschaft zu erleuchten! Jedes Jahr aufs Neue schaue ich nach passender Dekoration, aber bisher fand ich eher trübes, und viel zu kleines Zeug. Nichts, was meinen Vorstellungen tatsächlich entsprach. Und wenn ich doch etwas fand, war es einfach für den Moment zu teuer.
Weihnachten ist immer teuer, das weiß jeder. Die Geschenke, die Dekoration, das Essen und vielleicht auch besondere Ausflüge. Geschenke fielen bei mir und Ean immer eher kleiner aus. Das größte war höchstens eine neue Plüschdecke, was ich auch sehr mochte. Für den Knirps sah es natürlich anders aus. Und ich wünschte mir immer ein bestimmtes Gericht für die Feiertage. Eines, welches ich aus der Kindheit mitgenommen habe. Eines, was es jedes Jahr bei meiner Familie auf dem Tisch gab.
Eine schön fette Gans, mit Kartoffeln, Kroketten, Möhren, Erbsen, Rotkohl und einer unglaublich guten Soße! Aber puh… Das alles ist extrem teuer. Vor allem, wenn es eine Gans sein sollte. Doch dieses Jahr stiegen wir auf einen Schweinebraten um. Der war deutlich mehr in unserem Budget drinnen.
Anfang Dezember gingen wir grundsätzlich davon aus, dass Weihnachten ausfiel. Irgendetwas passierte immer, dass uns ein Haufen Geld fehlte. So wie auch in diesem Jahr. Doch irgendwer dort oben erlaubte es uns, doch ein schönes Essen zu haben. So kamen wir also am Ende doch noch zu ein wenig Geld und konnten uns mein gewünschtes Gericht zaubern.
Jedes Jahr überlegte ich mir immer wieder, dass es viele Menschen gab, die sich so ein Essen niemals leisten konnten. Ich war unglaublich dankbar dafür, solch ein Mahl zu haben. Ich war generell dankbar, ein Dach über den Kopf zu haben, ein weiches Bett, eine Heizung, und vielelei anderer Dinge. Nichts davon ist selbstverständlich.
Also, seid dankbar für alles, was ihr habt, und meckert nicht, weil euch die Tischdecke eurer Eltern nicht gefällt! Andere Menschen haben noch nie eine Tischdecke in den Händen halten dürfen!
Auch war ich dankbar für die schöne Zeit, die ich erlebte. Für all meine schönen Tag und Nachtträume. Nie hätte ich erwartet, so schöne Dinge erleben zu dürfen oder gar zu fühlen. Ich glaube, ich weinte in meinem Leben auch noch niemals vor Freude. So etwas kannte ich aus Filmen, aber live bei jemanden sehen, tat ich nie. Ich konnte mir Tränen der Freude auch einfach nicht vorstellen. Bis ich Henry hatte.
Wie oft heulte ich vor Freude, wenn er ein neues Foto oder Video postete. Wie oft heulte ich vor Freude, wenn ich ihn in einem Film sah. Wie sehr heulte ich am 27.10.2021, als der zweite Teil von Enola Holmes auf Netflix erschien und ich Henry erneut als Sherlock anhimmeln konnte, nachdem eine Welt für mich zusammenbrach, durch die schlechten Neuigkeiten über ihn.
Scheiße, ehrlich, ich heulte seinetwegen so oft! So kannte ich mich nicht! Ich war immer stark und habe super selten solche Gefühle gezeigt. Dann kam er und alles änderte sich!
Ob das ständige Geheule gut war? Ja und Nein. Ja, weil es phänomenal war, solchen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Nein, weil ich dadurch ständig Kopfschmerzen bekam. Ha ha. Verfluchte Scheiße, ey, ehrlich… Was tat ich da bloß.
Was genau war der Sinn hinter all diesen wunderschönen Momenten? Was genau war nun mein Schicksal? Sollte ich wirklich jahrelang ihm hinterherrennen und versuchen Kontakt aufzubauen? Ich hatte so sehr darauf gehofft, dass es ein Ende nahm, aber es wurde bloß immer schlimmer. Was genau wollte man mir damit sagen? Oder, wie gesagt, war es doch alles nur Einbildung, als automatischer Schutzmechanismus? Könnte mich bitte mal jemand aufklären? Ich möchte ungern Gespenstern hinterherjagen und am Ende an Erfolgslosigkeit zerstört werden. Diese ganze Geschichte hat so unendlich viele Vor- und Nachteile… Ich weiß einfach nur nicht, wohin es mich letztendlich führt, was mir tierische Angst macht.
Meine Versuche, eine Person mit einzubeziehen, um eine andere Sichtweise zu sehen, schlugen bisher immer fehl. Entweder konnte ich mich nicht komplett öffnen und ihr alles anvertrauen oder ich wurde direkt unterbrochen mit einem „Stopp, das ist mir zu irre“. Also hatte ich einfach niemanden, der das Ganze mal vernünftig beurteilen konnte. Eine Person, die offen für merkwürdige Dinge war, aber auch realistisch blieb. Genau so eine brauchte ich, aber fand ich nicht so wirklich. Vielleicht fand ich ja doch eine, nur gefielen mir die Antworten nicht, das konnte natürlich auch sein. Keine Ahnung! Egal… Irgendwann würden sich meine Fragen aufklären.

Was machte ich nun eigentlich mit meinem zweiten Brief?
Von der Möglichkeit über Charlie, seinem Bruder, durfte ich nicht hohe Erwartungen haben. Sollte ich den Brief also erneut, für viele Euros, abschicken, und er würde nie gelesen werden?
Ehrlich, Leute, ich war total verzweifelt. Ich wünschte mir doch einfach nur eine Antwort. Mittlerweile war es egal, welche Art von Antwort. Ich wollte einfach nur gehört werden. Ich wollte ihm doch einfach nur meine Dankbarkeit zeigen… Auch wenn sie sich in ganz andere, unerwartete Gefühle änderte.

Dieser zweite Brief war so furchtbar kitschig. Das war ja schon fast ekelhaft… Aber ich konnte nicht anders. Es war genau das, was ich fühlte. Das, was alles am besten beschrieb, und das konnte und wollte ich nicht länger verbergen.

Sollte ich ihn vielleicht wieder binden lassen? Hmmm… Aber so ganz zufrieden war ich mit dem computer geschriebenen Teil nicht. Ich fürchtete einfach, dass meine Geschichte total langweilig klang. Dieses Gejammere über alles und jeden, meiner Vergangenheit, meinem Ich und so viel mehr. Nur wenige Erfolge waren darin aufgelistet. Und ich wollte einfach nicht zu viel Text haben. Es sollte ja kein Roman werden! Vielleicht könnte ich ihm all diese Dinge auch mal persönlich erzählen, dann musste ich sie nicht aufschreiben wie eine Möchtegernautorin. War ich überhaupt eine Art Autorin? Wie nannte man so etwas? War das eigentlich ein Roman oder eher eine Biographie? Keine Ahnung…
Hin und wieder dachte ich zwar daran, jedes Detail, sei es noch so klein, tatsächlich aufzuschreiben. Aber würde mir diese viel Arbeit wirklich etwas bringen? Würde ich damit etwas bewirken? Man ey… Was zur Hölle sollte ich tun?
Ich könnte diese Enttäuschung nicht noch einmal durchstehen, den Brief abzusenden und keine Antwort zu erhalten. Wie peinlich wäre es auch, wenn ich es andauernd über Briefe versuchte, aber nie erhört wurde… Das konnte ich ja nicht mal jemandem erzählen, so peinlich war es mir.

Aber andererseits, vielleicht würde der Brief ja auch auf Umwegen verloren gehen und von irgendeiner Person geöffnet werden, und diese kümmerte sich umgehend um den gewünschten Kontakt?

Okay, okay, alles nur Wunschdenken, ihr habt ja recht. Wie gesagt, ich versuchte es positiv zu sehen, und durch dieses Wunschdenken kam ich mir nicht ganz so bescheuert vor. Das Ganze war halt ein peinlicher Versuch, jemanden zu erreichen, der beinahe unerreichbar ist.
Vielleicht würde ich ja bald eine Möglichkeit finden, wie ich es noch versuchen konnte. Aufgeben kam mir schließlich nicht in den Sinn!

Und auch wenn ihr alle glaubt, mein Leben drehte sich rundum Henry, hatte ich durchaus noch andere Probleme und Gedanken.

Für den 01.12.2022 nahm ich mir spontan frei.
Wenige Tage zuvor bekam ich eine Nachricht meiner Eltern, dass der Vater meines Papas schwer krank war und er vielleicht nur noch Tage, Wochen, mit ganz viel Glück auch Monate hatte. Auch wenn es in diesem Moment für niemanden so rüberkam und ich es auch nicht zeigte, war ich extrem erschüttert.

Ihr müsst euch vorstellen, dass die Eltern meines Vaters die herzlichsten Menschen und die gütigsten Menschen auf dieser Welt sind. So habe und werde ich sie auch immer betrachten.

An dieser Stelle möchte ich mal erwähnen, dass es mir unglaublich leid tut an alle, denen ich nie zeige, wie ich tatsächlich zu ihnen stehe, im Bezug auf liebhaben. Vielleicht sind all meine Probleme mit der Familie ja auch darauf zurückzuführen, dass ich mich nie voll und ganz meinen Gefühlen hingab. Selbst in Bezug auf Henry zeige ich die meisten Gefühle immer noch nur mir selbst und niemanden sonst. Ich weiß nicht genau, warum es so ist. Vielleicht ist die Angst vor Abweisung einfach zu sehr in mein Hirn geprägt.

Zwischen diesen beiden Menschen existierte eine extrem große Liebe und jeder Mensch konnte es spüren und sehen. Ich sah die beiden schon immer als Vorbild an. Sie verliebten sich in den jungen Jahren und waren mehr Jahre verheiratet, als ich vorhabe zu leben. Drei Kinder bekamen sie, und das beste von allen ist mein Vater, auch wenn ich es ihm ebenso nicht so häufig zeigte, wie ich es in meinen Gedanken tat.

Mit den anderen beiden, also meinem Onkel und meiner Tante, hatte ich nie ein besonders gutes Verhältnis. Soweit ich mich erinnerte, war meine Tante oft mein Babysitter. Aber ehrlich gesagt erinnere ich mich so gut wie gar nicht an diese Zeit, das ist sehr viele Jahre her. Doch eine Geschichte blieb mir auf Ewig hängen, die meine Großeltern immer gern und lachend erzählten.

Ich, vier Jahre alt, im Buggy, verdrückte mal eben fünf Milchbrötchen und hatte immer noch Hunger. Das brachte stets alle zum Lachen. Noch heute liebe ich Milchbrötchen, und immer wenn ich eins esse, denke ich an Oma und Opa. Auch denke ich immer an sie, wenn ich mir eine Scheibe Brot mit Leberwurst schmierte. Denn das gab es sehr oft bei ihnen zu Abendbrot und es schmeckte so viel besser, als wenn jemand anderes es machte. Sie gaben bei jeder Mahlzeit immer eine gewisse Portion Liebe dazu, was alles viel besser schmecken ließ. Selbst wenn ich das gleiche Brot und die gleiche Leberwurst nutzte, schmeckte es nie so, wie bei ihnen.

Auch erzählen sie gerne die Geschichten, die sich in ihrem Garten abspielten, wenn wir dort zu Besuch waren.

Man hat mich so gut wie nie ohne meine Nachziehente und meinen Puppen Buggy angetroffen! Niemals ging ich ohne meine Ente spazieren. Niemals!

Gott, ich liebte ihren Garten. Für mich war er so riesig, wie die ganze Stadt. Später, als ich ihn noch einmal sah, war er nur durchschnittlich groß, wie ein alter Schrebergarten nun mal groß war. Aber damals war es eine große Welt für mich, voller Erlebnisse. Sie bauten dort auch so viele Dinge an, das kann ich gar nicht alles aufzählen. Es gab nur eine Sache, die ich noch nie an diesem Garten mochte. Die Toilette! So ein richtiges altes Campingklo! Ich fürchtete mich immer davor, keine Ahnung wieso. Oma musste mich immer begleiten, wenn ich mal musste. Dafür liebte ich sie! So sehr es sie auch nervte, sie stand mir bei.

Und dann gab es noch eine schöne Erinnerung an diesen Garten. Jedes Mal, wenn wir dort waren, kam im Laufe des Tages der Eiswagen. Sobald wir die Glocke hörten, rannten wir zum Tor und Opa holte jedem eine Kugel Eis.

Na ja… All das waren sehr schöne Erinnerungen. Mein Problem an der ganzen Sache war bloß, dass ich nie zeigte, wie viel mir solche Momente bedeuteten. Vielleicht kann ich es ja hier niederschreiben…

Ich liebte diese beiden Menschen abgöttisch, auch wenn sie mir manchmal Dinge sagten, die mir nicht gefielen.
Man konnte einfach deutlich spüren, wie sehr sie sich untereinander und andere liebten, was alles so viel anders aussehen ließ. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Als ich die schreckliche Nachricht über meinen Opa hörte, musste ich mich wirklich zusammenreißen nicht zu weinen, und es gelang mir auch. Es gelang mir sogar so gut, dass man behauptete, ich wäre einfach nur gefühlskalt. Denn so sagte es mir meine Vollzeitkollegin.

Trocken, mit einem Lächeln informierte ich sie: „Mein Opa liegt im Sterben, deshalb nehme ich mir frei.“

Daraufhin war sie baff, weil ich es mit einem Lächeln sagte.
Nun, das Lächeln stand nicht für Freude, sondern für Scham. Wenn ich mich für etwas schäme, lächle ich, so war ich schon immer. Und ich war auch einfach nicht bereit, Trauer vor anderer Augen zu zeigen. Irgendetwas hielt mich immer davor ab. Vielleicht auch hier wieder ein automatischer Schutzmechanismus. Eine einzige Emotion kann ich immer sehr deutlich zeigen – Wut. Den Rest verberge ich stets, bis ich alleine bin.

Ich hatte meinen Großeltern gegenüber ein heftiges Schuldgefühl. Ich hätte mich so viel öfter melden sollen. Wenn Opa nicht einmal im Monat anrief, vergaß ich die beiden beinahe. Okay, vergessen tat ich sie nie, ich schämte mich bloß, sie anzurufen. Ich schämte mich dafür, Zuneigung zu zeigen, obwohl sie es so sehr verdienten. Ich weiß auch, dass ich sie mit meiner fehlenden Zuneigung verletzte. Ich wusste nicht, warum ich es nicht zeigte… Ich wusste nur, dass ich es zutiefst bereute.
Bald wären die beiden nicht mehr da. Sie waren schon sehr alt, und sie verdienten großen Respekt, dass sie so lange lebten. Mit der Zeit fing meine Oma an zu schwächeln und vergaß viele Dinge. Durch die Corona-Pandemie verließen beide kaum noch das Haus, weil sie sich nicht anstecken durften. Beide hatten mehrfach Krebs hinter sich gebracht und lebten glücklich und zufrieden viele Jahre lang Seite an Seite und überstanden jede noch so große Hürde. Das Wichtigste war immer nur, dass sie die Liebe nicht vergaßen, denn die Liebe hielt sie am Leben.

Versteht ihr, warum ich sie als Vorbild sah? Nennt mir ein Ehepaar, welches siebenundsechzig Jahre verheiratet war und an keinem einzigen Tag die Liebe erlosch! Keinen einzigen Tag!

Je mehr ich die beiden betrachtete, desto trauriger wurde ich, wenn ich andere Paare ansah. Es gab so viele Paare in meiner Umgebung, wo es eindeutig keine wahre Liebe war, was mir das Herz brach. Jeder, wirklich jeder Mensch hat solch eine Liebe verdient. Ausnahmslos jeder!
Die Liebe, die ich bei meinen Großeltern sah, sah ich noch nie bei jemand anderem. Nicht einmal bei meinen Eltern. Vielleicht irre ich mich auch, aber es gab viele Situationen, wo ich davon überzeugt war, dass meine Eltern aus Zweck verheiratet waren, und nicht aus wahrer Liebe.

Und erneut betone ich: Es ist meine Sicht der Wahrheit! Es kann immer sein, dass ich mich irre oder Dinge anders wahrgenommen habe, als andere!

Es brach mir wirklich das Herz, wenn ich daran dachte, dass Oma und Opa bald nicht mehr sein würden. Ich musste sie unbedingt noch einmal sehen, bevor sie gingen. Ich wollte, dass mein Sohn sie kennenlernen. Dass sie ihn kennenlernen! Ich war immer das „Sternchen“ bei Oma und Opa, sowie bei meinem Papa. Und nun wollte ich ihnen meinen kleinen Stern zeigen. Auch wenn Teddy sich später nicht mehr daran erinnern würde, sollte er sie ein einziges Mal gesehen und berührt haben.

Warum gleich beide von uns gingen, weil Opa schwer krank war? Ich denke, dass sich die Frage eigentlich bereits aufgeklärt haben sollte, aber hier noch mal zum genauen Verständnis:
Diese beiden lebten füreinander! Die Liebe, die sie für den anderen spürten, hielt sie am Leben! Und wenn einer von ihnen nicht mehr war, würde der andere kurz danach hintergehen. Denn es würde ihnen eine Hälfte des Herzens fehlen, ohne die man nicht mehr leben konnte.

Und wieder wird mir gerade bewusst, dass das, was ich seit einiger Zeit spüre, Liebe ist. Wie ich bereits erwähnte, hielt Henry mich am Leben. Das wusste ich schon lange… Wenn ich diese Dinge gerade über meine Großeltern schreibe, wird mir all das erneut bewusst, auch wenn es eigentlich unmöglich ist.

So machten wir uns Hals über Kopf auf den Weg zu den tollsten Menschen der Welt. Die Fahrt war lang, kalt, nervig, aber ich freute mich darauf, sie zu sehen. Als wir ankamen, war ich unsicher. So unsicher, dass ich fürs Erste Ean und Teddy bat draußen zu warten. Ich wollte die beiden weder stressen noch überfordern, wenn wir zu dritt aufschlugen.

Ich wusste auch, dass Opa sich in Grund und Boden schämte. Das letzte, was er wollte, war Mitleid. Oma und Opa zeigten nie, wie schlecht es ihnen wirklich ging. Sie zeigten es nur unter sich, ansonsten niemanden. Niemand sollte sich jemals sorgen machen, egal was sie hatten. Wenn man sie fragte, was der Krebs macht, wurde alles mit Humor betrachtet. Unter Witz verbargen sie, wie schlecht es ihnen tatsächlich ging.
Und jetzt fragt euch mal, von wem ich diese Eigenschaften habe… Und mal so ganz nebenbei, ich bin meinen Großeltern wie aus dem Gesicht geschnitten und furchtbar stolz darauf!
Die beiden waren auch bildschön. Er, groß, stattlich, breite Schultern und ein markantes Gesicht. Sie klein, unglaublich süß, das vorbildliche Mädchen, mit dem wärmsten Lächeln der Welt. Zusammen ergaben sie ein Ganzes. Ein Ganzes, welches niemals getrennt werden sollte.

Als sie die Tür öffneten, kämpfte ich mit aller Macht, nicht zu weinen. Sie sahen furchtbar aus… Fünf Jahre sah ich sie nicht, und seitdem hatten sie sich sehr verändert. Nicht nur das Alter, sondern auch all die Krankheiten machten sich sehr bemerkbar, was mir erneut das Herz brach. Gott, ich liebte sie so unglaublich… Und noch mehr bereute ich es, sie nicht häufiger gesehen zu haben… Ich kann euch diese Liebe gar nicht in Worte fassen, zu groß ist sie.

Wir unterhielten uns nett und ruhig, und es dauerte nur wenige Minuten, da baten sie Ean und Teddy auch herein. Natürlich sollten sie ebenfalls Hallo sagen, sie gehörten schließlich zu mir und somit wurden sie ein Teil der Familie. Das sah nicht jeder so, was mich noch heute sehr verletzt.

Eine ganze Weile sprachen wir über die alte Zeit. Opa erzählte die alten Geschichten, die sie immer gerne erzählten, und Ean lauschte gespannt. Ean schloss sie schnell ins Herz, obwohl er sie gar nicht kannte. Was mich betrübte, war Oma. Sie vergaß viel. Sie fragte alle paar Minuten, ob Teddy ein Junge oder Mädchen wäre. Es tat mir so unfassbar leid… So sehr… Und wieder, ich hätte sie viel häufiger besuchen und anrufen sollen… Ich glaube, dieses Schuldgefühl wird mich bis in mein Grab verfolgen.
Opa schämte sich ein wenig für sie, das sah ich ihm an. Aber ich machte ihm auch deutlich, dass er das nicht musste. Es war so und ließ sich nicht ändern, dafür brauchte sich niemand schämen. Es lag ganz einfach am Alter. Auch wenn sie Dinge, die kurz zuvor besprochen waren, vergaß, änderte das nichts an meiner Liebe zu ihr. Ich hoffte, dass ich es wenigstens dieses Mal richtig zeigen konnte, auch wenn es mir schwer fiel. Weil ich ganz einfach fürchterlich bin, solche Gefühle zu zeigen!
Viel zu oft stoße ich Menschen von mir, die mich wirklich mögen. Ich fasse alles schlecht auf, ich sehe nur das Negative, ich höre nie einen Hauch von Liebe heraus, und somit schotte ich mich ab. Vielleicht wird sich das ja irgendwann einmal ändern. Wichtig war nur, dass ich es wenigstens ein einziges Mal, bei meiner letzten Möglichkeit, zeigte.

Gerne wären wir noch länger geblieben, aber die Fahrt war lang, das Kind wurde unruhig, und mittlerweile war es auch schon spät.
Eine letzte Umarmung… Ein letztes Tschüss… Ein letztes herzerwärmendes Lächeln… Ich hätte mir noch so viel mehr davon gewünscht. Ich hätte mir gewünscht, dass sie noch die ersten Schuljahre von Teddy mit erlebten. Ich hätte mir gewünscht, dass sie auf meiner Hochzeit mit mir tanzen würden. Ich hätte mir gewünscht, noch viel mehr Erinnerungen mit ihnen zu bekommen. Doch nun war es zu spät.
Es war der schönste, aber auch der schrecklichste Tag in meinem Leben.

Als ich die Nachricht von meinen Eltern bekam, setzte ich alles daran, schnellstmöglich zu ihnen zu fahren. Ich hatte ein Gefühl, dieses ganz spezielle Gefühl, welches bisher immer recht hatte, dass nur noch sehr wenig Zeit übrig blieb. Das war das erste Mal, dass ich diesem speziellen Gefühl umgehend nachkam, ohne Fragen zu stellen oder groß nachzudenken. Und ich bin mehr als froh darüber, dass ich darauf hörte. Wenigstens ein einziges Mal.

Nun greife ich einmal kurz vorweg, zu Januar 2023.

Und wieder brach eine Welt für mich zusammen, obwohl ich es nicht zeigte.
Mitte Januar verließ Opa diese Welt. Und nicht lange danach Oma. Ich hasste es, ich hasste mich, ich hasste die Welt. Aber so war der Kreislauf des Lebens. Menschen sterben, und andere werden geboren. So verletzend es auch sein mag, es gehört dazu.
Und wieder konnte ich niemandem zeigen, wie traurig ich war, denn ich war nie alleine. Alle erwarteten bei so einer Nachricht, dass man in Tränen ausbrach und sich frei nahm. Aber was machte ich? Ich beantwortete die Nachricht kühl und ging wieder an die Arbeit. Ich wusste ganz einfach nicht mit mir umzugehen. Heulte ich, würde ich Schwäche zeigen, und das konnte ich nicht. Da war es mir lieber, alle würden mich für eiskalt halten. Für einen Menschen, der keine Liebe empfinden konnte. So ist meine Natur.

Über Monate hinweg verbarg ich diese Trauer.
Ich hätte auch alles dafür gegeben, auf ihre Beerdigungen zu gehen, aber ich konnte es einfach nicht. Ganz einfach nicht, weil ich immer noch keine Gefühle, erst recht keine Trauer, vor anderen zeigen konnte und auch nicht wollte. Und weil ich es einfach zu sehr bereute und mich zu sehr schämte, nicht mehr Zeit mit ihnen verbracht zu haben. Ich war einfach nur zu feige, mich meinen Gefühlen zu stellen.
Also ließ ich lieber zu, dass alle mich verurteilten, weil ich nicht erschien. Damit käme ich eher zurecht, als wenn ich meine Gefühle vor ihnen preisgeben würde.

Hier offenbarte ich nun zum ersten Mal meine eigentlichen Gedanken und Gefühle meinen Großeltern gegenüber. All die Jahre habe ich sie nur in mir getragen und nie gezeigt oder gar zugegeben. Doch heute war ich dazu bereit, denn heute, am 08.12., hat mein Opa Geburtstag. Den ersten, den er im Himmel feiert. Und am 17.12. feiert ihn meine Oma, ebenfalls zum ersten Mal im Himmel.

In diesem Sinne, in Gedenken an Oma und Opa:

In der stillen Erinnerung an meine geliebten Großeltern breitet sich ein warmes Gefühl der Dankbarkeit in meinem Herzen aus.
Ihre Liebe war wie ein sicherer Hafen, der mich in meiner Kindheit umarmte und mir unvergessliche Momente schenkte.
Die Geschichten, die sie erzählten, und die Lektionen, die sie lehrten, sind kostbare Juwelen, die ich in meinem Herzen trage.
Selbst wenn die Zeit vergeht, bleibt ihr Erbe in jedem Lächeln, in jedem liebevollen Ratschlag und in der tiefen Verbundenheit unserer Herzen erhalten.
Ihre Lebensweisheit und bedingungslose Liebe haben Spuren hinterlassen, die wie Sterne am Himmel meines Lebens leuchten.
In den ruhigen Augenblicken des Gedenkens spüre ich ihre Nähe, als wären sie noch immer hier, umarmend und segnend.
Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen, während ihre Erinnerungen in unseren Herzen weiterleben.
Ich bin dankbar für die Liebe, die sie schenkten, und für die kostbaren Augenblicke, die wir miteinander teilten.
In ihrem Gedenken finde ich Trost und Inspiration, ihre Liebe weiterzutragen und in meinem eigenen Leben fortzusetzen.

Eure Hände hielten Weisheit und Wärme, Die Augen glänzten, wie Sterne so klar.
Ein Erbe aus Liebe, so reich und so ferner, Euer Vermächtnis, kostbar und wunderbar.
Leider fand meine Liebe oft wenig Worte, Gefühle verschlossen, wie ein verschlossenes Tor.
Doch tief in mir glomm sie, wie eine stille Glut, stets da, in der Stille, im Schatten, im Hut.
In Gedenken spüre ich die Liebe noch heute, wie ein sanfter Wind, der durch Blumen verweht.
Ein Lächeln im Herzen, so zart und so leise, eure Liebe bleibt, selbst wenn die Zeit verweht.

Ich werde euch niemals vergessen.

 

 

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