Es war ein gewöhnlicher, langweiliger Mittag. Mein Sohn Teddy (nennen wir ihn mal so) hielt ich auf dem Arm und während ich ihn in den Schlaf wiegte, sah ich wie immer auf den Fernseher und überlegte, was ich als nächstes auf Netflix schauen könnte.
Nach kurzem Stöbern stach mir etwas ins Auge – „The Witcher“.
Ich kannte das Spiel und schaute mal jemandem dabei über die Schulter. Es gefiel mir, doch trotzdem hatte ich leider nie die Möglichkeit, mich mehr damit zu beschäftigen. Auch die Serie dazu wurde mir schon oft angezeigt, aber immer gab es irgendetwas, was mich daran hinderte, sie mir anzusehen. Nun hatte ich die Zeit und auch Lust dazu, somit drückte ich auf Play.
Von der ersten Minute an war ich wie gebannt. Es war ein komisches, neues Gefühl. Ich traute mich kaum zu blinzeln, aus Angst, etwas zu verpassen, so spannend fand ich sie. Irgendwie kam mir der Hauptdarsteller „Geralt“ sehr bekannt vor. Ich drückte auf Pause und googelte. Dann wurde mir klar, dass ich ihn ursprünglich total blöd fand und er mir vor einigen Jahren ziemlich auf die Nerven ging. Es hatte keinen besonderen Grund, es ging mir einfach um’s Prinzip.

Mein Prinzip: Ein heißer Schauspieler bedeutete gleich: Erfolgreich, von allen Frauen begehrt und unerreichbar. Ein Schauspieler, der durch sein Aussehen Erfolg hatte und nicht durch seine Leistungen.
Der neue Superman. Ein Hype ging damals um die Welt, bloß wegen ihm. Da ich ein Mädchen war, das gerne gegen den Strom schwamm, beschloss ich damals, ihn nicht zu mögen und eher keine Filme, Bilder oder Ähnliches von ihm anzusehen. Vermutlich hätte ich ihn auch nur auf sein Aussehen reduziert und nicht auf seine schauspielerischen Künste.

Mein Prinzip war plötzlich völlig absurd. Es dauerte keine 60 Sekunden, da war ich hin und weg von ihm.

Fuck.

Als Ean (nennen wir ihn mal so) von der Arbeit kam, schaltete ich Netflix sofort aus, weil ich mich irgendwie erwischt fühlte. Völliger Schwachsinn, es war ja nur eine Serie.
Im Laufe des Tages kam ich mir merkwürdig vor. Ich fühlte mich ein bisschen wie in der Pubertät, völlig vernarrt in einen heißen Typen. Geralt ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Ich stellte mir vor, wie es wäre, an Cirillas Stelle zu sein, auf der Suche nach dem Mann, der meine Vorsehung war.
Ich verglich es irgendwie mit meinem Leben. Allem Anschein nach war ich wohl kurz davor, völlig durchzudrehen. Trotzdem freute ich mich tierisch auf den späten Abend. Wenn alle anderen schliefen, konnte ich die Serie weiter schauen und mich ihr völlig hingeben, ohne Unterbrechungen vom Partner oder Kind. Ganz allein in meiner eigenen kleinen Welt.
Folge um Folge schaute ich, bis spät in die Nacht. Und dann fiel mir auf, dass mein Sohn bald wieder aufstehen würde, und ein neuer Tag begann. Ich musste wirklich dringend schlafen gehen. Ich schaltete die Serie aus, doch mein Kopf drehte sich immer nur um Geralt. Irgendwann überkam mich endlich der Schlaf, nur damit waren meine Gedanken nicht beendet. Ich träumte von ihm.

Ein großer, starker, gutaussehender Kerl, der mich suchte und fand und mit aller Macht beschützte. Weinend lag ich in seinen Armen und wünschte mir, dass dies kein Traum war. Ich fühlte mich so geborgen wie noch nie zuvor. Wärme durchströmte meinen ganzen Körper, und mein Herz drohte aus der Brust zu springen.

Plötzlich wurde ich aus meinem Traum gerissen, weil unser Hund Brownie (nennen wir ihn mal so) bellte. Genervt seufzend, noch völlig benommen, versuchte ich zu realisieren, was gerade geschehen war. Als es mir wieder einfiel, wurde mir kochend heiß. Ich schämte mich in Grund und Boden, aber es gefiel mir. Irgendetwas Eigenartiges fühlte ich. Ein Gefühl, das ich schon sehr lange nicht mehr spürte. In meiner Körpermitte regte sich etwas, was ewig nicht benutzt worden war. Okay, das klang nach offizieller Verzweiflung! Fluchend kniff ich meine Augen zusammen und bemühte mich, wieder einzuschlafen.

Der nächste Morgen war sehr merkwürdig. Irgendwie hatte ich ein furchtbar schlechtes Gewissen gegenüber Ean, als wäre ich ihm fremdgegangen. Ich konnte ihm keinen normalen Abschiedskuss geben, bevor er zur Arbeit fuhr. Es fühlte sich falsch an.
Kaum verließ er das Haus, dachte ich wieder nur an den Mann, der mir einen ziemlich schönen Traum beschert hatte. Dieser Traum war einmalig, und ich fühlte mich dabei unglaublich gut. Trotzdem blieb es ein Traum, und ich musste mich auf die bittere Realität konzentrieren.
Die morgendliche Routine war abgearbeitet. Der Hund war spazieren, der Haushalt erledigt, das Kind versorgt und schlief am Mittag wieder fest in meinen Armen. Da saß ich wieder einmal auf der Couch und startete Netflix. Ich überlegte, ob ich the Witcher jetzt schon weitersehen sollte oder es auf den Abend verschieben sollte. Nein, warten war keine Option!

Mein Herz erwärmte sich. Da war er. Der Mann, von dem ich geträumt hatte.
Heilige Scheiße, was war los mit mir?!

Träume sind etwas Einzigartiges. Sie zeigen viele Dinge, schöne sowie auch schlechte. Auf der Realität basierend oder wilde Fantasien. Manchmal jedoch glaubte ich, dass sie etwas bedeuteten, denn sie spiegelten auch unsere tiefsten Sehnsüchte.

Nach wenigen Minuten entschloss ich mich, meinen Sohn ins Bett zu legen. So könnte ich gemütlicher sitzen. Kurzerhand wurde die Serie pausiert, und ich brachte ihn in sein Zimmer. Danach machte ich es mir auf der Couch bequem und drückte wieder auf Play. Es tat meiner Seele gut, ihn zu sehen und seine Stimme zu hören. Und dann war ich schon am Ende der ersten Staffel. Oft zögere ich die letzten Folgen von Serien immer hinaus, weil ich nicht will, dass sie enden, so wie bei dieser. Doch dieses Mal war es ein wenig anders. Ich wusste, ich könnte die Tränen nicht aufhalten, die fließen würden. Dafür war ich einfach noch nicht bereit. Aufgewühlt suchte ich eine Alternative auf Netflix. Da sich meine Gedanken ausschließlich um Geralt drehten, war Ablenkung bitter nötig.

Was zur Hölle war los mit mir? Was hatte dieser Typ an sich, dass ich so viel an ihn dachte und sogar von ihm träumte?

Meine Wahl fiel auf „Bridgerton“. Als diese Serie frisch erschien, sah ich sie schon einmal und dachte darüber nach, dass ich in früheren Zeiten auch so elegant gewesen war. Ich konnte, wie Daphne, so gut wie jeden verzaubern, was heute allerdings nicht mehr der Fall war.

Wieder bemitleidete ich mich selbst. Was war nur aus mir geworden? Ich war mal ein lebensfrohes Mädchen, das sich für nichts zu schade war und jederzeit ein offenes Ohr für andere hatte. Ich ging nur nach Hause, um zu schlafen, weil ich das Leben in vollen Zügen genoss.
Und heute, da traute ich mich kaum noch vor die Tür, aus Angst, meine Krankheit würde wieder härter zuschlagen und die Psyche noch einen oben drauf setzen.
An Wochenenden arbeitete ich für wenige Stunden als Putzfrau. Ich war danach so schlapp, als hätte ich mehrere Tage nicht geschlafen und zusätzlich einen Marathon gelaufen.
Jeden Tag erlebte ich die gleichen Dinge. Der Hund, das Kind, der Partner und den Haushalt. Meine Highlights bestanden darin, wenn mein Baby neues lernte und sich darüber freute, oder wenn meine Kochkunst wieder besonders gut gewesen war.
Gefangen im langweiligen Alltagstrott, weil ich krank wurde und die Angst war mein ständiger Begleiter.

Viele weitere Nächte träumte ich von Geralt. Sie endeten immer damit, dass er mich in seinen Armen hielt und beschützte. Es waren nahezu die schönsten Träume, die ich je hatte. Genau das bereitete mir wahnsinnige Sorgen. Ich würde nie jemandem davon erzählen können, weil es so beschämend, kindisch und total verrückt war. Oberflächlich betrachtet dachte ich, dass ich mich in Geralt verliebt hätte. Aber wie konnte das sein? Das war doch unmöglich. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass etwas Eigenartiges vor sich ging. Irgendetwas wollten meine Träume mir damit mitteilen, ich wusste nur nicht, was es war.
So glücklich wie ich mich in meinen Träumen fühlte, wenn er bei mir war, mit mir sprach oder mich im Arm hielt, war ich viele Jahre nicht mehr gewesen. Er war einfach nur für mich da und half mir, dieses endlose Grauen zu überstehen.

Wochen vergingen, und allmählich wurden meine Gedanken wieder wie früher. Nur weil ich schöne Träume hatte, würden die Sorgen nicht verschwinden. Aber irgendwie betrachtete ich die Welt nach diesen Träumen plötzlich mit anderen Augen. Optimistischer. Warum? Keine Ahnung!
Mit viel Ehrgeiz und einer enormen Portion Geduld könnte ich möglicherweise aus meinem Sumpf herauskommen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Ich nahm mir vor, wieder mehr für mein Wohlbefinden zu tun. Zu lange hatte ich mich gehen lassen. Mein erstes Ziel war mein Wunschgewicht. Mit 90 kg bei einer Körpergröße von 156 cm wog ich eindeutig zu viel. Vor der Schwangerschaft hatte ich ein Gewicht von 56 kg, und genau dorthin wollte ich zurück.
Abends begann ich mit kleinen Sportworkouts. Täglich schaffte ich ein wenig mehr und war mega stolz auf mich. Die ersten Male waren wirklich hart, doch mit viel Disziplin erreichte ich mein geplantes Programm.
Ehrlich gesagt, übertrieb ich es gerne, weil ich es nicht auf mir sitzen lassen konnte, dass ich nach nur zehn Minuten Hula-Hoop eine ganze Woche lang Muskelkater hatte. Meine Güte, ich hatte früher stundenlang geturnt, unglaublich viel getanzt und danach keinerlei Schmerzen verspürt!
Auch das Fahrradfahren war wieder regelmäßig dabei. Ich fuhr am liebsten über die Felder bis in den Wald hinein. Im Wald angekommen, lauschte ich gerne der Natur. Noch ein Grund, warum ich aus meiner Heimatstadt wegzog. Ich liebte die Natur. Das viele Grün, der Duft und die Geräusche wirkten irgendwie beruhigend. In solchen Augenblicken fragte ich mich, warum ich nicht schon viel früher damit angefangen hatte, und dann fiel es mir wieder ein. Ich erinnerte mich zurück an den ersten Traum mit Geralt und empfand tiefes Wohlbefinden. Gleichzeitig auch Glück und Lebensfreude.

All die Jahre hatte ich so viel Schlimmes erlebt, bis zu dem Tag, an dem ich Mutter wurde. Mein Sohn war eines der größten Geschenke. Für nichts auf der Welt würde ich ihn hergeben. Jedoch kam die Liebe zu ihm recht spät.

Die meisten Mütter sprechen kurz nach der Geburt von Liebe auf den ersten Blick. Bei mir war es nicht so. Von dem Moment an, als ich von der Schwangerschaft erfuhr, war alles für mich ziemlich unglaubwürdig. Als die Geburt endete, war ich froh, dass diese Schmerzen ein Ende hatten, doch empfand keine Spur von Liebe. Keine Frage, ich fand ihn zuckersüß! Er war so unglaublich winzig und zart. Er wog bei der Geburt gerade mal 1350 Gramm. Er war also wirklich sehr, sehr klein!

Es dauerte viele Wochen, bis ich realisierte, dass ein kleines Wesen in meinem Bauch wuchs, aus mir herausgepresst kam und nun in meinen Armen lag. Auch diese spezielle Bindung, von der viele Mütter schwärmen, beim Stillen, hatte ich nie. Stillen ist nicht so leicht, wie es aussieht. Mutter und Kind müssen zusammenarbeiten, beziehungsweise ihre Art, wie es am besten klappt, herausfinden. Ich hatte niemanden, den ich fragen konnte, wie man stillt. Ich wusste auch nicht, dass es so schwer sein würde. Ich sah meiner Mutter früher dabei zu und dachte, dass es leicht wäre. Tja, bei uns klappte es leider überhaupt nicht. Vor allem waren es höllische Schmerzen. Es fühlte sich so an, als würde er in meine Brustwarzen beißen.
Wenn man immer wieder das Kind anlegt, sollte eigentlich auch die Milchproduktion beginnen. Die blieb bei mir anscheinend aus. Zusätzlich sollte ich regelmäßig abpumpen. Auch das tat mir sehr weh und wirklich erfolgreich war es auch nicht. Zuhause hatte ich dann eine sehr liebe Hebamme, die mir zu Stillhütchen riet. Damit tat es zwar nicht mehr so weh, doch trotzdem klappte das Stillen nicht so wirklich. Ehrlich gesagt, machte ich mich damit auch total verrückt, was die Milchproduktion zusätzlich beeinträchtigte. Ich wusste wirklich nicht, wo genau das Problem zwischen meinem Sohn und mir lag, aber es sollte wohl einfach nicht sein. Letztendlich blieben wir also bei vorgefertigter Babymilch.

Irgendwie fühlte ich mich, als hätte ich schon in den ersten Monaten als Mutter total versagt. Erst nach über einem Jahr merkte ich, wie sehr ich mein Kind liebte und realisierte, welche riesige Verantwortung ich nun trug. Versteht mich nicht falsch… Ich war keineswegs eine schlechte Mutter in der Anfangszeit! Ich konnte es einfach nur nicht wahrhaben und steckte demnach nicht so viel Liebe in mein Handeln, wie andere Mütter.

Trotz der Glücksgefühle und der neu gewonnenen Lebensfreude sehnte ich mich nach einem Mann wie Geralt aus meinen Träumen. Einem Mann, bei dem ich das Gleiche fühlen würde wie bei ihm und der mich genauso behandeln würde wie er.

Das schönste Gefühl, das man empfinden kann, ist die Liebe. Sie ist eine unerschütterliche Macht, die einem Rückhalt und Kraft gibt. Mit ihr tut man Dinge, zu denen man vorher nicht in der Lage gewesen wäre.

Natürlich spürte Ean die Veränderung, die ich durchlebte. Ständig fragte er mich, was mit mir los sei, ich sei so anders. Ich log ihn aus Scham an und erwiderte, dass alles in bester Ordnung sei. Schlecht könnte ich ihm erzählen, mein Leben verändern zu wollen, nur weil ich mit einem Schauspieler schöne Träume hatte. Das klingt selbst für mich so, als wäre ich reif für die Psychiatrie. Nein, diese Träume blieben ein Geheimnis. Zumindest vorerst.

Mittlerweile schaffte ich meine Workouts so gut, dass ich schon große Veränderungen sah. Die Waage zeigte anstatt 90 kg nur noch 68 kg an. Mein Wunschgewicht war demnach nicht mehr weit entfernt.
Zugegeben, das Training war alles andere als leicht. Es war für mich eine heftige Umstellung, die mein Körper nur schwer verkraftete. Ich aß viel zu wenig, weil mein Magen solch eine Belastung nicht vertrug. Ständig hatte ich Sodbrennen, und mir war übel, was die Nahrungsaufnahme verhinderte. Auch das Atmen fiel mir währenddessen sehr schwer, aufgrund der Schmerzen, die im Rippenbereich auftraten. Dennoch gewöhnte sich mein Körper irgendwie daran. Während ich meine Workouts machte, dachte ich an Dinge, die mich glücklich machten, um die Schmerzen zu übertönen. Klingt dumm und ist es auch, aber dabei dachte ich an Geralt und meine Träume. Er spornte mich dabei tierisch an. Er war wie Balsam für meine Seele.

Weitere Tage vergingen, und mit meinem schlafenden Sohn im Arm überlegte ich, was ich auf Netflix schauen könnte. Beinahe hätte ich vergessen, dass ich noch eine Folge von the Witcher vor mir hatte, die ich aufschob, weil ich nicht weinen wollte. Ich stand auf, legte meinen Sohn in sein Bett, holte mir Taschentücher und startete die letzte Folge.
Eine Stunde später war die erste Staffel vorbei. Schluchzend saß ich auf der Couch und wünschte mir, an Cirillas Stelle gewesen zu sein. Mein Schädel pochte, und die Augen brannten, weil ich so doll weinte. Nie im Leben habe ich so sehr geweint wie in diesem Moment. Ich konnte mich nicht verstehen, wieso mir das Ende so nahe ging. Es war doch einfach nur eine Serie. Eine Serie, bei der ich mir sehnlichst die nächste Staffel wünschte. Ich nahm mein Handy und durchsuchte das komplette Internet danach, wann die nächste Staffel auf Netflix erscheinen würde. Leider wurde ich nicht fündig, aber las, dass eine weitere Staffel längst gedreht wurde. Na immerhin. Es hieß nur noch geduldig zu warten. Geduld war nicht gerade eine meiner stärksten Eigenschaften.
Obendrein sah ich, dass Geralt, beziehungsweise Henry, einen Instagram-Account besaß. Nie zuvor hatte ich ihn mir genauer angesehen, weder in Filmen noch in Serien, Videos oder auf Fotos. In meinem Kopf spielte großes Kino. Was wäre, wenn ich ihn schon früher gesehen hätte? Hätte ich dann eher angefangen, mein Leben zu wenden? Wäre ich dann je an einem Punkt angekommen, wo ich bis vor kurzem noch war? Ich schmiss mein Handy beiseite, rieb mir mit beiden Händen übers Gesicht, um klare Gedanken zu fassen, und schaute zurück auf den Fernseher. Mein Gott, das war doch nicht wahr! Da wollte ich Henry soeben aus meinem Kopf verbannen, da lachte das Universum mich aus. Der Film „Man of Steel“ wurde mir dick und fett auf dem Fernseher angezeigt. Auch den Film hatte ich bisher nie gesehen. Lachend drückte ich auf Play.
Kaum war der Film vorbei, flossen die Tränen wieder in Strömen. Ich weinte wirklich selten bei Filmen und erst recht nicht so stark, dass ich davon Kopfschmerzen bekam oder schluchzte. Ehrlich gesagt, hatte ich bisher nur bei einem Film geweint – „Der Herr der Ringe“. Auch hatte ich noch nie so stark geweint in schmerzhaften Situationen oder ähnlichen.

Warum träumte ich so oft von ihm? Warum fühlte ich so? Warum weinte ich wegen ihm? Okay, „weinen“ war noch untertrieben, ich heulte! Was zur Hölle war das?
Zu gerne würde ich ihm diese Fragen persönlich stellen. Es machte mich verrückt!
Henry spielte in einer höheren Liga. Einer viel höheren. Im Übrigen würde ein Typ wie er mir bei einer persönlichen Begegnung nicht mehr als ein schönes Lächeln und ein Autogramm schenken. Noch dazu könnten wir uns nicht einmal unterhalten, denn mein Englisch war so eingerostet, dass ich ihn bestenfalls nach der Uhrzeit fragen könnte.

Anscheinend wünschte ich mir Dinge, die unerreichbar waren. Diese Gedanken machten mich wirklich wahnsinnig, und ich schämte mich nach wie vor dafür.

Am gleichen Abend nahm ich all meinen Mut zusammen und erzählte einer Freundin Nicki (nennen wir sie mal so), die ich aus meiner Heimatstadt kannte, von meinem größten Wunsch. Diesen hatte ich noch nie zuvor jemandem anvertraut. Ich wünschte mir seit vielen, vielen Jahren ein gemeinsames Foto zusammen mit allen Hauptdarstellern aus der Herr der Ringe.
Wie ich plötzlich auf diesen Gedankengang kam? Mehrmals im Jahr sah ich mir die Trilogie an, und vor kurzem war es wieder soweit. Dabei dachte ich an meinen großen Traum.
Ursprünglich war dieser Traum geplatzt, doch dann trat Henry Cavill in mein Leben und hinterließ tiefe Spuren. Durch seine Existenz, auch wenn ich sie spät bemerkte, bekam ich wieder mehr Lebensfreude, und mein Herz war erfüllt von Wärme und Glück. Schlagartig änderte sich einfach alles. So ganz würde mein Traum nicht in Erfüllung gehen, jedoch plante ich etwas, womit ich wenigstens annähernd herankäme. Nun musste ich nur noch Englisch lernen.
Gesagt, getan. Dafür benutzte ich Henry. Ich stöberte auf seinem Instagram-Account, las mir einiges durch, schaute und hörte mir seine Videos an und war absolut von ihm fasziniert. Seine Stimme war abgöttisch! So tief, ruhig und gleichzeitig ein wenig bedrohlich. Irgendwie aber auch die perfekte Stimme für einen Podcast.

Für mich war der leichteste Weg die Praxis. Durch Henrys Texte und Videos bemühte ich mich schnell, seine Sprache zu lernen. Am Anfang verstand ich nur Bahnhof, und nichts davon ergab einen Sinn. Später konnte ich zwar einzelne Wörter entziffern, aber eine Übersetzer-App musste den Rest übernehmen. Nach einiger Zeit wurde es erfreulicherweise immer leichter. Hätte ich in der Schule besser aufgepasst, hätte dieses Problem nicht bestanden. Tja, Ironie des Schicksals. Auch ein paar seiner Filme und the Witcher sah ich mir erneut an, jedoch mit Originalton und deutschem Untertitel. Ernsthaft, seine Stimme war wirklich pervers geil!

Ich schmiedete einen Plan, um meinen Wunsch zu erfüllen. Ich wollte einen Brief schreiben, der alle Hauptdarsteller aus der Herr der Ringe erreichen sollte. In diesem Brief würde ich den Wunsch äußern, dass jeder Einzelne von ihnen einen Gruß hinterlässt. Ich würde ihnen von meinem Kindheitstraum erzählen und mitteilen, dass ich aus gesundheitlichen Gründen für unbestimmte Zeit nicht in der Lage sei, sie persönlich darum zu bitten. Ich war fest davon überzeugt, diesen Plan umzusetzen. Wenn dieser Brief um die Welt reiste und an mich zurückkehrte, würde sich mein größter Herzenswunsch erfüllen.
Und dann kam mir der Gedanke, einen ähnlichen Brief an Henry zu verfassen. Zu gerne würde ich ihm dafür danken, dass er mein Leben veränderte. Doch wie erklärte ich es ihm, ohne dass er mich für einen verrückten Fan oder für bekloppt hielt? Eigentlich hatte er nichts Besonderes getan, außer seinen Job als Schauspieler. Und das ziemlich gut! Er war ein verdammt guter Geralt, einen besseren hätten sie nicht finden können. Ach ja, und er hat mich natürlich in meinen Träumen besucht.

Eine Woche lang überlegte ich, was ich Henry schreiben könnte. Ich erzählte meiner Freundin Nicki, der ich meinen Herzenswunsch anvertraute, von diesem Plan. Sie fand die Idee sehr reizvoll und bestärkte mich. Daraufhin beichtete ich, wie unglaublich es mich freute, mich ihr anzuvertrauen, und dass es mir guttat, darüber zu sprechen. So etwas hatte ich noch nie getan! Noch nie hatte ich Freunde, denen ich so tiefe Wünsche anvertrauen konnte.

Und dann kam mir eine Idee.

Seitdem ich 15 Jahre alt war, habe ich immer wieder kleine Geschichten geschrieben. Man könnte meinen, es war wie ein Tagebuch, aber das war nicht meine Absicht. Einige Geschichten entsprachen der Wahrheit, während andere pure Fantasie waren. Ich habe manche meiner Geschichten online geteilt und positive Kritiken erhalten, was mich natürlich ermutigte weiterzuschreiben. Die Geschichten, die der Realität entsprachen, habe ich nicht aus Freude geschrieben, sondern als eine Art eigene Therapie, die ich schon damals gebraucht hätte. Viele meiner beschriebenen Handlungen darin machten mich nicht stolz, aber ich bereute keine einzige von ihnen, sondern habe stets daraus gelernt.

Eine persönliche Kurzgeschichte an Henry wäre genau das richtige. So hielt er mich nicht für verrückt und könnte mich verstehen, warum ich ihm einen Brief schrieb, in dem ich mich bedankte, dass er mein Leben veränderte. Zumindest erhoffte ich das.
Stunden über Stunden verbrachte ich damit, viele verschiedene Dinge aufzuschreiben. Einiges davon viel mir schwer. Besonders das, was meine Familie betraf. Ich liebte und hasste sie. Oft stellte ich mir vor, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich sie damals nicht verlassen. Die Antwort darauf liegt allerdings in den Sternen. Doch immer wenn ich darüber nachdachte, kam ich zu dem Entschluss, dass es die richtige Entscheidung war. Allerdings konnte ich nie wirklich von ihnen loslassen. Der Wunsch nach Liebe war zu groß, und dass sie mich endlich so akzeptierten, wie ich nun mal war und immer noch bin.

Die Einleitung in meine Geschichte war geschrieben. Dann kam der Hauptteil und diese Zeilen fielen mit irgendwie noch schwerer, als der über meine Familie. Häufig schob ich den Text vor mir her, aus Angst anders als gewollt rüber zu kommen. Das was ich am wenigsten brauchte war Mitleid. Weder wegen meiner Familie, noch für meine Krankheit oder für all das, was ich erlebte. Und noch weniger wollte ich, dass er der Meinung war ich wollte nur, wie ein irrer Fan, um seine Aufmerksamkeit betteln. Nein, das, was ich damit erreichen wollte, war ausschließlich meine unendliche Dankbarkeit auszudrücken.
Eigentlich völliger Schwachsinn, aber dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, es tun zu müssen. Ich fand er hat es verdient zu wissen, dass er einem Mädchen auf der anderen Seite der Welt das Leben rettete. Ja, ich spreche vom leben retten! Jeder der schon mal in so einer Situation war wie ich, weiß ganz genau, wie ich mich fühlte. Ich war bereit zu sterben. Doch mir selbst das leben nehmen, das konnte ich nicht. Allem Anschein nach wollte das Universum meinen Tod noch nicht.
Ich hatte vergessen wer ich war, was an mir mich einzigartig machte und verlor dadurch beinahe meine Seele. Vielleicht war ich ja nun tatsächlich verrückt.
Als ich Henry in meinen Träumen sah, spürte ich etwas, was mir sehr lange fehlte. Mut. Den Mut weiterzuleben. All die Jahre ließ ich zu, in Selbstmitleid zu ertrinken und sah keinen Ausweg. Ich sah ausschließlich das Schlechte und nie ein hauch positives. Es ging mir einfach nur furchtbar.

Als ich den Brief schrieb, musste ich ständig weinen. Aber nicht vor Selbstmitleid. Nein, ich war unglaublich stolz darauf, aus diesem endlosen Sumpf herausgefunden zu haben und Hoffnung zu sehen. Und all das nur wegen Henry Cavill. Er öffnete mir die Augen indem er mich durch meine Träume begleitete. Er gab mir vieles, was ich vergaß zu brauchen. Vertrauen, Zuneigung, Kraft, Geduld und vor allem Liebe. Eine ganz spezielle Art von Liebe. Mir wurde klar, dass das Schicksal noch etwas für mich bereit hielt und mein Leben noch lange kein Ende nehmen sollte.
Genau aus diesem Grund wollte ich mich bei ihm bedanken. Genau aus diesem Grund schrieb ich diesen Brief. Die Träume mit ihm wurden mit einem Mal zu meinem Wertvollsten Besitz. Aus ihnen zog ich meine ganze Kraft, weiterhin Hoffnung zu haben, auf ein Leben, wie ich es mir immer erträumte.

Ich würde Henry beinahe als einen Engel in schwarzer Rüstung bezeichnen. Durch ihn konnte meine Seele endlich wieder strahlen, und dafür wäre ich auf Ewig dankbar. Normalerweise war ich zu stolz für derartige Gefühlsäußerungen und hätte niemals gedacht, dass ich mich vor jemandem so öffnen könnte, den ich noch nie persönlich getroffen hatte. Aber in diesem Brief fühlte ich mich so befreit wie nie zuvor. Zwar konnte ich nicht sicher sein, ob er ihn tatsächlich lesen würde, aber irgendetwas tief in meinem Inneren sagte mir, dass ich damit etwas Außergewöhnliches auslösen würde. Was genau, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber ich würde es bald erfahren.
Ich wusste, dass dieser Weg eine lange Reise sein würde. Ich musste am Ball bleiben, denn beim ersten Versuch würde es sicherlich nicht klappen. Immerhin bekam er zweifellos eine Unmenge an Post.

 

 

– Änderungen vorbehalten